Stefan Straub

Rezension "plus deutsch 1"


Wir alle, die wir im Bereich DaF tätig sind, suchen das perfekte Lehrbuch. Ein Lehrbuch in dem wirklich Alles gut funktioniert, ein perfekt auf die Bedürfnisse unser Studenten und auf unseren Unterrichtsstil abgestimmtes Buch, ein Buch mit interessanten Themen und sinnvoller Progression ...

Doch ebenso wie bei der Suche nach dem perfekten Lebenspartner oder dem perfekten Urlaubsort stellen wir immer wieder fest, dass es hier auf Erden nur wenig Perfektes gibt. So wägen wir denn das Gute und das Schlechte gegeneinander ab und sind am Ende schon zufrieden, wenn sich die Waage eher zum Guten neigt.

Womit wir beim Lehrwerk "plus deutsch 1" aus dem Hueber Verlag wären.
Die Autoren heißen Hans-Peter und Mary L. Appelt, und die beiden danken ausdrücklich dem Goethe-Institut Buenos Aires für dessen Unterstützung. Man kann also hoffen und vermuten, dass es sich bei den Autoren um Lektoren handelt, die das Buch aus ihrer täglichen Erfahrung heraus entwickelt haben. Seine Stärken hat das Buch jedenfalls eher bei den praktischen Übungen.

Der Einstieg in die einzelnen Kapitel wechselt zwischen Lesetext, Bildern und Hörtext. Danach folgen direkt Einsetz- oder Frage/Antwort-Übungen, die Vokabular und neue sprachliche Formen vertiefen. Auf der zweiten oder dritten Seite findet sich dann zumeist ein kleiner Kasten Grammatik. Die in diesem Kasten vermittelten Kenntnisse werden dann wieder in einigen Übungen angewendet.

Diese Übungen sind meist abwechslungsreich und sinnvoll, was man jedoch von der Progression und von einigen der Grammatikerklärungen nicht immer behaupten kann. Die Hörtexte sind bis auf wenige Ausnahmen nützlich und gut verständlich. "plus deutsch" fördert insbesondere das globale Lesen und Hören und legt Gewicht auf das Verstehen der wichtigsten Inhalte, nicht jedes einzelnen kleinen Wortes. Dies ist angesichts der hierzulande oft angewendeten Nun-nehmen-wir-mal-das-Wörtebuch-Methode, die die Studenten mit vielen nutzlosen Wörtern und oft völliger Ratlosigkeit über den Sinn des Textes zurücklässt, ein wichtiger Vorteil des Lehrwerks.

über die Themenauswahl im Einzelnen kann man streiten. Ob es wirklich nützlich und notwendig ist, den Studenten das Buchstabieren auf in- und ausländische Art beizubringen oder schweizerische und österreichische Grußformen einzuführen, um die beiden Länder für den Rest des Buches zu ignorieren, ist fraglich. Die Idee, Studenten im ersten Jahr anhand der Biographien der Personen auf den alten Geldscheinen das Präteritum beizubringen, überschreitet bereits die Grenze zur Idiotie, da sie das Nachschlagen von so nützlichen Vokabeln wie Residenz, Zahlentheorie und Kulturgut verlangt. Auch die gelegentlich versuchten und fürchterlich missglückten Humorversuche - wie etwa der alte Christenwitz "Nietzsche ist tot. Gott" - schmerzen.

Die Zahl der Was-um-Gottes-Willen-haben-die-sich-nur-dabei-gedacht-Stellen ist jedoch insgesamt erfreulich gering. Für Kurse, in denen auch Grammatik vermittelt werden soll, ist das Buch weniger geeignet, und auch Lektoren, die ihren Unterricht am liebsten mit einem langen, ausführlichen Text beginnen, werden wohl weniger begeistert sein. Für Kurse in praktischem Deutsch oder Konversation ist "plus deutsch 1" jedoch trotz einiger kleinerer Schwächen durchaus zu empfehlen.

Das perfekte Lehrbuch wird es wohl nie geben - auch "plus deutsch 1" ist alles andere als perfekt. Doch insgesamt überwiegen die guten Seiten.
Eingeschränkt empfehlenswert.


Copyright © 2002 by Stefan Straub


DaF-Szene Korea Nr. 16

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