Goldblondes Haar, weit über 190 Zentimeter groß, breite Schultern, eine barsch scheinende Miene und eine schwere schwarze Mappe - er war für mich, als ich ihn zum ersten Mal im Englischkurs in Cambridge sah, ein typischer Deutscher. Er war sogar so typisch, dass ich glaubte, eine Verkörperung von all dem vor mir stehen zu sehen, wovon ich jemals gehört hatte, es sei deutsch. Wenn ich ganz ehrlich sein soll - ich gestand es ihm später dann auch - dachte ich nie im Traum daran, dass wir irgendwann nähere Freunde werden könnten. Er schien mir wörtlich ein Barbar, denn ich hatte das englische Wort 'bavarian', womit er eigentlich meinte, er sei Bayer, anfangs als 'barbarian' verstanden.
Es dauerte dann jedoch nur etwa eine Woche, um uns gegenseitig kennen zu lernen. In jener Woche hielt er gerade einen Vortrag über seinen Beruf, welcher mir wieder einmalig 'deutsch' schien. Mit dieser Aussage beziehe ich mich vor allem auf die Art, wie er als Direktor einer Tunnelbaufirma über den Tunnelbau sprach, denn er nahm sich sehr viel Zeit für Details, wie zum Beispiel, zu erklären, wie viele Klingen eine neue Maschine hat oder wie lange jede einzelne Klinge ist. Schließlich sagte er dann aber "An einer Tunnelbaustelle stirbt normalerweise ein Arbeiter auf jeden Kilometer Tunnel. Selbstverständlich wissen wir alle, dass Sicherheit äußerst wichtig ist, doch als Direktor steht für mich nicht dies im Vordergrund, sondern wie viele Meter pro Tag gegraben werden müssen." Im Nachhinein ist es leider nur schwer in Worte zu fassen, doch im jenem selben Augenblick erkannte ich etwas in seinem Gesicht - ein Gesicht, das mich zuvor bloß an einen deutschen Soldaten erinnern konnte - das wohl am besten mit Trauer umschrieben werden könnte.
Kurze Zeit später lud Max, ein schwedischer Student aus meiner Klasse, uns beide in ein Pub ein. Dort konnten wir - gewiss auch ein wenig mit der Hilfe des Biers - endlich ein bisschen freundlicher miteinander werden. Darauf fingen wir an, uns von Zeit zu Zeit in Pubs zu treffen, um dort über Kleinigkeiten wie Bier, Fußball oder Autos zu reden. Und nachdem wir nun mehrmals bei einem 'pint' Bier zusammengesessen waren, begannen wir allmählich auch über persönlichere Themen zu sprechen. Dies galt zumindest für mich, denn durch das besser kennen lernen fing ich an, ihm zu vertrauen. Seltsamerweise glaube ich rückblickend beinahe, dass es zu einem großen Teil auch seine Pünktlichkeit war, die mich dazu veranlasste, ihm zu vertrauen. Er war wirklich sehr, sehr pünktlich.
Während ich mit ihm trinkend und schwatzend in den Pubs saß, wurde alles, was ich über Deutschland wusste, aus Büchern und vom Hören, nun langsam lebendig. Er erzählte mir von der Meinung, welche die Leute aus Westdeutschland allgemein gegenüber denjenigen aus dem Osten haben, und wie harsch das Leben im Osten bis heute geblieben ist. Außerdem berichtete er mir von den Ausländern in Deutschland, zu denen auch seine Freundin zählt, die aus der Tschechei kommt, oder die Tunnelbauarbeiter, die für ihn arbeiten. Nicht zuletzt schwärmte er mir natürlich vom deutschen Bier vor. Während er überaus angeregt vom Oktoberfest erzählte, strahlte sein typisch deutsches Gesicht so sehr vor Freude wie dasjenige eines glücklichen Kindes. Dank ihm konnte ich Deutschland und alle Leute, die dort leben, ein bisschen näher fühlen und beginnen, sie teilweise zu verstehen.
Thomas ging jeden Tag ins Fitness-Zentrum, doch er schien es überhaupt nicht zu mögen. Er beklagte sich immer, dass er, nachdem er sich zwei Stunden dort aufgehalten hatte, viel zu müde sei, irgend etwas anderes zu tun als Bier zu trinken. Als ich jedoch von ihm wissen wollte, warum in aller Welt er dann immer dorthin gehe, antwortete er, wie es so seine Art war, nicht direkt darauf. Er bevorzugte nämlich, nicht so viel über sich selbst zu sagen, wohingegen er es aber liebte sehr direkte und persönliche Fragen an andere zu stellen. Erst nach einigen Gläser Bier und durch mein hartnäckiges Fragen gestand er mir, dass er es bloß seiner Freundin zuliebe täte, denn sie hasse Männer mit Bierbauch.
Obwohl er selber nicht ein Mensch ist, der gerne über sich selber spricht, genoss er es sehr, mich durch äußerst mutwillige, jedoch sehr wichtigen Fragen sprachlos zu machen. Das Peinlichste, das er mich jemals fragte, war: "Wenn ich dir so beim Sprechen zuhöre, dann scheinst du ziemlich der Linken zugeneigt, aber gleichzeitig kamst du nach England, um Englisch zu lernen, willst dir also einen sicheren Job in einer guten Firma sichern. Glaubst du wirklich, das macht Sinn?" Sicher, er sagte dies in einem sehr scherzhaften Ton. Trotzdem wusste ich nicht, was ich dazu sagen sollte, da es mir doch eine sehr tiefsinnige Frage zu meinem Leben schien. Er beruhigte mich, indem er sagte, dass er nur gefragt hätte, weil ich ihn daran erinnere, als er selber ernsthaft über seinen Job als Direktor der Tunnelbaufirma nachdachte, wo das einzig Wichtige ist, wie weit gegraben wird, ganz egal ob dazu tödliche Opfer gefordert werden. Natürlich fragte ich ihn anschließend, auf welchen Schluss er gekommen sei und seine Antwort war, er sei zu beschäftigt, um über solch ein Problem nachzudenken.
Etwas gibt es, das ich ihm niemals vergessen werde. Ich hatte gerade Schwierigkeiten mit meiner Vermieterin, die ganze zwei Wochen anhielten. Das Problem war, dass sie plötzlich zweihundert Pfund (etwa dreihundert Euro) von mir verlangte, weil ich meinen gepackten Koffer über Weihnachten - ich hatte die Festtage woanders verbracht - bei ihr gelassen hatte. Ich geriet ein wenig in Panik, denn ich wusste nicht, wie ich mich zu verhalten hatte. Ich hatte mich noch nie in einer solchen Situation befunden. Ich mochte gar nicht in meinem Zimmer bleiben, ging also fast jeden Tag ins Pub. Zu meiner großen Überraschung war es Thomas, der mir jeden Abend bis Mitternacht - Schließenszeit in England - Gesellschaft leistete. Was ich mit Überraschung meine ist, dass obgleich wir uns zu jenem Zeitpunkt schon ein bisschen kannten, ich es überhaupt nicht von dem deutschen Kerl erwartet hätte. Es war nicht nur, dass er bei mir blieb, sondern er half mir auch noch eine Lösung für mein Problem zu suchen. Er gab mir viele praktische Ratschläge, wie zum Beispiel, dass ich ihr einfach den Geldbetrag für den Koffer bezahlen und mir dann eine neue Unterkunft suchen solle. Es waren sehr hilfreiche und simple Tipps, auf die ich aber wegen meiner Verwirrung durch die Situation und durch meinen Mangel an Erfahrung nie selber gekommen wäre.
Am letzten Abend bevor er wieder nach Deutschland zurückkehrte begleitete ich ihn nach Hause, denn er hatte mich darum gebeten, am nächsten Morgen sein geliehenes Velo wieder ins Geschäft zurückbringen. Nachdem wir uns verabschiedet hatten, versuchte ich auf seinem Velo nach Hause zu fahren, was mir beinahe unmöglich war, denn der Sitz war so hoch eingestellt, dass meine Füße fast nicht zu den Pedalen reichten. Es war eine wirklich peinliche Situation, doch nun glaube ich, es war sein letzter Streich.
Jetzt ist es schon mehr als drei Monate her, seit ich ihn zum letzten Mal gesehen habe. Auch wenn wir von Zeit zu Zeit miteinander e-Mails wechseln, bedauere ich sehr, dass es im Moment keine Sicherheit gibt, ob wir uns jemals wieder sehen werden können. Gern würde ich Thomas, der mit seinem Fahrrad - so hoch, dass sogar ich Mühe hatte aufzusteigen - murrend jeden Tag bloß seiner Freundin zuliebe ins Fitness Zentrum fuhr, wieder treffen.
Copyright © 2002 by Park Hui-soo