Thomas Schwarz

Editorial


Ethnographische Beobachtungen im koreanischen Alltag bilden einen Schwerpunkt dieser Edition der Daf-Szene. Die kleine Form der Splitter und Fragmente ist einer Betrachtungsweise angemessen, die nicht den großen totalisierenden und systematisierenden Zugriff sucht, der die fremde Kultur einzwängen und unterordnen will. Die Antwort dieses Heftes auf die writing-culture-Debatte mit ihrer Kritik der herkömmlichen Formen von ethnographischen Schreibweisen besteht darin, anhand von symptomatischen Punkten Fenster auf die koreanische Lebenswelt zu öffnen. Die alphabetische Ordnung verweist auf die vielen Leerstellen zwischen den Fragmenten dieses koreanistischen Diskurses und es wäre vermessen, zu glauben, man könne dessen Fallstricken entkommen.

Thematisiert wird, was in der anderen Kultur auffallend erscheint, was zum Kulturvergleich anregt. Die Texte geben Auskunft darüber, wie die koreanische Kultur aus deutscher Perspektive wahrgenommen wird. Die Hoffnung, dass auf diese Weise auch interessantes Unterrichtsmaterial entstehen könnte, spielte bei der Konzeption des Heftes eine nicht unwichtige Rolle. Herrscht doch unter Anthropologen schon längst Konsens über die Annahme, dass solche Texte mehr über die Besonderheiten der eigenen Kultur als über die fremde verraten.

Artikel, die in diese Richtung gehen, sind immer wieder in der DaF-Szene erschienen, sei es zum Thema Kimchi oder Krankenhaus, und auch an den Lektorentest von Frank Grünert in der DaF-Szene Nr. 9 sei erinnert.

Die deutschen Lektoren, die im Land leben und arbeiten, befinden sich in einer Situation der teilnehmenden Beobachtung. Ein Artikel in dieser Ausgabe zeigt, dass das manchmal im wahrsten Sinn des Wortes bedeutet, sich vor Ort ins Zelt zu begeben, ins pojangmaja. Vielleicht ist die Ironisierung dieser Beobachterposition eine Möglichkeit, über das Andere zu schreiben, ohne es zu verobjektivieren.

Anfangs dachte ich, dass das Thema eher diejenigen Kolleginnen und Kollegen ansprechen könnte, die noch nicht lange in Korea sind und ihren frischen Eindrücken als Autorinnen und Autoren Ausdruck verleihen möchten. Aber es hat sich herausgestellt, dass auch solche, die schon länger hier leben, noch nicht die Fähigkeit verloren haben, sich zu wundern und zu staunen.

Im zweiten Teil des Heftes finden sich vorwiegend Konferenzberichte, die das rege Interesse der hier tätigen Lektoren an der Entwicklung der koreanischen Germanistik demonstrieren. Ein gewachsenes Problembewusstein für die Notwendigkeit eines Neuzuschnitts der Curricula und eine kulturwissenschaftliche Neuorientierung zeichnen sich ab. Es wäre schön, wenn diese Ausgabe der DaF-Szene die eine oder andere Anregung zu einem cultural turn der koreanischen Germanistik bieten könnte.


DaF-Szene Korea Nr. 12

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