Das Umfeld für Germanistik in Korea hat sich in den letzten Jahren unter dem Druck der "hakbuchae"-Reform stark verändert. Dennoch haben nicht alle Universitäten diese Reform mitgemacht bzw. halten nicht wenige an der "alten Germanistik" fest. Unsere kleine Umfrage vor einigen Wochen hat ergeben, dass etwa 30 Prozent der Hochschulen immer noch das Studienfach Deutsch im herkömmlichen Sinn als eigenständige Abteilung behalten haben. An vielen anderen Universitäten aber wurde Deutsch in Fakultäten sogenannter "European Studies" eingegliedert.
Diese neuen Über-Abteilungen beinhalten Deutsch bzw. die ehemalige Germanistik zusammen mit anderen "europäischen" Fächern. Meistens ist es eine Kombination mit Französisch / Romanistik; aber auch andere Philologien werden zusammengeführt, wenn sie vorher bereits als eigenständiges Fach vorhanden waren wie z.B. Russisch, Spanisch. Teilweise gehören auch Fächer wie Soziologie, Geschichte und Philosophie dazu. Die europäische Sprache und Philologie Englisch bleibt dabei eine selbständige Studieneinheit. Lediglich in einem Fall wurde sie mit Japanisch verbunden und dann großzügig in einen Studiengang "Pazifik-Studien" umbenannt. Sinnvolle andere Kombinationsfächer zu den Philologien wie Wirtschaftswissenschaft, Soziologie, Jura oder Naturwissenschaften gibt es kaum.
Innerhalb der "European Studies" haben die Studenten die Möglichkeit, Kurse und Seminare aller Teilbereiche zu besuchen. Sie tun dies jedoch in den seltensten Fällen. Meist haben sie im ersten Jahr gemeinsame Seminare und einführenden Sprachunterricht in beiden bzw. zwei Fremdsprachen; nach dem ersten Jahr entscheiden sie sich weitgehend für eine Teildisziplin. Das bedeutet letztendlich, dass dem kontinuierlichen Sprachunterricht in einer Sprache nun ein Jahr weniger zur Verfügung steht. Oder andersherum gewendet: Die Studenten, wenn sie sich denn für Deutsch entscheiden, lernen nur noch drei statt vorher vier Jahre diese Sprache. Was vorher mangelhaft war, ist nun ungenügend.
Der Austausch mit den anderen Teildisziplinen war wohl geplant oder gewünscht, findet aber kaum statt. Nur selten lernt ein Französisch-Student ab dem zweiten Jahr zusätzlich Deutsch oder umgekehrt. Eher ist es der Fall, dass man andere Fächer kombiniert wie z.B. Englisch oder Philosophie. Die Zusammenarbeit zwischen den Teilfächern ist laut unserer Umfrage auch eher bescheiden und meist von einem Konkurrenzdenken der Teilfächer um die zahlenmäßig wenigen Studenten geprägt.
Inhaltlich zeigt sich eine gewisse Ratlosigkeit, mit welchen Stoffen man die neuen Lehrveranstaltungen "europäische Geschichte", "europäische Kultur", "europäische Linguistik" denn nun füllen soll. Im Zweifelsfall hängt man einfach das Wörtchen "Europa" an den Titel an, etwa "Deutsches Drama in Europa", und hofft damit den Ansprüchen zu genügen. über eine Ringvorlesung, die von Professoren verschiedener Fächer abgehalten wird, wurde nur in einem Fall berichtet. Für die Deutsch-Lektoren hat sich im Unterricht kaum etwas geändert, sieht man einmal davon ab, dass durch die sinkenden Studentenzahlen natürlich auch die Stundenzahlen reduziert sind.
Als Resümee unserer Umfrage bleibt die etwas traurige Erkenntnis, dass der Grund für die Umstrukturierung weniger darin lag, nun bessere oder ergiebigere Fächereinheiten für die Studenten zu schaffen. Es war die pure Not, angesichts drastisch sinkender Studentenzahlen eine Struktur zu schaffen, die möglichst viele Studenten in die neue Fächerordnung einbindet und so im Grunde die alten Abteilungen unter neuem Namen erhält. Das zeigt vor allem der fehlende Inhalt, vielleicht zu beschreiben als die Abwesenheit Europas in den "European Studies". Das ist oft allerdings nicht die Schuld der Lehrenden. Es gibt auf dem koreanischen Markt und nach eigener Erfahrung auch auf dem europäischen - kaum didaktisch interessantes Unterrichtsmaterial über Europa, wenn man mal von der Inter Nationes-Publikation "Deutschland in Europa - Europa in Deutschland" absieht, die für den Unterricht an den Deutschabteilungen in Korea allerdings wohl in der Regel etwas zu anspruchsvoll ist.
Es bleibt zu hoffen, dass sich der europäische Gedanke, der es bereits in Europa schon schwer genug hat, in naher Zukunft auch in Korea mit Sinn füllen mag. Das müsste in Korea von den einzelnen Teildisziplinen ausgehen. Ohne eine solche "europäische Zusammenarbeit" in Korea, auch mit anderen Fächern, werden die koreanischen "European Studies" hierzulande keine interessante Alternative für Studierende sein.
Copyright © 2002 by Michael Menke