Früher war die russische Sprache ein politisches Instrument, das zur Russifizierung der verschiedenen Völker in der multiethnischen Sowjetunion diente. So war es nur natürlich, dass Russisch als Fremdsprache ideologisch dieser Russistika zu dienen hatte. Die kommunistische Partei sah RAF als ein Mittel zur Verbreitung ihrer Ideen an. Wie so vieles musste sich auch dieses während und nach der Perestroika ändern.
Wie vielleicht bekannt ist, wurde das russische Bildungssystem nach deutschem Vorbild aufgebaut, sodass immer noch große Strukturähnlichkeiten festgestellt werden können. Deshalb gingen die Nachperestroikaveränderungen im Fach Russisch als Fremdsprache auch in Richtung Europa und lehnten sich nicht an das amerikanische Modell an. Wir konnten und wollten unser traditionelles System nicht radikal ändern, zumal ausländische Studenten in Russland für die gesamte Studiendauer sprachbegleitende Kurse belegen müssen. In den 90er Jahren rückten Europa und Russland näher zusammen. Russische Linguisten nahmen am Sprachenausschuss des Europarats in Straßburg teil. Zur selben Zeit änderte sich auch die Sprachenpolitik innerhalb der EU. Man hatte bis dahin angenommen, dass eine oder zwei offizielle Sprachen ausreichen würden. Diese Haltung der Brüsseler Bürokraten fand jedoch keinen Rückhalt in den einzelnen Ländern und besonders Deutschland und Spanien protestierten dagegen. Und so kam es, dass ein anderes Konzept sich durchsetzte - das Sprachportofolio. Es sollte den Nationen in Europa helfen ein Curriculum zu erarbeiten, das einen Vergleich der Großen Drei (Englisch, Französisch, Deutsch) beim Erlernen möglich macht. In Methodik und Didaktik des Fremdsprachenunterrichts waren diese Länder den übrigen Europäern weit enteilt, denn hier hatte man wesentlich längere und genauere Erfahrungen mit dem Fremdsprachenerwerb.
Man legte einen Referenzrahmen fest, der den Kenntnisstand definierte, den ein Ausländer beherrschen muss, um ohne größere Schwierigkeiten studieren oder arbeiten zu können. Zum Ende des letzten Jahrhunderts waren dann alle europäischen Länder, einschließlich Russlands, diesem Beispiel gefolgt und hatten für ihre jeweiligen Sprachen eine Beschreibung des unabdingbaren Kenntnisstandes erarbeitet.
In Russland hatten wir damit große Schwierigkeiten, da es vorher keine festgelegten zentralen Prüfungen gab. Jeder Professor fragte seine Studenten, was er ihnen vorher beigebracht hatte. Es war eine schwierige Arbeit alle Russischabteilungen zu koordinieren und die Lehrer auf den Referenzrahmen hin auszubilden bzw. umzuschulen. Dies ist nun abgeschlossen.
Wir haben nun verschieden Tests für RAF. Zum einen für Studenten in nichtphilologischen Studienfächern: Diese erhalten zu ihren jeweiligen Fachabschlüssen auch ein Zertifikat für ihre Leistungen in der russischen Sprache. Zum anderen für Menschen, die in Russland leben und arbeiten wollen, wie Geschäftsleute, Ingenieure, etc.: Dieser Test hat die Schwierigkeit des oben schon erwähnten Thresholdlevel und beinhaltet einen Spezialtest für das jeweilige Interessensgebiet - also für Wirtschaft, Maschinenbau oder Tourismus.
Ich denke, dass vor allem dieser zweite Test (threshold und Spezialgebiet) für Universitäten im Ausland interessant ist. Im Puschkin-Institut eröffneten wir deshalb Kurse, die hauptsächlich auf den Erwerb dieses Zertifikates ausgerichtet sind. Die Tests werden sowohl an russischen Kultureinrichtungen wie auch an Universitäten durchgeführt. Der Zulauf dieser Kurse ist vor allem in Europa gut. Nach den politischen Umwälzungen lernten die meisten Europäer Englisch oder Deutsch. Allerdings hat Russisch als zweite Fremdsprache nach diesen beiden einen sehr guten Stand, vor allem in Osteuropa. Viele Absolventen kommen aus den Bürokratien des ehemaligen Ostblocks und wollen jetzt noch ein spezielles Zertifikat für Russisch haben, nachdem sie Grundkenntnisse bereits in der Schule erworben haben. Für sie ist es leichter Russisch zu lernen als Englisch, Deutsch oder Französisch. Unsere Zertifikate werden zudem in ganz Europa (mit Ausnahme Großbritanniens) anerkannt.
Europa ist also auch ohne Einheitssprache weiter auf dem Weg der Vereinigung und glücklicherweise nimmt Russland daran teil. Hier in Korea ist es jedoch nicht einfach diese Programme zu verwirklichen. Das Durchsetzen von allgemeinverbindlichen Standards wird nicht gewünscht. Mein Versuch, Programme für die oben erwähnten Zertifikate einzuführen, fanden keinen Widerhall. Dies liegt nicht nur daran, dass koreanische Universitäten besonders konservativ sind. Im Fach RAF haben wir die Situation, dass man vor 15 Jahren Russisch nicht in Russland studierte. Dazu ging man nach Deutschland oder noch häufiger in die USA. Die Akzeptanz für europäische Programme ist daher eher gering. Ich weiß natürlich, dass es schwierig ist und viel Mühe macht, wenn man neue Programme einführt. Ich bin jedoch auch überzeugt, dass die Blockadehaltung gegenüber Veränderungen in Korea aufhören muss, wenn man sich in Bildungsfragen nicht noch weiter vom Weltstandard entfernen will. Und dieser Standard wird zumindest in den Sprachen nach wie vor von Europa und nicht von Amerika gesetzt. übrigens auch in Englisch.
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