Thomas Schwarz

Editorial


"Corea" - so die Definition in Zedlers Universallexikon aus dem Jahr 1733 - sei eine "Chinesische Halb-Insel": "Die Chineser nennen sie nicht Corea, sondern Chaosten. Jenen Namen haben ihr die Japoneser gegeben." Das "Land sei "sehr fruchtbar an Reiß und Getrayde": "Sie haben auch Papier von unterschiedlicher Gattung, nebst vielen reichen Gold- und Silberbergwercken auf ihren Gebürgen, und in der benachbarten See fischet man schöne Perlen". Viel mehr weiß auch manch anderer deutsche Wandersmann nicht. Zum Beleg schlage man im vierten Kapitel von Ingo Schulzes Simplen Stories nach. Dort taucht inmitten der kleinen Katastrophen des ostdeutschen Alltags eine "Asiatin" auf. Sie begegnet einem Kunsthistoriker, den die Leipziger Universität abgewickelt hat und der sich jetzt mit einem Außendienstjob durchschlägt. Im Klassifizieren geschult (ängstlicher Blick, geschminkte Lippen, kleiner Busen, Absätze) identifiziert er die Frau sofort als "Japanerin" und bleibt auch penetrant bei dieser Version, nachdem ihm die längst erklärt hat, sie komme aus Korea. Unweigerlich folgt auch noch das Geständnis, er "würde" seine Frau "jederzeit mit einer Japanerin betrügen". Mit derart selbstzentrierten konjunktivischen Platitüden im Potentialis braucht sich Arno Funke alias Dagobert nicht abzugeben, hat er sich doch auf das Abenteuer einer Begegnung mit der koreanischen Fremde realiter eingelassen. Er berichtet von einer Ex-Freundin, die fern von "Korea und konfuzianischer Strenge" an ihm begonnen habe, "ihre Grenzen neu auszutesten". Dagoberts Kühlschrank enthält an "kulinarischen Zutaten" "Kimchi, Peperonipaste und eingelegte Sesamblätter", denn die Begegnung mit Jeong-Ae habe nicht nur "an der Seele Spuren hinterlassen", sondern auch auf der "Zunge". Die Reise nach Korea führt ihn in "eines dieser gesichtslosen Neubauviertel, die mittlerweile auf der ganzen Welt anzutreffen sind". Nur noch in der Provinz stößt er auf die "alten Häuser mit den geschwungenen Dächern aus glasierten Ziegeln". Er trifft auf "gastfreundliche Menschen mit einem ausgeprägten Sinn für ausgelassene Picknicks". Wohnungen werden "generell ohne Schuhe betreten", geschlafen wird "auf dem Fußboden", auf dem eine "dünne Matratze ausgerollt wird": Im Herbst wird die "in Korea allgemein übliche Fußbodenheizung angeworfen", mit dem Effekt, dass sich Dagobert gelegentlich wie eines der "leckeren Schweinerippchen" aus der lokalen Küche fühlt. - So weit ich die deutsche Literatur der letzten Jahre zu überblicken vermag, spielt Korea dort sonst keine Rolle mehr. Wer mehr über das Land und seine Sitten erfahren möchte, dem sei die Nr. 12 der DaF-Szene ans Herz gelegt, die sich im November 2000 das Ziel gesteckt hat, ein "Fenster auf Korea" zu öffnen.

Die Fußball-Weltmeisterschaft vom 31. Mai bis zum 30. Juni 2002 wird nun hoffentlich viele Gäste aus Deutschland nach Korea bringen, nicht nur zu den Spielen, sondern flankierend auch zu einer Konferenz am Goethe-Institut in Seoul. Die DaF-Szene Nr. 14 bietet deshalb als besonderen Service einen Reiseführer nach Korea. Einige der Austragungsorte werden von Autoren vorgestellt, die sich dort niedergelassen haben, und mit Geheimtipps aufzuwarten vermögen, die man andernorts vergeblich suchen wird. Der Artikel von Kai Rohs beispielsweise erlaubt es, schon ab dem Flughafen Incheon von der Autobahn abzuweichen. Diese Ausgabe der DaF-Szene möchte keine imperiale Kartographie sein, sondern Wegbeschreibungen liefern, Pfade und Routen für eine postmoderne Pilgerschaft im koreanischen Nebelmeer.

Herzlich Willkommen!


DaF-Szene Korea Nr. 14

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