Edeltrud Kim

X. Internationaler Germanistenkongress in Wien.
"Zeitenwende - Die Germanistik auf dem Weg vom 20. ins 21. Jahrhundert"
11. - 16. 9. 2000.
Notate zu einer germanistischen Großveranstaltung an einem zur Zeit problematischen Ort.


Ein kurzer Bericht über einen fünftägigen Kongress mit 1100 Teilnehmern und 630 Referaten in 24 Sektionen ist eigentlich ein Unding, so soll hier im Wesentlichen nur von den Plenarveranstaltungen berichtet werden. über den wissenschaftlichen Ertrag des Ganzen kann ich keine Auskunft geben, da muss ich auf die Kongress-Dokumentation verweisen, die beim Peter Lang Verlag erscheinen wird.

Da ich so oft gefragt wurde, was die IVG eigentlich sei, möchte ich zunächst darauf eingehen. Die IVG, die Internationale Vereinigung für Germanistik (so wurde sie in Wien umbenannt), die auf dem diesjährigen Kongress ihren 50. Geburtstag feierte, ist Mitglied der Fédération Internationale des Langues et Littératures Modernes (FILLM), diese wiederum untersteht der UNESCO. "Die IVG hat den Zweck, die Germanistik durch internationale Zusammenarbeit zu fördern. Unter Germanistik wird hier verstanden: Die altgermanische, deutsche, nordische, niederländische, friesische, afrikaanse und jiddische Sprach- und Literaturwissenschaft." (Satzung der IVG) Die Mitglieder der IVG sind nicht germanistische Landesverbände, sondern Einzelpersonen, die wissenschaftlich im Bereich der Germanistik tätig sind. Zur Zeit hat die IVG etwa 1600 Mitglieder.

Als man 1995 in Vancouver den Wiener Ordinarius für deutsche Sprache und ältere deutsche Literatur Peter Wiesinger zum Präsidenten und damit Wien zum nächsten Tagungsort wählte, tat man das mit der Absicht, den 10. Kongress der IVG im Jahre 2000 festlich in einer europäischen Kulturmetropole begehen zu können. Die politische Entwicklung in Österreich, die zu einer Regierungskoalition von ÖVP (Österreichische Volkspartei) und FPÖ (Freiheitliche Partei Österreichs) führte, hat aber einen dicken Strich durch diese Rechnung gemacht. Bald nach der Regierungsbildung in Österreich (Regierungsantritt 4. 2. 2000) haben Germanisten aus Deutschland und aus vielen anderen Ländern aus Protest gegen die Regierungsbeteiligung der rechtspopulistischen bzw. neonazistischen FPÖ des Jörg Haider die Verlegung des Kongresses an eine Universität außerhalb Österreichs verlangt oder mit dem Boykott des Kongresses gedroht, obwohl sich die Universität Wien ausdrücklich von der Ideologie der FPÖ distanziert und ihrer Bestürzung über den Rechtsruck in Österreich Ausdruck verliehen hatte. Andere wollten zwar an dem Tagungsort Wien festhalten, um die akademische Opposition zu unterstützen, hielten aber eine deutliche Stellungnahme des Kongresses gegen die Ideen und die Politik der FPÖ für unverzichtbar.

Nun, der Kongress blieb - nicht zuletzt aus organisatorischen Gründen - trotz der von vielen als widrig empfundenen Umstände in Österreich, wo er vom 10. bis 16. September an der Universität Wien unter dem Generalthema »Zeitenwende - Die Germanistik auf dem Weg vom 20. ins 21. Jahrhundert« abgehalten wurde. Es gab aber insgesamt 35 Absagen aus politischen Gründen, besonders bedauerlich war dabei die allerdings nur zu verständliche Absage der Sektion für Jiddistik. Einige Redner hatten auch ihr im Vorprogramm angekündigtes Thema verändert, um besser auf die politischen Veränderungen in Österreich reagieren zu können. Außerdem fand am Eröffnungstag ein politisch motiviertes wissenschaftliches Kontrastprogramm statt, das allerdings nicht direkt gegen den Kongress gerichtet war, sondern mit dem vor allem der von vielen als unangemessen betrachtete festliche Auftakt des Kongresses und der Empfang beim Bürgermeister von Wien am Abend dieses Tages unterlaufen werden sollten. Dennoch wurden den Organisatoren dieses Programms keine Räume in der Universität zur Verfügung gestellt, so dass die Veranstaltung im Jüdischen Museum stattfand. Viele, so auch ich, hatten von dieser Veranstaltung allerdings nichts erfahren, da sie selbstverständlich in den offiziellen Kongressunterlagen nicht erwähnt wurde. Was mich während des ganzen Kongresses beschäftigt hat, war die Diskrepanz zwischen der echten Betroffenheit vieler wegen der politischen Lage bzw. der vielleicht nur verbalen politischen Aufgeregtheit anderer und der völlig unaufgeregten Normalität des Wiener Alltags und des Kongresslebens außerhalb der einschlägigen Diskussionen.

Der Kongress begann am Montag, dem 11. 9. mit einem Festakt »50 Jahre Internationale Germanistenvereinigung« im Großen Musikvereinssaal, für die musikalische Umrahmung sorgte das Kammerensemble der Wiener Akademischen Philharmonie mit allseits bekannten "Ohrwürmern" von Mozart, Dvorak und Tschaikowsky. Der Festakt folgte ganz dem üblichen Schema. Aufhorchen ließ erst der letzte Beitrag, die Rede des Wiener Germanisten Werner Welzig, der seit 1991 Präsident der Österreichischen Akademie der Wissenschaften ist. Er sah sich außer Stande, die "Festrede" zu halten, um die man ihn gebeten hatte, denn Ort und Zeit waren seiner Meinung nach dazu nicht angetan. Mit moralischem Ernst und in brillanter Rhetorik zog Welzig Verbindungslinien zwischen Heute und Gestern, die vom Ort des Festaktes ausgingen. »Raumgenossenschaft. Rede zur Eröffnung des X. Internationalen Germanistenkongresses« hat er seinen aufschlussreichen Beitrag daher genannt. Er erinnerte daran, dass schon das kaiserliche Wien in diesem Saal gefeiert habe, er berichtete von dem Skandal anlässlich eines Konzertes mit Werken der damals ganz modernen Komponisten Arnold Schönberg und Alban Berg, bei dem im Saal ein großer Tumult ausgebrochen war und den unverstandenen Komponisten nicht nur von den aufgebrachten Zuhörern, sondern auch von den Musikkritikern moralische Verwerflichkeit angelastet wurde, und er beschwor einen anderen Festakt herauf, bei dem der große Konzertsaal mit Hakenkreuzfahnen geschmückt war, weil man den "Anschluss" Österreichs ans Dritte Reich feierte und natürlich seinen Vollstrecker Adolf Hitler, den "großen Sohn des Landes, den die Ostmark den Deutschen geschenkt hat" (so zitierte Welzig aus einer der damaligen Reden). Was tun wir Germanisten heute an einem solchen Ort, das war die beklemmende Frage, die diese Rede stellte und durch die der Kongress direkt mit den politischen Realitäten vor Ort konfrontiert wurde. Der letzte Satz aus Mozarts »Kleiner Nachmusik«, mit dem die Feier schloss, passte zu dieser Rede wie die Faust aufs Auge.

Dem Ablauf des Kongresses lag folgendes Schema zugrunde:

Am Montag, Dienstag, Donnerstag und Freitag gab es vormittags jeweils einen Plenarvortrag von 9.00 bis 10.00 Uhr und ein Diskussionsforum von 10.30 bis 12.00 Uhr. Die übrige Zeit war für die Arbeit in den 24 Sektionen vorgesehen. Die Sektionsreferate durften nur 20 Minuten dauern. Drei Beiträge bildeten jeweils eine Einheit, nach der es Diskussionen gab. Diese Regelung wurde später angegriffen, weil sie es beinahe unmöglich machte, zwischen den Sektionen zu wechseln, was allerdings eine erklärte Absicht der Veranstalter gewesen war. Am Freitagnachmittag tagte zum Abschluss des Kongresses die Vollversammlung der IVG-Mitglieder.

Für die Plenarvorträge hatte man RednerInnen gewählt, die den Sinnverlust der Germanistik angesichts der Medienrevolution bzw. die Chance zur kulturwissenschaftlichen oder medienwissenschaftlichen Neubesinnung thematisierten.

Montag noch im Musikvereinssaal: Karlheinz Rossbacher (Salzburg) beschwor in seinem Vortrag Weiter lesen - weiter leben. Kein Abgesang auf gedruckte Medien den Fortbestand des Buches auch im Zeitalter der digitalen Medien.

Dienstag: Helmut Birkhan (Wien): Der Traditionsraum der altdeutschen Literatur in kulturwissenschaftlicher Sicht. Birkhan, Altgermanist und berühmter Keltologe, sprach Grundlagen und Problematik der Kulturwissenschaft an und versuchte, an ausgewählten Beispielen aus der alten deutschen Literatur aufzuzeigen, dass man alte Literaturen nicht aus dem kollektiven Gedächtnis verdrängen dürfe, weil Kultur gemessen an politischen oder auch gesellschaftlichen Entwicklungen "langwellig" sei und Altes bis in die Gegenwart fortwirke.

Donnerstag: Aleida Assmann (Anglistin aus Konstanz): Der väterliche Bücherschrank. Vergangenheit und Zukunft der Bildung. (Der Vortrag wurde von Ortrud Gutjahr eindrucksvoll vorgelesen, da Frau Prof. Assmann kurz vor dem Kongress einen Verkehrsunfall erlitten hatte und nicht nach Wien kommen konnte.) Bildung wurde als individuelle Teilhabe am kulturellen Gedächtnis aufgefasst, wobei es als Tragödie der Kultur angesehen wurde, dass traditionelles kulturelles Wissen sehr oft nicht mehr lebensdienlich nutzbar gemacht werden kann. Die Referentin verdeutlichte dies - sicherlich inspiriert vom Tagungsort - an drei verschiedenen jüdischen Lebensläufen, Die durch Lesen erworbenen Sozialisation in das Bildungsgut des (deutschen) Bildungsbürgertums, die mit einer Entfremdung von den jüdischen Wurzeln der Betroffenen verbunden war, führte bei allen Genannten nicht zur erhofften Integration in die Gesellschaft, sondern endete im Untergang in den stalinistischen Lagern bzw. in den Gasöfen der nationalsozialistischen Konzentrationslager.

Freitag: Jochen Hörisch (Mannheim): Vom Sinn zu den Sinnen - Zum Verhältnis von neuen Medien und Literatur. Hörisch ging davon aus, dass die modernen Bildmedien uns zwingen, sehen zu lernen, da man seinen Augen nicht mehr trauen dürfe. Dies sei in der Literatur zum ersten Mal von Rilke in den "Aufzeichnungen des Malte Laurids Brigge" thematisiert worden. Und er wies darauf hin, dass die modernen Mediengesellschaften jetzt nicht mehr die Literaturtheorie und Kunsttheorie als grundlegende ästhetische Theorien ansähen, sondern eben die Medientheorie.

Diskussionsforen wurden zum ersten Mal auf einem IVG-Kongress durchgeführt. Vier oder fünf Diskutanten aus verschiedenen Ländern saßen auf dem Podium und trugen zunächst vorbereitete Statements vor, gingen dann auf einander ein und stellten sich schließlich Beiträgen aus dem Publikum. Einer der Diskutanten fungierte auch als Sitzungsleiter. Gegenstand der Diskussion war jeweils ein politisch oder sachlich brisantes Thema.

Dienstag: Hat die Germanistik politische Verantwortung zu übernehmen?

Dieses Thema war nach der Beteiligung der FPÖ an der Regierung in Wien ins Programm aufgenommen worden, um auf die politische Situation im Lande reagieren zu können. Die Diskussionsleitung hatte Wendelin Schmidt-Dengler von der Uni Wien. Kernstreitpunkt war die Frage, ob die Germanisten nur als Individuen und Staatsbürger wie alle anderen auch politische Verantwortung übernehmen müssten oder ob sie auch in ihrer Funktion als germanistische Wissenschaftler und als Gruppe dazu verpflichtet seien. Die Podiumsdiskussion verlief sehr sachlich und eindringlich, wobei die nicht deutschsprachigen Diskutanten eher für die individuelle Verantwortung plädierten, während die deutschsprachigen sich in Beschämung über die aktive oder doch zumindest affirmative Rolle der Germanistik in der Hitlerzeit eher für eine kollektive politische Verantwortung aussprachen. Aus dem Plenum kamen einige heftige gegensätzliche Wortmeldungen, auch Fragen danach, mit welchem Recht, Germanisten anderer Länder sich in die Österreichischen Angelegenheiten einmischten. Natürlich konnte man sich nicht einig werden, aber es gab doch eine Mehrheit dafür, dass es Aufgabe einer Sprach- und Literaturwissenschaft sei, auf den Missbrauch von Sprache und von literarischen Traditionen im politischen Diskurs hinzuweisen, um durch die Bloßstellung dieses Missbrauchs Aufmerksamkeit zu wecken und Taten zu verhindern. Im Hinblick auf die Situation in Österreich wurde angeregt, eine offizielle Erklärung zur Warnung vor den Ideen der FPÖ auszuarbeiten und auf der Vollversammlung zu verabschieden. Diese Resolution scheiterte dann aber - was ich unbegreiflich fand - in der Vollversammlung nach aufgebrachten Diskussionen an verfahrenstechnischen Problemen. (Ihre Aufnahme in die Tagesordnung war aus Versehen nicht rechtzeitig beantragt worden, und es fand sich keine Zweidrittelmehrheit für eine nachträgliche Aufnahme.) Die Befürworter waren empört, doch der Antragsteller fand einen Ausweg. Zu dem für die Resolution vorgesehene Text wurde eine Unterschriftensammlung durchgeführt. Eine relative Mehrheit der Anwesenden hat das Dokument unterschrieben, so kann es zwar nicht als Resolution der IVG veröffentlicht werden, aber doch als Erklärung vieler Mitglieder dieser Vereinigung. Der Text ist sehr moderat formuliert und vermeidet direkte politische Aussagen, kritisiert werden - sozusagen mit der Fachkompetenz von Sprach- und Literaturwissenschaftlern - die Diskursformen der FPÖ und ihr Sprachgebrauch, in dem sich Menschenverachtung manifestiert und durch den diese eingeübt wird, sowie die Hetzkampagnen gegen Künstler und Künstlerinnen, vor allem gegen Autoren und Autorinnen.

Donnerstag: Globale Zukunftsperspektiven der deutschen Sprache und der Germanistik.

Diskussionsleiter war Ulrich Ammon von der Uni Duisburg. Ausgangspunkt für dieses Forum war natürlich der Rückgang der Verbreitung des Deutschen unter der erdrückenden Konkurrenz des Englischen als lingua franca der Welt. Bei den Podiumsbeiträgen ging es um Geschichte und Gegenwart des Deutschen in den verschiedenen Ländern, um die mögliche Rolle des Deutschen als Verkehrssprache bzw. Arbeitssprache in Europa und um den Rückgang des Deutschen als Wissenschaftssprache. Bedauert wurde, dass es in den deutschsprachigen Ländern allgemein an gesundem "Sprachpatriotismus" fehle. Die Pflege der deutschen Sprache zu Hause, sei aber eine Voraussetzung für eine Festigung ihrer Stellung in der Welt. Angegriffen wurden in diesem Zusammenhang vor allem die deutschen Unternehmen, die unter dem Druck der internationalen Konkurrenz zunehmend auf den Gebrauch der deutschen Sprache in Konferenzen und bei Betriebsunterlagen verzichten, und dies auch in Deutschland selbst, und dann auch sehr stark die Mitarbeiter in den Medien, die sich im Gebrauch unnötiger Anglizismen gefielen. Im Hinblick auf den Rückgang des Deutschen als Wissenschaftssprache wurde beklagt, dass dies zum Teil wohl auch daran liege, dass die deutsche Geisteswissenschaft zur Zeit offensichtlich nichts Aufregendes zu sagen habe. Die Diskussion aus dem Plenum war sehr temperamentvoll, und nach vielen Klagen darüber, wie man sich als Auslandsgermanist von deutschen diplomatischen Vertretungen, Unternehmen und Gastreferenten betrogen fühle, da fast alle Englisch sprächen und man so kaum noch jemanden für ein Germanistikstudium gewinnen könne, wurden Vertreter der verschiedenen Regionen aufgefordert, die Lage in ihrem Wirkungsbereich zu skizzieren. Für Korea habe ich diese Aufgaben übernommen und die uns allen bekannte Krise des Fachs in Korea und deren Gründe kurz benannt. Zum Schluss der Diskussion wurde der Antrag gestellt, zwei Resolutionen zur deutschen Sprache auszuarbeiten, eine für die Politiker, d.h. für den Präsidenten der EU-Kommission und für den deutschen und Österreichischen Bundeskanzler, und eine andere für die Wirtschaftsverbände in Deutschland und in Österreich. Diese Resolutionen sollten dann auf der Vollversammlung beschlossen werden, was dort nach heftigen Diskussionen und einigen Änderungen am Wortlaut auch geschah. Die Politiker werden ersucht, dafür Sorge zu tragen, dass Deutsch künftig in der EU als Arbeitssprache gleichrangig mit Englisch und Französisch verwendet wird. Hauptargument war dabei die Tatsache, dass Deutsch innerhalb der EU die Sprache mit den meisten Muttersprachlern ist. Die Wirtschaftsverbände in Deutschland und Österreich werden aufgefordert, darauf hinzuwirken, dass die Unternehmen aus den beiden Ländern in ihren ausländischen Niederlassungen deutsche Sprachkenntnisse als Zusatzqualifikation bewerten und dass sie Deutsch als Sprache ihres Herkunftslandes trotz der lingua franca Englisch auch weiterhin als Teil ihrer Firmenkultur betrachten, wie das z.B. für französische oder japanische Unternehmen selbstverständlich sei.

Freitag: Wozu Grammatik?

Die Diskussionsleitung hatte Hans-Werner Eroms aus Passau. Nach Hinweisen auf Leistungen und Funktionen von Grammatik ging es im Wesentlichen um die Frage, wie Grammatiken aussehen sollten, damit sie ihre Grundaufgaben, die Einsicht in eine Sprache zu vertiefen und beim Spracherwerb bzw. bei der Verbesserung der Sprachfertigkeiten zu helfen, erfüllen könnten. Aus dem Plenum wurden vor allem Wünsche nach benutzbaren Grammatiken, diese auch auf CD, für den Sprachunterricht laut. Außerdem forderte man, neue Forschungsergebnisse, die verstreut in vielen Zeitschriften erscheinen, schneller zu sammeln und für die Praxis nutzbar zu machen.

Die Sektionen

über den Inhalt der Sektionssitzungen kann ich selbstverständlich hier nicht berichten, ihre Themenbereiche deckten das ganze Spektrum der Germanistik ab.

Ich selbst bin fast ganz in der Sektion 7 "Sozial-kulturelle Aspekte des DaF-Unterrichts" geblieben, in der ich mein Referat "Lernziel interkulturelle Kompetenz - Utopie oder Rettungsanker für DaF in Korea" gehalten habe. In dieser Sektion ging es wahrhaft international zu, und es herrschte eine sehr angenehme Atmosphäre, weil jeder mit Interesse verfolgte, was der andere aus seinem mehr oder weniger fernen Land zu berichten hatte. Die ReferentInnen vertraten die folgenden Länder: Deutschland (5), Österreich (2) Frankreich (1 aus dem Elsass), Japan (4), Korea, Polen, Tschechien, Ungarn, Rumänien, Jugoslawien, Russland (2 und 1 aus Jakutien), Türkei (3), Indien (2), Algerien, Marokko (2), Südafrika (mit Muttersprache Afrikaans), Madagaskar, dazu kamen noch Zuhörer aus weiteren Ländern. Es war ein Erlebnis besonderer Art, Deutsch als lingua franca in dieser multikulturellen Gemeinschaft zu erleben. Die meistens Referate waren sehr aufschlussreich und befassten sich mit Fragen der Interkulturalität als Ziel und Methode des Unterrichts bzw. mit der Bedeutung des Kulturvergleichs als Bestandteil des Fremdsprachenunterrichts. Dabei waren sie fast ausschließlich an der Praxis des DaF-Unterrichts unter den Bedingungen des jeweiligen Landes orientiert.

Die Generalversammlung findet bei den IVG-Kongressen jeweils am letzten Nachmittag statt, an ihr dürfen nur Mitglieder teilnehmen, die auch tatsächlich ihren Mitgliedsbeitrag bezahlt haben. Der Mitgliedsbeitrag gilt für fünf Jahre und wurde in Wien für die Periode von 2000 bis 2005 auf 100 Euro festgelegt.

Während der Versammlung waren zunächst langweilige vereinstechnische Dinge zu regeln, dann wurde satzungsgemäß das neue Präsidium für die Amtszeit 2000 bis 2005 gewählt, und schließlich wurde über Resolutionen abgestimmt.

Neuer Präsident der IVG wurde der allerseits geschätzte Literaturwissenschaftler Jean Marie Valentin aus Paris (geb. 1938), das bedeutet zugleich, dass der nächste IVG-Kongress im Jahre 2005 an der Sorbonne in Paris stattfinden wird. Vizepräsidenten sind Dagmar Lorenz aus Chikago und Tadeusz Namowicz aus Warszawa.

Lebendig und zum Teil polemisch wurde die Stimmung erst, als es um die Verabschiedung bzw. Nichtverabschiedung der schon genannten Resolutionen ging. Ohne Probleme wurde die noch nicht erwähnte von Wilhelm Vosskamp initiierte Resolution angenommen, die die deutschen Organe der Wissenschaftsförderung dazu aufruft, den Fortbestand des internationalen Referatenorgans "Germanistik", der wegen fehlender Gelder gefährdet ist, finanziell abzusichern. Im Ganzen habe ich die Vollversammlung mit ihrem Gerangel um die Anwendung von Satzungsparagraphen, mit den zum Teil unsachlichen Polemiken, die die echten Sorgen erstickten, als Anti-Klimax des Kongresses erlebt.

Wie bei solchen Kongressen üblich, gab es auch in Wien ein Rahmenprogramm mit Empfängen und kulturellen Ereignissen. Die meisten Teilnehmer erwiesen sich als gute Verdrängungskünstler und genossen ohne alle politischen Gewissensbisse Mozarts "Zauberflöte" in der Staatsoper und Hofmannsthals "Der Schwierige" im Theater in der Josefsstadt sowie einen Abend mit Dichterlesungen: »25 Jahre Literaturprogramm Alte Schmiede: "Im Lustgarten der poetischen Formen - Österreichische Gegenwartsliteratur in ihren poetischen Bezugsfeldern"« mit Marie-Thérèse Kirschbaumer, Andreas Okopenko, Julian Schutting und Peter Waterhouse, moderiert von Dr. Kurt Neumann im Auditorium maximum der Universität.

Der traditionelle Ausflug fand am Samstag statt, auf verschiedenen Routen ging es zu Sehenswürdigkeiten in Nieder-Österreich, abends traf man sich dann in St. Pölten zum Abschlussempfang. Als wir in unseren Bussen unterwegs nach St. Pölten waren, verließ uns zum ersten Mal das herrliche Spätsommerwetter, das den Kongress begleitet hatte, und ein Gewitter überschüttete uns mit Regengüssen.


Copyright © 2000 by Edeltrud Kim


DaF-Szene Korea Nr. 12

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