Anna Choi

Young-San Sung-Ji Oberschule - eine Alternative zu den herkömmlichen Oberschulen


In der Zeitung "The Korea Herald", einer englischsprachigen Zeitung in Korea, las ich einen Artikel, den weiter zu verfolgen vielversprechend erschien: "Special school taps creative strategies to relieve classroom boredom". In den koreanischen Schulen steigt die Zahl der Schüler, die die Schule abbrechen. 70.000 Schüler pro Jahr brechen ab, weil sie den Druck und den Zwang dort nicht mehr ertragen können. Die Young-San Sung-Ji ist eine alternative Schule, die es sich zur Aufgabe gestellt hat, eine andere Art von Unterricht zu fördern. Durch die neue Form der Ausbildung, wie sie hier praktiziert wird, sollen das Interesse an Bildung und die Neigungen der Schüler gefördert werden.

Ich beschloss spontan, mich mit dem Verfasser des Artikels in Verbindung zu setzen, um die genaue Adresse zu erfahren. Der Leiter der Schule war sofort bereit, mir eine Besichtigung zu erlauben. Ich fuhr also in die Provinz Cholla-namdo, wurde dort am Busbahnhof abgeholt, und wir fuhren sehr weit aufs Land hinaus, bis wir endlich ankamen. Ich sah ein paar Gebäude, ringsherum jedoch nur weite Felder und Berge. Das war also die Young-San Sung-Ji Oberschule.

In der Süd-Cholla Provinz ist die Young-San Sung-Ji Schule die einzige ihrer Art. Sie existiert seit Mitte der 80er Jahre. Geleitet wird diese Schule von einer buddhistischen Gemeinde, die das Land und Gelder zur Verfügung gestellt hatte. Erst seit 1998 wird die Schule auch zusätzlich noch von der Regierung unterstützt, weswegen sie dann ihr Curriculum etwas verändern musste, um den Bestimmungen zu entsprechen. Das Gelände, das zur Schule gehört, ist ca. 8000 qm groß. Die Hälfte des Landes wird bewirtschaftet. Man hält hier Hühner, Schweine und Kühe und baut auch landwirtschaftliche Produkte an.

Es war wohltuend ruhig. Da es schon Mittag war, gingen wir zuerst in die Kantine der Schule, um zu essen. Die Schüler machten einen entspannten Eindruck. Sie liefen in Jeans und T-Shirts herum, und viele hatten rot- oder blondgefärbte Haare. Nach dem Essen wurde gemeinsam aufgeräumt, so wie auch vorher das Essen von den Schülern gemeinsam ausgegeben wurde. Danach ging es in die Schulräume: Statt der üblichen Zahl von 50 Schülern findet man hier ca. 10 bis 20 Schüler pro Klasse. Sogar für deutsche Verhältnisse sind die Gruppen klein, und die Atmosphäre ist sehr entspannt. Die Schüler legten teilweise den Kopf halb auf dem Tisch und hörten in dieser Haltung den Ausführungen des Lehrers zu.

Die Klassen sind nicht nach Jahrgängen aufgeteilt, sondern nach Interessensschwerpunkten. So finden sich auch Fächer wie Kunst, Töpfern, Bildhauen und traditionelle koreanische Musik. Da der Schwerpunkt auf der Entwicklung der eigenen Persönlichkeit, Individualität und Kreativität liegt, kann man sich aus einer Fülle von Fächern einen individuellen Stundenplan zusammenstellen. Da Praxisnähe und Naturbezogenheit als wichtig angesehen werden, gehen die Schüler mit den Lehrern in die freie Natur und erleben Biologie hautnah. Zwei Stunden pro Woche leisten die Schüler Landarbeit. Die Lehrer fahren einmal in der Woche in die Stadt und verkaufen die Ernte. Auf die Frage, ob die Schüler nicht das Nachtleben oder das Ausgehen vermissen würden, antwortete ein Lehrer mit einer Geste auf ein Gebäude hin. Es gebe dort alles Nötige, so etwa eine Billardhalle und eine Spielhalle.

Viele Schüler kommen aus zerbrochenen Familien, aber es gibt auch Schüler, die einfach eine andere Art des Lernens suchen. Schulen wie diese werden immer beliebter. Früher hatten sie eher den Ruf von Sonderschulen, aber zunehmend sehen auch Eltern, dass eine andere Art des Lernens wünschenswert ist. Unter den Schülern gibt es erhebliche Altersunterschiede. Das Extrembeispiel ist ein 30jähriger ohne jegliche Bildung, der sich schämte, keinen Abschluss zu haben. Also beschloss er, seinen Abschluss nachzuholen und auf diese Schule zu gehen. Auch die Anzahl der Jahre, die man hier bleibt, ist unterschiedlich. So gibt es einen Schüler, der das Studentenalter schon längst erreicht hat, sich aber noch nicht reif genug dazu fühlt, auf die Universität zu gehen.

Bewerbungen werden das ganze Jahr über angenommen. Die Schüler werden durch Gespräche und einige Tests ausgewählt. Da es mehr Bewerber als Plätze gibt, ist die Auswahl nicht einfach. Die Schulgebühren betragen 205,000 Won pro Monat. Da sich einige Familien diese Kosten nicht leisten können, vergibt die Schule auch Stipendien.

Man braucht viel Idealismus, um hier zu arbeiten, denn die Lehrer leben zusammen mit den Schülern in einem Apartment wie in einer Familie zusammen. Neun Schüler teilen sich drei Schlafräume und der Lehrer hat den vierten. Wenn die Lehrer eigene Familien haben, können diese auch auf dem Gelände leben, aber in einem separaten Gebäude. Die Zimmer wirken eher wie Privatwohnungen. Jeden Abend gibt es Gruppentreffen, um die Arbeitseinteilung zu organisieren, Beschwerden zu äußern etc. Jeder Schüler hat einen eigenen Supervisor, der ihn berät. In den Ferien gehen die Schüler nach Hause oder arbeiten in Sozialeinrichtungen. Für die, die auch während der Ferien in der Schule bleiben wollen, gibt es einige Lehrer, die ebenfalls bleiben. Die Lehrer sind hier also 24 Stunden am Tag und 12 Monate im Jahr Lehrer. Viele kamen hierher, weil sie genau wie die Schüler enttäuscht vom herkömmlichen rigiden Schulsystem waren. Zu Anfang, als es noch keine staatliche Unterstützung gab, arbeiteten sie sogar unentgeltlich. Erst seit einiger Zeit finden solche Schulen Unterstützung von Seiten der Regierung. Aber seit einigen Jahren hat auch die Regierung erkannt, dass das herkömmliche Schulsystem einer Veränderung bedarf. In der Gesellschaft erfahren diese Schulen immer mehr Anerkennung.

Einige Universitäten haben sich bereit erklärt, Schüler auf Empfehlungen der Lehrer hin aufzunehmen. Da diese im allgemeinen motivierter sind, können sie am Ende oft bessere Abschlüsse vorweisen als Schüler von anderen Schulen. Es gibt aber noch immer das Problem, dass die renommierten Universitäten die Universitätseintrittsprüfung verlangen. Diese zu bestehen, ist für Schüler alternativer Schulen schwer, da sie nach einem ganz anderen Curriculum gelernt haben. Insgesamt sind solche Schulen aber eine willkommene Alternative und können hoffentlich zu einer allgemeinen Veränderung des Schulsystems beitragen.


Copyright © 2002 by Anna Choi


DaF-Szene Korea Nr. 16

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