Kirstin Grönitz

"Wer wird Weltmeister, Herr Johannes B. Kerner?" - noch ein Bericht zur WM 2002.
Studenten der Jeju National-Universität besuchten im Juni das Deutsche Pressezentrum auf Jeju


Die WM ist längst vorbei und doch in den Köpfen vieler immer noch präsent - besonders für diejenigen von uns, die dieses Sportereignis in Korea live miterlebt haben. Einige WM-Ereignisse werden da zu prägenden Erfahrungen. Menschen aus aller Welt kamen auch zu uns auf die Insel Jeju. Die deutsche Nationalmannschaft hatte ihr Trainingslager hier aufgeschlagen und residierte im Hotel Paradise.

Dieser Umstand war hervorragend dafür geschaffen, den Germanistik-Studenten an der Jeju National- Universität das Thema "Fußball" der letzten Wochen ( u.a. "Was würden Sie von deutschen Besuchern auf Jeju wissen wollen?") praktisch näher zu bringen und Kontakt mit anderen Muttersprachlern zu verschaffen. Was lag näher, so dachte ich naiv wie ich war, als sich vor Ort um ein Interview mit den Fußballern zu bemühen. Leider kann man eben nicht einfach vor dem Hotel auf die Spieler warten und um einen Termin bitten. Selbst vom DFB und von der Hotelleitung war nicht viel über die Deutsche Fußballelf zu erfahren. Der Kulturreferent der Botschaft in Seoul bot an, meinen Wunsch an die entsprechenden Stellen weiter zu leiten. Tatsächlich erhielten wir dann eine Einladung im Juni; zwar keinen persönlichen Interviewtermin, aber immerhin die Möglichkeit an einer Pressekonferenz mit Spielern der Nationalmannschaft hier in Seogwipo teilnehmen zu können.

Wir - das sind sieben Studenten und Studentinnen des dritten Jahrgangs, ein Kameramann und ich - besuchten das Pressezentrum an einem Vormittag. Im Gepäck hatten wir eine Kamera, um diese -wirklich! - unvergesslichen Stunden zu dokumentieren.

Man muss sich das vorstellen - auf der Insel bin ich für die meisten Studenten die Einzige, die sie als Deutsche erleben. Hier im Pressezentrum, an diesem etwas chaotischen Ort, gab es fast nur Deutsche, hauptsächlich Sportjournalisten. Es waren alle deutschen TV bzw. Hörfunk- Sender vertreten, alles war auf Deutsch ausgeschildert. Wir waren alle beeindruckt: So macht man also Nachrichten! Wir kamen uns zu Beginn in dem Gewühl etwas verloren vor, aber die Leute waren doch sehr nett und hilfsbereit und interessiert, uns weiterzuhelfen.

Das Ergebnis sind immerhin neunzig Minuten Videoaufnahmen, die eine zwanzigminütige Pressekonferenz unter Anwesenheit des Bundestrainers Skibbe sowie der Spieler Klose und Bode und zwei Interviews, die die Studenten mit Sportjournalisten vor Ort durchführten, beinhalteten.

Es war höchst interessant, die Studenten zu beobachten. Als die Spieler den Saal betraten, gerieten die Studenten fast in Verzückung - so hautnah Bode und Klose erleben zu dürfen, damit hatte auch ich nicht gerechnet. Wir waren mittendrin - zwischen all den vielen Deutschen, aber auch anderen Sportreportern aus aller Welt. Es war auch wohl deshalb sehr aufregend, weil wir durch die Spiele in den Wochen zuvor, den Starrummel und das, was hier auf den Straßen bereits abging, entsprechend auf das WM-Fieber eingestimmt worden waren. Nun erlebten wir auch noch eines dieser Ereignisse live.

Wichtig war mir, dass die Studentinnen ihre Sprachkenntnisse vor Ort anwenden konnten. Wenn schon keine persönlichen Fragen an die Fußballspieler erlaubt waren, dann sollten Sie doch zumindest andere Deutsche nach der Konferenz interviewen können, z.B. Sportjournalisten:

Hans-Joachim Zwingmann von der dpa Hannover war freundlicherweise bereit, auch in seiner Funktion als Vizepräsident der Vereinigung der deutschen Sportjournalisten Rede und Antwort zu stehen. Ich war beeindruckt, wie gut die koreanischen Studenten das Gespräch führten.

Das Highlight war aber ein Interview mit Herrn Johannes B. Kerner - bekannter Talkmaster beim ZDF und einer der wohl beliebtesten deutschen Sportjournalisten. Seine spontane Bereitschaft, Rede und Antwort zu stehen, und seine lässige Art, auf Fragen einzugehen, aber auch selbst welche an die Studenten zu richten, war beeindruckend. Die Gesprächsatmosphäre war locker, obwohl die Studenten zunächst sehr nervös schienen. Auf eine der ersten Fragen, ob er Koreanisch sprechen könne, antwortete er: "Ehrlich gesagt fast nichts, außer "tae.han.min guk", was sie da immer beim Fußball rufen. Und sonst Guten Tag, Auf Wiedersehen und Danke, also für mich ist Deutsch deutlich einfacher, fragen Sie, was Sie möchten. Für mich ist Deutsch kein Problem!" Die Studenten waren begeistert. Er nahm ihnen schnell die Angst, weil er eben freundlich und witzig auf ihre Fragen reagierte. Hinzu kam sein positives, wenn wohl auch etwas klischeehaftes Bild von Jeju und Korea. "Ist ja hier so ein bisschen Koreanisch - Mallorca. Ja, das ist natürlich eine Insel, wo man merkt, dass die Leute...zum Urlaub hier sind, das ist schon eine entspannte Atmosphäre, das ist schon toll". Guus Hiddink wurde gelobt und natürlich Cha-Bum " Er ist sehr bekannt in Deutschland. Die Leute mögen ihn sehr gerne, weil er ein überragender Fußballer war und eben ein sehr zurückhaltender Mensch ist. Also sehr umgänglich, angenehm."

Aber nicht nur Fragen rund um den Fußball bestimmten das Gespräch. Gefragt wurde auch, ob man als Ausländer auch mit dem Essen zufrieden sei. Herr Kerner war so ehrlich und bemerkte, dass koreanische Küche nicht sein Fall sei. Was ihm im Vergleich zu Japan auffalle? "Mir gefällt es besser hier. Ich war vorher ehrlich zu Ihnen. Sie können also davon ausgehen, dass das in dem Fall auch stimmt. Ich finde es hier besser, die Leute in Korea sind ...nicht so devot wie in Japan, das kann einen fast schon nerven als Mitteleuropäer, dieses ständige Verbeugen. Hier sind die etwas normaler, was für uns eben normal heißt. ... Ich finde, hier ist die bessere Fußballweltmeisterschaftsstimmung. Also was da los ist. Mir hat Seoul ganz gut gefallen, obwohl ich wirklich nicht viel gesehen habe für zwei Tage. Aber so, wie die Leute so drauf sind. ...Wirklich, da gefällt mir Korea atmosphärisch besser. Und Jeju hier ist doch toll. Heiraten müsste man hier, wenn man's nicht schon wär". Wissen wollte man daraufhin, na klar, wie ihm Koreanerinnen gefielen. Das interessierte besonders die Frauen der Gruppe. In unserem Fragenkatalog, den wir im Unterricht erstellt hatten, kam diese Frage interessanterweise öfter vor. Herr Kerner entzog sich der Frage gekonnt (?) und ging glücklicherweise in dem Zusammenhang auf das Thema Sprachenlernen ein: "Wie mir Koreanerinnen gefallen? Ja, gut. Also ich finde sowieso... also die gefallen mir besser als die Koreaner. Nein... ich bin zu wenig in Kontakt, ehrlich gesagt, das hat damit zu tun, dass wir dieses Sprachproblem haben. Jetzt ist das hier anders, weil Sie alle gut Deutsch sprechen und das gut verstehen und auch wirklich gut sprechen. Oftmals gibt es ja eine Sprachbarriere. Viele, also erstaunlich wenige sprechen hier Englisch. ... Selbst in dem internationalen Hotel Lotte wird relativ wenig gesprochen, aber nur wenige trauen sich zu sprechen oder können es nicht... Das erstaunt mich, weil ich glaube, für eine moderne Nation ist natürlich gerade die Sprachenvielfalt und die Sicherheit in fremden Sprachen das A und O. Das ist das Wichtigste was es gibt, das ist das höchste Gut, dass man sich verständigen kann." Ich war ihm sehr dankbar für seine indirekte Werbung. Die Gruppe strahlte, als sie so gelobt und der Sinn des Fremdsprachenlernens noch einmal von ihm verdeutlicht wurde.

Herr Kerner dazu: "Ja, also das ist doch so. ... Sprachenvielfalt, das ist die beste Investition, unabhängig davon, ob Sie Betriebswirtschaft oder ein Philologisches Studium machen..., wenn Sie Sprachen sprechen können, haben Sie die halbe Miete. Sie sprechen Koreanisch und Sie sprechen vielleicht Englisch und noch Deutsch dazu, ...das ist perfekt. Das ist meine Erfahrung. Das ist das Beste, was es gibt, dass man liest in der anderen Sprache. Lesen Sie deutsche Bücher. Versuchen Sie es mal im Internet, lesen Sie dort deutsche Zeitungen, Süddeutsche im Internet oder FAZ oder meinetwegen Bild-Zeitung".

Als eine Studentin bemerkte, dass in Korea Fremdsprachen wie Japanisch und Chinesisch zunehmend nachgefragt würden, meinte er: "Das stimmt schon. Trotzdem ist es schön (Deutsch zu lernen). Und es ist ja auch eine große Kultur dahinter, die einen ja ganz unabhängig von den späteren Verdienstmöglichkeiten im Berufsleben auch vom Kopf her weiterbringen kann. ... Da gibt es ja die deutsche Kultur, die deutschen Philosophen und Maler, Komponisten. Die letzten 300- 400 Jahre waren da schon besonders in Deutschland. Und viele Philosophen in der Welt beziehen und berufen sich auf große deutsche Denker. ... Insofern ist es schon ein besonderer Reiz solche Dinge dann möglicherweise im Original zu lesen."

Für mich völlig unerwartet, haben die Studenten bei diesem Interview neben ihrer ersten Konversationserfahrung, zusätzlich Hinweise erhalten, warum es Sinn machen kann Sprachen zu studieren. Auch wenn sie nicht unbedingt von autorisierter Stelle kamen, so unterstützte der "VIP-Bonus" des Interviewpartners sicherlich die Aussagekraft. Wie der Zufall es wollte, trafen wir in einem der Studios außerdem auf eine ehemalige Germanistik-Studentin der Uni, die mittlerweile in Bonn studiert und aufgrund ihrer Sprachkenntnisse für den Sender Premiere in Teilzeit arbeitet. Ich kann mir vorstellen, dass diese Erlebnisse ein wichtiger Motivationsschub für das weitere Studium sein werden. Von daher war der Besuch der Pressekonferenz eine gelungene Exkursion in die Praxis.

Ich muss zugeben, dass selbst ich erstaunt war, welche "Höchstleistungen" die sonst eher zurückhaltenden Koreaner bei den Interviews brachten. Es war für die meisten der Studenten die erste Gelegenheit, ihre Sprachkenntnisse in einer authentischen Situation anzuwenden. Den Test haben sie auf alle Fälle erfolgreich bestanden. Für sie war Deutsch ebenfalls kein Problem.

Es bleibt noch nachzutragen, dass die Ergebnisse des Besuches des Pressezentrums Anlass für ein Unterrichtsprojekt waren. Die Transkriptionen der Interviews vom Videoband wurden in Auszügen von den Studenten ins Koreanische übersetzt. Zwei Stellwände mit Informationen zur WM, Fotos des Besuchs und schriftliche Auszüge der Interviews dienten als Teil einer Ausstellung für das Abteilungsfest zu Beginn des Wintersemesters. Die Ausstellung wurde visuell und akustisch vom Video untermalt, dass wir damals bei der Pressekonferenz aufgenommen haben.


Copyright © 2002 by Kirstin Grönitz


DaF-Szene Korea Nr. 16

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