Einen Computer gibt es in Korea mittlerweile in jedem zweiten Haushalt, und die Zahl der Internetanschlüsse darunter beläuft sich auf 70%. Die Regierung Kim Dae-Jung hat es sich zum Ziel gesetzt, alle Schulen in Korea zu vernetzen. Von daher ist die Frage "Ist der Computer im Unterricht sinnvoll?" leicht zu beantworten. In einem Land, dass bereits so von dieser Technik durchdrungen ist, wäre es widersinnig, das Medium Computer aus dem Bereich Unterricht auszuklammern.
Aber wie ist der Computer, insbesondere im Fach Deutsch, nutzbringend einsetzbar? Und ist der Computer überhaupt ein eigenständiges Medium, oder eine Art Ersatz für andere, herkömmliche Unterrichtsmedien wie Tafelbild, Hörkassette, (Video-) Film oder OHP-Folie?
Rückblick: So lange ist es eigentlich nicht her, dass ich meine Magisterarbeit mit einer Schreibmaschine (damals eine hochmoderne, sündhaft teure Kugelkopf-Maschine - heute verstaubt sie auf einem Dachboden in Berlin) tippte, neue Textstellen mühsam ausschnitt und einklebte oder mit Tipp-Ex überschrieb. Ich hatte noch keinen Computer, aber bereits einen Computerkurs (mit Schein!) belegt, in dem ich so sinnvolle Dinge wie den Befehl für kopieren (copy) oder Formatierung der Festplatte (format c:) lernte. Die könnte ich heute noch anwenden, wüsste aber nicht wozu.
Dann kaufte ich meinen ersten Computer, einen damals hochmodernen (und für Studenten wieder sündhaft teuren) AT mit 286-Prozessor. Der konnte schon Texte schreiben und verarbeiten, Diagramme anfertigen und den Betreiber mit kleinen Spielen unterhalten. Die Festplatte hatte soviel Platz wie 13 Disketten. Dieses Gerät steht derzeit neben meiner alten Schreibmaschine.
Als ich 1991 nach Korea kam, konnte ich keinen Computer mitnehmen, kaufte mir also eine handliche Reiseschreibmaschine, und die reichte eigentlich für viele Unterrichtszwecke aus, z.B. für das Anfertigen von Texten, die man dann mit Schere und Kopiergerät in die richtige Form für den Unterricht bringen konnte. Ein Arbeitgeberwechsel innerhalb Koreas brachte mir nicht nur beruflichen, sondern auch technischen Fortschritt. Ich bekam das ausgemusterte Gerät einer Kollegin, wieder ein "286"er. Da die erste Betreiberin Koreanerin war, war auch das gesamte System koreanisch. Ich stand also vor der Wahl, Fachkoreanisch für den Computer zu lernen (was bitte heißt "Festplatte defragmentieren" auf Koreanisch?) oder mein immenses Wissen aus der Studentenzeit anzuwenden. Ich entschied mich für letzteres. Also: format c: und ein deutsches DOS-System (ein englisches hätte es auch getan, aber dann hätte man die Umlaute mühsamer eingeben müssen) auf das Gerät kopiert. Diese Tat wirkte sich segensreich auf die nächsten Semester aus, denn alle Software für DaF, die man zu dieser Zeit, z.B. vom Goethe-Institut, bekam, lief einzig und allein mit deutschem DOS. Ich hörte von koreanischen Kollegen, die auch mit solchen Disketten wie "Themenarbeit" beglückt wurden, diese dann aber nach missglückter Installation ordentlich in ein Regal stellten, wo sie heute noch stehen.
Damit kommen wir zu einem Punkt, an dem sich bis heute eigentlich nicht viel geändert hat: Koreanisch wie auch Deutsch sind vom Schriftbild her eigenwillige Sprachen, die ganz oder teilweise andere Schriftzeichen haben, als das große Bruderland der Computererfinder USA (halt, stimmt nicht, eigentlich wurde der Computer 1941 von Konrad Zuse in Berlin-Kreuzberg erfunden!). Was für das Hangul-Alphabet gilt, gilt beschränkt auch für Deutsch: Um z.B. die Umlaute oder das "ß" darzustellen, bedarf es einiger Kunstgriffe. Und ganz gelingt es eigentlich nur, wenn der Computer ganz Koreanisch oder ganz Deutsch ist. Damit widersprechen sich aber auch diese beiden Systeme. Das heißt, auf einem koreanischen Computer mit koreanischem Windows läuft keine deutsche Software, auch keine für den Unterricht. Auf einem deutschen Computer mit deutschem Windows laufen nur einige wenige koreanische Programme (z.B. Hangul-Writer) fehlerlos. Das bedeutet aber auch, dass unsere Studenten oder die Computer in einer koreanischen Bildungseinrichtung keine deutsche Unterrichtssoftware verdauen können, es sei denn, man löscht das alte Windows und tauscht es gegen ein deutsches aus. Es gibt da noch die Möglichkeit zwei Windows-Systeme auf der Festplatte zu installieren, aber das habe ich damals in meinem Computerkurs nicht gelernt.
Meine Karriere in Korea war steil, und so bekam ich, im Rahmen einer Evaluation (in Korea bekommen die Universitäten "Gütepunkte" auch für die Ausstattung des Lehrkörpers, und wenn alle Professoren einen modernen Computer haben, hat die Uni mehr Punkte) ein modernes Gerät, mit dem man so ziemlich alles machen kann. Ich bekam auch die Erlaubnis, das koreanische Windows zu löschen und mein deutsches zu installieren, und ich konnte sogar die Abteilung dazu bewegen, auf den Computern für die Abteilung im Sprachlabor ein deutsches System einzubauen (seitdem bin ich so ziemlich der einzige, der an diesem Gerät arbeitet, denn auch jemand, der jahrelang in Deutschland über Rilke geforscht hat, weiß nicht, was "Festplatte defragmentieren" bedeutet).
Wofür nutze ich den Computer? Wie eh und je schreibe ich Unterrichtsvorbereitungen, Prüfungen, etc. Und ich kann alles etwas schöner gestalten, weil mit Bildern oder farbig.
Das mache ich mit meinem Computer. Mit dem Gerät im Labor, das man an eine große Leinwand projizieren kann, kann ich viel sinnvoller arbeiten, ich kann Texte an die Wand werfen, vor den Augen der Studenten umstellen, Bildmaterial und Fotos einsetzen, aktuelle Seiten aus dem Internet vorstellen. Ich kann E-Mail-Projekte mit meinen Studenten durchführen und die Ergebnisse an der Leinwand erscheinen lassen. Das kann ich aber nur in diesem Raum und nur mit diesem Gerät.
In der Universität gibt es auch mehrere Computerräume mit 40 Arbeitsplätzen. Einen davon habe ich einmal genutzt, dann nie wieder. Nach meiner Erfahrung kann man nicht mit einer großen Gruppe von Studenten, die alle versteckt hinter ihrem Bildschirm hocken, gemeinsam im Internet surfen oder gar Unterricht machen. Aber vielleicht ist das bei anderen Kollegen anders.
Wofür nutzen meine Studenten den Computer? Sie kommunizieren mit mir via E-Mail, das ist für sie stressfreier, weil der direkte Kontakt mit der ausländischen Person, die eine so schwere Sprache spricht, durch das Medium abgemildert wird. Sie können Informationen zur Landeskunde aus dem Internet suchen, Hausaufgaben vorbereiten usw. Sie haben allerdings oft Probleme mit deutschen Sonderzeichen, weil die gängigen Computer der Uni oder ihre eigenen eben koreanisch sind. So sieht dann eine Website am Bildschirm wie im Ausdruck sehr "eigenartig" aus (man denke sich nur eine überschrift wie "Schöne Frühlingsgrüße aus Österreich"). Sie können keine deutsche Lernsoftware verwenden; das geht auf ihren Geräten nicht. Sie schreiben ihre Hausaufgaben auf dem Computer, was dazu geführt hat, dass manche dieser Elaborate fünf Seiten umfassen, davon zwei Titelseiten, eine Rückseite und, wenn ich Glück habe, zwei Seiten Text, mit bunten Rahmen und Clips vervollständigt. Die Form ist gelungen, der Inhalt mäßig wie eh und je.
Mit dem Computer, bzw. mit dem Internet kann man alles suchen (aber nicht alles finden). Es gibt sogenannte Webportale, Seiten von denen aus man wie in einem Katalog nach bestimmten Themen oder Schlagwörtern suchen kann. Es gibt Suchmaschinen, in die man differenzierte Suchwörter eingibt. Die Ergebnisse solcher Suchen sind jedoch oft so umfangreich, dass man vor dem Problem steht: Was kann ich nutzen, wie kann ich aussortieren?
Geben wir nur einmal in eine solche Suchmaschine die Schlagwörter "DaF" und "Korea" ein, so erscheint als erstes die koreanische Website "Digital and Fruits" (auf der sich sehr schöne Bilder von Obst finden, die man sicherlich im Unterricht einsetzen kann, die aber nichts mit Deutsch als Fremdsprache zu tun hat). Dann gibt es noch eine Niederländische Fahrzeug-Fabrik, sowie die Website der Südafrikanischen Eisenbahn, mit einem frommen Bibelspruch verziert. Natürlich finden sich auch wirkliche Informationen zu unserem Bereich, aber die muss man erst einmal wieder herausfiltern. Weniger wäre da vielleicht mehr.
Eine Hilfe sind sogenannte "Linksammlungen", das sind Seiten, auf denen viele Websites zu einem Thema versammelt sind. Einige für DaF relevante möchten wir in einem eigenen Artikel vorstellen.
Der Computer ist sicherlich ein nutzbringendes Werkzeug für den Deutschunterricht. Allzu viel sollte man sich aber auch nicht von ihm versprechen. Ich denke, traditionelle Lernmittel und -Methoden sind und bleiben weiterhin wichtig.
Copyright © 2001 by Michael Menke