Lee Na-hee

Meine Nürnberger Erinnerungen


1. Als Kind hatte ich Hunderte von Büchern. Eines davon hat mich sehr stark beeindruckt. Leider kann ich es nicht mehr finden, aber ich weiß es war ein deutsches, und nach meiner Erinnerung hat das Buch ungefähr "Ein Heizofen in Nürnberg" geheißen. Der Name 'Nürnberg' war für ein koreanisches Kind so schwer auszusprechen, dass ich mich bis heute sehr gut daran erinnere.

Das Buch handelte von einem Jungen, dessen arme Familie einen großen Ofen besaß. Darauf stand eine schöne Skulptur, die seine Fantasie sehr anregte. Eines Tages hörte er, seine Eltern wollten den Ofen verkaufen. Aus Trauer darüber schlief er die letzte Nacht im Ofen und wachte erst wieder auf, als der Ofen schon in den Zug geladen worden war. So macht er eine unbeabsichtigte Reise.

Das war das erstes Mal dass ich Nürnberg kennen gelernt habe.

2. Als Germanistik-Studentin in der Universität, habe ich 'Nürnberg' in einem Buch wieder gefunden. Daraus habe ich gelernt, dass Nürnberg die erste Stadt war, in der Hitlers Partei 1933 gewonnen hat und in der nach dem Krieg den Kriegsverbrechern der Prozess gemacht wurde.

In dem Moment hatte ich ein seltsames Gefühl, weil in meinem Kopf die beiden Dinge nicht zusammen passten: eine märchenhafte Kindergeschichte und eine brutale Wirklichkeit. Gleichzeitig hatte ich großes Interesse, die geschichtlichen Hintergründe dieser Zeit genau kennen zu lernen.

3. Im Sommer 2001 bin ich 3 Monate in Deutschland gewesen. Ich habe die meiste Zeit in Berlin gewohnt, bin aber auch viel durch Deutschland gereist. Es war ein Zufall dass ich in Berlin mit einer Frau aus Nürnberg in einer Wohngemeinschaft gewohnt habe. Wenn ich Sonja (so heißt sie) vor meiner Reise kennen gelernt hätte, hätte ich in Nürnberg bei ihren Eltern bleiben können. Aber dann wäre meine Reise vielleicht weniger interessant gewesen.

4. Ich bin von Dresden nach Nürnberg gekommen. Dresden habe ich besucht, um die Spur vom Krieg zu finden. Die Stadt ist mir interessanter geworden, nachdem ich den Roman "Schlachthaus 5" von Kurt Vonnegut gelesen hatte. Im Zug nach Nürnberg war ich ein bisschen gespannt, aber im Hauptbahnhof war ich völlig verwirrt, weil die ganze Station wegen Renovierungsarbeiten sehr chaotisch war. Ich konnte den Ausgang nicht finden und bin immer an der selben Stelle im Kreis gelaufen. Da habe ich plötzlich gehört, wie jemand mich fragte: "Can I help you?" Ein alter Mann stand neben mir. Als ich auf Deutsch erklärt habe, dass ich die Gebäude aus Hitlers Zeit sehen wollte, war er ganz überrascht und hat mich gefragt, warum ich das machen wollte. Dann hat er höflich vorgeschlagen, mich mit seinem Auto dorthin zu fahren. Er sah ganz vertrauenswürdig aus.

Nachdem ich meine Taschen in seiner Wohnung gelassen habe, sind wir dahin gefahren. Jürgen (das war sein Name) hat mir die Gebäude gezeigt. Leider konnte ich nicht auf das "Zeppelinfeld", von dem ich oft in Büchern gelesen hatte, weil an dem Tag dort ein Autorennen stattfand. Ich habe die Kongresshalle fotografiert, an der man den typischen Stil der Nazi-Bauten erkennen kann.

Ich wollte gern seine Geschichte hören, wie er den Krieg erlebt hat. Er erzählte, er sei in Königsberg geboren, das jetzt zu Russland gehört. Als er vier Jahre war, ist seine Familie nach Deutschland geflohen. Er hat weiter erzählt über seine strengen Eltern, seine Jugend im Kloster und warum er sich entschieden hat, in Nürnberg zu wohnen. Er fand diese Stadt fantastisch, so ist er vor 4 Jahren von Köln dorthin umgezogen.

NuernbergAls wir zu seinem Haus zurück gekommen sind, wollte er mir noch gern eine andere Stadt zeigen. Von Bamberg hatte ich vorher nie gehört und eigentlich wollte ich an dem selben Abend nach München fahren. Er hat mich so lange versucht zu überreden, dass wir schließlich tatsächlich mit seinem Auto dahin gefahren sind. Ich habe dort viele Fotos gemacht. Unterwegs nach Nürnberg hat er mir auch die fränkischen Alpen gezeigt, die ich sehr schön gefunden habe. Gleichzeitig habe ich gedacht, dass sie den Bergen in Gangwon-do ganz ähnlich sind.

Er war wirklich ein guter Reiseführer, so dass ich an Nürnberg und Bamberg immer gute Erinnerungen haben werde. Als ich die Stadt verlassen habe, hat er mir ein Buch über Nürnberg geschenkt und von Berlin aus habe ich ihm meine Photos geschickt.

5. Es ist schon fast ein Jahr, dass ich Sonja und Jürgen nicht mehr gesehen habe. Ich kann nicht vergessen, die Sonne in Deutschland, die Ampelmännchen in Ostberlin, das Theaterstück, das ich mit Sonja zusammen gesehen habe und das griechisches Restaurant, in dem ich mit Jürgen zu Abend gegessen habe.

Diesen Sommer möchte ich wieder nach Deutschland wieder fliegen. Vielleicht kann ich dann lange nicht mehr reisen, aber ich möchte wenigstens noch einmal nach Nürnberg fahren und meine Nürnberger Freunde treffen.


Copyright © 2002 by Lee Na-hee


DaF-Szene Korea Nr. 15

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