Jacques Le Goff: Die Geschichte Europas (1996). Illustrationen von Charley Case. Zahlreiche Landkarten. Übersetzt aus dem Französischen von Tobias Scheffel. Frankfurt/Main: Campus-Verlag 1997, Neuauflage bei Beltz und Gelberg 2000, 102 S.
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Dem Pariser Professor für mittelalterliche Geschichte ist mit diesem Büchlein ein großer Wurf der Erzählkunst gelungen. Mit einfachen Worten, die sich eigentlich an Jugendliche richten, unterstützt durch Illustrationen und Kartenmaterial, entfaltet es ein historisches Panorama, das auch Lesern zugänglich ist, die Deutschkenntnisse auf einem gehobenen Mittelstufenniveau mitbringen.
Die Fakten zwingen zur Bescheidenheit: Geographisch definiert Le Goff Europa als das westliche Ende des riesigen Kontinents Eurasien. Während die Fläche Asiens 30% der festen Erdoberfläche ausmacht, beschränkt sich der europäische Anteil auf gerade mal sieben Prozent (17). An seinen Rändern formierte sich das uns bekannte Europa im Westen durch die Vertreibung der Muslime von der iberischen Halbinsel im Jahr 1492, im Osten dann im 20. Jahrhundert durch die Verdrängung der Türken vom Balkan, auf dem sich diese seit der Eroberung Konstantinopels im Jahr 1453 festgesetzt hatten (38f).
Le Goffs Leitfrage lautet: "Was hat die Europäer zusammengebracht, was hat sie voneinander entfernt" (87). Er erinnert daran, dass das Lateinische die "grundlegende Sprache der europäischen Zivilisation" gewesen ist, weshalb er auch bedauert, dass es heutzutage immer weniger unterrichtet wird (25). Und dass Kaiser Caracalla im Jahr 212 nach Christus verfügte, jeder freie Mann seines Reiches solle den Status eines römischen Bürgers erhalten, fasst der Historiker als das "erste Beispiel für eine einheitliche Staatsbürgerschaft in der Geschichte Europas" (25). Vereinheitlichend wirkte, dass das Christentum im 4. Jahrhundert zur offiziellen Religion des Römischen Reichs wurde, aber die Spaltung der beiden christlichen Kirchen im Schisma des Jahres 1054 macht Le Goff für eine in der Geschichte bis heute fortwirkende Trennung zwischen Ost- und Westeuropa verantwortlich, die zum Beispiel im Balkankonflikt in dem Gegensatz zwischen den römisch-katholischen Christen Sloweniens oder Kroatiens und den orthodoxen Christen Serbiens zum Ausdruck kommt (27ff.).
Le Goff unterstreicht, dass das Karolingerreich Europa ein "wichtiges Erbe" hinterlassen hat: Als sich Karl der Große im Jahr 800 zum Kaiser krönen ließ, hat er dem "damaligen 'Westeuropa', das von der Nordsee bis zum Mittelmeer und vom Atlantik bis zur Elbe reichte, erstmals eine politische Einheit gegeben". Karl der Große und seine Berater haben Europa den "Entwurf einer gemeinsamen Kultur" hinterlassen, die "europäische 'Renaissance'", welche das Christentum mit der wiederentdeckten römisch-antiken Kultur verband (35f.).
Was in dem Buch der didaktischen Reduktion zum Opfer fällt, lässt die mit der europäischen Geschichte unvertrauten Leser aber überhaupt erst Halt in ihr finden. So verweist Le Goff auf die Französische Revolution als eine wichtige Ursache der Polarisierung Europas in zwei politische Lager, ein fortschrittliches und ein reaktionäres. Die Feldzüge Napoleons präsentiert er als einen gewaltsamen Versuch, Europa zu einigen (66f.). Dem Siegeszug des Kapitalismus im 19. Jahrhundert setzt Le Goff als ein Ergebnis die Spaltung Europas in reich und arm gegenüber (70). Auf dem ideologischen Feld dividierte sich Europa entlang ideologischer Linien auseinander, zu den bedeutendsten Ideologien gehören der Liberalismus und der Sozialismus (83). Im Gefolge des Aufstiegs des Sowjetkommunismus' teilte dann der 'Eiserne Vorhang' Europa bis zum Ende der achtziger Jahre des 20. Jahrhunderts (S. 93f.). In diesem zerfleischte sich Europa in zwei Weltkriegen. Nur wenige Staaten Europas wurden im Zweiten Weltkrieg, dem "schrecklichsten aller europäischen Einigungsversuche", zunächst nicht von dem faschistischen Deutschland und seinem italienischen Verbündeten besetzt. Die Erinnerung an die "europäischen Verbrechen" des rassistischen Völkermords in dieser Zeit fasst Le Goff als eine wesentliche Bedingung für eine positive Zukunft Europas (87-92).
Eine Zeittafel führt die Daten vor Augen, die schließlich zum aktuellen Stand der europäischen Einigung geführt haben. Sie beginnt im Jahr 1929, als der französische Premierminister Aristide Briand vor der Versammlung des Völkerbundes den Vorschlag gemacht hat, Europa zu vereinen. Dann lässt Le Goff die Gründung der Organisation für europäische wirtschaftliche Zusammenarbeit (OEEC) durch die Staaten Westeuropas im Jahr 1948, die Gründung der Montanunion (1951) und die Gründung der Europäischen Wirtschaftsgemeinschaft durch die römischen Verträge (1957) Revue passieren. Er zieht den Bogen bis zum Vertrag von Maastricht (1992), der neben der politischen Integration der Europäischen Union auch die Einführung des Euro festlegt (98).
Immer wieder lässt Le Goff auch Betrachtungen zur Geistes-, Kultur- und Kunstgeschichte Europas einfließen. Romanik und Gotik, Renaissance und Humanismus, Barock und Aufklärung, Romantik und schließlich die Geburt der modernen Wissenschaft (22f, 50f.,. 55ff.), all das findet in diesem Buch einen angemessenen Platz in seiner Bedeutung für die Herausbildung Europas. Leiht man es fortgeschrittenen Studenten aus, verschafft man ihnen damit nicht nur das Erfolgserlebnis, ein ganzes Buch in einer vertretbaren Zeit durchlesen zu können, sondern die Lektüre wird ihnen auch das Gefühl vermitteln, einen auf den ersten Blick abschreckend komplexen Gegenstand wie die europäische Geschichte verstehen zu können. Das ist Grund genug, ein solches Werk in einen Lektorenhandapparat aufzunehmen, zumal man es als Multiplikator/in auch zu einem recht günstigen Preis anschaffen kann.
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