Min-Jong Koh / Thomas Schwarz

Daegu
            ... oder die Sehnsucht nach dem Anderen


Balli onna!, ruft der Mann seiner Frau zu, die vor Ihnen in der Reihe gestanden hat, "Komm schnell!" Und dann haben auch Sie es geschafft, im Bahnhof von Seoul Ihr Ticket für den Saemaul-Zug nach Süden zu ergattern, Sie spurten hinab auf das Bahngleis, Zugbegleiter und Zugbegleiterin haben nur noch auf Sie gewartet und verbeugen sich artig in anmutiger Synchronie, Sie hechten hinein in das grün-weiße Geschoss, fallen in den Sessel und los geht's! Da rumpelt im Gang auch schon der Wagen des Adschoschi an Ihnen vorbei, greifen Sie zu, wer weiß, wann er wieder zurück kommt! Auf dem Speiseplan stehen Kekse und Mandarinen, von den diversen Aufputschmitteln im Angebot hat der Instantkaffee die wenigsten unüberschaubaren Nebenwirkungen. Kaum dass der Zug über die Brücke des Han-Flusses hinweg rollt, ist fast Ihr ganzer Großraumwagen schon in den Tiefschlaf gesunken. Die Adjuma an Ihrer Seite verwechselt Ihre Schulter mit einem Kopfkissen und fängt an, vor sich hin zu schnarchen. Friedliche Ruhe kehrt ein, Sie holen Ihr Buch heraus, um sich in die Lektüre zu vertiefen. Da vernehmen Sie eine vertraute Stimme, sie artikuliert so etwas wie sarang handei, und sie erspähen das Ihnen bereits vertraute Paar, das ein paar Sitzreihen weiter vorn platziert worden ist.

In der Sektion "Sprache" Ihres Reiseführers haben Sie vermutlich gelernt, dass balli (schnelll) zu den wichtigsten Wörtern der koreanischen Kultur gehört. Das Verb oda (= kommen) gehört ebenfalls zum Grundwortschatz, aber die Form onna klingt auch für einheimische Ohren fremd - Standard-Koreanisch wäre balli oah! Aus dem Schnulzenradio ist Ihnen bereits nach wenigen Tagen des Aufenthalts in Korea auch die Normalform für "Ich liebe dich" bekannt, sarang haeyo, die Leute da vorn aber sagen handei, in einem Dialekt, sathuri, wie er für die Region Gyongsangbukdo und ihr Zentrum Daegu typisch ist. Dazu gehört auch, dass man hier immer um einige Dezibel lauter spricht als in den anderen Landesteilen. Der Menschenschlag aus Daegu gehört eher nicht zu den Schlafmützen, man ist lieber gesellig, vertreibt sich die Zeit mit Kartenspielen und pfeift sich indes ein paar Dosen Bier rein, so dass man am Dong-Daegu-Yok, dem Ostbahnhof von Daegu, nach einer Fahrt von etwas mehr als drei Stunden mit der denkbar besten Laune ankommt. Auf Koreanisch, Japanisch, Chinesisch und Englisch werden die Fahrgäste aufgefordert, beim Aussteigen auch nichts zu vergessen, der Zug hält für genau eine Minute und gleitet dann weiter, hinunter nach Busan, der zweitgrößten Stadt des Landes. Da sind Sie nun also, in Daegu, mit mehr als 2,5 Millionen Einwohnern die drittgrößte Ortschaft hier.

Wenn wir hier die Aufgabe haben, Reiseführer zu spielen, fahren wir mit unseren Gästen zunächst einmal U-Bahn, um ihnen zu demonstrieren, dass Daegu an diesem Punkt keinen Vergleich mit Seoul zu scheuen braucht. "Sehr modern und sehr sauber", lauten dann auch die anerkennenden Kommentare (Dass es überhaupt nur eine Linie gibt, verschweigt der erfahrene Reiseleiter geflissentlich). Wir steigen an der Station Jungangno aus, schleppen die Leute zum alles überragenden Kyobo-Building hinüber, in dem es nicht nur einen Buchladen mit einem kleinen Angebot an nicht-koreanischer Literatur gibt, sondern auch die Möglichkeit, Daegu kostenlos von oben zu betrachten (den albernen Themenpark im Woobang Tower Land können Sie sich wirklich sparen!). Mit dem Aufzug geht's hinauf ins 16. Stockwerk des Kyobo, eine Sitzgruppe lädt zum Verweilen ein, der Blick durch das Panoramafenster vermittelt einen ersten Eindruck: man lasse die Augen über die städtebaulichen Bausünden der Apartmentblocks hinweg hinüber schweifen zum Palgongsan, einem Gebirgszug, auf dessen Kwanbong-Gipfel der etwas grimmig dreinblickende Gatbawi-Buddha thront, der auch das Frontispiz dieses Heftes schmückt. Der gat ist der koreanische Hut aus Rosshaaren, bawi heißt "Fels", die etwa vier Meter hohe Statue ist aus einem einzigen Stück Stein gehauen und schaut seit mehr als 1000 Jahren ins Land hinaus. Wer so eine Respekt erheischende Kopfbedeckung trägt wie der Gatbawi, muss nach dem Similaritätsprinzip einfach für Gelehrsamkeit zuständig sein! Deshalb versammeln sich vor dem Examen hier all diejenigen zu gymnastischen übungen, die der alten Lehrerweisheit misstrauen, dass Lernen die beste Prüfungsvorbereitung ist, und geben so ein Beispiel für moderne imitative Magie im Sinne des alten James George Frazer, die dem Gesetz der Ähnlichkeit folgt. Kombiniert wird diese mit der Übertragungsmagie, die dem Gesetz der Berührung unterworfen ist. Der Wunsch, den Felsen des Buddha zu berühren und sich seine gelehrte Kraft so anzueignen, treibt die Daeguaner vor allem vor dem berüchtigten Test für die Abschlussklasse des Gymnasiums, über den der Zugang zu den Studienplätzen (genauer gesagt: zu den begehrten Elite-Universitäten) geregelt wird, in hellen Scharen den Berg hinauf. Wenn auch Sie hin wollen oder müssen: vom Stadtzentrum fährt der Bus 105 Richtung Palgongsan.

Aber zurück zum Stadtrundgang: Vom Kyobo aus geht es durch das Menschengewühl wieder einige hundert Meter über die Jungangno Richtung Dong-A Shopping Center, aber kurz vorher biege man nach rechts auf den Markt für orientalische Medizin (Yangnyeong Shijang) ein. Dort kann man sich von allerhand realen und eingebildeten Krankheiten kurieren lassen. Haben Sie etwa Schwierigkeiten mit der Potenz? Hirschgeweih und Ginseng bilden die natürliche Alternative zu Viagra! Grüner Tee in der besten Qualität kostet nicht einmal die Hälfte von dem, was die Seouler Händler für ihr Kraut in Insadong verlangen.

Zum Essen laden wir Durchreisende gern in das Jin-Golmok-Shiktang ein, in dem eine gediegene häusliche Kost serviert wird - Tel.: (053) 253-3757. Unter ihnen der berühmteste aus dem deutschen Sprachkreis dürfte wohl Eugen Gomringer gewesen sein, der in Daegu im Rahmen einer Veranstaltung der lokalen Autorengruppe "Poesie und Antipoesie" einen Vortrag über konkrete Poesie gehalten hat. Der sehr traditionelle Gasthof liegt etwas versteckt in der Jin-Gasse, aber die Geschäftsinhaber der Nachbarschaft kennen ihn und können Ihnen den Weg zeigen. Auf dem Hof des nach altem koreanischen Muster erbauten Hanok können Sie den Ajumas zusehen, wie sie Kimchi und andere Spezialitäten des Hauses zubereiten. Dazu gehört vor allem der Hobag-Jeon, ein Kürbispfannkuchen, zu dem man Makkolli trinkt, einen milchigen Reiswein. Der Kürbis ist das Wahrzeichen des Hauses, die Früchte stapeln sich in jeder freien Ecke des Restaurants. Das Dachgebälk schwingt sich in abenteuerlichen Formen durch den Raum, der mit Kalligraphien und alten Möbelstücken ausgeschmückt ist. Die Speisekarte liegt nicht auf dem Tisch, sondern hängt an der Wand, und wenn Sie Koreanisch nicht lesen können, hier ein Tipp: Auch für den in koreanischer Küche ungeübten Gaumen bekömmlich ist der Gongnamul-Bap, der Sojasprossen-Reis. Unter den Beilagen ist ein Kimchi, das es wirklich in sich hat und nicht verwechselt werden sollte mit dem Zeug, das man in Seoul den Touristen hinstellt. Bevor Sie sich das einfach in den Mund schieben, sehen Sie sich an, wie das die Einheimischen am Nachbartisch machen: Sie werden bemerken, dass man Kimchi zusammen (!) mit Reis isst. Es ist doch wirklich ärgerlich, wenn die Leute Kimchi pur essen und sich hinterher beschweren, es sei zu scharf. Das alte koreanische Ziegeldach des Restaurants ist leider schon ziemlich mitgenommen, und es ist fast ein Wunder, dass die Abrissbirne hier noch nicht zugeschlagen hat.

Frühjahr 1999, die Parlamentswahlen standen an, Zeit für eine Meinungsumfrage unter den Germanistikstudenten an der Keimyung Universität. Die 42,8 % Nichtwählern entsprachen dem Landesdurchschnitt, aber die Stadt Daegu hielt mit einer Wahlbeteiligung von nur 53,5% den Minusrekord. 66,6 Prozent der Studenten haben die konservative Partei gewählt, die Grand National Party (Hannaradang). Diese sicherte sich bei den Wahlen in Daegu 62% aller Stimmen. Dass die Studenten überdurchschnittlich konservativ sein würden, war nicht erwartbar. Im Südosten, in der Gyongsang-Region um die Städte Busan und Daegu herum, gewann die Hannaradang schließlich alle Parlamentssitze bis auf einen. Das muss in Kontrast gesetzt werden zu den südwestlichen Cholla-Regionen, in denen die Partei des Präsidenten Kim Dae-Jung ihre Machtbasis hat und in der Provinzmetropole Gwangju fast 70% der Stimmen erreicht. Für sie haben unter den Studenten gerade mal 25% gestimmt. - Daegu ist das Zentrum eines Netzes persönlicher Beziehungen von Offizieren, das unter dem Namen "DG-Gruppe" bekannt geworden ist ("Daegu-Gyongsang"-Gruppe), ein Kreis von Absolventen des Nordgyongsang-Gymnasiums in Daegu. Zu den bekanntesten Mitgliedern gehören die ehemaligen Präsidenten Chun Doo-Hwan und Roh Tae-Woo. Beide landeten 1995 im Gefängnis, nachdem herausgekommen war, dass Chaebolführer die Wahlkampffonds von Chun mit mehr als 900 Millionen und von Roh mit mindestens 650 Millionen US $ ausgestattet hatten. Hinzu kam eine Anklage wegen ihrer Rolle beim Staatsstreich 1979 und der Niederschlagung der Gwangju-Rebellion. Kim Dae-Jung hat die beiden dann begnadigt - ungewöhnlich großzügig, wenn man bedenkt, dass er unter ihrem Regime exekutiert werden sollte.

Man hat in Daegu jetzt das größte Fußballstadion des ganzen Landes hingesetzt, in der Nähe gibt es auch eine U-Bahn, die zweite Linie Daegus führt hier vorbei, die allerdings erst 2005 fertig sein soll. Doch noch an einem weiteren Punkt gilt Daegu als eine Stadt der Superlative. Nach Zahlen, die der Zeit-Reporter Reiner Luyken Ende 1998 ermittelt hat, wurden hier in einem Zeitraum von 10 Jahren auf je 100 Mädchen 127 Jungs geboren (Zeit, 10.12.98). Der Imperativ, einen Sohn zu zeugen, lässt sich auf die wichtige Rolle zurückführen, die der erstgeborene Sohn bei der traditionellen Ahnenverehrung zu übernehmen hat. Dazu kommt der aus Industriegesellschaften ja bekannte Trend zur Kleinfamilie, und schon ist der Weg in die demographische Katastrophe vorgezeichnet.

Vor allem am Wochenende drängt die Jugend Daegus in die Stadtmitte, in der Luft liegt eine Stimmung voller Sehnsucht, man sucht das Andere, umkreist dabei aber wie in einem Strudel nur ein leeres Zentrum, aus dem es keinen Ausweg gibt.

Der Sog zum Anderen führt zum immer Gleichen, alle kaufen die gleichen Markenartikel oder wenigstens deren Imitate, fast alle haben gefärbte Haare, in denen die Haarspangen der Schauspielerinnen aus den Seifenopern im Fernsehen stecken. Wenn man sich durch die Gassen treiben lässt, stößt man auf höchst merkwürdige Orte wie den Vulkan Hof oder die München Halle, die vermutlich zu nichts anderem da sind, als den Mangel mit Bier zu füllen. Der koreanische Exotismus projiziert Fachwerk und großformatige Plakate von deutscher Biergartenatmosphäre an die Wände. Den schlossartigen Bamberg Hof können Sie gleich zwei Mal in derselben Straße, der Dongseongno, bewundern, und das zweite Gebäude verschwindet auch nicht, wenn sie völlig nüchtern sind. An der Wand einer Kneipe mit dem dubiosen Namen "Soldier Camp", die sich ihres "typisch amerikanischen Stils" rühmt, finden sich Nazi-Devotionalien wie eine Uniform mit eisernem Kreuz. Zwischen kriegsverherrlichenden Postern der Luftwaffe und der deutschen Kriegsmarine dann das Bild Hitlers. Wir haben es nicht gewagt, uns mit dem bulligen Manager des Ladens anzulegen, aber als wir ihn gebeten haben, uns seine Visitenkarte zu geben, war er misstrauisch genug, uns die zu verweigern - so viel zu der These, dass die Koreaner so naiv seien, dass sie gar nicht wüssten, wer da an der Wand sein gespenstisches Unwesen treibt. Wahrscheinlich ist Ihnen jetzt auch ohne Alkohol schlecht. Wenn Sie kotzen müssen, dann können Sie das wie die anderen auch direkt draußen auf der Straße machen, zur fortgeschrittenen Stunde achten Sie bitte darauf, dass Sie auf dem Erbrochenen nicht ausgleiten.

Wenn Sie jetzt Ruhe und bessere Luft suchen, dann orientieren Sie sich weiter stadtauswärts. Gehen Sie nach Osten durch den Gukchebosang Memorial Park bis zum Kyongpook National University Hospital. Von dort sind es noch ein paar hundert Meter, bis auf der rechten Straßenseite im ersten Stock auf gelbem Grund der Schriftzug "Babalu" prangt. Das Babalu Cultural Project, Tel. (053) 426-3991, ist der heißeste Schuppen Daegus, in dem sich die hiesige Salsa-Szene trifft. Die Salsa-Welle schwappte Ende der 90er Jahre kurz und heftig nach Korea und hat sich mittlerweile schon wieder in zwei subkulturelle Lager verlaufen. Die Anhänger des wahren lateinamerikanischen Geistes tummeln sich in Seoul beispielsweise im Macondo, während die koreanisierte Form eher im Bahia getanzt wird. Zu diesem Zweck nehme man die drei Grundschritte, zerlege sie fordistisch in acht Einzelteile und baue aus ihnen einen Parcours von Pirouetten. Die philosophischen Schulen, die sich hier gegenüber stehen, sind die Hedonisten und die Asketen - die einen tanzen aus Spaß an der Freude, die anderen, weil sie einen Ersatz für das Sportstudio suchen. Im Gegensatz zu Seoul gibt es in Daegu aber nur ein einziges Lokal, das Salsa spielt. Also treffen sich am Sonntag die Sportler und Aspiranten für die Weihen höherer Mathematik in der Tanzkunst, am Mittwoch dagegen hängt die hedonistische Fraktion an der Theke. Am Samstag aber vermischt man sich: Ab 7 Uhr abends gibt es den Tanzkurs für die Anfänger, ab 8 Uhr tauchen die koreanischen Profis auf, ab 9 Uhr die ausländischen Lehrer und ab 10 Uhr dann die Latinos von Camp Walker, dem Militärlager der US-Army, und dann, wenn sich die Stunden nicht mehr zählen lassen, da ist es dann endlich - das unbeschreiblich Andere.


Copyright © 2001 by Min-Jong Koh / Thomas Schwarz


DaF-Szene Korea Nr. 14

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