2001 war das Jahr der Sprachen in Europa. Und zwar der Vielfalt der Sprachen. Eine Nachricht, die in Korea nicht angekommen ist. Zu kritisieren haben die Deutschen hier aber nichts, denn die Sprachausbildung in Deutschland erwies sich im innereuropäischen Vergleich als katastrophal. Der ermittelte Wert für Deutschland beträgt nur 1,2 im Gegensatz zu Luxemburg mit 2,9 oder Finnland mit 2,7. übersetzt heißt das, dass nur jeder fünfte Deutsche eine Fremdsprache spricht, wohingegen fast jeder Luxemburger und Finne 2 spricht. Natürlich sind das kleine Sprachgemeinschaften, die ohnehin eine größere Neigung zum Fremdsprachenerwerb haben, während die große deutsche Sprachgemeinschaft zur Behäbigkeit neigt. Etwas, was sie mit Angelsachsen, Spaniern und eben auch Koreanern gemein hat.
Trotzdem ist die Zahl erschreckend, wenn man in Kalkül zieht, dass Deutschland die meisten Nachbarn in Europa hat und der Fremdsprachenerwerb gemeinhin als friedensfördernd angesehen wird. Bedauerlicherweise liegt gerade der Erwerb unserer "Nachbarsprachen" im Argen (eine Ausnahme ist hier nur das Dänische in Schleswig-Holstein). Diese Sprachen haben in Deutschland ein gewaltiges Imageproblem. Dies erstreckt sich im übrigen nicht nur auf die kleinen Sprachen, sondern auch auf Französisch, das immerhin in drei unserer Nachbarländer gesprochen wird. In Baden-Württemberg, wo Französisch traditionell erste Fremdsprache ist, gibt es eine Elternbewegung, die Englisch zur ersten Fremdsprache machen will.
überhaupt ist Englisch schick, ebenso wie Italienisch und Spanisch (in Österreich ist Spanisch dabei das Französische zu überholen; sollten hier alte Habsburger Traditionen reaktiviert werden).
Englisch kann jeder - so meint fast jeder. Die Wirklichkeit sieht anders aus. Englisch ist in Deutschland eine gelesene Sprache, keinesfalls eine gesprochene, so gut wie nie eine geschriebene. Offensichtlich verwechselt man das "prima Durchkommen" mit Englisch im Urlaub mit fundierten Englischkenntnissen. Symptomatisch für die angenommen Englischkenntnisse sei, so ein Englischlektor der Universität Würzburg, ein Dialog aus dem Filmklassiker Casablanca: Der Ober fragt ein deutsches Emigrantenpaar, ob es den Englisch spreche. Als Antwort bekommt er:
"Selbstverständlich. Darling, how late is it? Ten watch! Oh, such much."
Geändert hat sich daran nicht viel. Nur das gesteigerte Interesse der Deutschen
Englisch zu reden hat sich noch mehr gesteigert. Besonders wenn sie betrunken
sind. übrigens ein Phänomen, das sie mit Koreanern teilen.
Um den Pfad der Seriosität auf dem ich diesen Artikel begonnen habe nun endgültig zu verlassen und in Feuilleton abzugleiten möchte ich Sie mit mir drei Szenen zu beobachten, die das Prestige des Englischen belegen und die Verschrobenheit mancher Deutscher offen legen. Bei allen drei Szenen war ich selbst zugegen.
Szene 1:Fest des deutschen Klubs in Seoul. An einem Stehtisch ich selbst, Markus, meine Freundin Hyun-Hee. Ein deutsches Paar nähert sich.
Frau: Sprechen Sie koreanisch?Aussichtsplattform des Millennium Domes. Ich lese Zeitung. Neben mir setzt sich eine Gruppe Deutscher. Zwei Minuten später:
Mann: Oh, you have an English paper! I couldn't find a paper.Vor dem Eingang zur Insa-Dong. Die koreanische Tourismusbehörde bietet ein kostenloses Internet für Ausländer an. Man muss nur Namen, Herkunftsland und Muttersprache angeben und schon kann es losgehen. Ich schreibe also auf die Liste Deutschland und deutsch setze mich hin und werde so von der Seite angefahren, dass ich beinahe vom Stuhl falle:
Mädchen (20-25 Jahre): Warum müssen Sie jetzt deutsch schreiben?
Ich: Weil die das hier wissen wollen.
Mädchen: Und können Sie das nicht in einer Sprache tun, die jeder versteht?
Ich: Koreaner sprechen nur unwesentlich mehr Englisch als Deutsch und außerdem
kenne ich in dieser Auskunft jemanden und die spricht deutsch.
Mittlerweile hatte ich die Liste inspiziert und Sie hatte tatsächlich Tschörrmeny und Tschörrmen geschrieben. Außerdem fand ich noch francais, italiano, svenska und espanol. Als ich sie darauf hinwies meinte sie:
Na und?
Tja, na und?Der Autor lebte lange in England und Kanada und unterrichtet unter anderem auch Englisch.
Copyright © 2002 by Klaus Polap