Kai Rohs

Von Palästen, Bergen und Hofbräuhäusern


Seoul, eine laute, hektische Stadt, eine Betonwüste mit erheblichen Umweltproblemen - mit diesen Prädikaten belegen Koreaner häufig ihre Hauptstadt.

Aber bevor Sie jetzt umdisponieren und doch lieber vor dem heimischen Fernseher die Fußballspiele verfolgen, bleibt doch richtig zu stellen: Seoul ist zwar unbestritten laut, immerhin lebt auch etwa die Hälfte der 45 Millionen Einwohner Südkoreas in Seoul und dem unmittelbaren Einzugsgebiet, auch hat die Stadt Probleme mit der Umweltverschmutzung, wie sollte es bei einer solchen Metropole auch anders sein. Es ist jedoch so, dass die außerordentlich schöne Lage Seouls zwischen Bergen und dem Han-Fluss, die vier noch erhaltenen Königspaläste, die kulturelle Vielfalt und auch das Nachtleben Seoul zu einer äußerst reizvollen, faszinierenden und abwechslungsreichen Weltstadt machen.

Vom Gelben Meer zum Seouler Weltmeisterschaftsstadion

Nach etwa zehn Stunden Nonstop-Flug von Deutschland haben Sie es (fast) geschafft. Sie sind in Korea, allerdings noch nicht ganz in Seoul, der im Frühjahr 2001 eröffnete neue internationale Flughafen der Hafenstadt Incheon liegt auf einer der Westküste Koreas vorgelagerten Insel namens Joengjong. Sollten Sie sich während des Fluges gut ausgeruht haben, noch über etwas Zeit verfügen und nicht gar zu viel Gepäck mit sich führen, dann sollten Sie den Umstand, auf einer Insel im Gelben Meer gelandet zu sein, ausnutzen und die romantische Route nach Seoul einschlagen. Verlassen Sie das Flughafengebäude und begeben Sie sich zum Bussteig 7A. Von dort nehmen sie den Inselbus Nr. 203 und fahren in etwa 30 Minuten bis zur Endstation, dem Busbahnhof am Fähranleger. Der kurze Fußweg vom Busbahnhof zum Fähranleger führt über den größten Fischmarkt der Insel. Lernen Sie die Vielfalt der koreanischen Seefischarten kennen und machen Sie es wie die Koreaner, probieren Sie einen Fisch roh. Am Anleger lösen Sie eine Fahrkarte nach Wolmido. Die Fähre bringt sie in 20 Minuten dorthin. In Wolmido nehmen Sie, eventuell nach einem lohnenswerten Bummel über die Uferpromenade, einen der vielen Busse zum Hauptbahnhof von Incheon, Fahrtzeit knapp zehn Minuten. Dann geht es mit der Bahn nach Seoul.

Aber keine Angst, es gibt durchaus weniger aufwendige Alternativen, um nach Seoul zu kommen. Die bequemste ist, einen der vielen Expressbusse nach Seoul zu nehmen. Diese fahren über die für den internationalen Flughafen neu erbaute Yonyuk-Brücke direkt nach Seoul.

Aber wo liegt das Weltmeisterschaftsstadion in Seoul?

Orientieren Sie sich in Seoul am besten immer am U-Bahn-Netz, es ist eines der dichtesten der Welt. Mittlerweile sorgen zehn U-Bahnlinien dafür, dass Sie, wo auch immer Sie sich in Seoul befinden, in der Regel immer eine Linie in Ihrer Nähe haben. Sollte dies einmal nicht so sein, dann bringt Sie ein Taxi, das man einfach von der Straße herbeiwinken kann, zum Grundpreis von etwa drei Mark zur nächstgelegenen U-Bahnstation. Eine Orientierung innerhalb der U-Bahnstationen ist recht einfach, da alle Ausgänge durchgängig nummeriert sind.

Das neu erbaute Weltmeisterschaftsstadion liegt im Westen von Seoul, an der U-Bahnlinie 6. Die Station ist als "World Cup Stadium" bezeichnet, sie liegt unmittelbar vor dem Stadion.

Tipps (nicht nur) für Geschichtsinteressierte

Sollten Sie sich einen kurzen überblick über die Geschichte und Kultur Koreas verschaffen wollen, dann besuchen Sie doch das Folkloremuseum. Dies liegt im Lotte World Komplex, welcher direkt von der U-Bahn Station Jamsil (Zirkellinie 2) zu erreichen ist. Folgen Sie einfach den Menschenmassen, dann ist der Eingang zum Lotte World Komplex nicht zu verfehlen. Das englischsprachige Hinweisschild führt Sie direkt zum sogenannten "Lotte World Folk Village". Hier wird anschaulich und übersichtlich die Geschichte und Kultur Koreas dargestellt. In unregelmäßigen Abständen werden dort auch traditionelle Zeremonien abgehalten.

Zur Abkühlung nach dem Museumsbesuch bietet es sich an, sich in das Untergeschoss des Gebäudekomplexes zu begeben. Dort findet man einen Eislaufring, auf dem unzählbare Mengen von Koreanern ihr Glück im Eislaufen versuchen. Allein das Beobachten der mehr oder weniger vorhandenen Eislaufkünste lohnt sich schon. Sollten Sie Lust bekommen, selbst zu laufen, dann ist dies kein Problem. Leihen Sie sich Schuhe und machen Sie mit. Beachten Sie jedoch, dass die koreanischen Schlittschuhe nicht für abendländische übergroße Füße gemacht sind, ab Schuhgröße 44 kann es eng werden.

Sie sollten sich zumindest dann, wenn Sie nach dem Museumsbesuch auf den Geschmack gekommen sind, einen der vier mitten in Seouls Zentrum liegenden Paläste ansehen, den Gyeongbukgung, Changdoekgung, Doeksugung oder den Changgyoenggung. Entscheiden Sie sich für den Gyeongbukkung (U-Bahnlinie 3 "Gyeongbukkung" oder U-Bahnlinie 5 "Ganghwamun"), dann können Sie im Anschluss an die Besichtigung im nahegelegenen Nationalmuseum Ihre Kenntnisse der koreanischen Geschichte und Kultur noch vertiefen. Der Besuch einer der Paläste ist auch dann zu empfehlen, wenn Sie sich weniger für die Geschichte Koreas interessieren als einfach nur der Hektik der Großstadt Seoul entfliehen wollen. Diese Paläste stellen Oasen der Ruhe dar und eignen sich mit ihren zahlreichen Grünanlagen zum Entspannen. Zudem gibt es in den Palästen noch etwas Interessantes zu beobachten: Wann Sie auch immer einen Palast betreten, sie werden dort fast immer eine kleine Gruppe gut gekleideter Personen ausmachen können, bei näherer Betrachtung fällt Ihnen dann eine große Kamera auf, die eine der Personen trägt sowie eine als Braut gekleidete Dame. Es handelt sich dabei tatsächlich um eine Braut, die zusammen mit dem ebenfalls anwesenden Bräutigam gerade dabei ist, eine ihrer Pflichten zu erfüllen, nämlich in passender Atmosphäre in bestmöglicher Positur ein Hochzeitserinnerungsfoto erstellen zu lassen. Ein besonders gelungenes Exemplar findet man dann an bevorzugter Position in (fast) jeder koreanischen Wohnung.

Tipps für Naturliebhaber

Wie verschafft man sich einen überblick über Seoul? Am besten besteigt man den in Seouls heutigem Zentrum liegenden Namsan-Berg, den man bereits von weitem am Turm erkennt, der seinen Gipfel ziert. Fahren Sie mit der U-Bahnlinie 4 bis Hoehyeon (Ausgang 4). Gehen Sie etwa 200 Meter geradeaus, links oben sehen Sie das Hilton-Hotel. überqueren Sie die Straße vor dem Eingangsportal des Hotels, Sie kommen dann an eine schmale, steile Steintreppe, die in einen Park führt. Bereiten sie sich auf einen einfachen, aber im feucht-warmen Sommer recht anstrengenden Fußmarsch von etwa 30 Minuten bis zur Bergspitze vor, immer wieder findet man kleine Imbisse, an denen man sich mit Erfrischungen fit halten kann. Eine Alternative wäre es, mit der Seilbahn auf den Namsan zu fahren, die Talstation erreicht man von der U-Bahnstation Myeong-Dong (Linie 4, Ausgang 3) aus. Es gibt allerdings auch die nicht zu verschweigende Möglichkeit, mit dem Auto bis fast zur Spitze zu fahren. Haben Sie es wie auch immer bis zur Spitze geschafft, dann sparen Sie sich das Geld für die Turmbesteigung und investieren es sinnvoller. Gehen Sie in das etwas oberhalb der Seilbahn-Bergstation gelegene Restaurant und Café. Von der Dachterrasse aus haben Sie eine exzellente Sicht auf Seoul, auf die jenseits des Han-Flusses gelegenen südlichen Stadtteile, auf die mächtigen Nordberge und auf die im Osten gelegenen, weniger felsigen Berge wie den Achasan. Neben der Auswahl an nicht übermäßig teuren koreanischen Speisen und Getränken gibt es dort gelegentlich traditionelle koreanische Musikdarbietungen.

Sehr interessant ist aber auch eine zünftige Bergwanderung. Gerade im Sommer haben die Berge ihren besonderen Reiz. Zu dieser Jahreszeit ist es in Korea sehr heiß und feucht. Auf im Vergleich zu den gemäßigten deutschen Breiten sehr heftigen Regenfall, der nur einige Stunden, aber auch einige Tage dauern kann, folgen unmittelbar klare, heiße Tage. Am eindrucksvollsten ist eine Wanderung direkt nach einer solchen Regenperiode. Familien, ausgerüstet mit Schwimmringen, Taucherbrillen und diversen Wasserspielzeugen kampieren am Ufer der reißenden Bergbäche, während sich die Kinder mit erfrischenden Wasserspielen vergnügen. Einer der vielen sehenswerten Berge Seouls ist der im Nordosten gelegene Buramsan. Zu erreichen ist dieser Berg von der U-Bahnstation Sanggye (Linie 4) aus. Nehmen sie den Ausgang eins und gehen Sie, komme, was wolle, etwa zehn Minuten lang immer geradeaus auf den vor Ihnen liegenden Berg zu. An der Pforte der unmittelbar am Berg gelegenen Mittelschule gehen Sie links vorbei, Sie erreichen dann den Ausgangspunkt für Wanderungen im Naturpark Buramsan. Es gibt zahlreiche kleine Pfade, die zur felsigen Bergspitze führen, wählen Sie einen dieser nach oben führenden Pfade aus, erklimmen Sie den Gipfel und stoßen Sie dann ein lautes "Yahoo" aus, so machen es jedenfalls die Koreaner. Schlagen Sie dann irgendeinen abwärts führenden Pfad ein, auch wenn Sie nicht an den Ausgangspunkt zurückkehren sollten, verlaufen können Sie sich nicht, nehmen Sie im Tal einfach ein Taxi zur nächstgelegenen U-Bahnstation.

Tipps für Nachtschwärmer

Die meisten Ausländer in Korea befinden sich in Itaewon (U-Bahnlinie 6). Dort sollten Sie allerdings nur hingehen, wenn sie die koreanische Kultur meiden wollen oder zumindest Berührungsängste haben. Denn der Charakter Itaewons ist nicht koreanisch, vielmehr ist er vom amerikanischen Militär geprägt, das ganz in der Nähe stationiert ist. In Itaewon empfehlenswert ist die Dachterrasse des Bierrestaurants Nashville, das sich gegenüber dem Hamilton-Hotel befindet. Dort kann man in luftiger Höhe ein fast zu gut gekühltes Bier vom Fass genießen und hat dazu noch einen schönen Ausblick, zum einen auf den Stadtteil Itaewon, zum anderen auf den bergigen Osten Seouls.

Viel koreanischer ist ein Abend in einem der unzähligen Hofrestaurants. Der Name leitet sich vom deutschen Wort 'Hofbräuhaus' ab. Eines dieser koreanischen Hofbräuhäuser ist das Hofrestaurant "OB HOF" im Untergeschoss neben der Euljiro Ibgu U-Bahnstation (Ausgänge 1 & 2). Dort treffen sich ab etwa fünf Uhr nachmittags Firmenangestellte, Hausfrauen, Rentner und Studenten, um in echter Hofbräuhausatmosphäre - ein überdimensionales Bild vom Innenleben des Münchener Hofbräuhauses soll jedenfalls dafür sorgen - ein (oder auch mehr) Bier mit einer sogenannten Anjou, einer Speise, die als Beilage zum Bier gegessen wird, zu trinken. Besonders beliebt als Anjou ist bei Koreanern der Bratwurstteller. Ihnen steht es zumindest in diesem Hofrestaurant frei, ob sie entsprechend diesem koreanischen Brauch verfahren oder einfach nur das Bier konsumieren. Jedenfalls ist diese Atmosphäre typisch für die Gestaltung des Feierabends der Koreaner.

Aber auch für diejenigen, die ihren Abend in Ruhe verbringen wollen, gibt es Möglichkeiten. Sehr romantisch ist eine abendliche Fahrt auf dem Han-Fluss, der mitten durch Seoul fließt. Der Schiffsanleger befindet sich auf der Insel Yeoui in der Nähe der U-Bahnstation Yeouinaru (Linie 5, Ausgang 3). Machen Sie eine Rundfahrt und genießen Sie das beleuchtete, glitzernde Seoul, die Fahrt geht vorbei am Parlamentsgebäude und an den olympischen Stätten von 1988. Auffallend und für Europäer überraschend sind die vielen Neonkreuze, sie zeugen von der großen Akzeptanz, die das Christentum in Südkorea gefunden hat.

Es dürfte Ihnen also nicht schwer fallen, die fußballfreie Zeit in Seoul sinnvoll zu gestalten. Paläste, Museen, Berge, der Han-Fluss und auch die koreanischen Hofbräuhäuser werden dafür sorgen, dass Langeweile in der südkoreanischen Haupstadt Seoul nicht aufkommen wird.


Copyright © 2001 by Kai Rohs


DaF-Szene Korea Nr. 14

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