Thomas Schwarz

Korea zwischen militärischer Konfrontation und 'sunshine policy'


Am 15.8.1948 wurde in Seoul die Republik Korea proklamiert, deren erster Präsident Syngman Rhee wurde. Am 9.9. folgte die Gründung der Koreanischen Demokratischen Volksrepublik unter Präsident Kim Il-Sung im Norden. Ein Jahr vor der doppelten Staatsgründung in Deutschland vollzog sich auf der koreanischen Halbinsel ein ähnlicher Prozess, der allerdings rasch zu einem Konflikt eskalierte, wie er den beiden deutschen Staaten dann doch erspart blieb. Dessen Nachwirkungen belasten die Aussöhnung zwischen Nord- und Südkorea auch nach dem Ende des Kalten Krieges in einem Ausmaß, das alle während des Gipfeltreffens zwischen den beiden Staatschefs des Südens und des Nordens, Kim Dae-Jung und Kim Jung-Il, im Juni 2000 aufflammenden Hoffnungen auf eine Wiedervereinigung mittlerweile wieder erstickt hat. Daran hat auch die Verleihung des Friedens-Nobelpreises an Kim Dae-Jung nichts ändern können. - Jeder Versuch, einen so komplexen Gegenstand wie die koreanische Geschichte kurz zu fassen, hat etwas Desperates, und meine Skizze soll nur die Funktion haben, sich einige historische Determinanten der gegenwärtigen Situation auf der koreanischen Halbinsel bewusst zu machen.[1]

Das koreanische Konfliktpotential als Erbschaft des Korea-Kriegs

Der Historiker Bruce Cumings, dessen Darstellung ich hier folge,[2] vertritt die im konservativen Lager der südkoreanischen Politik wenig geliebte These, dass der Koreakrieg nicht am 25. Juni 1950 begonnen habe. Statt dessen habe sich dieser Bürgerkrieg aus einer Abfolge militärischer Zusammenstöße entwickelt und sei schon seit 1949 in eine 'heiße' Phase eingetreten. Zwischen November 1949 und März 1950 fielen 6000 Guerillakämpfer einer breit angelegten Kampagne der südkoreanischen Armee zum Opfer. Zwischen Mai und Dezember 1949 forderten Scharmützel am 38. Breitengrad hunderte von Todesopfern. Der erste nennenswerte militärische Grenzkonflikt mit mehreren hundert Toten wurde am 4. Mai 1949 durch einen südkoreanischen Angriff ausgelöst. Ende Juni folgte ein vermutlich von nordkoreanischer Seite provozierter Konflikt auf der Ongjin-Halbinsel. Im August besetzten südkoreanische Truppen einen Berg nördlich des 38. Breitengrads und wurden dort aufgerieben. Ende August fuhren mehrere Patrouillenboote der südkoreanischen Armee den Taedong-Fluss hinauf, an dem die nordkoreanische Hauptstadt liegt, und versenkten vier nordkoreanische Schiffe. In einem Brief an seinen US-amerikanischen Berater Oliver erklärte Südkoreas Präsident Syngman Rhee Ende September, dass jetzt der Moment gekommen sei, um mit einer aggressiven Maßnahme in Pyongyang aufzuräumen. Aber Rhee bekam die klare Botschaft aus Washington, dass Südkorea mit amerikanischer Unterstützung nur dann rechnen dürfe, wenn es ohne vorausgehende Provokation angegriffen werde. Kim Il-Sung hatte genau dieselben Pläne wie sein Gegenspieler, suchte dann aber mit wesentlich größerem Erfolg Unterstützung in Moskau und Peking. Erst in dieser Konstellation nahm der vor sich hin schwelende Bürgerkrieg eine neue Qualität an. Cumings zitiert einen Journalisten, der anlässlich eines Besuchs von John Forster Dulles in Südkorea noch am 18. Juni 1950 notiert hatte, Rhee plädiere offen für einen Angriff auf den Norden. Die nordkoreanische Seite ist ihm allerdings zuvorgekommen. Man wollte dort im Juni nicht länger warten, nachdem die Armee durch koreanische Truppen, die vorher im chinesischen Bürgerkrieg noch gebunden waren, verstärkt werden konnte.

Der Krieg wurde mit Erbitterung auch hinter der Front geführt. Die Regierung Syngman Ree hatte seit 1949 Konzentrationslager zur 'Umerziehung' für all diejenigen eingerichtet, die im Verdacht standen, an linksgerichteten Aktivitäten beteiligt zu sein, und aus diesem Kreis wurden in den ersten Wochen des Koreakriegs etwa 2000 politische Gefangene exekutiert. Der weitere Verlauf des Krieges ist bekannt: Südkorea und die verbündeten UN-Truppen wurden zunächst auf den Busan-Perimeter zurückgedrängt und marschierten im Rahmen einer rollback-Strategie am 1. Oktober über den 38. Breitengrad hinaus in den Norden. Zu diesem Zeitpunkt fällte Mao die Entscheidung zur Intervention, weil er sich seinen koreanischen Partnern verpflichtet fühlte, die in der chinesischen Revolution und vorher schon in der Widerstandsbewegung gegen die japanische Kolonialmacht gekämpft hatten. Auf die erfolgreiche Offensive der chinesisch-nordkoreanischen Truppen antwortete US-Präsident Truman Ende November 1950, indem er auf einer Pressekonferenz mit dem Einsatz aller zur Verfügung stehenden Waffen, also der Atombombe, drohte. Stalin soll einen Weltkrieg befürchtet und deshalb auf ein Eingreifen verzichtet haben. Um keine Eskalation zum Weltkrieg zu riskieren, sei dann auch die chinesische Armee nur bis zur Mitte der Halbinsel vorgedrungen, wo sich die Front schließlich stabilisiert hat. Die nordkoreanischen Nerven wurden im Herbst 1951 strapaziert durch Einsätze US-amerikanischer B-29 Bomber aus Okinawa, die "dummy"-Atombomben über Nordkorea abgeworfen haben. Als der Koreakrieg am 27.7.1953 schließlich mit einem Waffenstillstand endete, waren nahezu drei Millionen Menschen umgekommen, darunter etwa zwei Millionen Zivilisten. Die USA haben schon hier Napalm eingesetzt und Dämme bombardiert, um nordkoreanische Täler unter Wasser zu setzen. Dass es für die US-amerikanischen Truppen bei Kampfhandlungen auf südkoreanischem Territorium oft nicht möglich war, zwischen Zivilisten und Feinden zu unterscheiden, wird ein problematisches Kapitel in den Beziehungen beider Länder bleiben. In die Schlagzeilen geriet ein Massaker an der Zivilbevölkerung von Nogun-ri. Dort sollen am 26. Juli 1950 etwa 400 Zivilisten, Frauen, Kinder und alte Leute von US-Truppen niedergemetzelt worden sein. Nicht alle Zeugenaussagen haben einer kritischen Prüfung standhalten können, aber dadurch wird nicht in Frage gestellt, dass dieses Ereignis tatsächlich stattgefunden hat.

Die Präsenz von Trägerraketen für Atomwaffen gefährdet bis heute den Frieden auf der koreanischen Halbinsel. 1958 stationierten die USA die ersten Atomwaffen in Südkorea. Die Matador-Raketen mit einer Reichweite von 1100 Kilometern bedrohten in den folgenden Jahren nicht nur Nordkorea, sondern auch die Sowjetunion und China. Als Nordkorea 1968 das US-amerikanische Spionageschiff Pueblo kaperte, spielten die politisch Verantwortlichen in Washington mit dem Gedanken eines Atomschlags. Anfang der 70er Jahre machte Südkorea selbst einen Versuch, Atomwaffen zu bauen, aber der Plan wurde nach einer Intervention von Kissinger wieder aufgegeben.

Grenzzwischenfälle, wie sie in dem im Jahr 2000 mit großem Erfolg gezeigten Film Joint Security Area geschildert werden, bergen immer wieder das Risiko einer Konflikteskalation. Brisant wurde es 1976, als zwei amerikanische Offiziere bei dem Versuch erschlagen wurden, eine Pappel zu stutzen, welche die Sicht auf feindliches Territorium behinderte. Die US-Armee reagierte, indem sie eine Phalanx von B 52 Bombern von Guam aus in Marsch setzte, die erst im letzten Moment abdrehte. Man hatte sich entschlossen, die Pappel von einer Kompanie Soldaten unter Helikopter-Geleitschutz stutzen zu lassen.

Der Golfkrieg im Jahr 1991 führte zu einer entscheidenden Wende im strategischen Denken der Militärs. Während sie vorher im Falle eines Konflikts auf einen frühen Einsatz von Atomwaffen gesetzt hatten, schwenkten sie nun auf den Einsatz von "chirurgischen" Schlägen mit konventionellen Waffen um. Im Herbst 1991 wurden die inzwischen veralteten Atomwaffen offiziell aus Südkorea abgezogen.

Im Juni 1993 stand Korea erneut an der Schwelle eines Krieges. In Washington fürchtete man, dass der Norden an der Bombe bastle. In der Chikago-Tribune forderten schon zwei Editorials aus dem Jahr 1991 Präventivschläge gegen den unterirdisch angelegten Nuklearkomplex von Yongbyon. Anfang 1993 kündigte Präsident Clinton an, dass er die großangelegten Team-Spirit-Militärmanöver mit Südkorea fortführen werde. Mitte März spielten die US-Truppen dann Krieg in Korea: Beteiligt waren B 1-B und B 52 Bomber aus Guam und mit cruise missiles bestückte Kriegsschiffe. Da es nun einmal zu den Prinzipien des Vertrags zur Verhinderung der Weiterverbreitung von Nuklearwaffen gehört, Länder ohne Atomwaffen nicht mit solchen zu bedrohen, hätte es eigentlich niemanden wundern dürfen, dass Nordkorea in dieser Situation seinen Rückzug vom Nuclear Non-Proliferation Treaty ankündigte. Kaum war Team Spirit beendet, gab der Norden diesen Plan auch wieder auf. Im selben Jahr verlangte die Internationale Atomenergie-Kontrollbehörde (International Atomic Energy Agency, IAEA) von Nordkorea, nicht-deklarierte Nuklearanlagen inspizieren zu dürfen. Die Lage verkomplizierte sich, als Nordkorea am 29. Mai eine Scud-Mittelstreckenrakete ins japanische Meer schoss, die Rodong 1, während man in Washington schon wieder über Luftschläge gegen die Militäranlagen in Yongbyon debattierte.[3] Die Clinton-Administration setzte in dieser Lage schließlich erfolgreich auf Diplomatie. Man versprach, die Team-Spirit-Manöver aufzugeben. Nordkorea selbst schlug vor, sein Nuklearprogramm von Graphitreaktoren auf Leichtwasserreaktoren umzurüsten. Im Juni 1994 flog Ex-Präsident Carter nach Pyongyang und verlangte die Stilllegung der Anlage von Yongbyon. Schließlich vereinbarte man Inspektionen und ein Einfrieren der Graphit-Reaktoren, die sich zur Produktion von waffenfähigem Plutonium eignen. Die USA verpflichteten sich, so lange Heizöl zu liefern, bis die Leichtwasserreaktoren ans Netz gehen können. Verzögerungen in der Umsetzung dieser Abmachung führen immer wieder zu Spannungen.

Die auf diplomatischem Weg erreichten Fortschritte wurden aber auch durch militärische Zwischenfälle gefährdet. Im September 1996 lief ein nordkoreanisches Unterseeboot an der südkoreanischen Ostküste auf Grund. Von den 26 Besatzungsmitgliedern wurden elf an Bord tot aufgefunden. Mit der Jagd auf die verbleibenden 15 waren über einen Zeitraum von sieben Wochen hinweg insgesamt 60000 Soldaten beschäftigt. Ein Nordkoreaner wurde lebend gefangen, der Verbleib eines anderen ist ungewiss. Auf südkoreanischer Seite wurden 13 Soldaten und vier Zivilisten getötet, einige durch 'friendly fire'. - Ein weiteres nordkoreanisches U-Boot, das im Dezember 1998 tief in südkoreanische Gewässer eingedrungen war, wurde von der südkoreanischen Marine versenkt. Vier Nordkoreaner entkamen, bei der anschließenden Jagd auf sie wurden drei getötet. Das nordkoreanische U-Boot repräsentiert das südkoreanische Feindbild schlechthin. In der Seouler U-Bahn warnen Plakate, auf denen U-Boot-ähnliche, leicht angerostete nordkoreanische Vehikel dargestellt sind, vor Spionageaktivitäten.

Eine weit größere Gefahr für den Frieden tauchte auf, als Nordkorea am 31. August 1998 eine dreistufige Taepodong-Rakete abschoss. Die erste Stufe fiel vor Japan in das aus koreanischer Perspektive Ostmeer genannte Gewässer. Die zweite Stufe flog über Japan hinweg und ging im Pazifik nieder. Der Rest landete in den Gewässern vor Alaska. Nordkorea behauptete, es habe den Satelliten Kwangmyungsung-1 (Bright Star 1) ins All gesetzt. Es war dieses Ereignis, das die alarmierten US-Amerikaner auf die Idee der Entwicklung eines Raketenabwehrsystems gegen die sogenannten 'states of concern' brachte, obwohl der Anti-ballistic Missile Treaty von 1972 das eigentlich verbietet. Um Nordkoreas Handlungsmotive zu verstehen, muss man in Betracht beziehen, dass die USA 10 Tage vor dem Start der Taepodong Ziele in Afghanistan und im Sudan bombardiert haben, eine Vergeltungsmaßnahme gegen terroristische Anschläge auf US-Botschaftsgebäude im östlichen Afrika am 7. August. Die Taepodong sollte in dieser Situation demonstrieren, dass Nordkorea die Fähigkeit besitzt, Langstreckenraketen einzusetzen. Seine Nuklearanlagen in Kumchang-gi konnten für die USA durchaus als Ziel eines Angriffs in Frage kommen. Am 16. März 1999 wurde das Problem diplomatisch gelöst. Die USA erhielten im Mai Zutritt zu dem Gelände und Nordkorea bekam im Gegenzug Lebensmittelhilfe. Die Inspektion ergab, dass die Anlage von Kumchang-ni nur aus einem leeren Tunnel besteht. Dennoch mutmaßt man in Washington, dass Nordkorea die Technologie zur Produktion der Bombe und möglicherweise auch diese selbst besitzen könnte. Trotz der Unterzeichnung eines Abkommens im September 1999, in dem Pyongyang auf Raketentests verzichtet, traut man Nordkorea in den USA auch weiterhin nicht.

Ein gravierender Zwischenfall ereignete sich im Juni 1999. Südkoreanische Seestreitkräfte versenkten bei einem Zusammenstoß im Gelben Meer ein nordkoreanisches Torpedoboot, nachdem dieses das Feuer eröffnet hatte. Bei dem Konflikt geht es um Fischgründe, die für ihren Krabbenreichtum bekannt sind. Sie befinden sich südlich der Demarkationslinie, die aber von Nordkorea nicht anerkannt wird, weil der Waffenstillstand keine expliziten Regelungen über den Grenzverlauf auf dem Meer enthält. Das UN-Oberkommando hat hier einseitig eine Pufferzone geschaffen, was auch in Zukunft so lange zu Auseinandersetzungen führen wird, bis sich die Parteien zusammensetzen und eine Einigung erzielen.

Kim Dae-Jung, die Demokratisierung Südkoreas und die Sonnenschein-Politik

Am 9. März 2000 erläuterte Präsident Kim Dae-jung in seiner Berliner Erklärung, einer Rede an der Freien Universität, die Grundsätze seiner Nordpolitik.[4] Er bezog sich dabei positiv auf die deutsche Ostpolitik. Auch er strebe eine "friedliche Koexistenz" von Nord- und Südkorea an. Schockiert zeigte er sich über die Kosten der deutschen Wiedervereinigung, die südkoreanische Ökonomie könne sich eine Unterstützung Nordkoreas in vergleichbaren Dimensionen nicht leisten. Bevor man in Korea überhaupt an Wiedervereinigung denken könne, müsse das Konfliktpotential auf der Halbinsel reduziert und die ökonomische Situation Nordkoreas an die des Südens angeglichen werden. Dann könne man eine Union zweier selbständiger Staaten anstreben, im nächsten Schritt eine Föderation zweier Länder. Kim Dae-Jungs sunshine policy orientiert sich an folgenden Prinzipien: Südkorea gibt dem Norden klar zu verstehen, dass es militärische Provokationen nicht dulden wird. Südkorea erklärt sich bereit, die territoriale Integrität Nordkoreas in keiner Weise zu verletzen. Der Norden soll auch nicht mit einer Wiedervereinigungspolitik bedroht werden, die auf eine Absorption hinausläuft. 'Kooperation' und 'Wiederversöhnung' sind die zentralen Schlagworte der Nordpolitik. Südkorea bietet eine Sicherheitsgarantie und konkrete Zusammenarbeit in Form ökonomischer Hilfe, soweit es seine Mittel erlauben. Gezielt soll der Ausbau der Infrastruktur im Norden unterstützt werden (Eisenbahn- und Straßennetz, Elektrizitätsversorgung ...). Einen Schwerpunkt bilden Maßnahmen im Agrarsektor, um die Lebensmittelversorgung zu stabilisieren (Düngemittel, Bewässerungssystem ...). Darüber hinaus werden diplomatische Initiativen zur Reintegration Nordkoreas in die internationale Staatengemeinschaft unterstützt. Im Gegenzug verlang Seoul den Verzicht auf militärische Provokationen, auf Entwicklung von Atomwaffen und Langstreckenraketen. Der Norden soll Familienzusammenführungen ermöglichen, erste Treffen von im Koreakrieg voneinander getrennten Familienmitgliedern konnten bereits öffentlichkeitswirksam arrangiert werden. Schließlich soll der kulturelle und ökonomische Austausch ein Geflecht von Beziehungen zwischen Nord und Süd wachsen lassen. Abgekoppelt von den Auseinandersetzungen im politischen Geschäft, könnte sich hier auch bei sportlichen Begegnungen eine Chance bieten, Beziehungen zu knüpfen. Die Frage stellt sich, ob es der koreanischen Politik gelingt, die Fußballweltmeisterschaft zu diesem Zweck zu nutzen und auf einem von Handlungsdruck weitgehend entlasteten Feld mit phantasievollen Aktionen den friedlichen Austausch zu vertiefen. Innenpolitisch ist die sunshine-policy von Kim Dae-Jung im September 2001 so unter Druck geraten, dass seine Regierungskoalition zerbrochen ist. Es stellt sich deshalb auch die Frage, ob die Regierungszeit Kim Dae-Jungs nur eine Episode ist und Südkorea bald wieder auf die lange Tradition einer härteren politischen Linie einschwenken wird.

In seiner Berliner Rede erklärte der Präsident, er sei im Kampf gegen die südkoreanische Diktatur fünf Mal fast getötet worden, er habe sechs Jahre im Gefängnis gesessen, insgesamt habe er 30 Jahre entweder im Exil, unter Hausarrest oder polizeilicher Überwachung verbracht. Auf den Plan getreten ist er erst in den frühen 70er Jahren, aber seine politischen Wurzeln liegen in der Opposition zur Regierungspartei von Syngman Rhee. Bei den Präsidentschaftswahlen im Jahr 1960 beanspruchte Rhee 90% der Wählerstimmen für sich, woraufhin ihn eine Massenbewegung aus dem Amt trieb.[5] Am 19. April hatten sich mehr als 100.000 Menschen in Seoul vor dem Präsidentenpalast versammelt. Mindestens 115 junge Leute starben, als die Palastwache das Feuer eröffnete. Nach dem Abgang Rhees sah sich die neue Regierung mit einem Vorschlag von Nordkoreas Staatschef Kim Il-Sung zur Bildung einer Konföderation konfrontiert. Gleichzeitig engagierte sich eine Studentenbewegung für die Wiedervereinigung. Die politische Unruhe in dieser Situation diente dem Militär als Vorwand für einen Putsch. General Park Jung-Hee ergriff 1961 die Macht und bis 1993 hielt die militärische Klasse das Land im Griff. Der eigentliche Kopf des Putsches soll Kim Jong-Pil gewesen sein, der als Gründer der Korean Central Intelligence Agency (KCIA) in die Geschichte eingegangen ist. Er diente unter Park Jung-Hee, der  1979 vom damaligen KCIA-Chef erschossen wurde, und später sogar phasenweise unter Kim Dae-Jung als Premierminister. Beim Ausscheren seiner Partei aus der Regierungskoalition hat er noch im September 2001 die Strippen gezogen.

In den Präsidentschaftswahlen von 1971 kandidierte Kim Dae-Jung bereits mit beträchtlichem Erfolg (36%) gegen Park, der sich nur durch den massiven Kauf von Wählerstimmen an der Macht halten konnte. über Aufmerksamkeit konnte er sich nun nicht mehr beklagen. 1971 wurde er von einem Lastwagen überfahren, 1973 vom KCIA in Tokyo gekidnappt. Bis 1979 stand er unter Hausarrest. Nach der Ermordung Parks schien sich die politische Atmosphäre Anfang 1980 zu entspannen: relegierte Studenten und aus politischen Gründen entlassene Professoren kehrten an die Universitäten zurück, Kim Dae-jung erhielt seine politischen Rechte zurück. Mitte Mai 1980 demonstrierten in Seoul bei täglichen Demonstrationen mehr als 50.000 Studenten für eine neue Verfassung und gegen Restaurationsversuche. In dieser Situation verhängte General Chun Do-Hwan das Kriegsrecht, schloss die Universitäten und löste das Parlament auf. Am 18. Mai forderte eine Demonstration in Kwangju die Aufhebung des Kriegsrechts. Gegen die Demonstranten wurden Luftlandetruppen eingesetzt, die mit wahlloser Grausamkeit auch Frauen und Kinder niedermachten. Am Ende waren nach offiziellen Angaben 200 Tote zu beklagen, aber vermutlich muss man mehr als 1000 Opfer ansetzen.

General Chun vollendete seinen Staatsstreich im Dezember 1980, indem er Kim Dae-Jung verhaften ließ und ihn beschuldigte, die Kwangju-Rebellion entfacht zu haben. Er trommelte eine Wahlversammlung zusammen und ließ sich zum Präsidenten wählen. Kim Dae-Jung wurde in einem Schauprozess zum Tod verurteilt, und nur eine diplomatische Intervention der Vereinigten Staaten verhinderte die Exekution. Kim wurde zu einer lebenslänglichen Gefängnisstrafe verurteilt, 1982 ging er in die USA ins Exil. Als er 1985 zurückkehrte, wartete der KCIA schon am Flughafen, um ihn wieder unter Hausarrest zu stellen.

Nachdem die südkoreanische Polizei im Jahr 1987 einen Studenten zu Tode gefoltert hatte, kam es am 10. Juni zu landesweiten Demonstrationen, denen die Regierung mit den üblichen Repressalien begegnete. Die Seouler Myongdong-Kirche bot verfolgten Studenten Asyl. In dieser aufgeladenen Atmosphäre nominierte die Regierungspartei General Roh Tae-Woo, einen der engsten Verbündeten Chuns bei der Unterdrückung der Kwangju-Rebellion, als dessen Nachfolger. Eine Massenbewegung zwang Roh, Präsidentschaftswahlen anzusetzen und Kim Dae-Jung zu amnestieren. Die Opposition konnte sich allerdings nicht einigen und stellte mit Kim Young-Sam einen zweiten Kandidaten auf. Roh Tae-Woo gewann die Wahl mit nur 35,9% der Stimmen, während sich Kim Dae-Jung und Kim Young-Sam 54% der Stimmen teilen mussten. Die Regierungspartei verlor die Wahlen zur Nationalversammlung von 1988. Um Kim Dae-Jung bei der nächsten Wahl zu schlagen, vereinigte Kim Young-Sam seine Splitterpartei mit dem Regierungslager und der Gruppierung um Kim Jong-Pil. Mit dieser Allianz gelang es Kim Young-Sam, die Präsidentschaftswahlen von 1992 mit etwas mehr als 40% der Stimmen zu gewinnen. 1995 trennte sich Kim Jong-Pil von Kim Young-Sam und gründete seine eigene Oppositionspartei. Im Vorfeld der Präsidentschaftswahlen von 1997 verbündete er sich mit Kim Dae-Jung und brachte ihm entscheidende Stimmen. Mit 40,3% gegen 38,7% besiegte Kim Dae-Jung so knapp seinen Gegenkandidaten Lee Hoi-Chang.

Sozialer Träger der südkoreanischen Demokratiebewegung war die Studentenschaft. Das Bild Südkoreas im Ausland ist noch immer geprägt von martialisch ausgerüsteter Bereitschaftspolizei, die sich mit Studenten Straßenschlachten liefert, die Seoul den Ruf der 'Tränengasstadt' eingebracht haben. Die für ihre Gewaltbereitschaft berüchtigten Hanchongnyon (Federation of Korean University Student Councils) sind wegen 'pro-nordkoreanischer' Umtriebe verboten. Noch 1996 hatten sie die private Eliteuniversität Seouls, die Yonsei, neun Tage lang besetzt gehalten, 3500 Studenten wurden verhaftet, 280 davon wegen Verletzung des National Security Law angeklagt. Aber diese Zeiten sind vorbei, von einer Studentenbewegung kann heute keine Rede mehr sein.

Aus den letzten Parlamentswahlen im April 2000 ging mit 42,8 % die Partei der Nichtwähler als klarer Sieger hervor. Die Stimmen der Wähler verteilten sich so: Die Regierungspartei Kim Dae-Jungs, die Millenium Democratic Party (MDP), erreichte 35,9%, der Koalitionspartner, Kim Jong-Pils United Liberal Democrats (ULD) nur 9,8%. Die konservative Grand National Party (GNP) vereinigte 39% der Stimmen auf sich. Achtet man nur auf den Stimmenzuwachs im Vergleich mit den letzten Wahlen vier Jahre vorher, dann hätte man die MDP eindeutig als Wahlsiegerin ansetzen müssen:

Parlamentswahlen in Südkorea

Parlamentswahlen

(Graphiken zum Wahlergebnis unter Berücksichtigung der Nichtwähler und
zur Sitzverteilung im Parlament finden Sie, wenn Sie hier klicken!)

Die Regierungsbildung gestaltete sich dennoch äußerst schwierig, weil in Südkorea der Löwenanteil der Sitze im Parlament nach dem die GNP begünstigenden Mehrheitswahlsystem vergeben wird, so dass es im Parlament auch auf die Stimmen von noch so kleinen Splitterparteien ankommt und man mit fragwürdigen Methoden versucht, Abgeordnete ins eigene Lager zu ziehen. Während ich an diesem Artikel schreibe, Anfang Oktober 2001, muss sich Kim Dae-Jung nach dem Zerfall seiner Regierungskoalition mit einer Minderheitsregierung durchschlagen.

Um die Vorgeschichte von Kim Dae-Jungs Sonnenschein-Politik und des Treffens mit Kim Jung-Il auszuleuchten, muss man mindestens auf das Jahr 1972 zurückgreifen. Schon damals überraschten General Park und sein Gegenspieler Kim Il-Sung im Norden die Welt mit einer gemeinsamen Absichtserklärung, die friedliche Wiedervereinigung herbeiführen zu wollen. Unter General Roh Tae-Woo hatte die südkoreanische Regierung dann eine "Nordpolitik" entwickelt, die sich am deutschen Modell der "Ostpolitik" orientierte. Das bekannte Tourismus-joint-venture des mittlerweile verstorbenen Hyundai-Gründers Chong Chu-Yong geht auf eine Nordkoreareise des Chaebol-Führers im Jahr 1989 zurück. 1990 und 91 trafen sich die Premierminister Süd- und Nordkoreas und unterzeichneten schließlich am 13.12.91 das sogenannte "Basic Agreement", einen Grundlagenvertrag über Wiederversöhnung und Aggressionsverzicht, Austausch und Kooperation. Der Austausch von Sonderbotschaftern wurde vereinbart, der Waffenstillstand zwischen den UN und Nordkorea sollte durch einen Friedensvertrag abgelöst werden. Man einigte sich darauf, die Halbinsel zur atomwaffenfreien Zone zu machen. Bei der Umsetzung haperte es, aber schon im Juni 1994 vermittelte Carter ein Gipfeltreffen zwischen dem damaligen südkoreanischen Präsidenten Kim Young-Sam und Kim Il-Sung. Das kam dann nur deshalb nicht zustande, weil der nordkoreanische Führer einen Monat später starb.

Das Problem besteht aber nicht darin, Gipfeltreffen mit zugegebenermaßen hohem symbolischem Gewicht zu arrangieren. Selbst die politische Avantgarde Südkoreas dürfte bei dem Gedanken an die möglichen Folgekosten einer Wiedervereinigung zum Beispiel im Fall einer Implosion des Nordens zusammenzucken. Ein Bericht des Finanzhauses Goldman-Sachs vom Sommer 2000 wagt es, Zahlen zu nennen für das Szenario eines Ausgleichs der wirtschaftlichen Leistungskraft zwischen Nord- und Südkorea in einem Zeitraum von 10 Jahren. Wenn man davon ausgeht, dass die nordkoreanische Produktivität von der südkoreanischen um 85% übertroffen wird, dann wäre im Fall einer Wiedervereinigung noch im Jahr 2000 ein Kapitaltransfer von 830 Milliarden US $ notwendig geworden. Das Rechenmodell basiert auf der Annahme, dass die Produktivitätslücke zwischen Nord und Süd in den kommenden Jahren immer weiter auseinander klaffen wird. Sollte die nordkoreanische Produktivität im Vergleich mit der südkoreanischen im Jahr 2005 auf 7% zurückgefallen sein, dann seien über einen Zeitraum von 10 Jahren verteilt nicht weniger als 3,55 Billionen US $ erforderlich, um einen 100%igen Ausgleich herbeizuführen. Unter diesen Umständen rät Goldman-Sachs, im Fall der Fälle den Kapitalfluss vom Süden in den Norden zu forcieren, der Mobilität der Arbeitskräfte aus dem Norden aber Schranken zu setzen. Das würde bedeuten, dass es selbst in einem wiedervereinigten Korea, das solche Ratschläge annähme, eine Grenze gäbe, die den Menschen im Norden einen Verzicht auf Freizügigkeit abforderte. Angesichts solcher Szenarien dürfte das kurze 20. Jahrhundert, für das Historiker das Jahr 1989 als Epochenwende ansetzen, für Korea noch lange nicht zu Ende sein.

Zu den aktuellen innenpolitischen Schwierigkeiten bei der Umsetzung der sunshine policy kommen immer wieder die an der Grenze. Nachdem diese Ende September 2001 von nordkoreanischen Soldaten angeblich bei Manövern 30-40 Meter weit überquert worden ist, haben südkoreanische Truppen dort Warnschüsse abgefeuert. Doch hat Nordkorea mit einer Verurteilung der terroristischen Anschläge auf das Pentagon und das World Trade Center am 11. September auch jüngst dieselbe Haltung wie Südkorea eingenommen, so dass in anstehenden Gesprächen auf Kabinettsebene eine gemeinsame Erklärung beider Länder gegen den Terrorismus zu erwarten ist. Das ist für Nordkorea von besonderer Bedeutung, weil sich dadurch für das Land die Möglichkeit eröffnet, von der Liste von Staaten gestrichen zu werden, die als Sponsoren von Terroristen gelten. Auf die Liste war Nordkorea von den USA nach dem Attentat nordkoreanischer Agenten auf ein südkoreanisches Passagierflugzeug im Jahr 1987 gesetzt worden, bei dem 115 Passagiere und Besatzungsmitglieder getötet worden waren. Nur wenn Nordkorea von dieser Liste entfernt wird, kann das Land an Kredite heran kommen, die es bitter nötig hat. Das Dilemma, in dem sich die stagnierenden Verhandlungen zwischen Nord- und Südkorea im Oktober 2001 befinden, brachte Choi Jin Wook, der Direktor der North Korea Studies am Korea Institute for National Unification, gegenüber der International Herold Tribune (8.10.) mit folgendem Satz zum Ausdruck: "Basically, North Korea wants cash, and South Korea can't afford it".


[1] Einen knappen überblick bietet der Artikel von Shim Jae-Hoon: Vom Land der Stille zur asiatischen Mittelmacht. Eine kurze politische Geschichte Koreas. In: Du (Korea. Fernöstliche Passagen) 705, 2000, S. 5-11. Mein Artikel geht auf einen Vortrag zurück, den ich am 9.6.2000 in Tokyo auf der Versammlung der japanischen Lektoren zur politischen Entwicklung auf der koreanischen Halbinsel und ihrem Echo im Universitätsalltag gehalten habe.

[2] Bruce Cumings: Korea's Place in the Sun. A Modern History. New York 1997. Zum Korea-Krieg das Kapitel Collision, 1948-1953, S. 237-298.

[3] Vgl. zu diesem Problemkomplex Kim, Taewoo: South Korea's Missile Dilemmas. In: Asian Survey 39, Heft 3, 1999 (S. 486-503).

[4] Zum Wortlaut der Rede vgl. den Korea Herald vom 10.3.2000.

[5] Zum Folgenden vgl. in Cumings Kapitel 7: The Democratic Movement, 1960-1996 (S. 337-393).


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DaF-Szene Korea Nr. 14

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