Von Samuel Beckett, mehr und weniger frei bearbeitet von Michael Skowron
Personen: Dragon, Wehmir, Godot, ein Junge.
(Wehmir, Dragon)
Landstraße. Ein Baum. Abend.
Dragon sitzt auf einem kleinen Hügel und versucht, seinen Schuh auszuziehen. Er braucht beide Hände dazu und stöhnt dabei. Erschöpft gibt er den Versuch auf, erholt sich schnaubend und versucht es von neuem. Das Spiel wiederholt sich. Wehmir tritt auf.
DRAGON: gibt es wieder auf: Nichts zu machen.
WEHMIR: nähert sich auf
gespreizten Beinen, mit kurzen, steifen Schritten:
Ich komme auch bald zu dem Schluss.
Er
bleibt stehen.
Mein
ganzes Leben habe ich mich gegen den Gedanken gewehrt.
Ich sagte mir: Wehmir, sei vernünftig,
du hast noch nicht alles versucht. Und ich nahm
den Kampf wieder auf. Er
verharrt bei dem Gedanken an den Kampf. Zu Dragon: Du bist
also wieder da!
DRAGON: Bin ich?
WEHMIR: Schön, dich wiederzusehen. Ich dachte, du wärst für immer weg.
DRAGON: Ich auch.
WEHMIR: Endlich wieder
vereint. Das müssen wir feiern! Aber wie? Er überlegt.
Steh auf, lass dich umarmen!
DRAGON: gereizt: Nicht jetzt. Nicht hier!
WEHMIR: gekränkt, kühl: Darf man fragen, wo der Herr die Nacht verbracht hat?
DRAGON: Im Graben.
WEHMIR: bewundernd: Im Graben! Wo?
DRAGON: ohne Geste: Da hinten.
Schweigen
WEHMIR: Was machst du denn da?
DRAGON: Ich ziehe die Schuhe aus. Ist dir wohl noch nie passiert?
WEHMIR: Schuhe muss man
jeden Tag ausziehen, das habe ich dir schon hundert mal gesagt.
Warum hörst du
nie auf mich?
DRAGON: mit schwacher Stimme: Hilf mir doch!
WEHMIR: Tut's weh?
DRAGON: Weh! Er will wissen, ob es weh tut!
WEHMIR: ärgerlich:
Niemand leidet außer dir. Ich zähle ja nicht. Ich möchte dich einmal hören,
wenn du an meiner Stelle wärst.
DRAGON: Tut's weh?
WEHMIR: Weh! Er fragt mich, ob es weh tut! Heiss ich denn nicht Wehmir?
DRAGON: zeigt: Das ist kein Grund, die Hose offen zu lassen.
WEHMIR: beugt sich nach
vorn: Du hast Recht. Er knöpft die Hose zu. Man soll nie die
Kleinigkeiten des Lebens vernachlässigen.
DRAGON: Was soll ich dazu sagen? Du wartest doch immer bis zum letzten Moment.
WEHMIR: träumerisch:
Der letzte Moment. Das Ende.... Er meditiert.
Was lange währt wird endlich gut. Oder Ende gut, alles gut. Wer hat das noch gesagt?
DRAGON: Willst du mir nicht lieber helfen?
WEHMIR: Manchmal sag ich
mir, es kommt ganz von allein. Dann fühl ich mich ganz komisch. Er
nimmt
seinen Hut ab, schaut hinein, steckt seine Hand hinein, schüttelt ihn aus und
setzt ihn wieder auf. Wie soll ich sagen? Erleichtert und zugleich ... Er
sucht nach dem
passenden Wort erschrocken. Emphatisch. Er-schrocken.
Er nimmt seinen Hut wieder
ab und schaut hinein. Lustig! Er schlägt
auf den Hut, als wolle er etwas daraus
entfernen, schaut wieder hinein und setzt
in wieder auf. Nichts zu machen.
Dragon gelingt es inzwischen unter größten Anstrengungen endlich seinen Schuh auszuziehen. Er schaut hinein, steckt seine Hand hinein, dreht den Schuh um, schüttelt ihn aus, sucht, ob nicht etwas auf die Erde gefallen ist, findet nichts, steckt seine Hand noch mal in den Schuh, indem er wie abwesend vor sich hinblickt. Und?
DRAGON: Nichts.
WEHMIR: Zeig. Lass sehen!
DRAGON: Es gibt nichts zu sehen.
WEHMIR: Versuch, ihn wieder anzuziehen.
DRAGON: seinen Fuß untersuchend: Ich lass ihn ein bisschen an der frischen Luft.
WEHMIR: So ist der Mensch.
Er schiebt die Schuld auf die Stiefel und dabei sind es seine eigenen
Füße.
Er nimmt seinen Hut wieder ab, schaut hinein, steckt seine Hand hinein,
schüttelt ihn aus, schlägt darauf, bläst hinein und setzt ihn wieder auf.
Jetzt wird's Ernst.
Schweigen. Dragon dreht seinen Fuß hin und her und bewegt die Zehen, damit sie
besser auslüften können.
Einer von den Dieben wurde
erlöst. Pause. Das ist ein guter Prozentsatz. Pause. Hast
du die
Bibel gelesen?
DRAGON: Die Bibel... Er denkt nach. Ich muss wohl mal reingeguckt haben.
WEHMIR: Erinnerst du dich an die Evangelien?
DRAGON: Ich erinnere mich an die Karten vom Heiligen Land. Bunte Karten. Sehr schön. Das Tote
Meer war
blass blau. Wenn ich nur hinguckte, hatte ich schon Durst. Ich sagte mir, da
werden wir unsere Flitterwochen verbringen. Wir werden schwimmen. Wir werden
glücklich sein.
WEHMIR: Du hättest Dichter werden sollen.
DRAGON: War ich doch. Er zeigt auf seine Lumpen. Sieht man das nicht?
WEHMIR: Erinnerst du dich an die Geschichte von den beiden Dieben?
DRAGON: Nein.
WEHMIR: Soll ich sie dir erzählen?
DRAGON: Nein.
WEHMIR: Nur zum Zeitvertreib. Pause. Es waren zwei Diebe., die zusammen mit unserem
Erlöser
gekreuzigt wurden. Man ...
DRAGON: Unserem was?
WEHMIR: Unserem Erlöser. Zwei Diebe. Man sagt, der eine sei erlöst worden und der andere ... er
sucht
nach dem Gegenteil von erlöst ... verdammt.
DRAGON: Erlöst wovon?
WEHMIR: Von der Hölle.
DRAGON: Ich gehe. Er rührt sich nicht.
WEHMIR: Und doch ...
Pause. Wie ist es möglich, dass ... ich langweile dich hoffentlich nicht ...
wie ist es möglich, dass nur einer von den vier Evangelisten die Geschichte so
darstellt?
Sie waren doch alle vier dabei - oder jedenfalls nicht weit weg. Und
nur einer spricht von
einem erlösten Dieb.
Pause. Hör mal, Gogo, du musst mir von Zeit zu Zeit auch mal den Ball
zuspielen.
DRAGON: mit übertriebenem Enthusiasmus: Ich finde das alles wirklich ganz
außerordentlich
interessant.
WEHMIR: Einer von Vieren.
Von den drei anderen sagen zwei gar nichts darüber, und der Dritte
sagt, dass
beide ihn beschimpft hätten.
DRAGON: Wen?
WEHMIR: Was?
DRAGON: Worum geht es überhaupt? Wen hätten sie beschimpft?
WEHMIR: Den Erlöser.
DRAGON: Warum?
WEHMIR: Weil er sie nicht erlösen wollte.
DRAGON: Von der Hölle?
WEHMIR: Quatsch! Vom Tod.
DRAGON: Ich dachte, du sagtest Hölle.
WEHMIR: Vom Tod, vom Tod.
DRAGON Ich dachte, der Tod sei die Erlösung.
WEHMIR Wovon?
DRAGON Vom Leben natürlich.
WEHMIR In diesem Fall ist aber die Erlösung vom Tod gemeint.
DRAGON: Also gut. Na, und?
WEHMIR: Sie müssen also beide verdammt worden sein.
DRAGON: Und warum nicht?
WEHMIR: Der eine von den vieren sagt doch, einer sei erlöst worden.
DRAGON: Na und? Sie sind sich nicht einig, das ist alles.
WEHMIR: Aber alle vier waren dabei. Und nur einer spricht von einem erlösten Dieb. Warum soll
man ihm
mehr glauben als den anderen?
DRAGON: Wer glaubt ihm?
WEHMIR: Alle. Es ist die einzige Version, die bekannt ist.
DRAGON: Die Leute sind eben ignorante Affen.
Er steht mühsam auf, geht hinkend zur linken Kulisse, bleibt stehen, schaut in die Ferne und schirmt dabei mit der Hand die Augen ab, dreht sich um, geht zur rechten Kulisse und blickt wieder in die Ferne. Wehmir schaut ihm nach. Dann geht er ein paar Schritte, um den Schuh aufzuheben, er schaut hinein und lässt ihn schnell wieder fallen.
WEHMIR: Bah! Er spuckt.
Dragon kehrt zur Mitte der Bühne zurück und schaut nach hinten.
DRAGON: Schönes Plätzchen.Er dreht sich um, geht bis zur Rampe, blickt ins Publikum. Heitere
Aussichten. Zu Wehmir: Komm, gehen wir.
WEHMIR: Wir können nicht.
DRAGON: Warum nicht?
WEHMIR: Wir warten auf Godot.
DRAGON: verzweifelt: Ach ja! Pause. Bist du sicher, dass es hier war?
WEHMIR: Was?
DRAGON: Wo wir warten sollen.
WEHMIR: Er sagte, bei dem Baum. Sie betrachten den Baum. Siehst du sonst noch Bäume?
DRAGON: Was ist das für einer?
WEHMIR: Keine Ahnung. Eine Trauerweide vielleicht.
DRAGON: Wo sind die Blätter?
WEHMIR: Wahrscheinlich ist er tot.
DRAGON: Tot? Godot tot? Das hört sich an wie Gott tot.
WEHMIR: Nicht Godot. Der Baum ist wahrscheinlich tot. Ausgetrauert!
DRAGON: Und wenn Godot tatsächlich auch tot ist? Was machen wir dann?
WEHMIR: Wann soll er denn gestorben sein? Und woran?
DRAGON: Sollen wir uns dann freuen oder traurig sein.
WEHMIR: Jedenfalls hätte dann das Warten ein Ende.
DRAGON: Ausgewartet!
WEHMIR: Vielleicht ist es nicht die richtige Zeit für Bäume.
DRAGON: Mir sieht es eher wie ein Busch aus.
WEHMIR: Ein Strauch!
DRAGON: Ein Busch!
WEHMIR: Ein - er besinnt sich. Was willst du damit sagen? Dass wir am falschen Platz sind?
DRAGON: Es müsste eigentlich hier sein.
WEHMIR: Er hat nicht fest zugesagt, dass er kommt.
DRAGON: Und wenn er nicht kommt?
WEHMIR: Dann kommen wir morgen wieder.
DRAGON: Und dann übermorgen.
WEHMIR: Möglich.
DRAGON: Und so weiter.
WEHMIR: Das heißt...
DRAGON: Bis er kommt.
WEHMIR: Du bist wirklich ganz schön stur.
Copyright © 2002 by Michael Skowron