Anna Choi

Hyperfiction


Seit den Neunzigern hat der Computer sich seinen Weg gebahnt in unsere Alltagswelt und hat nun seinen festen Platz im Alltag gefunden. Immer mehr Leute nutzen das Internet und es entstanden alternative Kommunikationsformen. Das Internet überwindet physische und psychische Entfernungen. Es ist ein "soziales, kommerzielles und kommunikatives Konzept" und hat einige Veränderungen mit sich gebracht.

Es bleibt nicht aus, dass das Internet auch Auswirkungen auf den Bereich der Literatur hat. Ich will hier eine kurze Einführung zur Beziehung zwischen Internet und Literatur wiedergeben. Es gibt verschiedene Arten von Beziehungen zwischen Internet und Literatur.

Erstens werden literarische Werke von bekannten Autoren ins Internet gestellt und somit einem breiteren Publikum zur Verfügung gestellt. Bekanntestes deutsches Beispiel ist das Gutenberg Projekt (http://www.gutenberg2000.de [Anm. Webmaster: Link nicht mehr aktuell!!]). Es wurde 1994 als Freizeitprojekt begonnen. Es ist jedem möglich Texte bekannter, meist "klassischer" Autoren einzusenden und dann ins Internet stellen zu lassen. Es gibt dabei eine Hauptbedingung: Der Autor muss vor mehr als 70 Jahren gestorben sein. Es werden sowohl Texte ausländischer Autoren als auch deutscher ins Netz gestellt, und mittlerweile überschreitet die Zahl der Dokumente eine halbe Million. Es gibt auch viele andere ausländische Projekte, und für Gläubige gibt es sogar die Bibel online (http://www.hti.umich.edu/l/luther/browse.html). Dann gibt es noch die Möglichkeit für unbekannte oder bekannte Autoren, z.B. Stephen King (http://www.stephenking.com) ihre Werke ins Netz zu stellen und gegen Bezahlung Lesern durch download zugänglich zu machen.

Und schließlich gibt es "hyperfiction", die eine neue Form der Literatur darstellt. Es handelt sich dabei um einen Text, der alle textlichen Merkmale, aber auch darüber hinaus weist. Es gibt insbesondere aber zwei Charakteristika, die ein hypertext besitzt: Im Gegensatz zu einem herkömmlichen literarischen Text, der einen Anfang und ein Ende besitzt, also linear ist, zeichnet sich der hypertext durch seine Nonlinearität aus. Das zweite Charakteristikum ist, dass er multimedial ist: Text, Ton und Bild spielen hier eine wichtige Rolle.

Durch die Nonlinearität sieht sich der Leser neuen Anforderungen gegenübergestellt. Nonlinear wird der Text durch "links", die mitten im Text auftauchen. Folgt der Leser diesen "links", kann die Geschichte einen anderen Verlauf nehmen. Der Lesefluss wird durch diese Wahlmöglichkeiten unterbrochen. Der "link" verleitet den Leser dazu, einen anderen Weg einzuschlagen. Es gibt also mehrere verschiedene Möglichkeiten, sich durch einen Text zu navigieren. Das wäre mit einem konventionellen Text nicht möglich. Dadurch wird ein literarischer Text "offener". Dem Leser wird es ermöglicht, in den Text einzugreifen. Ein Ereignis kann viele Erklärungsmöglichkeiten bieten, ein Charakter in unterschiedlicher Weise gesehen werden.

Welchen Lesestrategien folgt der Leser nun? Er liest den Text wie einen linearen und entscheidet sich erst beim zweiten Mal, den "links" zu folgen. Oder er folgt gleich beim ersten Lesen den "links", da er nichts verpassen möchte. Dadurch, dass zwei unterschiedliche Leser anderen "links" folgen und so jeweils eine andere Geschichte "kreieren", spielen sie in gewisser Weise die Rolle von Co-Autoren.

Auch der Autor muss neue Anforderungen bewältigen. Da der hypertext mehrere Strukturen hat, muss er sich darauf konzentrieren. Er muss parallele Handlungen kreieren und sich auch über die Anzahl und Stellen der links und den Einsatz der Multimedia Gedanken machen. Hinzu kommt das technische Wissen, z.B. html, über das er verfügen muss, um einen hypertext zu schreiben. Das graphische Layout nimmt an Bedeutung in dem Maße zu, in dem es die Funktion der Elocutio übernimmt.

Nicht nur Autoren und Leser müssen neue Anforderungen gerecht werden, auch die Verlagsindustrie. Wenn hyperfiction in Zukunft das gedruckte Buch ersetzen würde, so hätte dies weitgehende Konsequenzen auf Produktion und Vertrieb von Literatur, da diese zur Zeit weitgehend auf das gedruckte Buch abgestimmt sind. Aber auch die Regeln der Literaturtheorie wären nicht mehr anwendbar auf hyperfiction, besonders bei der Bewertung. An welchen Kriterien messe ich hyperfiction? Dies wird in Zukunft noch genau abzuwägen zu sein.

Zum Abschluss möchte ich noch kurz auf die Geschichte der hyperfiction eingehen, die erstaunlich lang erscheint:

Geschichte der hyperfiction

Die Idee der hypertexte, d.h. Texte, die auch auf andere Texte verweisen und auf die man beliebig zugreifen kann, entstand schon sehr früh, und zwar 1945. Vannevar Bush, ein amerikanischer Ingenieur, schrieb einen Aufsatz ("As we may think") über eine sogenannte Gedächtniserweiterungsmaschine Memex. Er zog die Schlussfolgerung, dass unser Gehirn Assoziationsketten unterliegt. Die Gedächtniserweiterungsmaschine sollte einem ähnliches Profil folgen. "Consider a future device for individual use, which is a sort of mechanized private file and library. It needs a name, and to coin one at random, ``memex'' will do. A memex is a device in which an individual stores all his books, records, and communications, and which is mechanized so that it may be consulted with exceeding speed and flexibility. It is an enlarged intimate supplement to his memory." (www.isg.sfu.ca~duchier/misc/vbush). [Anm. Webmaster: Link nicht mehr aktuell!!]

Der Begriff "hypertext" entstand 1965. Ted Nelson griff ca. 1960 die Idee von Vannevar Bush auf und übertrug sie auf den Computer. Er prägte den Begriff "hypertext", womit er durch "links" verbundene Texte bezeichnete. Mit "Xanadu", seinem Software Projekt wollte er die Idee einer weltweiten Dokumentenansammlung verwirklichen (www.udanax.com).

Die erste hyperfiction entstand erst Jahrzehnte später. 1987 schrieb Michael Joyce, ein Englisch-Professor, "Afternoon", das als erstes ernstzunehmendes hyperfiction-Werk gilt. Die ersten Werke wurden auf Diskette geschrieben und ab 1993 fand ein Wechsel von Diskette auf Online statt, als einige amerikanische Autoren ihre Werke über Internet zu verbreiten suchten. Ein Jahr später ist eine explosionsartige Zunahme von Texten im Internet zu verzeichnen. Seitdem versuchen sich immer mehr Autoren in diesem Medium.

Dabei werden viele Fragen aufgeworfen, insbesondere fürchten viele Literaturwissenschaftler um die Qualität der Literatur. Ob hyperfiction gedruckte Texte ersetzen wird, wird noch abzusehen zu sein. Für die jüngere Generation, die mit dem Computer als "Spielzeug" aufgewachsen ist, könnte dies ein neuer Zugang zur Literatur sein.


Bibliographie

Bachmann, Christian: Seminararbeit: "Hyperfictions - Literatur der Zukunft?"
http://www.door.ch/wohlkaum/index.html [Anm. Webmaster: Link nicht mehr aktuell!!]

Introduction into hyper
http://www.humanities.mcmaster.ca/~hcc/hypertext/html/4.html [Anm. Webmaster: Link nicht mehr aktuell!!]


Beispiele für hyperfiction:

1. Michael Joyce's new fiction Twelve Blue: http://www.eastgate.com/TwelveBlue/

2. Jay D. Bolter: http://www.lcc.gatech.edu/faculty/bolter/index.html

3. Jane Austen: Pride and Predujice: http://www.pemberley.com/janeinfo/pridprej.html#voli


Hyperfictionlinkliste:

http://www.update.ch/beluga/hf.htm [Anm. Webmaster: Link nicht mehr aktuell!!]


Copyright © 2001 by Anna Choi


DaF-Szene Korea Nr. 13

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