Stefan Straub

Allgemeine Reflexionen


Drei der vier Aufsätze, die hier unter dem Titel "Allgemeine Reflexionen" zusammengefasst sind, stammen von Koreanern, die in ihrer Jugend in Deutschland gelebt haben. Sie beschäftigen sich mit der deutschen Wirklichkeit, wie sie von den Autoren als Jugendliche wahrgenommen wurde, ziehen einen Vergleich mit Korea und versuchen das Leben in Deutschland und auch das Leben in Korea jeweils auf einen Nenner zu bringen. Dies führt naturgemäß zu immer nur vorläufigen Ergebnissen, die durch neue Erinnerungen, neue Fragen, neue Reflexionen wieder in Bewegung geraten und sich zu einem neuen, ebenso vorläufigen Bild formen. Für uns Deutsche ergibt sich durch diese Spiegelungen, Brüche und Neuaufnahmen ein ständig wechselndes, vertrautes und fremdes Bild. Interkulturalität erweist sich in diesen Texten als Bewegung, als immer wieder fortzusetzendes Bemühen um Selbstbild und Bild des Anderen.

Kim Su-Ah beschreibt in seinem herausragenden, von der Jury mit dem 5. Hauptpreis ausgezeichneten Aufsatz "Das ideale Land - wo lebt es sich besser?" die Probleme, die sich aus dem Versuch ergeben, Lebensqualität genau zu definieren und die Lebensqualität in verschiedenen Ländern gegeneinander abzuwägen. Da es sich um den längsten Beitrag des Wettbewerbs handelt, waren wir gezwungen, die durchaus interessanten Beschreibungen Berlins aus dem ersten Teil zu kürzen und uns auf den Teil zu konzentrieren, der persönliche Erfahrungen wiedergibt.

Na Yu-Seon beschäftigt sich in "Denk ich an Deutschland" mit vielen Facetten Deutschlands. Darunter finden sich unter anderem Multikulturalität und Ausländerfeindlichkeit, Ordnungsliebe und Natur. Die Autorin kommt dabei zu durchaus widersprüchlichen Ergebnissen, die jedoch in die Feststellung einmünden, man könne in Deutschland durchaus ein Leben in Saus und Braus führen.

Kook Ji-Yeon beschäftigt sich in "Bratwurst, Bier und Beckenbauer" mit den Vorstellungen, die in Korea über Deutschland und die Deutschen kursieren, weist die Unterstellung zurück, die Deutschen seien aufgrund ihrer Liebe zum Bier ständig betrunken, und fordert dazu auf, sich dem Fremden mit offenem Herzen zu nähern.

Eine Sonderstellung in dieser Kategorie nimmt der Text "Der Deutsche an sich" von Cho Hyeon-Seok ein. Die Autorin versucht, einen Beipackzettel zum deutschen Charakter zu verfassen, geeignet für den kulturellen Austausch, aber auch zur Verbesserung von Geschäftsverbindungen. Dabei kommt sie zu teilweise überraschenden Ergebnissen: Dass Arbeitsplatzwechsel den Deutschen verhasst seien, da sie die eingeborene Ordnungsliebe störten, und dass der Deutsche als solcher zwar barsch, aber zu Freundschaft mit fähigen Individuen durchaus imstande sei.

Ungeachtet dieser für Germanen durchaus erheiternden Stellen enthält der Text einige interessante Überlegungen zur deutschen Geschichte und zum Zusammenhang von Geschichte und Charakter aus koreanischer Sicht.


Copyright © 2002 by Stefan Straub


DaF-Szene Korea Nr. 15

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