Thomas Schwarz

Der Ball ist rund (Rezension)

Franz-Josef Brüggemeier / Ulrich Borsdorf / Jürg Steiner: Der Ball ist rund. Katalog zur Fußballausstellung im Gasometer Oberhausen anlässlich des 100-jährigen Bestehens des Deutschen Fußball-Bundes (12. Mai bis 15. Oktober 2000). Essen, Klartext 2000, DM 31.78,-


Die Gründung des Deutschen Fußballbundes im Jahr 1900 wurde im Jahr 2000 in einer Ausstellung des Gasometers Oberhausen gefeiert. Sie präsentierte Objekte, an denen Erinnerungen und Geschichten haften, vom mit Unterschriften geschmückten Fußball bis zur Eintrittskarte. Ulrich Borsdorf und Heinrich Theodor Grütter erklären, dass diese Ausstellung eigentlich eine über die "Erinnerung" sei. Sie versammelte magische Gegenstände, die ihre Aura erst durch das Ereignis gewinnen, an das sie erinnern. Die Fußballtrophäe ist an sich etwas Banales, ihre symbolische Kraft verdankt sie der Tatsache, dass ein berühmter Spieler sie in den Händen gehalten hat. Die Spur des deutschen Sieges bei der Weltmeisterschaft 1974 hat sich dem Pokal dadurch eingeschrieben, dass Beckenbauer ihn bei der Siegerehrung berührt hat. Das kollektive Gedächtnis um den Fußball herum wird mit Hilfe von solchen Symbolen und Ritualen gepflegt. Fahnen, Trikots und Schals, das Absingen von Schlachtrufen und die Verabredung zu Schlägereien formieren die Identität des Fans. Sein Abgrenzungsbedürfnis wird umso schärfer, je räumlich näher und erfolgreicher der gegnerische Verein ist (50ff.).

Die Stärke dieses Katalogs besteht darin, dass er eine Fülle von anthropologischen Beobachtungen zur Kulturgeschichte des Fußballspiels und der Mentalität jener Ethnie bietet, die man gemeinhin die 'deutsche' zu nennen pflegt.

Nicola Lepp widmet sich mit Akribie dem materiellen "Einmaleins des Fußballs". Am Anfang steht die Markierung des Feldes, bei dem für internationale Spiele Maximalmaße von 110 x 75 m vorgesehen sind. In die dritte Dimension erheben sich mit den offiziellen Maßen 2,44 x 7,32 m die Tore. Zum Spieler wird, wer das Spielfeld betritt (pro Mannschaft sind nur 11 zugelassen), möchte man andere Personen ins Spiel bringen, muss eine Auswechslung vorgenommen werden. Die Regeln reduzieren "Sein oder Nicht-Sein" auf das "überschreiten einer Linie". Diejenige Mannschaft, der es gelingt, den Ball (früher Leder, heute Kunststoff mit Gummiblase, aufgepumpt auf einen Balldruck von 60-110 Kilopascal) an der 'Tor' genannten Stelle über die Linie zu befördern, hat einen Punkt gemacht. Das eigentliche Regelwerk umfasst nur 17 Paragrafen und es wird kolportiert, dass Frauen die Abseitsregeln nicht begreifen könnten. Die Spielzeit wird mit einem Spielzeitmesser gemessen, sie beträgt zweimal 45 Minuten, aber der Schiedsrichter addiert nach eigenem Ermessen "durch Auswechslung, Transport verletzter Spieler vom Spielfeld, Zeitvergeudung oder aus einem anderen Grund verlorengegangene Zeit". Das Finale um die Deutsche Meisterschaft 1921/22 dauerte insgesamt 190 Minuten. Der Schiedsrichter hatte bei unentschiedenem Spielstand so lange weiterspielen lassen, bis die Dunkelheit hereinbrach, was aber am Spielstand von 2:2 nichts änderte. Gewinner ist nun mal, wer am meisten 'Tore macht' und weil auch das Wiederholungsspiel unentschieden ausging, führte der DFB für diese Saison keinen Deutschen Meister (66-72, vgl. 159).

Aus der Vorgeschichte des Fußballs hebt Sebastian Plüer drei Ball-Kulte hervor. Die mesoamerikanischen Ulama-Kulturen (Blütezeit 400-900 n. Chr.) spielten mit einem massiven Kautschuk-Ball. Bei den Zeremonien zu Beginn des Spiels kam es auch zur Opferung von Menschen, deren Blut dann über den Platz verteilt wurde (55ff.). In Japan übernahm die höfische Gesellschaft zu Beginn des 7. Jahrhunderts ein Ballspiel aus China, das dann als Kemari bezeichnet wurde. Auch hier geht es nicht um ein Spiel im Sinne des uns heute geläufigen Konzepts, sondern um einen im Tempelbezirk praktizierten religiösen Kult. Dabei versuchte man, eine halb aufgepumpte Lederkugel beim gegenseitigen Zuspielen mit dem Fuß so lange wie möglich in der Luft zu halten (58ff.). Das italienische Calcio (= Fußtritt) war eine Art Rugby, das unter der Herrschaft der Medici in der barocken Festkultur eine wichtige Rolle spielte und der "paramilitärischen Ertüchtigung" des Adels diente (61ff.).

Plüer betont, dass Fußball ein "englischer Sport" ist. Als Geburtsstunde des modernen Fußballs gilt das Jahr 1863, in dem in der Londoner Freemasons' Tavern die Vertreter verschiedener Vereine einen nationalen Fußballverband gründeten und erstmals einheitliche Spielregeln auf einer nationalen Ebene festgelegt wurden. Schnell etablierte sich "soccer" als Wochenendvergnügen der Arbeiterschaft (78ff., vgl. 280).

Uwe Wick hebt hervor, dass sich in Deutschland vor allem die Turnerschaft in der Tradition des nationalchauvinistischen Turnvater Jahn mit antienglischem Akzent der Einführung des Fußballs widersetzte. Der erste Präsident des DFB wurde dann Dr. Ferdinand Hueppe, den Wick seinen Lesern als bekannten "Sportmediziner" präsentiert (87ff). Mir war der Mann in der Tat bei früheren Gängen ins Archiv auch schon aufgefallen, aber eher unangenehm. Ich kann es mir nicht verkneifen, hier ein Zitat aus einer Denkschrift Hueppes zu den "Kolonisationsbestrebungen" aus dem Jahr 1901 einzufügen, das für sich selbst sprechen mag: Im "Kampf der Rassen um die Weltherrschaft", heißt es da, seien die "minderwerthigen Rassen" in die "Rolle der dienenden zu verweisen". Das "Untergehen von Rassen" könne man vom "allgemein menschlichen Standpunkte aus bedauern, aber eine Verbesserung der Menschheit" und der "Fortschritt" erforderten eben gewisse "Opfer". Die Affinitäten von sozialdarwinistischem Denken und die Form, wie bei bestimmten Sportarten Sieger selektiert werden, wäre meines Erachtens durchaus auch einmal eine kritische Untersuchung wert. Michael Menzen erwähnt später, Hueppe habe als "Wissenschaftler" das "Fachgebiet Hygiene" vertreten (360) und unterschlägt, dass es dabei auch um Rassenhygiene ging. Hueppes Position deckt sich hier allerdings nicht mit der, die von den deutschen Rassenreinheitsfanatikern im Reichskolonialamt vertreten wurde. Er fasst die Rassenmischung als probates Mittel zur Kolonisation tropischer Länder.

Plüer und Wick überliefern in einem gemeinsamen Aufsatz über den propagandistischen Einsatz des Fußballs im Ersten Weltkrieg die Geschichte des Captain Wilfred P. Neville, der seinen Soldaten vor dem Sturmangriff am ersten Tag der Somme-Schlacht zwei Fußbälle überreichte. Dann erklärte er ihnen, wer als erster den Ball bis zu den feindlichen Schützengräben spielen würde, erhalte einen Preis. Neville selbst wurde in der Somme-Schlacht tödlich verwundet (105).

Bis 1914 war Fußball in Deutschland eine Sportart, die vorwiegend vom Bürgertum und der neuen Schicht der Angestellten betrieben wurde (99). Nach dem Krieg wurde Fußball in der Weimarer Republik zum Massensport (114). An dieser Stelle nimmt Dietmar Osses den Faden auf, um anhand der Biographie Sepp Herbergers die Geschichte des deutschen Fußballs über die politischen Systemwechsel hinweg zu erzählen. Nach der Machtergreifung der Nazis schritt der DFB schon im Juli 1933 zur Selbstgleichschaltung. Herberger war bereits am 1. Mai der NSDAP beigetreten. 1937 wurde er zum Reichstrainer berufen (118f.). 1946 stufte man ihn im Entnazifizierungsverfahren als Mitläufer ein und damit war der Weg frei für den beruflichen Wiederaufstieg, der für Herberger direkt zur Stelle des Nationaltrainers der Bundesrepublik führte (122ff.).

Das Thema "Fußball im Nationalsozialismus" nimmt Uwe Wick genauer unter die Lupe. Das Fußballmagazin Kicker, das bereits 1920 gegründet worden war, veröffentlichte am 19. April 1933 eine Bekanntmachung des DFB-Vorstands, derzufolge "Angehörige der jüdischen Rasse" und "Mitglieder der marxistischen Bewegung" aus "führenden Stellungen" im Vereinsleben verbannt wurden. Der Gründer des Kicker, Walther Bensemann, war selbst jüdischer Abstammung, und emigrierte schon im März 1933 in die Schweiz, wo er ein Jahr später verarmt starb (175). Hitler ließ sich nur ein Mal bei einem Fußballspiel sehen, als die deutsche Mannschaft 1936 bei den olympischen Spielen in Berlin schon im zweiten Spiel gegen Norwegen mit O:2 verlor. Reichstrainer Otto Nerz wurde im Gefolge dieser Niederlage von Herberger abgelöst (180ff. vgl. 328). Die Demütigung hinderte Nerz aber nicht daran, im Juni 1943 das "judenfreie Europa mit einem judenfreien Sport" zu feiern und dem "Judentum" zuzuschreiben, es habe den Weltkrieg "entfacht". In den von der Wehrmacht besetzten Gebieten sollten Fußballspiele die "deutsche Überlegenheit demonstrieren". Im August erlitt eine deutsche Flakelf eine 5:3 Niederlage gegen ein ukrainisches Team, in dem zahlreiche Spieler von Dynamo Kiew aufgestellt waren. Die ukrainischen Spieler sollen am nächsten Tag verhaftet worden sein und die wenigsten von ihnen sollen die Haft überlebt haben (187).

Zwei deutsche Nationalspieler waren Juden, Julius Hirsch und Gottfried Fuchs. Letzterem gelang die Flucht, aber Hirsch wurde am 1. März 1943 nach Auschwitz deportiert, wo sich seine Spur verliert (190ff.). Auch an den Fußballspieler Halvorsen wird in dem Band erinnert, der bis 1933 bei Hamburg spielte, dann nach Norwegen flüchtete, wo er während der deutschen Besatzungszeit in den Widerstand ging. Die Nazis nahmen ihn allerdings gefangen und 1955 starb Halvorsen an den Folgen der unmenschlichen Behandlung im Konzentrationslager (vgl. Christoph Schurian, 366).

Nach dem Zweiten Weltkrieg wurde der DFB offiziell erst zu seinem 50-jährigen Bestehen rekonstituiert, es begann die von Wick beschriebene Zeit der regionalen Oberligen, aus der sich die acht Teams für die Endrunde um die Meisterschaft rekrutierten. Erst 1963 wurde mit der Bundesliga der Profifußball eingeführt, der dann aus Sport erst ein kapitalistisches Unternehmen machte (212ff., vgl. Heimsoth S. 242ff.). Axel Heimsoth hebt in seinem Artikel über das Endspiel der Fußballweltmeisterschaft 1954 hervor, dass die deutsche Nationalmannschaft ihren 3:2-Sieg unter anderem einer technischen Neuerung verdankte, der Einführung der Schraubstollen durch den Sportausstatter Addi Dassler. Mit diesen konnte man bis kurz vor dem Spiel auf die unterschiedlichen Anforderungen des Platzes reagieren. Auf regennassem Rasen hatte die deutsche Nationalelf in dem tieferen Boden einen besseren Halt als die technisch versierteren Ungarn (222ff). Die später als Adidas bekannt gewordene Firma ist heute Toppsponsor der Fußballweltmeisterschaft. Die deutschen Fußballfans empfanden den WM-Sieg 1954 als eine nationale Rehabilitation, ein Seelenpflaster für die 'Schmach', die man durch die Niederlage im Zweiten Weltkrieg hatte hinnehmen müssen. Symptomatisch dafür, dass dieses Spiel als Ausgleich für eine nationale Demütigung empfunden worden war, ist das Verhalten der Fans bei der Siegerehrung. Sie sangen nicht die dritte, sondern grölten lauthals die erste Strophe der Nationalhymne und brachten damit die deutsche Mentalität des "Wir sind wieder wer" auf schaurige Weise zum Ausdruck (229ff.). Heimsoth hätte hier durchaus kritischere Töne anschlagen können, denn an diesem Punkt wird nur zu deutlich, dass die Bundesrepublik trotz aller Versuche Adenauers, die nationale Begeisterung herunterzuspielen, von einem Klima geprägt war, das weit davon entfernt war, den Sieg der alliierten Truppen über das Nazi-Regime als Befreiung wahrzunehmen.

Christoph Bausenwein und Lothar Mikos schreiben über die Allianz zwischen Fußball und Fernsehen, die am 4. Juli 1954 im Berner Wankdorf-Stadion gegründet wurde, als die bundesdeutsche Nationalmannschaft im Endspiel der Fußballweltmeisterschaft Ungarn schlug. Mediengeschichtlich ordnen sie das Ereignis noch der "Prähistorie" des Fernsehzeitalters zu, denn die Zuschauer waren damals eher "Ohren-" als "Augenzeugen". Im kollektiven Gedächtnis ist das Spiel durch den Kommentar des Rundfunkreporters Herbert Zimmermann verankert, aber Wolfgang Ley, der Chefredakteur des Senders Eurosport, erinnert sich so: "Ich saß als kleiner Junge in der Dorfstube eines Bauern, der glücklicher Besitzer des einzigen Fernsehgeräts am Ort war - und mußte miterleben, wie beim 3:2 von Helmut Rahn mehrere Stühle und Fensterscheiben zu Bruch gingen." Zwar war schon unter der Nazi-Diktatur im Jahr 1936 ein Länderspiel zwischen Deutschland und Italien live aus dem Berliner Olympiastadion übertragen worden, aber erst im Gefolge von 1954 bog die Kurve der Verkaufszahlen bei Fernsehgeräten nach oben ab. Heute beherrscht das Fernsehen die von den Medien produzierte "zweite Wirklichkeit des Fußballs" (25ff.). Seit fast alle Sportkommentatoren auch Kommunikationslehrgänge anbieten, können Fußballer in der Regel vor laufender Kamera vollständige Sätze bilden. Eine Analyse des Unsinns, den die deutschen Profis so von sich geben, dürfte im Unterricht besonderen Spaß machen. Die Autoren zitieren einige nette Beispiele:

"Erst hatten wir kein Glück und dann kam auch noch Pech hinzu" (Jürgen Wegmann).

"Da wird nur wieder etwas hochsterilisiert" (Bruno Labbadia).

"Wir sind eine gut intrigierte Truppe" (Lothar Matthäus). (35)

Nichts mehr entgeht heute den Kameras, und als dem Nationalspieler Thomas Berthold einmal zufällig das "Gemächt" aus der Sporthose glitt, wurden die Zuschauerinnen und Zuschauer mit einer Wiederholung in Zeitlupe beglückt (29).

Lothar Müller hat eine weitaus erstaunlichere Bilderfolge aus dem Jahr 1890 ausgegraben, die den Nervenarzt Jean Martin Charcot zeigt, den Leiter der Salpetrière in Paris, dessen berühmtester Schüler Sigmund Freud werden sollte. Man sieht, wie Charcot einen Ball fallen lässt, um ihn dann nach oben wegzuschießen. Die Chronofotografie, medientechnisch der Vorläufer der Zeitlupe, zerlegt den Vorgang in zwölf Einzelbilder, auf denen Charcot in Anlehnung an die antike Darstellungsform fast nackt präsentiert wird. Fast - denn Strümpfe, Strumpfbänder und Schuhe hat er auf der Bewegungsstudie noch an. Das Motiv, warum sich Charcot in diesem Aufzug hat ablichten, lassen, ist überaus rätselhaft, Müller vermutet hier ein "Bekenntnis zur Fortschrittlichkeit der Moderne", die hier im "aktuellsten Sport" ihren Ausdruck finde (41f.). Diese Moderne trat auch als ein Zeitalter der Neurasthenie auf den Plan, und meine Hypothese wäre, dass der Arzt auf den Fußball durch die Nervenspannung aufmerksam geworden ist, der Spieler wie Zuschauer gleichermaßen ausgesetzt sind.

Die deutsche Nationalelf wurde 1974 unter der Regie ihres Trainers Helmut Schön im eigenen Land Weltmeister. Als später Franz Beckenbauer in diese Funktion einrücken sollte, musste man für ihn eigens das Amt des "Teamchefs" erfinden, da er nicht im Besitz einer Trainerlizenz war. Dennoch gelang es seiner Mannschaft, 1990 in Rom den Weltmeisterschaftspokal zu gewinnen (Heimsoth, S. 331ff.). Aber auch 1981 und 1984 konnte die deutsche Elf den WM-Titel gewinnen, in den damals noch inoffiziellen Frauen-Fußballweltmeisterschaften (Osses, S. 308). 1974 trafen im Hamburger Volksparkstadion erstmals die Nationalmannschaften der BRD und der DDR aufeinander, und Jürgen Sparwasser entschied das Spiel mit dem einzigen Tor dieser Partie für seine Mannschaft (Andreas Zolper zum Fußball in der DDR, S. 317).

Christoph Schurian und Michael Menzen stellen in ihrem Artikel "Geld und Spiele" fest, dass die 18 Vereine der Bundesliga im Jahr 1999 einen Gesamtumsatz von einer Milliarde DM erwirtschaftet haben. Bezeichnend für die Kommerzialisierung des Fußballs ist, dass sich 1988 erstmals Privatsender den Zuschlag für die übertragungsrechte der Bundesliga-Spiele für 40 Millionen DM holten. 1992 gingen die Rechte dann schon für 320 Millionen DM weg - Tendenz steigend (353ff.). Heute dominiert die Mediengruppe Kirch das Geschäft mit den Lizenzen für WM-Spiele.

Christoph Schurian geht auf die von Ausschreitungen geprägte "dritte Halbzeit" des Fußballspiels ein. In seiner Urform, als Spiel und Nicht-Spiel noch nicht scharf voneinander getrennt waren, stürzten sich Zuschauer und Aktive gleichermaßen ins Kampfgetümmel, bis auch hier ein Zivilisationsprozess einsetzte, der letztere auf das Anfeuern der eigenen Mannschaft und das Ausbuhen des Gegners festlegte. Aber Einbrüche der Gewalt ließen nicht zuverlässig verhindern. 1982 kam der 16-jährige Lehrling Adrian Maleika nach gewaltsamen Zusammenstößen mit Hamburger Anhängern ums Leben. 1998 wurde ein französischer Polizist, Daniel Nivel, von deutschen Hooligans lebensgefährlich verletzt. Deren berüchtigte Jugendkultur hatte dazu geführt, dass in den Stadien Fangruppen durch Zäune voneinanander getrennt und durch Kameras überwacht wurden. Die Aggressionsbereitschaft wurde durch derartige Dispositive aber eher gefördert, so dass man heute auf subtilere Mittel der Disziplinierung setzt. So schafft man beispielsweise die Stehplätze ab, und zwingt die Zuschauer zum Sitzen, einen Verlust an Atmosphäre in Kauf nehmend (346ff., vgl. Schurian 342ff.).

Axel Heimsoth beleuchtet in seinen Ausführungen zur Architektur der Fußballstadien kritisch, dass diese unter der Nazi-Diktatur mit ihren "Führertribünen" zu "Orten des kühl kalkulierten kollektiven Wahnsinns" ausgebaut wurden (141). Leider fehlen hier Ausführungen zur Debatte um den Umbau des Olympiastadions in München als einem Denkmal der bundesrepublikanischem Demokratie, das den kommerziellen Bedürfnissen der Fußballindustrie im Wege stand.

Kritisch anmerken muss ich auch, dass es in dem Band zahlreiche Redundanzen gibt, die sich hätten vermeiden lassen, wenn die Autoren ihre Terrains besser aufgeteilt hätten. Als positiven Ausgleich möchte ich die Bezüge auf Korea in dem Band unterstreichen: In Christoph Schurians Essay zu Technik, Taktik und Strategie des Fußballspiels findet sich der Hinweis, dass der südkoreanische Spieler Bum-Kun Cha in Köln an der Sporthochschule seine Trainerausbildung absolviert hat (286). Der Künstler Nam June Paik hat 1998 in New York eine Installation verfertigt, bei der 10 Fernseher und Fußbälle einen doppelten Kreis bilden. Eine Abbildung zeigt das Kunstwerk in dem Artikel zur Fußballkunst von Jürgen Müller, mit dem der Katalog abgerundet wird (371). Das Verhältnis von Fußball und Literatur wird hier nicht untersucht, auf diesem Gebiet scheint es noch kulturwissenschaftliche Marktlücken zu geben.


Copyright © 2001 by Thomas Schwarz


DaF-Szene Korea Nr. 14

Back Home