Bärbel Gutzat

Bericht über ein neu eingerichtetes Lektorat an der Kim Il Sung Universität in Nordkorea


In den letzten Jahren ist auch in Nordkorea eine gewisse "Internationalisierung" festzustellen, da zunehmend internationale Hilfswerke Zugang zum Land erhalten und Kooperationsprojekte mit ausländischen Partnern begonnen werden. Der daraus erwachsende Bedarf an Fremdsprachen allgemein und am Deutschen im Besonderen ist zwar immer noch sehr gering, aber durchaus vorhanden. Derzeit gibt es landesweit etwa 280 Deutschlerner: an der Fremdsprachenmittelschule, der Medizinischen Hochschule und der Germanistikabteilung der Kim Il Sung-Universität.

Der früheste Deutschunterricht wird an der Fremdsprachenmittelschule, einer Elite-Sekundarschule, erteilt. Im Jahr 2002 erhalten 50 Schüler in sechs Klassen jeweils 18 Wochenstunden Deutschunterricht. Deutsch als Fachsprache ist an der Medizinischen Hochschule vertreten. Alle Medizinstudenten haben während ihrer gesamten sechsjährigen Studienzeit studienbegleitend Unterricht in einer Fremdsprache. Jedes Jahr beginnt dort eine Gruppe von 20 bis 25 Medizinstudenten mit Deutsch. Während der ersten zwei Studienjahre haben sie jeweils 12 Wochenstunden Deutschunterricht. Das Unterrichtsmaterial wurde von den Deutschlehrern selbst erstellt. Bei den Deutschlehrern handelt es sich nicht um Mediziner, sondern um Absolventen der Deutschabteilung der Kim Il Sung Universität (KISU). Während ihrer Studienzeit müssen die Studenten insgesamt 200 bis 300 Seiten Fachtexte übersetzen. Wer nach dem Abschluss des Studiums promoviert, bekommt noch sechs Monate Konversationsunterricht.

Eine Germanistik gibt es in Nordkorea nur an der Kim Il Sung Universität in Pyoengyang. Die Deutschabteilung gehört zur Fremdsprachen-Fakultät, an der neben Deutsch noch Englisch, Chinesisch, Russisch und Französisch gelehrt werden. In den 1980er Jahren waren stets zwei DDR-Lektoren an der Deutschabteilung tätig, außerdem gab es enge Beziehungen zu der Koreanistikabteilung der Humboldt-Universität in Berlin. Mit der deutschen Einheit sind alle diese Verbindungen vollkommen abgebrochen. Seitdem gab es keinen Kontakt mit muttersprachlichen Kollegen, keine Versorgung mit aktuellen Fachpublikationen, keinen Wissenschaftler- oder Studentenaustausch.

An der Deutschabteilung der KISU lehren sechs Dozenten, von denen zwei sich in der DDR noch habilitieren (Promotion B nach DDR- bzw. russischem System) und drei promovieren (Promotion A) konnten. Alle Dozenten verfügen über Erfahrungen im deutschsprachigen Ausland aus den Vorwende-Zeiten. In diesem Jahr konnten zum ersten Mal seit 1989 zwei Kollegen mit einem DAAD-Stipendium für drei Monate nach Deutschland reisen. Dort haben sie sich am Institut für Deutsche Sprache in Mannheim aufgehalten. Dies hatte - wie man sich denken kann - nachhaltige Auswirkungen auf ihr Deutschlandbild.

Die Zahl der Germanistik-Studenten an der KISU beläuft sich auf derzeit sechzig Hauptfachstudenten, die sich auf fünf Jahrgänge verteilen. Das Studium dauert zwar fünf Jahre, aber die Studenten werden oft zu außeruniversitären Verpflichtungen (Fahnenschwenken, Aufmärsche, Militärübungen, Pilgerfahrten zu Kim Jong Il-Gedenkstätten usw.) abgezogen und kommen erst nach Erfüllung der vorgeschriebenen Stundenzahl ins nächsthöhere Semester. Das hat zur Folge, dass sich das Studium faktisch über einen längeren Zeitraum als fünf Jahre erstreckt. So haben z. B. das vierte und fünfte Studienjahr ein ganzes Jahr im 1. Mai-Stadion verbracht, um für die Aufführung der Massengymnastik "Arirang" zu proben und dann fast vier Monate an der Aufführung mitzuwirken. Außerdem hat jeder Studienjahrgang seinen eigenen Semesterrhythmus, denn nicht alle Jahrgänge werden gleichzeitig und gleich lange zu Einsätzen abkommandiert. Zur Veranschaulichung die Situation in der Deutschabteilung Anfang September 2002: Das erste Jahr befand sich in einer dreiwöchigen Prüfungsphase, das zweite war im Ernteeinsatz, das dritte Jahr hatte regulär Unterricht, das vierte und fünfte hatten Ferien, um sich von "Arirang" zu erholen und das sechste machte ein Praktikum.

Es passiert auch, dass ich morgens in die Uni komme und es dann heißt: "Eine kleine Änderung, das erste Studienjahr ist heute nicht da, Sie haben Unterricht im dritten." Da die Deutschabteilung selbst erst in allerletzter Minute von solchen Änderungen erfährt, ist unter solchen Umständen Planungssicherheit nicht gegeben und als Folge ändert sich der Stundenplan beinahe jede Woche.

Im April wird jährlich ein neuer Studienjahrgang aufgenommen. Diejenigen, die sich um einen Studienplatz an der Deutschabteilung bewerben, werden neben den allgemeinen Fächern der Hochschulaufnahmeprüfung auch in Deutsch geprüft. Es werden nur Studenten zugelassen, die bereits über Grundkenntnisse des Deutschen verfügen. Sei es, dass sie Deutsch an der Fremdsprachenmittelschule gelernt haben, sei es, dass sie mit ihren Eltern für einige Jahre im deutschsprachigen Ausland waren. Nach meiner Einschätzung verfügt ca. ein Viertel der Studenten über eine near-native-competence, da sie einige Jahre in D, A oder CH zur Schule gegangen sind.

Das Curriculum umfasst Lehrveranstaltungen zu folgenden Bereichen: sprachpraktische übungen (Hörverstehen, Umgangssprache, übersetzen und Dolmetschen), Literaturwissenschaft, deutsche Geschichte, Linguistik. Der Schwerpunkt liegt dabei eindeutig auf dem sprachpraktischen Bereich. Das Studium wird mit einer etwa hundertseitigen Diplomarbeit (auf Koreanisch) abgeschlossen, die auf Deutsch mündlich verteidigt werden muss. Das Studium ist vollkommen verschult. Wahlmöglichkeiten existieren nicht und auch für die Lehrenden ist der Spielraum extrem eingeschränkt. Für jedes Semester sind Studieninhalte und -umfang genau festgelegt. Das bedeutet, dass für jede Unterrichtseinheit von 90 Minuten - ganz gleich, ob es sich um Vorlesungen, Seminare oder sprachpraktische Übungen handelt - vorgeschrieben ist, welche Themen und Inhalte durchgenommen werden müssen. Abweichungen sind nicht zulässig bzw. müssen von der Universitätsleitungen vorab genehmigt werden.

Das größte Hindernis für ein effizientes Studium ist der Mangel an Büchern. Wie mir versichert wurde, gibt es in der UB keine Publikationen zur Germanistik. Die Deutschabteilung besitzt zwar eine magere Bibliothek, sie ist jedoch den Studenten nicht zugänglich. Die Studenten verfügen weder über eine Grammatik des Deutschen noch über allgemeine Nachschlagewerke. Für einige Unterrichtsfächer erhalten sie von den Lehrern zusammengestellte und von der Uni vervielfältigte Textbücher, andere Unterrichtsfächer finden "buchfrei" statt. Die Möglichkeit, sich zu informieren und selbstständig etwas zu erarbeiten, besteht damit nicht. Ein großes Defizit besteht auch darin, dass das Unterrichtsmaterial, sofern überhaupt vorhanden, sich auf eine nicht mehr vorhandene Wirklichkeit (die DDR) bezieht und dass die vermittelte Sprache oft nicht der realen Sprachverwendung entspricht und zu vielen pragmatischen Fehlern verleitet.

Bei den Arbeitsgebieten der Germanistikdozenten dominieren sprachwissenschaftliche Themen wie Lexikologie (z. B. ein Neologismen-Wörterbuch), Phonologie (z. B. kontrastive Vergleiche dt. und kor. Phonemreihen) und Grammatik (Systemlinguistik, Sprachgeschichte). Ein Mauerblümchendasein führt die Literaturwissenschaft, welche unter dem Primat des Politischen steht. Die westdeutsche Nachkriegsliteratur ist so gut wie nicht rezipiert worden. Namen wie Grass oder Walser haben die Studenten noch nie gehört.

Ich möchte allerdings nicht mit einer negativen Bilanz schließen, denn es zeichnen sich sehr positive Entwicklungen ab. Manche der aufgeführten Defizite werden gesehen und man ist bestrebt, sie aufzuarbeiten. Insgesamt herrscht eine relative Offenheit gegenüber Neuem - als ein Signal dafür kann u. a. die Einrichtung des DAAD-Lektorats an der KISU gewertet werden. Zudem besteht ein ausgeprägtes Bedürfnis, Anschluss an den aktuellen Forschungsstand zu finden sowie den Unterricht inhaltlich und methodisch vorsichtig zu reformieren - soweit das die politischen Bedingungen zulassen. Und es besteht auch der ausdrückliche Wunsch, in einen Dialog mit südkoreanischen Fachkollegen zu kommen.


Copyright © 2002 by Bärbel Gutzat


DaF-Szene Korea Nr. 16

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