Ab und zu tut es doch gut, meinem 600000-Seelen- Dorf auf Kyushu den Rücken zu kehren und Großstadtluft zu schnuppern: Tokyo! Auf ins Goethe-Institut, mal wieder hemmungslos in deutschen Bücherregalen stöbern. Stunden später, ich bin schon fast wieder zum Haus draußen, weckt ein kleines Plakat im Erdgeschoss meine Neugier: Short and Sweet. Short films from Germany. Na prima, etwas Zeit habe ich noch, und Kurzfilme sind ja vor allem eins: kurz. Wie bitte, das Programm geht eineinhalb Stunden! Na klar, es gibt ja gleich acht Stück von der Sorte, heute zum Thema "Liebe und andere Grausamkeiten". Recht bedacht, habe ich an diesem Abend sowieso nichts mehr vor: also eine Eintrittskarte für 600 Yen, bitte. Vorsorglich gehe ich noch aufs Klo und dann in den Vorführsaal. Drinnen: Stille. Alle vertieft in die Lektüre des zweisprachigen Programmheftes. Kälte. Die Klimaanlage hat noch nicht ganz begriffen, dass die Sommerhitze vorbei ist. Und noch mehr Stille, keiner spricht, fast unangenehm.
Plötzlich geht es los. Ohne Begrüßung, ohne Einführung, wie im richtigen Kino eben - aber wo sind dann bitte Chips, Popcorn und die Langnese-Reklame! Ich frage mich, wie die französische oder britische "Konkurrenz" so eine Veranstaltung einleiten würde...
Der erste Film (Epilog von Tom Twyker) ist schon recht lustig, aber erst beim zweiten (Femme von Donald Kraemer) kann ich so richtig lachen: Eine Frau wacht morgens verkatert auf. Verzweifelt sucht sie nach Erinnerungen an die letzte Nacht. Denn wer schläft da bitte ganz vergraben in die Decke neben ihr? Von Bar zu Bar, von Drink zu Drink und von Flirt zu Flirt hangelnd, dämmert ihr schließlich auch, wohin sie im Suff ihre Kontaktlinsen getan hatte: in eben jenes Wasserglas auf ihrem Nachttisch, das sie zuvor so durstig geleert hat...
Direkt vor mir sitzt noch eine Frau aus D, A oder CH mit Humor, wir lachen im Duett. Die Japaner bleiben still, da helfen auch die englischen Untertitel nichts. In den nächsten 8,34 Minuten (Life is too Short to Dance with Ugly Women von Lars Kraume) stiften zwei handfeste Frauen einen eher romantisch veranlagten Jüngling nacheinander zu Raubüberfällen an. Kann ich ja verstehen, wenn Japaner das nicht so lustig finden. Uns zwei stört das wenig.
Aber dann: Parlez-moi d'Amour von Fillipos Tsitos. Ein Grieche und ein Russe in einer deutschen Kneipe unterhalten sich angeregt. Der Grieche spricht Griechisch, der Russe Russisch. Keiner versteht die Sprache des anderen, Zuschauer eingeschlossen. Nur hin und wieder fallen deutsche Namen oder (ausländerfeindliche) Ausdrücke. Trotzdem ahnt man, worum es geht. Wenn ich an den Unterricht mit japanischen StudentInnen denke, lacht mir das Herz bei zwei so kommunikationswütigen Menschen. Da hatte ich ein Solo - die andere geht wohl einer anderen Beschäftigung nach. Zum Glück hatte ich Taschentücher dabei, für die Tränen.
Dann kamen noch drei Filme, an denen auch ich nichts oder nicht viel zu lachen fand: The Wheel von Heike Wasem - keine Ahnung, worum es da ging - und Der Steuermann von Stefan Schneider und 8cht von Charley Stadler. Im Saal wurde es immer eisiger. Aber das Beste sollte noch kommen: Surprise, ein sechsminütiger Streifen, handcoloriert von Veit Helmer. Ein Bastelwütiger scheint seine Liebste umbringen zu wollen. Liebevoll baut er die absonderlichsten Fallen und Sprengsätze um die Schlafende. Nach Verlassen der Wohnung zündet er das Ganze und siehe da: Die Freundin wird aus dem Bett katapultiert, geduscht, angezogen, an den Küchentisch geschoben und schließlich bekommt sie auch noch ein Frühstück serviert. Natürlich klappt nicht alles so ganz. Zwerch-fell-er-schüt-ternd! Ich kann nun vollends nicht mehr an mich halten und lache hemmungslos. Leider lässt mich meine Komplizin im Stich, dreht sich etwas verwundert nach mir um.
Das Licht geht an, man verlässt still und schweigend den Saal und draußen stieben alle auseinander, als hätte jemand in ein Häufchen Asche geblasen.
Zur U-Bahn laufen, einsteigen in diese abendliche Dunstglocke aus Sake und Bier, eingeklemmt in eine Masse Mensch, im Rhythmus von Anfahren und Bremsen hin- und hergeschoben, an der Endstation aus dem Wagen trippeln, sich im Gedränge nach vorne mogeln, vorbei an den alkoholbedingt Langsameren, den Schaffner fragen müssen, ob das auch der richtige Zug ist, das alles kennt man ja. Endlich wieder sitzend frage ich mich, ob es mir nun nach über fünf Jahren eigentlich immer noch gefällt, hier zu sein. Wo doch die Einheimischen meinen Humor so gar nicht verstehen. Da kommt schon meine Station - und mir noch der Gedanke, dass es doch faszinierend ist, wie Produkte der eigenen Kultur in 9000 Kilometer Entfernung zu solch einem Erlebnis werden können.
Auf dem Weg ins Hotel - es geht auf halb zehn - kaufe ich im 24-Stunden-Tante-Emma-Laden noch das Nötigste für die Nacht: Papier, um meine Eindrücke aufzuschreiben und etwas Wasser aus den französischen Vogesen. Ein Kickboard fährt an mir vorbei - übrigens das einzige, das ich an diesem Tag sehe - und wenn ich recht bedenke, ist mir auf meinem Weg nur ein wirklich grimmig dreinschauendes Gesicht begegnet: Es gehörte einer Ausländerin.
Copyright © 2001 by Ann Gellert