(Wehmir, Dragon, Godot, ein Junge)
Am nächsten Tag, an derselben Stelle, früher Morgen. Wehmir und Dragon sitzen auf dem kleinen Hügel wie zuvor, in der Nähe des Baumes. Auf einmal erscheint Godot von der rechten Seite, schweigend von einem Jungen geführt, der einen Rucksack trägt. Wehmir und Dragon sehen sehr überrascht aus.
WEHMIR: (erstaunt) Sie sind also wieder da!
GODOT: Meinst du?
DRAGON: (ebenso) Ich freue
mich, Sie wiederzusehen. Ich dachte, Sie wären für immer weg. Wie
sollen wir
dies Wiedersehen feiern? Lassen Sie sich umarmen. Er streckt seine Hände
aus.
GODOT: gereizt: Nicht hier, nicht jetzt.
DRAGON: gekränkt, kühl: Darf man fragen, wo der Herr gewesen ist?
GODOT: Rundherum.
Schweigen
WEHMIR: Auf jeden Fall kommt er von der anderen Seite als der, von der er weggegangen bist.
DRAGON: Und die Erde ist bekanntlich rund.
GODOT: Eben. Und ich bin der Beweis.
WEHMIR: Aber nur Beweis für Sie selbst. Woher sollen wir wissen, dass Sie ganz
herumgegangen
sind? Sollen wir das wieder glauben?
GODOT: Okay. Dieses Mal geht ihr und ich warte hier.
DRAGON: Wo sind meine Stiefel? Sieht sich suchend nach seinen Stiefeln um.
WEHMIR: (zu Dragon) Bist du sicher, dass du gehen willst? Ich habe mich an diesen Platz hier
gewöhnt, und
sich auf so einen langen Weg zu machen ist immer gefährlich. Wir
könnten uns
verirren und nie mehr hierher zurück finden. Meinst du wirklich, es ist wahr?
Das müssen wir auch glauben.
GODOT: Irgend etwas muss man glauben.
WEHMIR: zu Dragon: Glaubst du das?
DRAGON: Wissen wäre mir lieber.
JUNGE: Kann ich jetzt gehen?
GODOT: Du kannst diesen beiden ein bisschen den Weg zeigen. Zumindest ein Stückchen.
DRAGON: Also gut, gehen wir. Ich wusste doch, dass ich die Stiefel noch einmal brauche.
WEHMIR: Gehen wir!
GODOT: Wir können uns ja hier wieder treffen. Merkt euch den Baum.
WEHMIR: (zu Godot) Wenn Sie
die Geduld verlieren können Sie vielleicht diesen Strick
gebrauchen. Wenn Sie
die Verzweiflung überkommt sozusagen.
DRAGON: Glaube ich nicht.
Er glaubt doch an sich selbst. Er hat es sich bewiesen. Warum sollte
er sich selbst belügen?
Uns vielleicht, aber sich selbst?
WEHMIR: Wenn wir wieder zurück sind werden wir wissen, ob er gelogen hat.
DRAGON: Vielleicht binden wir einen
Faden an den Baum. Dann finden wir bestimmt wieder
zurück.
WEHMIR: So lange Fäden gibt es nicht.
DRAGON: Dann nehmen wir wenigstens ein Blatt von dem Baum mit.
WEHMIR: Es gibt so viele Bäume mit diesen Blättern. Das ist auch nicht sicher.
DRAGON: Aber wenn Herr Godot so
freundlich ist, hier zu warten, dann werden wir bestimmt
wissen, wenn wir wieder
an derselben Stelle sind. Wir haben ja auch auf ihn gewartet.
WEHMIR: (zu Godot): Werden Sie auch auf uns warten?
GODOT: Ich sagte doch, irgend etwas muss man glauben.
DRAGON: Wir möchten aber gerne wissen und nicht mehr glauben.
GODOT: Dann macht euch endlich auf den Weg.
WEHMR: Frisch gewagt ist halb gewonnen.
DRAGON: Der Anfang ist die Hälfte des Ganzen.
GODOT: Wer nicht wagt, der nicht gewinnt.
DRAGON: Und wie alle die Sprüchlein heißen.
WEHMIR: Also gehen wir. Wir warten nicht mehr, auf uns wird gewartet.
DRAGON: Herr Godot wartet auf uns.
WEHMIR: fängt wieder an zu singen:
Ein Hund kam in die Küche
Und stahl dem
Koch ein Ei.
Da nahm der Koch den Löffel
Und schlug den
Hund zu Brei...
Singend verschwindet Wehmir von der Bühne, Dragon folgt ihm zögernd. Godot bleibt alleine zurück.
(Godot)
Mittag. Godot steht auf dem Hügel und blickt abwechselnd nach der einen und anderen Seite der Bühne.
GODOT:
Leere. Ruhe. Endlich bin ich sie wieder los. Endlich bin ich allein und für mich selbst.
Wie lange war ich weg? Für sie dauert es wahrscheinlich mindestens
genauso lange.
Genug Zeit.
Er setzt sich im Lotussitz unter dem Baum
nieder.
Sonnenuntergang. Godot steht auf, streckt sich, nimmt schließlich seinen Rucksack über die Schulter und bewegt sich langsam über die Bühne.
GODOT:
Ausgeruht. Aber bis zur ewigen Ruhe ist es noch ein
bisschen Zeit. Immer Sitzen
macht die Knochen steif. Sich bewegen ist gesund. Der Mittlere Weg ist der beste
Weg. Ich dreh' auch noch mal 'ne Runde.
Er fängt an zu singen und zu tanzen und bewegt sich langsam von der Bühne, die schließlich leer bleibt.
Es wird dunkel.
Copyright © 2002 by Michael Skowron