Mattheus Wollert

Aufgetaucht auf Cheju-do.
Aus dem Reich der Grummel- und Grunzfische


Unser als abgetaucht geltender Kollege Ralf Deutsch ist im wahren Sinn des Wortes wieder aufgetaucht! Als der robuste Germanist und sensible Drehbuchautor, der energische Reformator der chejuanischen Deutschausbildung und das beliebte ehemalige Vorstandsmitglied der LVK seine Deutschlehrwerke im Winter 2000 an der Cheju Universität zum letzten Mal zusammenklappte, war die Trauer unter seinen Studentinnen und Studenten und die Melancholie unter seinen Kolleginnen und Kollegen groß. Und als es danach still wurde da unten, am südlichsten Lektorenposten von Südkorea, wurde nicht nur in koreanischen Germanistenkreisen der "Löwe von der Insel" schmerzhaft vermisst.

Unbestätigte Flüstererzählungen unter den traditionellen, in den guten alten Zeiten noch im Evaskostüm tauchenden Taucherinnen Chejus, dass ein gewaltiger Taucher mit wallendem Bart in der der südlichen Cheju-Küste vorgelagerten Inselwelt gesichtet worden sei, der dort an die Außenseite von verschollenen U-Booten aus dem Koreakrieg mit einem Dreizack Flexionsparadigmata von bestimmten Artikeln und starken Verben einritzte, wurden zwar vereinzelt mit Ralf Deutsch in Verbindung gebracht, doch allmählich verschwand sein Name aus den lebhaften Diskussionen in den email-Foren der Lektorinnen und Lektoren in Ostasien. Im August tickerte dann folgende Meldung über unsere Bildschirme: "Der Tauchexperte und Trainer RALF DEUTSCH hat seine Tauchservicestation Big Blue 33 / Jeju Island Diving Service in der Stadt Sogwipo auf Cheju im Juli 2001 in Hafennähe eröffnet. Damit hat dort die erste Internationale Tauchschule ihren Betrieb aufgenommen. Modernste Ausstattung und Equipment. Verschiedene Kurse für Anfänger ab 14 Jahren, Fortgeschrittene, Refresher-Kurse, Tauchgangbegleitung, Geräteverleih usw."

Noch im gleichen Monat flog ich mit meiner Tochter zum Lokaltermin nach Cheju und wurde von einem relaxt wie nie zuvor in Lektorenzeiten wirkenden Ralf Deutsch an der Busstation in Sogwipo, die nur wenige Minuten von der Tauchbasis entfernt liegt, abgeholt. Der renovierte Tauchladen ist geräumig, hell und bietet als Anlaufpunkt vor und nach den Tauchgängen die Möglichkeit, mit interessanten Leuten aus aller Welt ins Gespräch zu kommen. Lektüre, verfasst von Tauchexperten aus der ganzen Welt, auf Deutsch und Englisch, eröffnet auch Nichttauchern wie mir die Welt unter Wasser und gewährt Einblick in die anspruchsvolle Technik, die hinter diesem Sport steht.

Offenbar bietet das Tauchgebiet im Süden von Cheju, nahe des 33. Breitengrades, der deshalb auch in den Namen der Tauchbasis "BigBlue33" aufgenommen wurde, subaquatische Attraktionen, wie sie in keinem Tauchgebiet Europas vorkommen. Namen wie Rülps-, Grummel- oder Grunzfische sind mir da beispielsweise noch aus dem Studium der Listen über die Fischbestände in Chejus Gewässern hängen geblieben. Außerdem bestaunte ich Erzählungen über noch weitgehend unzerstörte Korallengebiete und vulkanische Steilwände, die nach unten sausen wie im Film "Abyss" von Peter Cameron. "Doch bei 45 Metern Tiefe ist Schluss", erklaert mir Ralf mit entschiedener Stimme. Darunter wird es dann sowieso duster und der Tauchchef legt Wert auf konservativ berechnete Tauchgänge, die keinen Zweifel an der Sicherheit der Taucher beim Wiederauftauchen aufkommen lassen. Sicherheit scheint nämlich gerade bei koreanischen Tauchern nicht durchbuchstabiert zu werden. über hundert koreanische Taucher sterben jährlich in den Gewässern um Korea, fast ausschließlich auf Grund eines nicht nachvollziehbaren Leichtsinns beim Tauchen: die meisten Koreaner sterben offenbar dadurch, dass sie Muscheln in ein am Tauchanzug befestigtes Netz stecken, das dann so schwer wird, dass es nicht mehr gelöst werden kann und den unglückseligen Taucher in die Tiefe zieht. Die Sicherheitsphilosophie von BigBlue33 wird bereits an Land deutlich. Alle Gerätschaften und Schwimmanzüge sind nagelneue Qualitätsprodukte aus Deutschland und werden nach strengen Vorschriften gewartet. Nicht ohne Grund kommen wohl inzwischen selbst die koreanischen Kollegen der anderen Tauchstationen auf Cheju und leihen sich das Equipment von "BigBlue33" aus.

Übrigens befindet sich nicht weit von Sogwipo auch das neue Fußballstadion, das nur für die vier Spiele gebaut wurde, die 2002 auf Cheju stattfinden werden. So kann man als angereister Schlabu (Schlachtenbummler) die Zeit zwischen den Spielen exzellent wegtauchen oder sich sogar bei einem längeren Aufenthalt auf dem koreanischen Kleinod zu einem Master Scuba Diver (SCUBA = Selfcontained Underwater Breathing Apparatus) bzw. zu einem Assistant Instructor ausbilden lassen.


Copyright © 2001 by Mattheus Wollert


DaF-Szene Korea Nr. 14

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