Kim Su-ah

Das ideale Land - wo lebt es sich besser?


Meine Eltern sind in den 70er Jahren als Gastarbeiter aus Korea nach Deutschland gekommen, eigentlich mit dem Vorwand hier zu studieren und dann zurückzukehren. Ich bin in Berlin geboren, bin dort aufgewachsen und habe die meiste Zeit dort gelebt.

Ich sitze im Straßencafé und plaudere mit koreanischen Freunden, als das Thema aufkommt, weshalb ich beschlossen habe, nach Korea zu ziehen:

"Ich bin aus Neugierde nach Korea gekommen, um neue Erfahrungen zu machen und das Land meiner Vorfahren kennen zu lernen."

"Und willst du in Korea bleiben?"

"Ich denke schon, dass ich bleiben werde."

"Was in aller Welt hat dich denn dazu gebracht?"

In dieser Antwort, die ich sehr oft gehört habe, ist die Verwunderung desjenigen deutlich spürbar, der sich die Gründe einer so "unnatürlichen" Entscheidung absolut nicht vorstellen kann: Lebt es sich nicht viel angenehmer in Deutschland?

Ich bin vorsichtig. Ich bleibe erst einmal für ein halbes Jahr, und schaue dann weiter. Aber da gibt es auch jemanden, der anders darüber denkt:

"Damit gibst du also zu, dass man hier in Korea besser lebt!"

Eine ebenso häufige Antwort, in der sich der Stolz desjenigen ausdrückt, der für sich und die Koreaner die "bessere" Lebensart in Anspruch nimmt: Im Grunde sind die Koreaner doch sympathischer, nicht wahr? Und außerdem isst man in Korea doch viel besser, oder etwa nicht?

Es ist klar, dass diese zwei Antworten im Grunde zwei Arten widerspiegeln, wie sich die Koreaner selbst sehen. Auf der einen Seite diejenigen, die in Korea nur die Sachen sehen, die nicht funktionieren und die - ihrer Meinung nach - in den anderen Ländern, und besonders in Deutschland, viel besser funktionieren. Auf der anderen Seite diejenigen, die glauben, dass die Koreaner als Volk (nicht Korea als Staat!) besser sind als alle anderen, besonders was die Lebensart und den Geschmack in Bezug auf Kleidung und Speisen angeht.

Diese beiden Einstellungen schließen sich keineswegs aus, im Gegenteil, sie ergänzen sich. Oft ist es ein und dieselbe Person, die beide Urteile abgibt. Ursache dafür ist sicher unter anderem ein gewisser Minderwertigkeitskomplex, den die älteren Koreaner, die in der Militärdiktatur aufgewachsen sind, gegenüber westlichen Ländern Europas, insbesondere gegenüber Deutschland, haben. Aber wenn mit Korea als Staat "kein Staat zu machen ist", weil er schon aus allen Fugen kracht, dann muss wenigstens der koreanische Lebensstil besser sein als alle anderen, das braucht man als Kompensation. Meine Gedanken kreisen in der Ferne: "Ohne das Böse, würde man gar nicht wissen, was das Gute ist..."

Meine Gesprächspartner sind jedoch hartnäckig:

"Also, wo lebt man besser, in Korea oder in Deutschland?"

Diese Frage bringt mich in Schwierigkeiten. Die Schwierigkeit in der Antwort auf diese Frage liegt in dem Wort "besser", das beliebig viele Bedeutungen haben kann.

Die Lebensqualität ist schwer zu messen und ist auf jeden Fall etwas Subjektives. Es gibt Koreaner, die Deutschland für ein hoch entwickeltes Industrieland mit einem guten Gesundheitssystem halten, andere die es als die Wiege des Nationalsozialismus oder das Land der Wiedervereinigung sehen.

Die deutsche Mentalität, Ordnungsliebe und Gründlichkeit, Präzision und Pünktlichkeit, die deutsche Kultur, klassische Musik und Literatur, deutsche Autos und deutsches Bier genießen hohes Ansehen.

Jeder hat seine eigene Vorstellung von der "besten" Lebensart.

Da ist aber immer noch jemand, der nicht locker lässt und eine eindeutige Antwort haben will: "Aber dir persönlich, gefällt dir besser Deutschland oder Korea?" "Beide Länder gefallen mir sehr!" Eine diplomatische Antwort, um niemandem weh zu tun? Nein. Ich fühle mich zu Hause sowohl hier wie auch da. Natürlich sind die beiden Länder nicht gleich, aber man lebt hier oder dort nicht "besser" oder "schlechter", man lebt "anders", und die Unterschiede liegen mehr in der Mentalität, als in den Dingen, die man quantifizieren kann (Einkommen, Steuern, Inflation, Bildung, Umwelt usw.). Jedes der beiden Länder gibt mir etwas, was mir das andere nie geben könnte und auf das ich nicht verzichten möchte. Man kann in beiden Ländern gut leben, wichtig ist nur, dass man die Unterschiede als Bereicherungen und nicht als Anomalien betrachtet. Das bedeutet absolut nicht, dass man alles akzeptiert. Viele Dinge gefallen mir nicht in Korea, aber ich weiß auch, dass es nicht sehr schwer ist, auch an Deutschland "Fehler" zu entdecken. Alles hängt davon ab, wie man darauf reagiert. Es gibt Koreaner in Deutschland, die auch nach 25 Jahren noch miserabel Deutsch sprechen, keinerlei Lust haben sich zu integrieren und ständig Heimweh nach der "Gojang" haben. Und ich kenne Deutsche, die nach zwei bis drei Jahren hier in Korea frustriert und desillusioniert nach Deutschland zurückkehrten. Ob sich jemand in Korea oder in Deutschland gut oder schlecht fühlt, das hängt mehr von seiner geistigen Flexibilität ab, als von den objektiven Eigenschaften des Landes. Ich bin vor allem aus Neugierde nach Korea gekommen. Ich war neugierig, in eigener Person zu erleben, wie man in einem anderen Land mit einer anderen Kultur lebt. Die Unterschiede zwischen den beiden Ländern stimulieren mich. Ich bin sehr viel aktiver und viel unterwegs in Korea. In Deutschland ist alles sehr festgefahren, der Alltag holt einen ein. Ich könnte mir ebenfalls vorstellen, dass auch die Koreaner von der Konfrontation mit der deutschen Mentalität profitieren. Je besser man ein anderes Land kennt, desto besser versteht man sein eigenes. Je besser man eine andere Sprache beherrscht, desto besser versteht man seine eigene Muttersprache, lernt den Umgang mit der Sprache und bestimmte Dinge auf den Punkt zu bringen. Dadurch, dass ich Korea, mit all seinen Stärken und Schwächen kennen gelernt habe, habe ich auch die guten und schlechten Seiten Deutschlands und der Deutschen besser verstanden. Eine nützliche Erfahrung, die ich nur weiterempfehlen kann.

"Das ideale Land wäre also deiner Meinung nach eine Mischung aus Deutschland und Korea?"

"Eigentlich schon - aber was für ein langweiliges Land wäre das - ein Land, das keinen Platz mehr für Träume lässt, ein Land, über das man sich nicht mehr beschweren kann?"


Copyright © 2002 by Kim Su-ah


DaF-Szene Korea Nr. 15

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