Viele fragen mich, wie das Leben in Deutschland war. Viele fragen mich, ob ich Deutschland als meine Heimat sehe, oder eher Korea als Heimat empfinde. Viele fragen mich, ob es schwer war, in Korea neu anzufangen. Der Abschied von Deutschland war schwer.
Sommer 1994. "Korea, das Land in der Mitte". Ein absolut fremder Ort für mich. Dorthin sollte es nun also gehen. Bis dahin hatte ich noch keine konkreten Vorstellungen von meinem Geburtsort und dem Heimatland meiner Eltern, da ich nur ein einziges Mal mit vier Jahren die Großeltern in Korea besucht hatte. Meine Heimat war Göttingen, die kleine (aber feine!) Universitätsstadt in Niedersachsen. Den größten Teil meines Lebens, ganze 13 Jahre, hatte ich dort verbracht, war dort aufgewachsen.
Eigentlich war ich mir nie bewusst, was mir Deutschland bedeutete, doch ich hatte mir auch noch nie vorgestellt, von meiner gewohnten Umgebung weggerissen zu werden. Aber letztendlich war es dann soweit. Unsere Familie zog nach Korea zurück - ich, vierzehnjährig, sollte mit. Mir war seltsam zumute. Mein ganzes bisheriges Leben sollte verändert werden. Auf einmal musste ich mich von allen mir vertrauten Dingen trennen. Nichts war daran zu ändern. Sollte ich mich darüber Sorgen machen? Ich zog es vor, auf die sonnige Seite zu sehen, und die neue Herausforderung anzunehmen.
Ein fremdes Land? Mal sehen was es bringt! Alles kam so plötzlich, dass ich kaum Zeit hatte, deprimiert zu sein. Ruckzuck wurden die Siebensachen gepackt, schon befand ich mich auf dem Flugzeug nach Seoul, Korea, im nächsten Augenblick war ich da. Willkommen in Korea, Flughafen Kimpo.
Da war Korea, ein totaler Kulturschock!
Vom Kimpo Flughafen, der damals noch der größte Internationale Flughafen Koreas war, bis zur neuen Wohnung habe ich zwar nun nicht mehr viel in Erinnerung, doch ich weiß noch genau, dass die Lichter der Großstadt einfach wunderschön waren, dass die vielen Brücken über dem Han-Fluss und natürlich der Fluss an sich auch, mich faszinierten. Es lag etwas in der Luft, was einige meiner noch unklaren, frühen Erinnerungen weckte.
Gut. Wenigstens fühlte ich mich willkommen. Die Zeit verging rasch. Mir schien es, als ob ich einfach durch die vergehenden Tage schwebte. Ohne Zeitgefühl, ohne Halt. Als ich dann mit der neuen Gegend vertraut wurde, packte mich plötzlich der Kulturschock. Mir kam es so vor, als wäre ich auf einmal aus einem Traum erwacht, in eine Wirklichkeit, die mir viel zu fremd war. Anders als das kleine Städtchen, in dem ich aufgewachsen war, bot Seoul eine große Anzahl mir neuer Szenen. Der Großstadtverkehr, das Großstadtleben an sich. Die Taxis rasten in den Gassen herum. Es gab immer hupende Autos im Stau auf den Straßen. Vor allem alle diese vielen Menschen! Ich hatte noch nie so viele Koreaner auf einmal gesehen. Es war mir fremd, mich durch die Menschenmasse zu drängen. Ich kam mir komisch vor. Die Depression kam jetzt letztendlich doch noch. Es war ja kein Wunder. Ich verfügte über keinerlei Kommunikation mit meinen Mitmenschen, meinen Landsleuten. Wahrscheinlich lag es einfach daran, dass meine Koreanischkenntnisse praktisch auf dem Nullpunkt waren. Dann endlich kam die Schule. "Da kommt die Deutsche!", "Hey, German girl!".
Das waren die Sätze, die ich anfangs zu hören bekam. Ironisch! Die Schüler bezeichneten mich als eine Nicht-Koreanerin. Zum ersten Mal wurde mir richtig bewusst, dass ich noch nicht ganz dazugehörte. In Deutschland hatte ich das schon einmal erlebt. Innen deutsch half manchmal nicht, außen sah ich immer noch viel zu asiatisch aus. Wohin gehörte ich? Das stressige Mittelschulleben schien kein Ende zu haben. Ich lernte Koreanisch: ka, na, da, ra... . Ich lernte die koreanische Sitten: man muss der älteren Person Respekt zeigen, man soll sich verbeugen. Ich lernte es, was eine normale Koreanerin alles zu wissen brauchte. Ich muss hier eingestehen, dass es nicht immer einfach war. Es gab Momente, in denen ich die neuen sozialen Sitten und Bräuche nicht akzeptieren konnte. Alles war so anders. Es gab Momente, in denen ich einfach sentimental wurde und den ganzen Tag nur weinte. Ich vermisste Deutschland, meine Freunde, mit denen ich immer alles besprochen hatte. Korea war einfach eine Existenz, die ich nicht zu verstehen können glaubte. Je mehr ich die neue Kultur kennen lernte, desto mehr fühlte ich mich verloren, desto absurder kam mir dieser ganze Wandel um mich herum vor. Die kahlen Hochhäuser, die vielen Straßen, die vielen Menschen und das Stadtleben standen in großem Kontrast zu dem großen Garten, der hellen Wohnung, den Wiesen vor dem Hof. Ich konnte kaum noch atmen. Erst durch diesen Kulturschock wurde mir bewusst, wie viel mir an Deutschland lag. Ehrlich gesagt, war es wirklich schwer, mich in der neuen kulturellen Umgebung einzuleben.
Aber Gott sei Dank lief alles gut! Mittlerweile fühle ich mich mehr oder weniger 'koreanisch', mit einem Teint von deutsch. Niemals hätte ich mir erträumen lassen, dass ich dieses Land, Korea, mögen würde. Mit der Zeit verblassten die schockierende Eindrücke, ich begann, alles besser zu verstehen und aufzunehmen. Deutschland verblasste ein wenig in meiner Erinnerung. Deutschland und ich. Ich liebe Korea. Es ist wirklich meine neue Heimat geworden. Endlich fühle ich mich zu Hause. Natürlich heißt das aber nicht, dass ich meine erste Heimat vergessen habe; Deutschland. Ja, ich hatte es schwer. Jetzt habe ich mich eingelebt. Ich bin Koreanerin, das weiß ich jetzt.
Aber ich liebe Deutschland und seine Kultur immer noch. Vielleicht klingt dies alles seltsam, wenn man überlegt, dass ich ironischer Weise Deutschland erst dann wirklich zu schätzen wusste, als ich lernte, Korea zu lieben, doch das ist hier eindeutig der Fall. Um meine Deutschkenntnisse nicht zu verlernen, nutze ich auch heute, als Studentin, noch jede Möglichkeit, die sich mir stellt. Germanistik ist das Fach, dass ich studiere; mit der Deutschen Literatur als ein Teil meines jetzigen Lebens tröste ich mich gerade, und ich hoffe ich finde Zeit dazu, endlich wieder einmal nach Deutschland zurückzukehren. Ich vermisse es wirklich sehr.
Ich wage es auch zu sagen, dass ich ein Teil von Deutschland immer bei mir trage. Es gibt wahrscheinlich nicht viele Menschen, die in zwei Ländern zu Hause sind, aber ich zähle mich zu den wenigen Glücklichen.
Manche, die in Deutschland gelebt haben, werden Schwierigkeiten haben, sich auf einmal mit Korea anzufreunden, aber ich hoffe, sie schaffen es trotzdem. Vielleicht machen sie dann die gleichen guten Erfahrungen wie ich. Ich fühle mich so halbe halbe. Und damit bin ich ganz zufrieden, denke ich.
Copyright © 2002 by Cho Yun-chu