Nach mehreren vorbereitenden Tagungen zwischen den einzelnen Ländern China, Korea und Japan fand 1994 in Peking die erste "Germanistentagung für und in Asien" statt. Dieser Auftakt war so erfolgreich, dass sie seitdem turnusmäßig von einem der drei Länder ausgerichtet wird: 1994 also in Peking, 1997 in Seoul, 1999 in Japan und in diesem Jahr wieder in Peking. Die Teilnehmer kamen überwiegend aus den o. g. Ländern, einzelne aber auch aus Hongkong, Taiwan, Thailand, Australien und nicht zuletzt aus Deutschland. Indien und Laos waren diesmal nicht vertreten.
Betrachtet man das diesjährige Rahmenthema mit den Schlüsselwörtern "neues Jahrhundert", "Globalisierung", so könnte es ebenso für eine deutsche Germanistentagung in Deutschland gegolten haben. Worin bestand also jetzt das Neue, die Herausforderung für Asien?
Bei der ersten Asientagung 1994 in China waren noch fast 25% der Teilnehmer Deutsche; jetzt nur noch 8%; damals hatten viele Vorträge sich mit einer Bestandsaufnahme zur Lage der Germanistik und des Deutschunterrichts in den verschiedenen Ländern befasst; jetzt spielten derlei Themen keine Rolle mehr. So konnte in einem chinesischen Plenarvortrag mit Recht festgestellt werden: Die asiatische Germanistik ist in eine neue Phase der Entwicklung eingetreten. Inwiefern? Auch für den deutschen Beobachter ist es evident, dass die asiatischen Kollegen sich mehr und mehr von der innerdeutschen Germanistik emanzipieren, d.h. sie verarbeiten die aus Deutschland kommenden neuen Anregungen selektiv und entwickeln souverän ihre eigenen Themen entsprechend ihren landesspezifischen Bedürfnissen. Das zeigten Beispiele aus der Sektion für Angewandte Sprachwissenschaften (über die chinesische Bearbeitung des "Lexikons der Sprachwissenschaft" von H. Bussmann), aus der Kulturwissenschaft (Untersuchungen zu den deutschen und chinesischen Kollektivsymbolen; Techno-Orientalismus und kulturwissenschaftlicher Japan-Diskurs in Deutschland; "ästhetische Interkulturalität zwischen Deutschland und Japan; "Das dionysische Lachen in Ost und West") und natürlich aus der Sektion für Methodik u. Didaktik des Deutschunterrichts ("Auswendiglernen? Pro oder Kontra?").
In der am stärksten besetzten Sektion zur Literaturwissenschaft war der "asiatische Blick" dagegen weniger erkennbar. Für uns interessant vielleicht Themenstellungen wie "Eine Auseinandersetzung zwischen Lu Xun und Zhu Guangqian..., vor dem Hintergrund der deutschen ästhetik" oder "Produktive Lektüre der deutschen Literatur unter den zen-buddhistischen Aspekten am Beispiel der 'Kassandra' von Christa Wolf". Ansonsten überwogen sozusagen "klassische" Untersuchungen zu Goethe, Fontane, Trakl, Eich, Frisch, Handke, Grass, Bernhard u.a.
Welche neuen Themen oder Themenbereiche lassen sich nun erkennen? Z. B. solche zur Medienästhetik ( Netzliteratur - eine neue Gattung ? Sprachwandel im Zeichen des Medienwandels.; Wissen sichern ohne Histotainment: TV-Zeitungen-Interviews im Studiengang Medienberatung). Hier geht es um ein Aufbaustudium für Germanistikstudenten zu Medien, Mediengeschichte und Geschichtsdarstellung in den Medien an der FU Berlin. Andere Themen: zur modernen Jugendkultur (Techno-Orientalismus und Kulturwissenschaft in Deutschland), zur angewandten Landeskunde (Der Reiseführer als Kulturmittler - kulturelle Kommunikation im Kommunikationskurs "Tourismus"), zur Kulturanthropologie (Nonverbale Kommunikation und DaF-Unterricht). Interkulturelle Kommunikation in historischer Dimension bearbeitete das Thema "Japaner und Niederländer im 17. Jh. Wie sie miteinander kommunizierten."
Besonders hinweisen möchte ich noch auf drei Vorträge, die m. E. für uns als Fremdsprachenlektoren von besonderer Bedeutung sein können: die praxisrelevante Reflexion des Heidelberger Linguisten O. Reichmann "Deutsch als Fremdsprache: welches Deutsch?" und zwei Vorträge, die uns gutes Rüstzeug zur Legitimierungsdebatte betreffend die Geisteswissenschaften an die Hand geben: "Wozu noch Germanistik? Zur Notwendigkeit der Kulturwissenschaften im Zeitalter der Globalisierung" von unserem ehemaligen Kollegen M. Mandelartz und einen ähnlich gearteten von E. Scheiffele zur neuen Chance der Germanistik als Wissenschaft. Alle Vorträge dieser Tagung werden demnächst in Buchform erscheinen.
Unbedingt hervorheben möchte ich die glänzende Organisation und den angenehmen Tagungsort, ein Tagungshotel mit einer großen Grünanlage, wo die gestressten kopflastigen Theoretikerinnen sich als muntere Badenixen draußen zwischen Felsen im heißen Quellenbad ergötzen konnten, unter freiem Himmel, im Schein spätfeudaler roter (!) Lampions. Das vermeintlich Jahrhunderte alte "Kaiserbad" entpuppte sich als gerade 10 Jahre alt. Wer mögen da die Kaiser gewesen sein?
Heute jedenfalls sind es die zahlenden, meist einheimischen Gäste, deren Volkswagen, Audi und Citroen man auf dem Parkplatz sehen konnte. Auf die Bierliebhaber wartete, am Rande eines Sees mit Wasserspielen, ein Biergarten à la chinoise.
Interessant im Unterschied zu Korea, wie wenig zeremoniell es bei der ganzen Tagung zuging und dass das Senioritätsprinzip keine erkennbare Rolle spielte. Auch die älteren chinesischen Organisatoren (Professoren) kümmerten sich um die geringsten Details. Weiterhin neidvoll konstatiert: das wunderbare Deutsch der studentischen Helferinnen. Natürlich wollten wir wissen, wo und wie lange sie in Deutschland gewesen waren. In Deutschland? Noch nie. Zuletzt eine Frage an unsere Kollegen in Korea: Wie kommt es, dass Korea 1994 mit über 30 Kollegen, diesmal aber nur mit sieben (davon zwei emeritierten) vertreten war? Wo doch der Tagungspreis genau derselbe geblieben war wie vor acht Jahren! Auf jeden Fall haben wir es nicht weit zur nächsten Asientagung. Sie wird in zwei oder drei Jahren in Seoul stattfinden.
Copyright © 2002 by Regine Choi