Die interdisziplinär angelegte Konferenz "Querpass" sollte in unmittelbarer zeitlicher Nähe zur Fußballweltmeisterschaft in Japan und Korea das Kulturthema "Fußball" wissenschaftlich vorwiegend aus koreanischer, japanischer und deutscher, am Rande aber auch aus skandinavischer Sicht aufarbeiten. Gefördert wurde die Tagung nicht nur vom Goethe-Institut, sondern auch vom Deutschen Akademischen Austauschdienst (DAAD), der die Gelegenheit genutzt hat, um über seine Programme zur Förderung des wissenschaftlichen Austauschs zwischen Südkorea und der Bundesrepublik Deutschland zu informieren.
In seinem Einführungsvortrag setzte der Sportsoziologe und Philosoph Gunter Gebauer (Freie Universität Berlin) mit seinen Thesen Maßstäbe für das intellektuelle Niveau der Tagung: Er ging davon aus, dass der Fußball seit den 50er Jahren in der Bundesrepublik für die bürgerliche Öffentlichkeit zunehmend Funktionen übernommen hat, die vorher noch dem Theater vorbehalten waren. Gerade Länderspiele repräsentierten dann für das Publikum das Drama der je eigenen Nation, der Körper des Nationalspielers stelle dabei nationale Merkmale dar, wodurch nun symbolisch auf neuartige Weise eine nationale Gemeinschaft erzeugt werde. Die Leistung der Nationalmannschaft wird in diesem Zusammenhang zur Metapher für den Zustand der Nation. Gebauer hob vor allem die Phase von 1970 bis etwa 1976 hervor, in der die Erfolge des deutschen Fußballs dem Bedürfnis nach Selbstdarstellung einer jungen Generation entgegengekommen seien. In dieser Zeit habe auch das Fußballspiel eine Zäsur markiert, das Ende eines politischen und kulturellen Stillstandes und einen Neubeginn, den Gebauer unter anderem mit der Bildungsreform und der Öffnung der Universitäten in diesen Jahren korrelierte. Gebauer schloss mit einer scharfen Kritik der aktuellen Situation: Für die Fußballprofis gibt es nur noch ein Ziel, nämlich im Verein reich zu werden, das Spiel in der Nationalmannschaft zählt in diesem Kontext nur als Faktor zur Erhöhung des eigenen Kurswertes. Die Spieler, die vordem noch nationale Helden zu symbolisieren vermochten, sind zu reinen Trägern eines Markenimages von Sponsoren geworden.
Der anschließende Vortrag eines koreanischen Sportwissenschaftlers, Koo-Chul Jung von der Tamna-Universität auf der Insel Chejudo, lotete die Möglichkeiten aus, wie man im Bereich des Fußballsports Entspannungspolitik zwischen Nord- und Südkorea betreiben könne. Mit insgesamt drei aktiven Referenten war die Fraktion der in Deutschland ausgebildeten koreanischen Sportwissenschaftler gut vertreten, neben Jung noch durch Jong-Kook Kim (Korean National University of Physical Education), der einen Vortrag über die Architektur der koreanischen WM-Stadien hielt. Kyung-Won Kim (Seowon University) verglich die koreanischen und deutschen Fußballfans unter sozialhistorischen Aspekten.
Von einem japanischen Sporthistoriker, Tokuro Yamamoto (Kokushikan University, Tokyo), kam ein bemerkenswerter Vortrag zum Kemari, einem höfischen Fußballspiel des mittelalterlichen Japan, bei dem aristokratische Spieler sich den Ball wechselseitig zuspielten mit dem Ziel, ihn möglichst lange in der Luft zu halten. Der Vortrag lieferte mit seiner dichten Beschreibung der Ästhetik des Kemari eine Kontrastfolie zum doch vergleichsweise hölzernen modernen Fußballspiel unserer Tage. Der japanische Germanist und Journalist Mario Kumekawa (Sophia University, Tokyo) hob die Stilisierung der japanischen Fußballhelden in der populären Jugendkultur als Außenseiter hervor. Der Japanologe Reinold Ophüls-Kashima, Lehrbeauftragter an der Sophia University, analysierte die Struktur der japanischen Vereinsnamen, bei denen sich die Verwendung fremdsprachlicher Elemente englischer, spanischer, portugiesischer, italienischer, französischer und einmal sogar auch deutscher Provenienz (Yokohama Flügels) an vornehmlich solchen Nationen orientiert, die schon einmal den Weltmeisterschaftstitel errungen haben. Der Göttinger Sporthistoriker Arnd Krüger spannte einen weiten Bogen durch die Geschichte des Fußballspiels bis hin zu seiner aktuellen Kommodifizierung. Nur seine wiederholte Gleichsetzung der Praktiken von Hooligans mit denen des 'schwarzen Blocks' (Nutzung modernster Kommunikationstechnik bei der Vernetzung, Benutzen derselben Verkehrsmittel wie z.B. ICE, niedere Schwelle der Gewaltanwendung ...) dürfte einer kritischen Prüfung vor allem unter dem Aspekt der politischen Inhalte, die in diesen beiden Lagern diskutiert werden, wohl nicht standhalten. Der dänische Sporthistoriker Hans Bonde beschrieb das institutionelle Umfeld des Fußballspiels in Anlehnung an die Thesen des Anthropologen Victor Turner als Arrangement eines 'liminoiden Initiationsritus' für Männer.
Eine der interessantesten Sektionen der Konferenz setzte sich mit der medialen Verwertung des Fußballspiels auseinander. Markus Stauff und Ralf Adelmann, wissenschaftliche Mitarbeiter am Institut für Film- und Fernsehwissenschaft an der Ruhr-Universität Bochum, skizzierten, welche Diskurse vom Fernsehfußball verarbeitet werden. Um ein im Grunde langweiliges und trotz Wiederholungen spannender Stellen in Zeitlupe auch nur langweilig abfilmbares Ereignis interessant zu machen, werden in den Kommentaren immer wieder biographische, (pseudo-) psychologische, nationale, rassistische und statistische Wissensbestände aktualisiert, um so letztlich eine imaginäre Fußballnormalität herzustellen. Abweichungen von ihr können dann erneut spannungssteigernd verkauft werden.
Der Literaturwissenschaftler Rolf Parr (Universität Dortmund) analysierte das synchrone System der Nationalstereotype, mit dem die deutschen Nationalspieler in den heimischen Medien als ordentliche, anständige, willensstarke, einsatzbereite, gründliche und folgsame Arbeiter am Ball konstituiert werden. Die japanischen Spieler gelten zwar als fleißig, aber auch als unkoordiniert, die koreanischen eher als leidensfähig und opferbereit. Markus Joch von der Berliner Humboldt-Universität, Mitarbeiter im DFG-Forschungsprojekt zur Literatur- und Kulturgeschichte des Fremden, sprach über die literarische Gattung der Fußball-Satire, und seinem Vortrag mit Zitaten von Ror Wolf bis Eckhard Henscheid war zum Vergnügen des Publikums anzuhören, dass sein Verfasser in jüngeren Jahren selbst einmal politisches Kabarett gemacht hat.
Es ist der Konferenz gelungen, an einem exemplarischen Gegenstand, dem Fußball, kulturwissenschaftliche Fragestellungen zu erproben, verschiedene Medien wie Literatur, Zeitungsberichte und Fernsehen einzubeziehen, das Thema aus historischer und anthropologischer Perspektive zu beleuchten. Abgerundet wurde die Veranstaltung mit einer Präsentation des dramatischen Dialogs "Leben bis Männer" von Thomas Brussig, der Autor selbst hat den Text vorgetragen, begleitet von seinem japanischen Übersetzer Kumekawa. Der Text widmet sich den Passagen von der Jugend- zur Männermannschaft in der DDR, wobei es zu gefährlichen Interferenzen kommt, wenn ein Fußballspieler in seinem Leben als Grenzsoldat auf den Appell 'Hau ihn um!' unterschiedslos reagiert, was ihn dann nach dem Fall der Mauer vor Gericht und letztendlich auch zur Befehlsverweigerung im Fußball bringt. Für diese Problematik fand Brussig in der noch geteilten Nation Korea ein besonders sensibilisiertes Publikum.
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