Die Vorzüge des Theaterspielens im Fremdsprachenunterricht sind vielfältig. So kann es z.B. zeitweise von permanentem Prüfungsstress, Zensurenzwang und Konkurrenzdenken befreien, Verkrampfungen lösen und Ängste verringern. Gegenüber dem meist bloßen Zuhören, Memorieren und Wiederholen, kommen die vernachlässigten Bereiche der Kreativität, Spielfreude und Aktivität zur Entfaltung. (vgl. Ingrid Plank, Gespieltes Deutsch: Theaterkurs leicht gemacht, in: Info DaF 22, 6 (1995), 650-664). Das größte Kopfzerbrechen wird meist jedoch die Frage nach der Spielvorlage bereiten. Was soll man aufführen? Ingrid Plank hält Vorlagen mit zeitgemäßem gesprochenen Deutsch, allgemein gebräuchlichem gängigen Wortschatz und einfach überschaubaren Satzkonstruktionen in Stücken, die keine deutliche Überforderung darstellen, für die geeignetsten. Ihrer Meinung nach ist es nicht nötig, ausschließlich Stücke deutschsprachiger Autoren aufzuführen und das Theater zum verlängerten Arm anderen, z. B. des Literatur- oder Soziologieunterrichts zu machen. Gutes Unterhaltungstheater - egal von welchen Autoren - habe per se seine Berechtigung. Außerdem seien lustige Stücke besser als tragische, da sie insgesamt motivierender seien und das Lachen bei den Aufführungen das beste Verbindungsglied zwischen Publikum und Darstellern sei. Tragödien werden bei Laiendarstellern überdies oft zu unfreiwilligen Komödien. Die Stücke, die sie selbst inszeniert hat sind Der Kleine Prinz von Antoine de St. Exupéry, eine satirische Farce von Ephraim Kishon (Zieh den Stecker raus, das Wasser kocht) sowie die Kriminalkomödie Arsen und Spitzenhäubchen von Joseph Kesselring. Die Frage der Erarbeitung einer eigenen Spielvorlage erübrigt sich ihrer Meinung nach bei Nicht-Muttersprachlern.
In den meisten Fällen wird man jedoch sowieso Änderungen und Umarbeitungen an den Vorlagen machen müssen, um sie den Gegebenheiten anzupassen, so dass auch hier bereits kreative Phantasie und Umarbeitung erforderlich ist. Sie könnte bei Fortgeschrittenen mit Hilfe des Kursleiters oder auch von den Studenten allein durchgeführt werden. Im allgemeinen kann sich solche Umarbeitung aber in zwei Richtungen bewegen. Entweder kann man ein "großes" und längeres Stück "herunterkochen" und verschneiden, oder aber umgekehrt einen kleineren und unbedeutenderen Text "aufpäppeln" und dabei seine Implikationen deutlich werden lassen. Als Beispiel für das erste Verfahren kann im Anschluss an das in der vorigen Ausgabe vorgestellte "Faust-Spektakel" noch eine Bearbeitung von Samuel Becketts "Warten auf Godot" dienen, als Beispiel für das zweite die Umarbeitung eines Märchens der Gebrüder Grimm. Denn diese sind eine wahre Fundgrube für leichte Texte, die gut in dramatische Form gebracht und von jedem zur Theaterarbeit genutzt werden können. Aus dem Volke stammend, dürfen sie wohl auch vom Volke weiterverarbeitet werden und kein Goethe oder Beckett wird sich im Grabe rumdrehen, wenn er das Ergebnis sehen könnte, das unter seinem Namen läuft. Zudem sind Märchentexte leicht verständlich, ohne deshalb banal zu sein. Wie man an dem benutzten Beispiel sieht, ist das "Happy end" nicht immer für alle so happy wie es scheint, so dass die Antwort auf die Frage, ob es eine Komödie oder eine Tragödie ist, davon abhängen wird, ob man sich als Hase, Igel oder Mensch versteht. Was "Warten auf Godot" betrifft, so wird man endlich den von einigen vielleicht schon seit langem vermissten dritten Akt finden, in dem sich viele Fragen aus den ersten beiden von selbst beantworten.
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