Thomas Schwarz

Yogwan.
Die Kunst des Übernachtens in Korea


Stellen Sie sich vor, es ist Nacht, gerade speit Sie der Höllenschlund einer Seouler Salsa-Disco aus, in den Ohren dröhnt Ihnen noch ein satter Bass, Sie arbeiten sich durch Rauchschwaden eine Treppe hinauf, gestützt auf irgendjemanden, und was Sie beide vereint, ist ein einziger Gedanke: wohin jetzt? - Das Geld reicht gewiss nicht mehr fürs Hilton, Sie haben es nämlich versoffen, doch was blinkt da rot durch die finstere Nacht? Neonlichtröhren schlängeln sich zu einem kunstvollen Gebilde und wenden sich herausfordernd an Ihre Lesekenntnisse im Koreanischen. Die Rettung aus der Bredouille heißt Yogwan. Niemand will hier Ihren Pass sehen, und wenn doch, dann ist das gewiss kein richtiges Yogwan. Sie lassen sich von der Ajuma an der Rezeption hineinführen in ein verwinkeltes Reich von Zimmerfluchten. Vergessen Sie bitte nicht, die Schuhe auszuziehen, spätestens wenn Sie ein Zimmer betreten, wir sind hier nicht im Hyatt! Auch wenn dieser Platz Ihrer Meinung nach einen einzigen Komplex von Regelverstößen gegen die guten Sitten im Hotelgewerbe bildet, Regeln gibt es auch hier. Wenn Sie in der Toilette kein Waschbassin finden, sondern einen Wassereimer, dann fassen Sie da bitte nicht mit den Händen rein, sondern bedienen Sie sich des bereitliegenden Schöpflöffels. Achten Sie bei der Wahl des Zimmers wegen der Belüftung auf ein Fenster, bei mehrstöckigen Gebäuden bevorzugen Sie einen Raum in den oberen Stockwerken. Es gilt, einen gewissen Abstand herzustellen zur Geräuschkulisse der Umgebung, zum fröhlichen Treiben der nächtlichen Zecher in den Kneipen der unmittelbaren Nachbarschaft und zu den Klimaanlagen. Damit meine ich nicht den verrosteten Klapperkasten im eigenen Zimmer, der sich zur Not abstellen lässt, sondern die Geräte der Nachbarn, deren Sirren empfindlichen Gemütern den Schlaf rauben kann. Die meisten Zimmer haben eine Art Dusche oder Bad, in der Regel sogar eine kleine Wanne, in der Sie mit angewinkelten Beinen Platz finden. Es ist gut, dass Sie schon ein wenig benebelt sind, so fällt Ihnen der Kakerlak nicht auf, der dort bei dem Versuch, die steilen Wände zu erklimmen, auf den Rücken gefallen ist und mit den Beinchen strampelt. Trappst da etwa etwas in der Zwischendecke? Nun, solange das bleibt, wo es gerade ist, soll es nicht weiter stören. Betrachten Sie das mal so: ein Yogwan ist eine Art Biotop mit einem gewissen Artenreichtum. Sie können davon ausgehen, dass das Fehlen der einen oder anderen Spezies auf den massiven Einsatz chemischer Kampfstoffe zurückzuführen ist. Glauben Sie bloß nicht, dass Johnsons Raid, der weltberühmte roach killer, erkennbar am süßlichen Geruch, für Menschen unschädlich ist. Hier sitzen wir mit der eigentlichen Zielgruppe, den packibollä (Min-Jungs Essence-Wörterbuch hält dafür folgenden denkwürdigen Eintrag bereit: packi = "deutsche Sch(w)abe" [sic!], bollä = "Insekt") wohl in einem Boot.

Das klassische Yogwan ist auf Leute eingestellt, die sich spontan entscheiden. Man findet also zwei in Plastikfolie eingeschweißte Zahnbürsten, Zahnpasta, Seife, eine Art Shampoo, zwei Winzhandtücher, gelegentlich auch Automaten mit weiteren Hygieneartikeln. Es empfiehlt sich dennoch, alles mitzubringen, was man so braucht, zum Beispiel Leintücher. Die Gäste im Yogwan wechseln schneller als die Bettwäsche, und wenn dem nicht so sein sollte, dann ist es eben kein richtiges Yogwan. Wenn Sie im Sommer reisen und die Klimaanlage abzuschalten gedenken, dann kann es eine gute Idee sein, ein Moskitonetz einzupacken, auch wenn die Malaria nur noch in der Joint Security Area an der Grenze zu Nordkorea vorkommt. Zur Standardausrüstung des Yogwan gehören auch Telefon und Fernseher, gerüchteweise habe ich schon von hauseigenen Sonderprogrammen gehört, die man an der Rezeption bestellen könne. Beim Waschen hüten Sie sich bitte vor der Funzel, die über Ihrem Haupt schwebt. Fassen Sie doch hinein, weil Sie ja unbedingt Ihren Achselschweiß abduschen wollen, dann fliegt im besten Fall die Hauptsicherung raus und Sie landen leicht betäubt auf dem Boden. Damit bringen Sie wirklich ein ganzes Yogwan aus der Fassung. Das angeregte Kichern der Nachbarn erstirbt, und jetzt dominiert die Stimme der Ajuma das Geschehen, die hinter dem Strahl einer Taschenlampe her den Unfallort zu erkunden sucht. Wenn alles noch lebt, herrscht im Yogwan bald wieder gute Laune. Die Erleichterung ist groß, denn man stelle sich nur die Peinlichkeit einer Leiche hier vor, womöglich noch einer ausländischen! Die Polizei im Haus, die ganzen dummen Fragen des ermittelnden Inspektors, die Namen der Kundschaft aufgenommen! Die Kriminalpolizei hatte womöglich findige Reporter im Schlepptau, am selben Abend noch ist man im Fernsehen, morgen im Internet und übermorgen in der Zeitung ... nein, einfach unvorstellbar!!


Yogwans gibt es überall in Korea derart massenweise, dass man auch während der Weltmeisterschaft um eine Unterkunft nicht wirklich zu bangen braucht. Jede Lektorin und jeder Lektor schwört auf ein Stammyogwan. Am besten ist eigentlich, man hat ein solches in jedem Stadtviertel, in dem was los ist. Wer die dichte Beschreibung der Übernachtungskunst im Yogwan für sich unter der Rubrik dangers & annoyances verbucht, kann das Meiste davon umgehen, indem er WON 30.000,- (etwa Euro 25.-) in die Übernachtung anlegt. Während der WM dürften die Preise anziehen, zur Zeit beginnen sie aber schon bei schlappen WON 17.000,- (etwa Euro 15.-). Dafür erwartet Sie dann eine Abstellkammer mit Waschgelegenheit. An der Wand hängt ein etwa acht Jahre altes Kalenderblatt mit einem Foto, auf dem ein Hirsch in den Wald hinein röhrt, während sich hinter ihm schneebedeckte Berge in majestätischer Pracht erheben, so dass sich Gäste aus deutschen Landen ganz wie zu Hause fühlen können. Sie schlafen auf einem Yoo (das koreanische Pendant zum Futon), einer Matratze auf dem Fußboden, unter der im Winter höhere Temperaturen als in einer finnischen Sauna erzeugt werden. Legen Sie zwischen 3000 und 8000 WON drauf, dann bekommen Sie ein Zimmer mit Bad. In der Preisklasse ab Euro 20,- schlafen Sie schon im Bett und können in der Badewanne die Beine ausstrecken. Sie haben eine Heizdecke, die grelle Neonröhre an der Decke lässt sich auf ein dezentes Rosa umschalten, Sie träumen umgeben von den elysischen Gefilden einer Blümchentapete, für den Fall aller Fälle steht ein Kotzkübel bereit, und wer kann bei so viel Komfort schon Nein sagen? - Für den Jetset, der den Kontakt mit der Fremde zumeist scheut wie die Pest, ist ein Yogwan selbstverständlich unzumutbar. Für diese Leute sei das Hilton empfohlen, eine Stadtrundfahrt im vollklimatisierten Bus und dann schnell weiter nach Tokyo. Wer wirklich in Korea ankommen möchte, der kommt am Yogwan eigentlich nicht vorbei.

Eine familiäre Atmosphäre mit etwas rauher Gastfreundlichkeit bietet das Woo Sung Jang im Chung-jin-dong, Jong-no-gu. Wenn Sie am Flughafen stehen und feststellen, dass Sie Ihre Kreditkarte zu Hause vergessen und noch kein Hotel haben, können Sie dort von der Touristeninformation anrufen und reservieren lassen (Tel. 734-4866 oder 47). Man spricht im Woo Sung Jang kein Englisch, aber das sollte man in einem Yogwan auch nicht unbedingt erwarten. Preise: Zwischen 17.000,- und 25.000,- WON. Sie fahren mit der U-Bahn bis Jong-gak und finden das Yogwan direkt hinter dem Hochhaus der First-Bank. Die Schuhe bitte gleich am Eingang ausziehen und in den Schuhkasten rechts hinter der Tür stellen. Das Geld, das Sie hier sparen, verbraten Sie bei einem Besuch des Restaurants Top Cloud im obersten, dem 33. Stockwerk des spektakulären Millenium Plaza gleich auf der anderen Straßenseite (Foto im Artikel zu Seoul von Kai Roes, zwischen 11:30 Uhr und 14:00 Uhr Büffet für etwa Euro 15.-, das Menü ab Euro 33.-). Dessen Quergang bietet bei Nacht einen einmaligen Blick auf die Jong-no, eine der Hauptverkehrsadern Seouls (kostenlos). Von hier aus ist es nicht weit nach Insa-dong, einem hot spot für Touristen. Fragen Sie sich nach dem Yungin-Misulkwan-Teehaus durch, das zusammen mit der Kyungin-Galerie in einem wunderschön renovierten Hanok, einem alten koreanischen Haus, untergebracht ist, Tel : (02) 733-4448. Man kann draußen im Hof sitzen, was in Korea eher selten ist. Meines Wissens das einzige Yogwan in ganz Seoul, das noch in einem traditionellen Hanok Zimmer vermietet, findet sich in der Nähe, es heißt Dongsan-Yogwan. Lassen Sie sich das Yogwan zeigen, bevor die Planierraupe auch hier alles plattgewalzt hat, aber dann überlegen Sie lieber zweimal, ob sie hier auch bleiben. Wer unbedingt nach Itaewon muss, um dort zusammen mit US-amerikanischen GIs den koreanischen Bedienungen beim square dance zuzuschauen, der kann ins Sung Ji Jang Motel gehen, 211-30 Itaewon-2-dong, Yongsan-gu, direkt gegenüber vom "Buy the Way"-Supermarkt. Fahren Sie ab dem Seouler Bahnhof mit dem Bus 83 oder 83-1 am Goethe-Institut vorbei zum Hyatt-Hotel und fragen Sie sich von dort aus durch. Fahren Sie mit dem Taxi, dann geben Sie dem Taxifahrer als Instruktion dieses Heft in die Hand und deuten auf diese Telefonnummer: ☞ 795-1691. Er kann dann mit dem Handy anrufen und sich den Weg erklären lassen. Preise zwischen Won 20.000,- unter der Woche und 25.000,- am Wochenende. Das ist eine wirklich solide Unterkunft. Ein paar Meter weiter die Straße rauf Richtung Hyatt findet sich Jells Deli, mit einer guten Auswahl an Wein und Brot. Der koreanische Besitzer hat in Berlin studiert und spricht Deutsch. Schon mancher, der kurz vor dem Ausbruch des berüchtigten Koreakollers stand, fand hier Rettung.


Copyright © 2001 by Thomas Schwarz


DaF-Szene Korea Nr. 14

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