Wußten Sie, dass der Intelligenzquotient der Einwohner von Gwangju weit über dem koreanischen Landesdurchschnitt liegt? - Ich auch nicht.
Aber mein Freund Kim weiß es.
Das geht so:
Wenn sich in den alten Chosun-Dynastie-Zeiten die Hofschranzen, Generäle, Yangban-Literati, Beamten und Mätressen von Seoul etwas zuschulden kommen ließen, wenn sie unangepasst und aufsässig waren, und wenn sie nicht zum Tode verurteilt wurden, dann wartete auf sie die zweithärteste Bestrafung in der damaligen koreanischen Welt: die Verbannung nach Gwangju. Dort haben sie sich allmählich mit der einheimischen Bevölkerung vermischt und - Unangepasstheit, Aufsässigkeit sind ja oft Zeichen wacher, eigenständiger Intelligenz - dafür gesorgt, dass die Leute von Gwangju intelligenter und immer intelligenter wurden. Mit jedem in Seoul geschassten Neuankömmling, der nur das Pech gehabt hatte, etwas gewiefter als die übrigen zu sein, ist der Intelligenz-Pool von Gwangju gestiegen - meint zumindest mein Freund Kim.
Ist nun diese Intelligenz gepaart mit Aufsässigkeit der Grund dafür, dass Gwangju und die Jeolla-Provinzen schon immer nicht nur unangepasst waren, sondern dem restlichen Korea auch das Fürchten gelehrt und dann noch den Garaus gemacht haben?
Das war jedenfalls 1894 so, als sich die sogenannte Tonghak-Bauernarmee aus den vielen halb und oft auch noch ganz versklavten Bauern der Jeolla-Provinzen rekrutierte und, wie weiland Mao Dsedung in China, nach einem 'kurzen Marsch' die Truppen der korrupten und dekadenten Min-Oligarchie besiegte. Königin Min fiel daraufhin nichts Besseres ein, als den Tenno gegen Jeolla zu Hilfe zu rufen. Der kam dem auch gern nach und verleibte nach kurzer Zeit das durch die Tonghak-Bauern im Fundament erschütterte Korea der Einfachheit halber gleich ganz dem Reich der roten Sonne ein: Chosun-Dynastie - Ende.
Und das war auch 1980 so, als sich die Bürger von Gwangju gegen den neuen Militär-Diktator Chun, Doo Hwan, erhoben, alle Behörden entmachteten und Gwangju von der Seouler Regierungsgewalt lossagten. Mit Zustimmung der Amerikaner ließ Chun daraufhin die Armee auf Gwangju los, die in einer beispiellosen Blutorgie vermutlich um die 2000 Zivilisten niedermetzelte. Das strikte Schweigeverbot vom Gwangju-Massaker half dann auch nicht mehr. Die Kunde vom unerhörten Geschehen machte in ganz Korea die Runde, Studenten riefen überall zur Demonstration auf. Nach einigen Jahren legten die gewalttätigen Demonstrationen das ganze Staatswesen lahm. Als alle politischen Finessen versagt hatten, blieb Chun und seinen Marionetten schließlich nichts anderes übrig, als den von Gwangju ausgehenden Forderungen nach Demokratie nachzugeben. Am Ende dieser Entwicklung steht die Präsidentschaft von Kim, Dae Jung, der aus Jeolla stammt und in Gwangju wie ein Nationalheiliger verehrt wird: Militär-Diktatur - Ende.
Aber - auch wenn mein Freund Kim anderer Meinung sein sollte - es wird wahrscheinlich nur zum Teil die Intelligenz der Leute aus Gwangju und Jeolla gewesen sein, die zu dieser Entwicklung geführt hat. Ein weiterer Faktor ist die seit uralten Paekche-Zeiten anhaltende, willkürliche Unterdrückung durch die Zentralgewalt. Erst waren es die Hofschranzen aus Seoul, die die Reiskammer der Nation schamlos plünderten. Dann waren es die Militär-Diktatoren aus den Gyeongsang-Provinzen, die Jeolla schamlos benachteiligten und zum Armenhaus der Nation werden ließen. Die Vergangenheit hat die Einwohner von Gwangju und Umgebung geprägt: sie sind ein bisschen anders als die anderen.
Die Leute von Gwangju gelten als heißblütiger, leidenschaftlicher, rebellischer Menschenschlag, etwas derb-bäuerlich. Dies ist aber auch die andere Seite einer manchmal überbordenden Freundlichkeit, Zuvorkommenheit und Gastfreundlichkeit. Die jungen Frauen und Männer haben schwarze Kohlen-Glut in den Augen. - Das sagt mein Freund Kim! - Es geht hier aber auch konservativer, traditionsbewusster und fortschrittsmisstrauischer zu als in Seoul, Busan oder Daegu. In den wenigen kleinen Parks, die Gwangju zu bieten hat, ist es immer noch wie im 19. Jahrhundert: alte Männer und Frauen sitzen im Hanbok auf den Bänken, spielen Padu und schauen dem aus dem 21. Jahrhundert eingebrochenen Fremdling mit argwöhnischen Augen nach. Der ohrenbetäubende Nongak-Trommelwirbel, der manchmal den ganzen Campus zuschallen kann, zeigt, dass auch die Jungen ganz gezielt an alte Traditionen anknüpfen - oft mit ideologischem, antiwestlichem Hintersinn. Familientraditionen, die Autorität von Vater und Mutter, scheinen hier noch ungebrochener zu sein - was allerdings eine doppelbödige, althergebrachte Mätressenwirtschaft nicht ausschließen muss. Und wenn es in Seoul und anderswo schon längst üblich ist, im Restaurant auf einem Stuhl zu sitzen, so will man sich hier an diese neumodischen Essgewohnheiten noch immer nicht so recht gewöhnen und sitzt gewöhnlich, wie schon vor zweitausend Jahren, im Schneidersitz auf der angeblich vom Blut der Bauern rot eingefärbten Jeolla-Erde.
Mein Freund Kim meint, dass die Leute von Gwangju eine konfuzianisch eingestimmte Gerechtigkeitswut hätten. Wo in anderen Städten alle bei Regelverstößen wegschauten, da würde in Gwangju gleich zur Selbstjustiz gegriffen. Deshalb wäre das Politische auch ein so bestimmendes Thema in der alltäglichen Konversation. Als Fremder kann man das nicht so leicht wahrnehmen, aber unübersehbar ist eine Form von fast distanzloser Neugierde, die Tendenz zum Einmischen in persönliche Belange, aber auch spontaner Nächstenhilfe. Wem einmal in Gwangju die Fahrradkette ausgesprungen ist, weiß, wovon ich spreche: von allen Seiten kommen sie herbeigelaufen und zeigen einem, wie man eine Fahrradkette fachmännisch und manchmal auch höchst unfachmännisch auf den Zahnradkranz zurückbefördert.
Im Allgemeinen ist das Verhältnis der übrigen Koreaner zu den Einwohnern von Gwangju argwöhnisch bis herablassend. Man kann das manchmal in der Soap-Opera im Fernsehen merken. Sollte dort einmal einer im Gwangju-Dialekt den Mund aufmachen, dann ist es meist ein kurzrasierter, schwarz eingekleideter - Mafia-Zuhälter. Mein Freund Kim meint auch, dass die 1980 an den Gwangju-Unruhen Beteiligten bis zum heutigen Tag im übrigen Korea eher scheel angesehen werden und sich mit ihren grauenvollen Geschichten aus schlimmer Zeit zurückhalten würden.
Viele Koreaner mögen die Leute aus Gwangju nicht besonders. Und viele Leute aus Gwangju mögen die übrigen Koreaner nicht besonders. Wen es als Koreaner und Auswärtigen in eine der Universitäten, Firmen oder Behörden der 1,3-Millionen-Metropole verschlagen hat, der erhält selten Anschluss an die durch Gwangju-High-School und Chosun-Universität zusammengehaltenen Seilschaften. Die wenigen westlichen Ausländer werden dagegen mit großer Neugierde - das ständige "Hello!! Miguk-Saram!!!" der ABC-Schützen gellt in den Ohren - und auch unterwürfiger Höflichkeit aufgenommen. Allerdings ist in der Vergangenheit diese unterwürfige Höflichkeit auch schon mal ins krasse Gegenteil umgekippt - wenn die Studenten z.B. wieder einmal ein Amerika-Hass-Jahr propagiert hatten. Der Autor des Lonely Planet-Reiseführers hat dies bei seinem Gwangju-Besuch erfahren müssen. Gleich bei seiner Ankunft im Hauptbahnhof Gwangju sind ihm die Molotov-Cocktails der Studenten und die Tränengas-Granaten der Riot-Police um die Ohren geflogen. Seitdem ist Gwangju von größeren Auswüchsen des Massentourismus verschont geblieben.
Auf den ersten Blick schaut die Jeollanamdo-Metropole wie fast alle anderen koreanischen Städte aus, und die ähneln wieder fast allen anderen chinesischen und japanischen Städten: es ist ein heilloses Gemisch von Menschen, Neubauten und Maschinen. Vielleicht gibt es in Gwangju noch ein paar mehr von diesen alten traditionellen Kiwa-Häusern. Aber auch diese alten, im First tief nach unten gebogenen blauen, grünen und roten Dächer, dann die grauen Container-Wohnungen, auf denen oben die Wäsche zum Trocknen aushängt, mit den brüchigen, aus grauen Betonziegeln gemauerten Gartenmauern rundherum, genauso wie die neuen, piekfeinen Bürohäuser mit altgriechischer Marmortempelfassade sind einfach nur wie hingeklatscht. Der einzige Zusammenhang ist ein Gewirr aus schwarzen Telefon- und Stromleitungen, das von Beton-Mast zu Beton-Mast alt und neu, schmutzig und gelackt, farblos und bunt wahllos miteinander verbindet. Wie überall im Fernen Osten wird es der aus Europa angereiste, an Ensemble-, Denkmalschutz und tausendjährige Stadtkerne gewöhnte Fremde schwer haben, Fantasie und Realität zur Deckung zu bringen. Alles, was älter als zwanzig Jahre ist, wird für gewöhnlich abgerissen und macht billigen Restohof-Fassaden, 25-stöckigen Wohnhauskomplexen oder der fünfspurigen Stadtautobahn Platz. Im Zentrum von Gwangju, am Chunchangno, gibt es selten Morgenstille, dafür 100 Dezibel laute Reklameansagen aus dem Lautsprecher, kreischende Modepuppen und dröhnende Motorräder, die mitten durch die Fußgängerzone knattern.
Wenn man aber die Hoffnung immer noch nicht aufgegeben haben sollte und sich mit Muße umschaut, dann findet man auch in Gwangju die Nahtstellen zwischen Korea-Fantasie und Korea-Realität: das Hangdokil-Teehaus, gleich neben der Kumho-Kunsthalle; die Teeplantagen am Mudungsan gleich hinter dem Chungshimsa-Tempel, der Gwangju-Park direkt am Gwangju-Fluss, der Samstag-Trödelmarkt in der Kunststraße.
Unter touristischen Gesichtspunkten empfehlenswert ist das Volkskunde-Museum im Norden der Stadt, das das Gegenstück in Seoul um einiges übertrifft. Ganz besonders hervorzuheben ist die alle zwei Jahre veranstaltete Gwangju-Biennale, die die Stadt, was zeitgenössische Kunst betrifft, immerhin im gleichen Atemzug wie Kassel, Venedig oder Sao Paulo nennen lässt. Und schließlich ist da noch der Mudung-San, der in ganz Korea legendäre, 1187 Meter hohe 'Berg der Gleichen', der Demokratie-Berg, von dessen Füßen sich Gwangju in die weite, äußerst fruchtbare Jeolla-Ebene hinausdehnt. Vom Stadtbild her gesehen, gibt der Berg der Stadt, gerade als ob ein Geomant sie angelegt hätte, ein harmonisches, Natur und Zivilisation vereinigendes Gesicht - so wie man es sonstwo in Korea selten findet.
Außerhalb der Stadt bringen, wie überall in Korea, die buddhistischen Tempel westliche Fantasie und östliche Realität zur Einheit. In ganz Korea berühmt ist der 50 Kilometer von Gwangju entfernte Songgwangsa-Zen-Tempel. Unju-Sa mit seinen tausenden Buddha-Steinfiguren aus dem ersten Jahrtausend ist legendär. Ebenso empfehlenswert sind Soun-Sa und Paekyang-Sa. Wem es aber weniger nach Fernost, sondern mehr nach sozialistischem Realismus und überdimensionierten, grimmigen Gummisoldaten und fahnenschwingenden Granit-Revolutionären zumute ist, der sei auf den riesigen Gedenkplatz für das Gwangju-Massaker im Norden der Stadt verwiesen.
Wenn Molotov-Cocktails, Tränengas-Granaten und Mafia-Zuhälter Sie also jetzt immer noch nicht abschrecken können und Sie den rebellischen Mitbürgern von meinem Freund Kim sogar unter allen Umständen und auf der Stelle begegnen wollen, dann steigen Sie schleunigst in eines der morgens, mittags und abends ungefähr halbstündig verkehrenden Flugzeuge von Seoul-Gimpo nach Gwangju ein. Nach einer Stunde Flug ist es dann noch eine halbe Stunde bis zum Stadtzentrum. Mit etwa vier Stunden Fahrtzeit gemächlicher, dafür von Zentrum zu Zentrum und ganztägig etwa im Zehn-Minuten-Takt, geht es mit dem Express-Bus von Seoul nach Gwangju.
Wenn Sie dann nach der Ankunft Appetit auf ein ganz typisches Gwangju-Gericht haben sollten, versäumen Sie keinesfalls rohe Leber, rohe Kutteln und besonders gekochten, in feine Scheiben geschnittenen Schweine-Penis. Falls Sie sogar noch das Glück haben, zu einer typischen Gwangju-Hochzeit eingeladen worden zu sein, dann kosten Sie rohen Rochen - und bestehen Sie darauf, dass er vor dem Verzehr mindestens vier Wochen unter praller Sonne geschmort hat. Falls Sie aber weniger wählerisch sind und mit koreatypischen Gerichten wie Galbi, Bulgogi oder Samgaetang ganz zufrieden sind, dann gehen Sie zur nächsten Straßenecke. Ich, mein Freund Kim, der Rest von Gwangju und auch viele andere Koreaner meinen, Gwangju hätte die beste, reichlichste und schärfste Küche der ganzen Halbinsel. Und dann ist sie auch nur halb so teuer wie beispielsweise in Seoul.
Das gesparte Geld können Sie im Mudungsan-Hotel oder im Shinyang-Park-Hotel wieder ausgeben - den beiden Luxus-Hotels von Gwangju. Wenn Sie etwas weniger Geld haben, dann können Sie etwa im zentral gelegenen Grand-Hotel oder auch im Kukje-Hotel für etwa 80000 Won gut unterkommen. Falls Sie aber das Los haben sollten, Deutsch-Lektor in Korea zu sein, dann müssen sie nur um die nächste Ecke gehen. Da gibt es garantiert ein billiges Yogwan im untersten Preissegment.
Copyright © 2001 by Reinhold Rauh