Mattheus Wollert

Bericht vom 10. Sorak-Symposium "Sprachuniversalien und Sprachtypologie"


Vom 26. bis 29. September fand zum zehnten Mal das prestigeträchtige Sorak-Symposium statt. Der Ruf einer anspruchsvollen Tagung existiert nicht zu Unrecht, denn wer sich aus der koreanischen Germanistikszene hierher wagt, nimmt an einer fachwissenschaftlichen Tour de Force teil, die ausschließlich auf Deutsch geführt wird. Geleitet wurde das Symposium von Beatrice Primus, Spezialistin für Sprachtypologie, Kasustheorie, Pragmatik und Schriftsysteme. Sie stammt aus der Schule von Theo Venneman (LMU München) und lehrt nach Professuren in Stuttgart und Heidelberg nun in Köln. Die für eine internationale Typologentagung notwendige Breite des kompetent vertretenen Sprachenspektrums wurde außer von den deutschen und koreanischen Teilnehmern durch die Anwesenheit von Gastreferenten aus Japan und Taiwan gesichert.

Zusammenfassend kann festgestellt werden, dass auf der Tagung eine beeindruckende Vielfalt von einschlägigen theoretischen Ansätzen, vergleichenden Methoden und linguistischen Schulen vertreten war. Nahezu alle Vorträge waren kontrastiv ausgerichtet und stellten umfangreiches Datenmaterial zu den untersuchten Sprachen vor. Darüber hinaus wurde das Symposium von drei Sondervorträgen über aktuelle und jüngste Entwicklungen, welche das Selbstverständnis der koreanischen Germanistik als Ganzes betreffen und Perspektiven für die Zukunft des Faches eröffnen, abgerundet.

Die Sondervorträge

Eröffnet wurde das Sorak-Symposium durch den Sondervortrag I "Die Internationalisierung der koreanischen Germanistik und das Sorak-Symposium" von Ahn Sam-Hwan (Seoul National Universität), der auf die mittlerweile 10-jährige Tradition des Symposiums zurückblickte und konstatierte, dass die koreanische Germanistik der älteren Generation, welche noch überwiegend dem Dichterkult huldigte, inzwischen von einer Generation abgelöst worden sei, welche sich das Recht auf ihre eigene Rezeption zugestehe und den Kulturdialog suche. Dennoch stehe die jüngere Generation auf den Schultern der vorhergehenden und die Leistungen der koreanischen Germanistik könnten nur als Ganzes angemessen gewürdigt werden. Im Sondervortrag II berichtete Bärbel Gutzat (Kim Il Sung Universität) über das neu eingerichtete DAAD-Lektorat in Pyeongyang, Nordkorea. Trotz der außerordentlich schwierigen Lebens- und Arbeitsbedingungen gebe es doch erste Anzeichen für positive Entwicklungen nicht nur im Land selbst, sondern auch in der nordkoreanischen Germanistik. So haben in diesem Jahr zwei nordkoreanische Germanisten dank eines DAAD-Stipendiums für drei Monate nach Deutschland zu einem Forschungsaufenthalt an das Institut für Deutsche Sprache in Mannheim ausreisen können. Es bestehe ein ausdrückliches Bedürfnis, Anschluss an den aktuellen Forschungsstand zu finden und in einen Dialog mit südkoreanischen Fachkollegen zu treten. Der Bericht löste bei den anwesenden südkoreanischen KollegInnen neben Betroffenheit auch Hoffnung aus und wurde als historisch bedeutsamer Beginn einer Annäherung der beiden Disziplinen gewertet. Der Sondervortrag III von Lie Kwang-Sook (Seoul National Universität) ging auf die "Stellung der deutschen Sprache in Korea" ein. Die neuesten erhältlichen Zahlen von 2001 unterstreichen den Bedeutungsverlust der deutschen Sprache in Korea: Während die Zahl der Deutschabteilungen an Universitäten sich zwischen 1995 und 2001 um mehr als ein Viertel (von 64 auf 50) reduziert habe, sei die Zahl der darin eingeschriebenen Studenten im gleichen Zeitraum sogar um weit über 50% (von 13.425 auf 6.039) zurückgegangen. Die Gründe dafür seien in Veränderungen auf dem Arbeitsmarkt, inneruniversitären Umstrukturierungen und einer Aufwertung der zweiten Fremdsprachen Chinesisch und Japanisch zu suchen. Damit das Deutsche in Korea die Krise überlebe, schlug Lie einerseits mehr interdisziplinäre Kooperation mit Fächern wie Jura, Musik, Kunst und Philosophie vor sowie andererseits die Verbesserung der Sprachpraxis und der Vermittlung von aktueller Landeskunde. Vor allem sei es aber notwendig, dass von den koreanischen Erziehungsbehörden eine konsistente Politik der zweiten Fremdsprachen formuliert und durchgeführt werde.

Typologie und Universalien

Die typologische Forschung in Deutschland steht in einer großen Tradition; schließlich gründet sie wesentlich in der deutschen Romantik. Bedeutende typologische Vorschläge wurden von den Schlegel-Brüdern und vor allem von Wilhelm von Humboldt formuliert. Ihm war der Vortrag "Universalität und Individualität bei W. v. Humboldt" von An Cheung-O (Korea Universität) gewidmet, der einige für Humboldts sprachtypologisches Forschungsprogramm wichtige sprachphilosophische Ansichten nachzeichnete. Humboldt begründet das Wesen der Sprache in der Wechselrede und bindet das menschliche Denken an gesellschaftliches Dasein. Sprechen und Verstehen sind somit ständigem Vollzug und schöpferisch tätiger Erneuerung unterworfen, dies besagt der Energeia-Gedanke. Sein primäres typologisches Anliegen ist daher die individuelle Charakterisierung der Sprache, Universalität äußert sich hingegen im Vorhandensein von typologischen Parametern, welche die jeweiligen Einzelsprachen in unterschiedlichem Maße prägen können. Chomsky, ein bekennender Humboldtianer, hat dessen Gedanken vom kreativen (=generativen) Aspekt der Sprache aufgenommen und zu einer Universalgrammatik ausgebaut (allerdings mit dem Konstrukt des idealen Sprechers wiederum die Humboldtsche Sprachtheorie um das notwendige "du" verkürzt.) Die Gastreferentin aus Taiwan, Luo Lyih-Peir (National Chi-Nan Universität) führte in diesem Sinne eine Humboldt-Chomsky-Schiene fort und diskutierte "Objektbezogene Prädikate im Deutschen und Chinesischen" im Licht der Generativen Grammatik. Sie schlug eine Interpretation deutscher und chinesischer Konstruktionen vor, welche die Probleme der valenzgrammatischen Analyse durch eine syntaktisch-strukturelle Kopfadjunktionsanalyse umgehen konnte.

Einen Kontrapunkt zu den Auffassungen der formalgrammatischen Linguistik zur sprachlichen Universalität bedeutete der Vortrag "Universalien der Sprache und Universalien der Sprachwissenschaft" von Lie Kang-Ho (Hanyang Universität), welcher sich auf die Kritik Coserius an der Chomskyschen Auffassung von der Universalität seiner Universalgrammatik bezog. Im Rahmen der Chomskyschen Universalienforschung würden Universalien der Sprache (language) nicht strikt von den Universalien der Sprachwissenschaft getrennt, was zu begrifflicher Verwirrung und Unschärfe führe. Universalien der Sprache seien ausschließlich in den sprachlichen Funktionen selbst zu suchen.

Beatrice Primus stellte im Eröffnungsvortrag "Ergativität im Deutschen. Das Deutsche im Rahmen relationaler Typologie" das Deutsche als eine typologisch problematische Sprache vor. Dies liege zum Teil daran, dass sich das Deutsche in einem typologischen Übergangsstadium befinde bzw. als Mischtyp beschrieben werden könne. Andererseits sei nicht immer die Sprache selbst der Grund, wenn die Einordnung nicht so recht eindeutig ausfallen will: So handele es sich im Fall der behaupteten Ergativität des Deutschen um den missverstandenen typologischen Parameter der "lexikalischen Ergativität" wie Primus überzeugend auf der Folie "echter" ergativer Konstruktionen aus Sprachen wie Avarisch, Dyirbal, Batsisch oder Guarani darlegte. Für weniger Geübte in der Anwendung relationaler typologischer Parameter blieb der Eindruck, dass Sprecher von Sprachen mit Ergativkonstruktionen ausgesprochene Machos und auf jeden Fall ziemlich unangenehme Burschen sein müssen, denn in den Beispielsätzen hatten die Agenten, alles Männer, kaum etwas anderes zu tun, als ihre Frauen zu schlagen oder sie zu "nehmen". Hier offenbart sich - zugegebenermaßen peripher - vielleicht auch das grundlegende Problem einer Linguistik, die Teileinsichten zur Sprache um den Preis der Entfremdung vom eigentlichen Wesen der Sprache, der sozialen Praxis, erreicht. In ihrem zweiten Vortrag "Kasustypologie: Lexikalisch vs. strukturell" befasste sich Primus mit einer Korrektur der Auffassung von Generativisten, dass das Lexikon ausschließlich unvorhersagbare idiosynkratische Informationen enthält. Außerdem stellte sie ein neueres Modell, die Optimalitätstheorie, zur Lösung allgemeiner kasustheoretischer Probleme vor.

In den Beiträgen von Akio Ogawa (Kobe Universität, Japan) "Kausativ in Variationen - eine typologisch vergleichende Studie", von Choe Jiyoung (Ewha Frauen Universität) "Kopulakonstruktion - Sein oder Nicht-Sein. Das ist die Frage" und von Shin Yong-Min (Gyeongsan Universität) "Personenprominenz vs. Interpartizipantenrelation" wurden grammatische Konstruktionen aus insgesamt folgenden Sprachen vorgestellt: Koreanisch, Japanisch, Chinesisch, Russisch, Khalka-Mongolisch, Tatarisch, Türkisch, Deutsch, Tamil, Nanafuê, Französisch, Englisch, Yukatekisch. Die Beiträge wiesen bei aller Unterschiedlichkeit der verwendeten Beschreibungs- und Theoriekonzepte eine Gemeinsamkeit auf: Sie waren Repräsentanten einer neueren Auffassung von Sprachtypologie, welche nicht mehr danach strebt, aus dem gemeinsamen Auftreten bestimmter Merkmale verschiedene Sprachen einem Typus zuzuordnen, sondern anstatt Sprachen sprachliche Konstruktionen zu typologisieren.

Ein interdisziplinärer Schulterschluss zwischen Typologie und Psycholinguistik fand statt in den Beiträgen "Universale vs. sprachspezifische Strategien der Sprachverarbeitung anhand von Verarbeitungspräferenzen bei der Anbindung von Relativsätzen" einer Projektgruppe mit Hong Upyong (Konku Universität), Nam Yu-san (Wonkwang Universität), Choi Myung-Won (Ewha Universität) und "Fokusprojektion im Deutschen und Koreanischen" von Lee Min-Haeng (Yonsei Universität / Harvard Universität). In ihnen wurde die sprachtypologische Fragestellung nach dem "wie" sprachlicher Variationen verquickt mit der psycholinguistischen Fragestellung nach deren "warum". Während in dem Beitrag der Projektgruppe Ergebnisse aus einem Experiment mit einer Versuchsgruppe vorgestellt und diskutiert wurden, interpretierte Lee Daten aus einer instrumentellen Intonationsanalyse.

Sprachtypologische Forschung beschränkte sich seit ihren Anfängen weitgehend auf grammatische Strukturen des Einzelsatzes - eine dezisionistische Reduktion des Objekts, die durch die Saussuresche Trennung von Langue und Parole wohl am prominentesten repräsentiert wird. Erst mit den Arbeiten des Sprachpsychologen Karl Bühler begann sich das Interesse auf den "Sitz der Sprache im Leben" zu richten und mit ihm wurde die zeichentheoretische Bedeutungsbestimmung durch eine handlungstheoretische überwunden. Ahn In-Kyeong (Hankuk Fremdsprachen-Universität) überschritt in ihrem Vortrag "Die Perspektivik der Gleichzeitigkeit und Gleichortigkeit in erzählenden Texten" die Begrenzung einer auf den Satz fixierten Linguistik und zeigte, wie die Bühlerschen lokalen und temporalen Deixeis in deutschen und koreanischen Erzählungen auf unterschiedliche Weise verwendet werden, um durch deiktische Versetzung narrative Perspektiven zu gestalten. Die Beiträge von Lee So-Young (Seoul National Universität) "Chaostheoretische Aspekte in der Gesprächsanalyse im Vergleich des deutschen und koreanischen Beratungsgesprächs" und Mattheus Wollert (Yonsei Universität) "Strukturen soziokulturellen Wissens im deutsch-koreanischen Vergleich" schlossen den kommunikativ-pragmatischen Themenkomplex des Symposiums ab. Lee führte in ihrer Gesprächsanalyse Handlungstheorie und Chaostheorie zusammen und bestimmte neben dem Kooperationsgrad und dem Zielerreichungsgrad auch chaotische, nicht-lineare Prozesse als Interpretationsgrundlage des vorgestellten Beratungsgesprächs. Wollert leitete aus empirisch ermittelten Aussagen von Koreanern und Deutschen zum Thema "Wohnen" inkongruente mentale Dispositionen ab, welche in der transkulturellen Kommunikation notwendigerweise zu Problemen bei der Bedeutungsaushandlung führen müssen.

Zum Schluss bleibt festzustellen, dass das Symposium sich unter anderem dadurch auszeichnete, dass die fachliche Diskussion im Anschluss an die Vorträge durchweg nicht den sonst oft üblichen ritualisierten Verläufen folgte, in denen vorher bestimmte Diskutanten obligatorische Fragen stellen. Vielleicht war es der Zwang, sich auf Deutsch auszudrücken, der viele der Teilnehmer dazu ermunterte, auf koreanische Handlungsmuster zu verzichten und sich auf die Regeln deutscher Diskussionskultur einzulassen. So redeten sich Teilnehmer, die einander eben noch auf Koreanisch mit "verehrter Lehrer" angesprochen hatten, in der Diskussion mit "du" an und scheuten auch vor deutlich kritischen Bemerkungen und Fragen nicht zurück, die in einem rein koreanischen Setting vielleicht dem Harmoniestreben zum Opfer gefallen wären.


Copyright © 2002 by Mattheus Wollert


DaF-Szene Korea Nr. 16

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