Thomas Schwarz

Erinnerungen


Auf der Suche nach ihrer verlorenen Zeit in Deutschland haben die Autoren dieser Sektion nützliche Erinnerungen hinterlassen. Um auf einer Expedition ins Innere der deutschen Kultur die Versorgung mit Nahrungsmitteln sicher zu stellen, müssen zunächst diverse logistische Probleme gelöst werden. Während man in wirklich zivilisierten Ländern wie Korea praktisch rund um die Uhr einkaufen kann, gibt es bei den Eingeborenen von Deutschland ein Ritual, das sich "Ladenschluss" nennt. Zu einer festgesetzten Uhrzeit lassen da alle Besitzer eines Ladens die Rollläden herunter. Jede koreanische Expedition wird auch eine ausreichende Menge Kimchi mit sich führen müssen. Die Eingeborenen probieren das gerne, finden es zunächst höllisch scharf, entwickeln dann aber ein unkontrollierbares Begehren danach, so dass man sich vor diebischen Aktivitäten in Acht nehmen muss! Wenn man die Deutschen beeindrucken will, muss man ihnen technischen Schnickschnack zeigen, zum Beispiel einen Reiskocher. Jeder will einen haben - und sie streiten sich deshalb wie die Kinder! So ist das, in einem technisch zurückgebliebenen Land ...

Im Gedächtnis bleiben Orte. Städte, wie Nürnberg, wo die von den Nazis errichtete Architektur der Macht auch einen bleibenden Eindruck in der Erinnerung einer koreanischen Germanistik-Studentin hinterlässt. Sie ist auf der Suche nach dem Grauen und findet Freundschaft - mit jemandem, der das von den Nazis entfesselte Grauen vermutlich mit knapper Not überlebt hat. Die Reise führt in eine Kontaktzone, in der sich verschiedene Kulturen begegnen. Eine auf die Kochkunst spezialisierte koreanische Ethnographin aus dieser Sektion erweist sich als kulturelle Überläuferin. Sie bleibt aber nicht beim deutschen Essen stehen, sie gibt sich auch kulinarischen Genüssen aus Spanien und Marokko hin. Während sie ihren Horizont auf Europa und Afrika ausdehnt, sich die andere Kultur einverleibt, baut sie ihre Vorurteile ab. Es ist nicht die Perspektive der Autorin, die alles dominiert. In ihren Bericht montiert sie Originaltexte, die Informanten schreiben plötzlich mit. In ihrer Erinnerung ist die andere Kultur ein Ort der Ungezwungenheit, frei jedenfalls von gewissen Disziplinierungsmechanismen der eigenen Kultur. Das mögen aus koreanischer Perspektive vor allem sexuelle Freiheiten sein. In Korea käme niemand auf die Idee, sich auf der Straße zu küssen und im Fernsehen leiden erotische Szenen an schrecklichen Verstümmelungen. Dass die Wahrnehmung an diesem Punkt nicht zum ekstatischen übertritt in die andere Kultur, sondern zu einem nur schwer zu überwindenden Kulturschock führt, ist ein Armutszeugnis für das Niveau der erotischen Kunst in Deutschland - ein angemessener Reflex auf das seichte Gestöhn, mit dem die Softpornoindustrie die Kanäle verstopft.


Copyright © 2002 by Thomas Schwarz


DaF-Szene Korea Nr. 15

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