Mattheus Wollert

Die Preisträger


Auf unsere Ausschreibung haben wir erfreulicherweise 47 Beiträge erhalten. Die Jury war nicht nur mit der Zahl der Einsendungen zufrieden, sondern überwiegend auch mit der Qualität der Texte. Da es sich bei unserem Wettbewerb nicht um einen ausgesprochenen Literatur- oder Sprachwettbewerb handelte, sondern um eine Bestandsaufnahme der Bilder über Deutschland und die Deutschen in den Köpfen der Koreaner, standen bei der Auswertung vor allem Kriterien wie origineller Zugriff auf das Thema, lebendige Darstellung und nachvollziehbarer Textaufbau im Vordergrund. Natürlich können Texte, die ein höheres sprachliches Niveau aufweisen, diese Kriterien eher erfüllen, als Texte von Autorinnen und Autoren, die das Deutsche noch nicht so gut beherrschen, aber immerhin sind zwei der mit Hauptpreisen ausgezeichneten Texte von Autoren geschrieben, die das Deutsche als Fremdsprache in Korea gelernt haben, darunter übrigens auch der Hauptgewinner. Einige der eingesandten Beiträge wurden von Autorinnen und Autoren verfasst, die das Deutsche für etliche Jahre ihrer Kindheit oder Jugend in Deutschland gelernt haben, trotzdem stellen auch diese Texte keine muttersprachlichen Texte im engeren Sinne dar.

Um die Aufsätze besser einschätzen zu können, sollte ich vielleicht kurz etwas über das Schreiben in der Fremdsprache und das Betrachten einer anderen Kultur aus der Fremdperspektive sagen. Eine schwierige fremde Grammatik und ein beschränkter Wortschatz lassen beim Schreiben in der Fremdsprache zunächst eine große Diskrepanz entstehen zwischen dem, was man ausdrücken möchte, und dem, was man ausdrücken kann. Diese Diskrepanz erzeugt Frustrationen und bewirkt ein Kompensations- und Vermeidungsverhalten: Man drückt sich notgedrungen einfacher aus, als man eigentlich will oder verzichtet ganz darauf, das Intendierte auszudrücken. Auf der anderen Seite zeichnet sich fremdsprachliches Schreiben auch durch eine gewisse Freiheit gegenüber Normen aus, denen Muttersprachler sich in der Regel unterwerfen. Fremdsprachliches Schreiben gleicht in diesem Sinn einem "Wildern" in der fremden Sprache. Der unbefangene Umgang mit dem fremdsprachlichen Wortschatz und das Ignorieren stilistischer Gebrauchsregeln kann das erwähnte Kompensations- und Vermeidungsverhalten in gewisser Weise ausgleichen, im günstigen Fall entsteht eine Fabulierlust, die ohne Hemmungen im Fundus der fremden Sprache wühlt. Dabei entstehen nicht selten die sogenannten Stilblüten, deren Lektüre Muttersprachlern zum Teil große Freude bereiten kann, da ihre eigene Sprache ihnen in einem ungewöhnlichen Kleid gegenübertritt.

Die Thematik des Schreibwettbewerbs war darauf gerichtet, Deutschlandbilder zu elizitieren. In der Auseinandersetzung mit einer fremden Kultur sind Verallgemeinerungen, Klischees und Vorurteile nicht nur unvermeidlich, sie haben System. Man nimmt die unbekannte Welt und deren Repräsentanten nie objektiv wahr, persönliche Erfahrungen, Einstellungen und Gefühle gegenüber der fremden Kultur und ihren Vertretern entfalten sich stets vor dem Hintergrund einer eigenkulturell vorgeprägten Wahrnehmungsweise, auf der Basis von Stereotypen der eigenen Gruppe. Beim Blick auf die fremde Welt fällt dem Vergleich eine Schlüsselrolle zu. Der Vergleich zwischen den Welten dient einerseits dazu, sich der eigenen Identität zu versichern und die vorstrukturierten Urteile zu bestätigen. Andererseits kann durch den Vergleich auch Neues erfasst und eingeordnet werden, können Erfahrungen neu bewertet, kann das Selbstbild erweitert und umgebaut werden. Gleichzeitig wird das Bild der eigenen Kultur relativiert und entdogmatisiert, es verliert den Alleinanspruch auf die Interpretation der Welt. Die fremde Kultur wird gleichsam zu einem archimedischen Punkt, von dem aus sich das Denken aus den gewohnten Bahnen hebeln lässt. So kommt es, dass in den Köpfen der Betrachter "Zwischenwelten" entstehen, Bilder von der fremden Welt, die ebenso viel über den Träger als Subjekt wie über das wahrgenommene Objekt verraten. Die 22 in diesem Rundbrief abgedruckten Texte weisen die soeben beschriebenen Charakteristika sämtlich, wenn auch jeweils in unterschiedlichem Maße auf, und wir hoffen, dass die Leser sie mit demselben Vergnügen lesen wie wir in der Jury.

Sicherlich fragen sich nun viele, wie die Jury die Preisträger aus den 47 Einsendungen ermittelt hat. Im ersten Schritt wurden von den acht Mitgliedern der Jury wie beim Grand Prix de Chanson Punkte von 20 bis 1 vergeben. Da aber diesen "Benotungen" teilweise recht unterschiedliche Kriterien zu Grunde lagen, wurden nun im zweiten Schritt qualitative Aspekte begutachtet wie Originalität, Sujet, Textaufbau, gedankliche Gliederung usw. Da es sich bei den Texten ja nicht um muttersprachliche Beiträge handelt, wurden sprachliche Gesichtspunkte in der Beurteilung, so weit vertretbar, untergewichtet.

Die größte Übereinstimmung gab es in der Beurteilung des Textes unseres Hauptpreisträgers Park Hui-Soo. Der Aufsatz mit dem Titel "Thomas, mein erster deutscher Freund" bekam nicht nur insgesamt die meisten Punkte, er wurde auch als einziger Text mehrmals mit der höchsten Punktzahl bewertet. Bei dem Text handelt es sich um eine erstaunlich differenzierte Darstellung der Freundschaft des Autors mit einem deutschen Ingenieur. In der ausgezeichnet aufgebauten Schilderung dieser Freundschaft - angefangen bei äußerlichen Merkmalen bis hin zu psychologischen Deutungen - tritt ein immer vielschichtigeres Bild von Thomas hervor, das an keiner Stelle oberflächlich oder stereotyp erscheint und in dem durchaus ernsthafte sowie heitere Elemente geschickt verwoben sind. Beeindruckend ist, wie es dem Autor gelingt, an Thomas sowohl Individuelles als auch typisch Deutsches zu erfassen. Den zweiten Preis erhält die Beschreibung der inneren Entwicklungen, die Cho Yun-Chu, eine junge Koreanerin, welche die ersten 13 Jahre ihres Lebens in Deutschland verbracht hat, durch die oftmals schmerzhaften Anpassungsprozesse an ihre jetzige Heimat Korea durchgemacht hat. In dem Text "Deutschland und ich: so halbe halbe" ist schön herausgearbeitet, wie der innere Stellenwert eines Landes bzw. einer Kultur sich erst durch das intensive und ungeschützte Erleben einer anderen Kultur erfahren lässt.

Viele eingesandte Beiträge sind in Moll intoniert, sei es beeinflusst durch die erlebte Einsamkeit, persönliche Verluste und Enttäuschungen während des Aufenthaltes in Deutschland, durch den Nebel und den Regen oder sei es schlicht als Durchschlag des koreanischen Han-Gefühls, das eine für Deutsche manchmal bodenlos wirkende Traurigkeit der koreanischen Seele bezeichnet. Ein erfrischendes Capriccio stellt hingegen der Text "Auf der Theresienwiese steht ein Karussell" von Lee Chang-wa dar, welchem wir den dritten Platz zuerkannt haben. Mit einfachen sprachlichen Mitteln geschrieben, dennoch geschickt in Rückblenden und szenische Einschübe montiert, beschreibt der Aufsatz in humorvoller Weise den Besuch des Münchner Oktoberfestes, der nach anfänglichen Vorbehalten damit endet, dass die beiden koreanischen Besucherinnen ausgelassen mit kahlköpfigen Männern in Lederhosen tanzen. An dem Text "Bundeskanzler Kohl auf dem Fußballplatz" von Sung Jung-Gyung lässt sich das Phänomen divergierender eigenkultureller und fremdkultureller Wahrnehmung gut beobachten. Der Autor sah den damaligen Bundeskanzler Kohl 1990 als Zuschauer eines Fußballweltmeisterschaftsspiels in Italien auf der Tribüne inmitten der Zuschauer. Er kontrastiert dieses volksnahe Bad in der Menge - das aus unserer Sicht natürlich kein reines Privatvergnügen darstellt, wie der Autor interpretiert, sondern medial inszenierte Machtpolitik - und Kohls zur Schau gestellte Biederkeit mit der Volksferne koreanischer Politiker, die sich nie auf eine Stufe mit der Bevölkerung stellen würden. Der fünfte Hauptpreis wurde an den Text "Deutschland und ich" von Kim Su-Ah verliehen, auf dessen Inhalt in der Sektion "Allgemeine Reflexionen" eingegangen wird.


Copyright © 2002 by Mattheus Wollert


DaF-Szene Korea Nr. 15

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