Lee Chang-hwa

Auf der Theresienwiese steht ein Karussell


Hier sind wir Fremde. Obwohl wir beide es nicht aussprachen, fühlten wir uns so. Wo sind wir jetzt? In München sind wir jetzt. Ausführlich gesagt, auf der Theresienwiese standen wir herum, auf dem das Oktoberfest stattfand. Wir wussten nicht, wohin wir gehen sollten.

"Weißt du was, ab nächster Woche findet das Oktoberfest statt. Das müssen wir noch unbedingt erleben. Willst du mal zu mir kommen?", schlug meine Freundin mir vor, die in München wohnte. Ich war schon aufgeregt. "Oktoberfest"- dieses Wort kam mir immer traumhaft vor. Das war vor einem Jahr. Damals war ich als Au-Pair in Freiburg, Deutschland, um Deutsch zu lernen bzw. um die deutsche Kultur kennenzulernen. Und nun kam die Chance, das Oktoberfest zu erleben. "Na, klar! Ich bin schon gespannt! Ich frage meine Gastmutter, ob ich an dem Tag freimachen darf. Aber bestimmt ist sie damit einverstanden."

Am 30. September kam ich in München an. Als ich vom Hauptbahnhof rauskam, wunderte ich mich, wie groß die Stadt ist. Ich fühlte mich wie die Maus, die aus dem Dorf kam. Auf dem Rathausturm sahen wir ein großes Karussell. Ich hatte schon davon etwas Gemütliches gehört.

"Nihao! Kommt ihr aus China?", sprachen die Betrunkenen uns andauernd an.

Wir waren einfach ängstlich. "Ist das überhaupt das Oktoberfest?" fragte ich mich ständig. Viele Betrunkene kamen vorbei und sahen uns komisch an. Ich hatte keine Lust mehr, Karussell zu fahren. "Bist du auch enttäuscht?" fragte meine Freundin mich, die lange nichts sagte. "Ein bisschen. Das ist völlig anders, als was ich mir vorgestellt habe. Hier sind wir einfach Fremde."

"Komm! Ich spendiere dir eine Maß Bier! Wir müssen das Oktoberfest auch genießen.", sagte meine Freundin Young-mi. "Na gut!" 

Eine Maß Bier 11DM. Und wir gingen in ein Zelt rein, in dem es viele Leute gab. Zuerst bestellten wir zwei Krüge Bier. So große Bierkrüge hatte ich noch nie erlebt! Die Musik war so laut, dass man nicht hören konnte, was man sagte. Die Leute sangen zusammen und tanzten auf den Stühlen. Wir konnten keinen Platz finden und sahen herum. "Ich glaube, man darf nicht auf einen Platz warten.", sagte Young-mi. "Na dann, gehen wir raus, wenn wir ausgetrunken haben?" "Spinnst du? Wie gesagt, wir lernen heute das Fest kennen!" "Gut!" Der Sänger sang ein Lied, das ich kannte. Ich sang auch mit. Und die meisten Leute standen auf und tanzten. "Lass uns tanzen!", sagte ich zu Young-mi. "Die Atmosphäre gefällt mir gut!" "Mir auch toll!" Als die Musik vorbei war, schrieen die Leute auf einmal: "Prost!" Und wir alle stießen miteinander die Krüge an, obwohl wir uns nicht kannten. "Wo kommen Sie her?", fragte eine Frau uns freundlich, die gegenüber saß. "Aus Südkorea! Und Sie?" Wir plauderten und sangen zusammen und stießen wieder an. Ich und Young-mi tanzten und sangen dabei ganz laut. Da kam zwei Männer zu uns, die beide eine traditionelle Lederhose trugen und kahle Köpfe hatten. Sie tanzten zuerst bei uns und dann mit uns zusammen zu viert. Es war völlig egal, ob wir gut tanzen konnten oder überhaupt nicht. Wir genossen die Atmosphäre. Wir fühlten uns nicht mehr als Fremde. Erst um zwei verließen wir beide das Zelt. "Das war das erste Mal, dass ich mit einem Glatzkopf tanzte!" sagte ich zu Yong-mi und lachte. "Spotte nicht darüber. Wo sonst könnten wir so was erleben? Das war einfach Klasse." Wir lachten miteinander ganz laut. "Doch doch! Guck mal, zum Andenken habe ich sogar den Krug mitgenommen. Ich werde alles nie vergessen!"

Vor mir auf dem Tisch liegt der Bierkrug, den ich vom Oktoberfest mitbrachte. Und jetzt denke ich an Bier, Lederhosen und die kahlen Männer in Deutschland.


Copyright © 2002 by Lee Chang-hwa


DaF-Szene Korea Nr. 15

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