Katrin Platte

Cheju-do


Urlaubsziele in der näheren Umgebung? Damit sind die Südkoreaner wenig verwöhnt. Kein Wunder also, dass eine Vulkaninsel 85 km südlich vom koreanischen Festland in vielen Reiseführern als die Insel der Superlative geführt wird: auf Cheju-do erhebt sich der höchste Berg des Landes, hier werden an Stelle von Reis Mandarinen, Orangen, Ananas und Bananen angebaut, sie ist das Traumziel aller Frischvermählten - naja, und Defätisten behaupten, es soll kaum 60 wirkliche klare Tage im Jahr geben, aber das nur nebenbei.

Den langnasigen europäischen Besucher mag sie vielleicht von ihrer Popularität her im Sommer an Mallorca erinnern, von den landschaftlichen Gegebenheiten eher an Teneriffa: Bettenburgen für die riesige Zahl an zumeist einheimischen Gästen neben dem mittig sich erhebenden Hallasan-Berg (1950 m) mit seinem Kratersee und schönen Stränden.

Die Vision von Bekanntem verlässt den nicht-koreanischen Besucher freilich unmittelbar nach der Ankunft: wie auch auf dem Festland ist beispielsweise kaum ein Schild, kaum ein Richtungsweiser, kaum ein Fahrplan zu entziffern, die seltene Umschrift in lateinische Buchstaben folgt keiner Regel und die Verständigung in der Weltsprache (?) Englisch bleibt außerhalb von Touristeninformationen und Upper-Class-Hotels wohl Illusion - wie gut, dass es da wenigstens bebilderte Speisekarten gibt!

Die eigenständige kulturelle Entwicklung der Insel kann in den diversen Museumsdörfern (beispielsweise im Song-up folk village) nachvollzogen werden. Dazu gehört auch, dass hier - in heute noch völligem Gegensatz zum Festland ! - die Frauen, traditionell Taucherinnen, das Sagen haben, eine Tatsache, die besonders für Koreanerinnen interessant sein dürfte. Für den ausländischen Besucher weit auffälliger ist die - nun, sagen wir - etwas dezentere Bauweise auf der Insel und die kaum fassbare Tatsache, dass die Busfahrer hier offenbar keine Rallye gewinnen wollen, man also weitestgehend ohne blaue Flecken ans Ziel kommt.

Und: hier ist der harubang zu Hause, jenes oft etwas arrogant schauende, leicht untersetzte und behutete Vulkanstein-Männchen, von dem wohl nur wenige Originale existieren und dessen Ursprung immer noch rätselhaft ist. Die einen sagen, dass es wohl ursprünglich beschützend an Hauseingängen stand, die anderen erklären, dass die harubang als Schutzgötter an Eingängen von Dörfern, an Brücken oder Straßen stehen und damit Ausdruck eines kollektiven Sicherheitsbeduerfnisses sind. Heute gehört das harubang-Männchen jedoch - dem Komsumrausch sei Dank - zu jeder Cheju-Werbung, ist in allen Größen, ob zum Hinstellen oder als Anhänger, an jedem Kiosk zu erwerben und musste wohl auch für die öffentlichen Telefonzellen Modell stehen - die Wiedergabe erfolgte hier allerdings, sicher nur aufgrund eines kleinen künstlerischen Fehlers, in hellblauem Kunststoff ...

Zurück aber zu dem etwas planlosen, als langnasig identifizierten Analphabeten, der - oft angestarrt, oft angesprochen - nun versucht, diese Insel auf eigene Faust zu erkunden. Gesetzt den Fall, er hat sich - welch unverzeihliche Dummheit! - keiner Reisegruppe angeschlossen und auch den internationalen Führerschein zu Hause vergessen, muss er sich nun auf gutes Schuhwerk und ein hilfloses Gesicht verlassen: Schuhe deswegen, weil der öffentliche Nahverkehr einen in der Regel nur in die wie auch immer definierte Nähe eines Zieles bringt; die Mimik für den Fall, dass man einen aufmerksamen Insulaner dazu überreden möchte, irgendwohin mitgenommen zu werden - zumindest für weibliche Reisende hat die freundliche Bevölkerung hier aber oft ein Herz!

Am Ziel angekommen hat dann die lokale koreanische Verwaltung doch an alles gedacht, besonders an den Geldbeutel der Touristen. Unglaublich aber wahr: ob es sich um einen Berg handelt, den man besteigen möchte, oder um einen Wasserfall, den man sich anschauen möchte, in kaum einem Fall ist die Fläche nicht abgesperrt. Die ach so paradiesische Gegend ist nur durch einen Eingang zu betreten, an dem außer von den Inselbewohnern von allen ein Eintrittsgeld erhoben wird - Natur und natürlich? Aber klar, an die Natur des Menschen ist immer gedacht: alle hundert Meter gibt es eine öffentlich Toilette, das leibliche Wohl kommt nicht zu kurz ... Naja, und damit auch jeder aus dem Reisebus fallende, ein rotes Käppchen als Erkennungsmarke tragende Tourist, ob mit Stöckelschuhen oder Soju-benebelt oder beides, den Auf- oder Abstieg bequem meistern kann, sind breite Wege und Treppen angelegt worden. Im Osten der Insel beispielsweise ragt, schon von weitem erkennbar, der Vulkan von Songsan ins Meer - ein phantastischer Anblick, ein steiler Berg, von dem man eine wunderbare Aussicht hat. Und damit auch möglichst viele Menschen den Blick genießen können, wird der um einige Won erleichterte Gast durch Wegweiser rechts auf bequemen Treppenstufen nach oben, links wieder nach unten geleitet, die Verweildauer oben hängt vom Strom der Menschen ab. übrigens: Sogar der öffentliche Bus in Richtung Songsan hält in der Nähe.

Etwas anders sieht die Lage glücklicherweise im Hallasan-Nationalpark aus. Vorab: es sind nicht immer alle Wege zum Kratersee geöffnet, hier erinnert man sich gelegentlich an die Natur der Natur! Nicht zu jedem Einstieg fährt zu jeder Jahreszeit ein Bus, aber das Problem ist unserem wanderwütigen Individualreisenden ja bekannt. Gehört derselbe nun aber auch noch unglücklicherweise zu den Langschläfern, kann es ihm passieren, dass ihm der Eintritt völlig verwehrt wird. Warum soll man schon um 15.00 Uhr wieder unten sein? Vielleicht liegt es daran, dass der Berg nachmittags manchmal im Nebel liegt (die Wege sind allerdings gut sichtbar), vielleicht soll die Uhrenindustrie unterstützt werden, vielleicht liegt es auch nur daran, dass die Kasse nicht länger besetzt sein soll - der Grund ist nicht zu ermitteln, scheint so manchem Kassierer zumindest selbst schleierhaft.

Viele Gäste dürften den erholsamen Schlaf in Cheju und Umgebung finden, ob im Hotel der Oberklasse oder im billigen, auch mit Zahnbürsten- und Kondomautomaten ausstaffierten Yogwan sei jedem überlassen. In der wirklich fast (im europäischen Sinne) schönen Hauptstadt können natürlich einige Museen besichtigt werden, viele Geschäfte - wie in Korea üblich oft auch unterirdisch gelegen - laden zum Bummeln ein. Im Gegensatz zum Drachenkopffelsen wirklich sehenswert ist der Samsonghyol-Park mit seinen sagenumwobenen tiefen Erdlöchern, ganz besonders zur Kirschblütenzeit.

Ein Stück koreanisches Leben, bei dem sich besonders eine Langnase fast als Eindringling fühlen mag und bei dem nicht ganz klar ist, wer wen mehr betrachtet, ist der erstaunlich große, sich über einige Straßenzüge erstreckende Lebensmittelmarkt der Hauptstadt. Der Besuch ist ein Erlebnis für Augen und Nase: Kimchitöpfe wohin man sieht. Kimchi? Das ist jenes scharf eingelegte Gemüse, in der Regel Chinakohl, das definitiv wie Reis bei wirklich keinem koreanischen Essen fehlen darf und den man auf Nachfrage tunlichst loben sollte ... Dazu Früchte, Gemüse und Fisch in allen Formen, Farben und Trockenstadien.

Und weiter? Anregend für die Phantasie ist der (mit dem Bus zu erreichende!) Mogsogwon-Park mit seinen unendlich vielen natürlichen Steinskulpturen, 6 km südlich von Cheju. Und neben anderen Vulkanhöhlen und  Steinformationen waren da noch die zwei überall erwähnten Wasserfälle bei Sogwip'o - nun, Wasserfälle halt, von nicht überragender Größe dazu.

Cheju-do - Insel der Superlative also? Oder vielleicht am Ende doch nur von umsatzabhängigen Reisebuchautoren verherrlichtes Stück Erde? Mancher Koreaner würde mir vermutlich bei letzterer Frage wenig Verständnis entgegenbringen. Die bereits erwähnte, individualreisende Langnase hingegen würde nach einem geruhsamen Päuschen am Strand und einem Blick in den gebeutelten Geldbeutel vielleicht schon eher einen Gedanken an diese Wahrnehmung verschwenden - wäre da nicht, ja, wäre da nicht, kaum erwähnt, so einige Kilometer westlich von Sogwip'o, ein Tempel ...

Der arme Individualtourist kann nur auf den Linienbus zwischen Sogwip'o und Chungmun zurückgreifen und den Fahrer dann dazu überreden, ihn am Abzweig zum Yakchonsa-Tempel hinauszulassen. Der nun folgende Fußmarsch aber lohnt sich wie kaum etwas anderes auf der Insel! Ein riesiger Tempel inmitten von Natur; im Innern Buddhafiguren, unzählbar, auf mehreren Etagen; Farben und Figuren, dass das menschliche Auge sie kaum alle erfassen kann! Das Gefühl, in einer anderen Welt zu sein, ist spätestens jetzt perfekt. Und nur zur Beruhigung all derjenigen, die die Erinnerung mit nach Hause nehmen wollen oder doch - im Reisebus gekommen - schon zu tief ins Soju-Glas geschaut haben: obwohl der Tempel wirklich in Betrieb ist, darf hier fotografiert werden. Ach so, Eintritt wird hier ... nicht verlangt.

Und so wird auch unser europäischer Fast-Analphabet (denn Hangul ist, welch Wunder, doch entzifferbar!), wenn er an seinem Abfahrtstag bei einem Glas Reiswein, dem inseltypischen Fisch und natürlich dem obligatorischen Kimchi noch einmal an alles Gesehene denkt, zu dem Schluss kommen: Cheju-do war die Reise wert, die Insel hat etwas Besonderes, etwas Sehenswertes - auch wenn er bei dem WAS vielleicht weder mit den üblichen Reiseführern noch vielleicht mit manchem Koreaner übereinstimmt. Aber das ist natürlich nur eine Vermutung!


Copyright © 2001 by Katrin Platte


DaF-Szene Korea Nr. 14

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