Wir schreiben das Jahr 2002, und im September gibt es die nächste Bundestagswahl. Doch was wurde aus der mit Fanfaren angekündigten "Integration" ausländischer Mitbürger in unsere Alltagswirklichkeit? Was wurde aus der Umstrukturierung staatlich geförderter Sprachkurse, die seit Inkrafttreten der Gesetzesänderung zum Erwerb der deutschen Staatsbürgerschaft unablässig diskutiert wird?
Als Mitte Dezember der Mainzer Sprachverband Deutsch e.V. in Berlin "das deutsche Konzept" zum Stand der Sprachausbildung für Zuwanderer vorstellte, war schnell klar, dass es ein solches überhaupt nicht gibt. Das Stocken des Zuwanderungsgesetzes aufgrund einer Debatte, die seit Jahrzehnten gezielt Fremdenfeindlichkeit schürt und jede Neuzuwanderung in Deutschland zum Politikum stempelt, verhindert, dass die hiesige Sprachausbildung für MigrantInnen voran kommt. Verglichen mit Schweden oder den Niederlanden, wo es längst angelaufene Regierungsprogramme, rasche parlamentarische Abwicklung und schon erste Resultate gibt, wirkt das bundesdeutsche Gezeter um die "Ausländerproblematik" geradezu lächerlich. Gemessen an der von deutschen Politikern immer wieder mit Pathos beschworenen "Einigung Europas" mutet das noch immer aktuelle Konzept des Sprachunterrichts für ausländische Mitbürger vorsintflutlich an.
Das Verfahren gestaltet sich in Theorie und Praxis wie folgt. Asylberechtigte, Kontingentflüchtlinge und Spätaussiedler, die z.Zt. die Kerngruppe derjenigen bilden, die Anrecht auf einen staatlich geförderten Sprachkurs haben, werden vom Arbeitsamt an private Sprachinstitute verwiesen. Letztere sind zu einer wöchentlichen Unterrichtsleistung von 40 Stunden á 45 Minuten verpflichtet; die Laufzeit im Ganzen beträgt 6 Monate. Die Kursstärke darf 22 Teilnehmer nicht übersteigen. Weiter gehende didaktische und methodische Vorgaben, eine einheitliche Prüfungsordnung oder Zertifikate, die den Schülern nach Ablauf dieser Zeit den Einstieg ins soziale und berufliche Umfeld erleichterten, sind nicht vorgesehen. Ebenso wenig eine sozialpädagogische Betreuung. Kurz: Die Beamten "hauen" ihren Stempel auf den Laufzettel und sind froh, dass sie ihre "Schützlinge" für 6 Monate in einer "Maßnahme" untergebracht wissen, bevor diese wieder Flure und Wartezimmer bevölkern. Die Privatschulen streichen das Schulgeld ein und sind ebenfalls zufrieden. Die Lerner hingegen können sich auch nach 6 Monaten nur schwer artikulieren, und was "persönliche Rechte" sind, wissen die wenigsten in ihrer Muttersprache.
Ein Zauberwort im Zusammenhang mit dem Zuwanderungsgesetzentwurfs ist "Integration". Leider findet eine solche bis dato nicht statt. In der Bundesrepublik Deutschland lebt der Großteil ausländischer Mitbürger nicht nur sprachlich, sondern auch faktisch isoliert. Es gibt viele Beispiele nahezu autarker Ghettos in den Ballungszentren. Eine Erklärung hierfür liefern soziale, ökonomische und kulturelle Tatbestände, die im Lauf der Neunziger in zahllosen Studien heraus gearbeitet wurden und im Juli 2001 im Bericht der "Süßmuth-Kommission" ihren Niederschlag fanden. Seither ist der Ruf nach mehr integrativen Angeboten für Zuwanderer, deren erster Schritt ein "maßgeschneiderter" und geförderter Sprachkurs sein soll, stärker geworden - doch ohne greifbares Ergebnis! Lediglich der bürokratische überbau wurde jüngst durch die geplante Einrichtung eines "Bundesamts für Migration" ins Maximale gesteigert, was im Kontrast zu den oben skizzierten Gegebenheiten in der Praxis absurd wirkt.
Ob der Mainzer Sprachverband, der 1999 von der Bundesregierung mit einer konzeptuellen Gestaltung des Integrationskurses Deutsch beauftragt worden war, mit Bekanntgabe dieser Planung überhaupt "noch im Boot" sei, wusste dessen Referentin im Dezember selbst nicht. Ihre Kontaktaufnahme zum Ministerium sei diesbezüglich gescheitert und auf der Webseite der Bundesregierung habe sie nur auf Informationen zurückgreifen können, die schon lange im Umlauf seien. Im Land der Lippenbekenntnisse weiß somit die rechte Hand wieder einmal nicht, was die linke tut. Auch wenn man die guten Ansätze des Gesetzesentwurfs und die Folgen des 11. Septembers 2001 in Rechnung stellt, ist unentschuldbar, dass die Zuwanderung im vierten Jahr der Legislaturperiode immer noch auf Eis liegt. Es ist klar, dass die Regierung - nicht zu Unrecht! - für den kommenden Wahlkampf eine ideologische Schlammschlacht befürchtet, wie sie von der Opposition schon des öfteren initiiert wurde. Derlei würde nicht nur dem Ansehen Deutschlands im Ausland schaden, sondern auch die nach der SPD/PDS-Koalition in Berlin ohnehin wankelmütige Wählerschaft verunsichern. Es wäre an der Zeit letztere wissen zu lassen, dass eine geglückte Integrationspolitik nicht nur den Zuwanderern, sondern dem Geldbeutel jedes Steuerzahlers zugute käme, der noch immer für wenig effektive "Maßnahmen" zur Kasse gebeten wird.
Das "Europäische Jahr der Sprachen 2001" ist in Deutschland dennoch nicht ganz ergebnislos verstrichen. über eins herrscht in Fachgremien nämlich Einigkeit: Für ein zukünftiges Modell integrativer Sprachkurse mit entsprechendem Landeskundeanteil muss vor allem die Ausbildung der Lehrkräfte verbessert werden. Hierzu ist wichtig zu wissen, dass im Fach "Deutsch als Fremdsprache" häufig derjenige unterrichtet, der als Germanist, Linguist oder Philosoph mit Magisterabschluss nichts "Richtiges" vorhatte. Nur vereinzelt gibt es "echte" DeutschlehrerInnen mit Staatsexamen, die aus Zeiten der Lehrerschwemme "hängen geblieben" sind. Während das Lehramt an einer allgemeinbildenden Schule in seinen Voraussetzungen bis zur Schikane reglementiert ist, fehlt es beim "DaF"-Lehrer tatsächlich an einfachsten Richtlinien. Ausländern Deutsch "beibringen" darf im Grunde jeder und sogar ein Aufbaustudiengang "Deutsch als Fremdsprache", wie er etwa als Fernstudium z.B. vom Goethe-Institut angeboten wird, ist nicht zwingend vonnöten. Zum anderen bekommt nur derjenige eine Chance an einer Sprachenschule zu arbeiten, der mindestens ein Jahr Berufserfahrung vorweisen kann. Für den "Anfänger" entsteht so eine paradoxe Situation, die nicht selten den Umweg über das Unterrichten im Ausland erforderlich macht.
Weiterhin fällt seit Jahrzehnten unter den Tisch, was "DaF"-Lehrer an Privatschulen im Vergleich zu ihren verbeamteten Kollegen leisten und worauf sie allenthalben verzichten müssen. So hangeln sich die Meisten von einem Honorarvertrag zum nächsten, da die Sprachenschulen angesichts des Überangebots an Kräften auf Festanstellungen nicht angewiesen sind und arbeiten für Niedriglöhne von 10 bis 15 Euro pro Stunde, die im akademischen Sektor beispiellos sind. Dass viele bis zu 40 Stunden pro Woche unterrichten, um lediglich überleben zu können, darf man getrost als gesundheitsschädlich bezeichnen. Was unter dem Begriff "Burnout" subsumiert wird, meint oft nichts anderes als Depression und Alkoholismus. "DaF"-Lehrer unterrichten doppelt soviel und verdienen bestenfalls die Hälfte dessen, was ein nach Tarif eingestufter Grundschullehrer erhält - von fehlender Sozialabsicherung und drohender Altersarmut ganz zu schweigen. Die privaten Sprachenschulen, welche ihrer Klientel z.T. fürstliche Schulgelder abverlangen, betreiben völlig ungestört eine Ausbeutung, die nicht selten die Grenze zum Zynismus streift. "Sie sind doch nicht etwa in der Gewerkschaft, oder?", war bereits vor Jahren die erste Frage, die ich bei einem Bewerbungsgespräch zu hören bekam.
Dabei vertritt in erster Linie der "DaF"-Lehrer gegenüber ausländischen Gästen und Mitbürgern den Staat. Nicht selten ist er der erste und über die Laufzeit eines Kurses einzige Ansprechpartner, der den MigrantInnen für ihre weit über den Spracherwerb hinaus gehenden Fragen und Probleme zur Verfügung steht. Der "DaF"-Lehrer erschließt mehr als jede andere Bezugsperson seiner Klientel zugleich die hiesige Lebenswirklichkeit. Wenn sich diese Einsicht auch bei den Verantwortlichen durchsetzen würde, die jahraus, jahrein mit nichts als halbherzigen Vorsätzen aufwarten, wäre es an der Zeit für eine Reform. In dieser Hinsicht herrscht nach allen Versprechungen nun jedoch eine frappante Sprachlosigkeit. Der innerdeutsche Diskurs in Sachen "Integration" ist bisher weder im Jahr 2002 noch in Europa angelangt.
Copyright © 2002 by Matthias Merkelbach