Michael Skowron

Spiegelungen
Zum Deutschen-Bild der Koreaner und Koreaner-Bild der Deutschen

Teil II


II

Ein schönes Beispiel dafür, welche Rolle die Sprache bei kulturellen Spiegelungen spielen kann, ist der Bericht von der Begegnung mit einer christlichen Missionsarbeiterin, die ihn nach Jesus fragt. "Als ich ihr sagte, dass ich auch ein katholischer Gläubiger sei, war ihr Gesichtsausdruck so, als hätte es sie überrascht. Dann fragte sie mich wieder, ob es auch in Korea Busse gibt. Nach unserem Verstand ist eine Frage wie diese wirklich unfassbar." (S. 83) Denn diese Frage ist für ihn der Ausdruck dessen, dass die meisten Leute in Deutschland so gut wie nichts über Korea wissen und es wahrscheinlich für ein unterentwickeltes Land halten, in dem es möglicherweise nicht einmal Busse gibt. Der Übersetzer merkt jedoch richtig an, dass hier die Busse sicherlich mit der Buße verwechselt wurden, was auch der Zusammenhang nahe legt. Dies ist ein gutes Beispiel dafür, dass die Eigenschaften oder Meinungen, die wir den Angehörigen einer anderen Kultur beilegen oft nichts anderes sind als unsere eigenen Vorurteile, die wir in sie hineinprojizieren, so dass wir uns nur selber spiegeln und in unseren eigenen Illusionen verfangen. Die Spiegelung gleicht dann mehr einer Fata Morgana oder einem Phantom. Da sich die Spiegelungen nur im Kopf oder in Gedanken abspielen, ist die Möglichkeit solcher Fantasiebildungen kaum verwunderlich.

Aber die Annahme, dass die Deutschen Korea für ein unterentwickeltes Land halten, in dem es auch wenig Christentum gibt, ist nicht völlig unbegründet. Denn die Deutschen kommen auf ihren Weltreisen nicht allzu oft nach Korea und beziehen deshalb ihr gewöhnliches Korea-Bild wie die Koreaner umgekehrt ebenfalls durch die Medien, insbesondere das Fernsehen. So stellt G.H. Park fest, dass die Deutschen eher weniger von der Seoul-Olympiade sehen, auf deren Ausrichtung die Koreaner stolz sind, dafür aber um so mehr von Studentendemonstrationen im Fernsehen gezeigt bekommen, wenn überhaupt einmal über Korea berichtet wird, so dass ihn ein deutscher Mitarbeiter fragt, wie er bei all diesen Demonstrationen unbesorgt bleiben könne. Ein anderes Mal gibt es einen Bericht über ländliche Junggesellen, die (wahrscheinlich wegen des Männerüberschusses) keine Frau finden, wobei eine Szene auch einen Betrunkenen in schäbigen Verhältnissen zeigt, der sein Leid klagt. Daher fühlt er sich beschämt und ist besorgt darüber, "was für ein Bild die deutschen Zuschauer von Korea bekommen, nachdem sie sich solche Berichte angesehen haben." Für die Berichterstatter sei in erster Linie wichtig, was ihren Bericht interessant und möglichst sensationell mache, für die Koreaner aber hänge "das Ansehen der Nation" davon ab (S. 82). Er bekommt den Eindruck, als "ein drittes Land, ein drittes Volk" (S. 89) angesehen zu werden, nachdem man die Welt in drei Welten eingeteilt habe und auch entsprechend behandelt werde. "Gesicht" oder "Gesichtsverlust" aber ist eines der ernstesten Probleme für Koreaner, wenn sie in den Spiegel schauen, besonders wenn es sich um die "Nation" handelt.

Ein weiteres Bild, das in Deutschland verbreitet ist, ist das von den Hundefleisch essenden Koreanern. Nachdem ein Bericht darüber in einer Zeitschrift erschienen war, blieben die Gäste in dem koreanischen Restaurant, wo er immer aß, aus. "Auch bei der ersten Begegnung mit uns, wenn wir als Koreaner vorgestellt werden, bekommen schon einige Leute vor Aufregung gleich einen roten Kopf und bestürmen uns mit der Frage 'Wie könnt ihr bloß Hunde essen?'. Entweder erwidern wir darauf: 'Wieso esst ihr dann Pferdefleisch?' Oder wir antworten darauf manchmal in Gedanken: 'Ja, ihr seid von der ethnischen Gruppe, die mit Hunden näher verwandt ist als wir." (S. 91) Was für die Koreaner eine Sache ohne Bedeutung sei, scheine für die Deutschen und Westlichen überhaupt, eine Sensation zu sein. Wenn man überhaupt Fleisch isst, scheint es in der Tat wenig Unterschied zwischen Hund, Pferd, Rind oder Schwein usw. zu geben. Das Problem mit Hundefleisch ist daher auch eher die Unreguliertheit dieses Marktes im Unterschied z.B. zu dem von Rindern und Schweinen, d.h. auch die Hygiene und die Haltung sowie die Art, wie die Hunde getötet werden. G.H. Park ist der Meinung, "dass diejenigen in Korea, die zur Potenzsteigerung Hundefleisch essen, auch ans Ansehen von Landsmännern denken sollten, die im Ausland Korea vertreten." (S. 91)

Ein anderes Mal will ein deutscher Freund nicht mit ihm in ein koreanisches Restaurant gehen, weil in der Zeitung berichtet worden war, dass in einem koreanischen Restaurant in Frankfurt bei einer Explosion von Propangasflaschen acht Menschen ums Leben gekommen seien. G.H. Park führt dies auf die koreanische "Schnell- und Ungefährkultur" zurück, "wahrlich eine kopfwehbereitende Kultur." (S. 92)

Ein letzter Eindruck stammt von einem türkischen Ober in Baden-Baden: "'Korea Nr. 1' sagte er", denn die Koreaner hätten viel Geld. Obwohl er zunächst verblüfft ist, erinnert sich G.H. Park schließlich daran, dass in Baden-Baden die Olympischen Spiele an Korea vergeben worden waren, und dass folglich die koreanische Delegation damals vermutlich sehr viel Geld ausgegeben hat. "Es war nicht schlecht so ein Kompliment zu hören, aber die Freude hatte irgendwie einen bitteren Nebengeschmack (denn viel Geld ausgeben ist auf keinen Fall etwas, worauf man stolz sein kann)." (S. 101)

III

Wie die heutigen Deutschen selber gesehen werden möchten, bzw. was sie sehen, wenn sie in den Spiegel schauen, erfahren wir aus einer Broschüre des German Academic Exchange Service (Studying in Germany, Your first choice, DAAD January 2000), bezeichnenderweise in saloppem Englisch. Offenbar sind es nicht nur deutsche Firmen in Korea, sondern sogar deutsche Institutionen in Deutschland, die lieber auf Englisch kommunizieren. Auch für die Vergabe von DAAD-Stipendien in Korea ist die Beherrschung der deutschen Sprache keine entscheidende Bedingung. Selbst innerhalb der EU ist das Deutsche keine offizielle Arbeitssprache, obwohl fast ein Drittel der EU-Bevölkerung deutsch spricht. Man denke auch an die Deutsche Welle, die ihre Programmzeit unter drei Sprachen (Englisch, Spanisch und Deutsch) aufgeteilt hat. Warum also sollte man es gerade deutschen Firmen im Ausland, denen es nur um Business geht, verübeln, wenn ihnen die Eine weltweite Verkehrssprache des Englischen genügt? Vielleicht wollen sie auch nur nicht mit den deutschen Soldaten von ehedem oder den Neo-Nazis von heute in Verbindung gebracht werden, was ebenso schlecht fürs Business wäre als die Eine Verkehrssprache dafür nützlich ist.

Diese Firmen beweisen nur, dass man vom ökonomischen Denken her sicherlich keine Rettung des Deutschen erwarten kann. Denn wenn es nur um den "Verkehrswert" der Sprache geht, d.h. den Wert, den die Sprache für den Verkehr, den Markt und die Ökonomie hat, ist nicht abzusehen, warum nicht Eine Sprache für alle Märkte auch am ökonomischsten und wertvollsten sein soll. Diesen Trend kann man vermutlich nicht aufhalten, sondern bestenfalls kreuzen durch das, was man den intrinsischen Wert einer Sprache nennen könnte, der darin liegt, dass in ihr zumindest zum ersten Male etwas ausgedrückt, gesagt und gedacht wird und wurde, was so noch in keiner anderen Sprache gesagt und gedacht worden ist, so dass man diese Sprache lernen muss, wenn man es nachvollziehen und verstehen will. In diesem Sinne hat z. B. die Tatsache, dass Goethe und viele andere, von denen es auch "Gesellschaften" sogar in Korea gibt, auf Deutsch geschrieben haben, einen ungleich höheren Wert als alle Verkehrswerte zusammengerechnet und würde selbst dann bestehen bleiben, wenn die ökonomische und politische Bedeutung Deutschlands auf die irgendeiner kleinen Insel im Pazifik gesunken sein sollte. Wichtiger als den Verkehrswert zu bestimmen, wäre es demnach, den intrinsischen Wert der deutschen Sprache zu suchen, zu finden und herauszustellen, was allerdings schwieriger ist, weil man ihn schlecht errechnen kann und er ökonomisch von keiner unmittelbaren Bedeutung ist, was in einer Zeit und einem Land, in denen die Ökonomie im Vordergrund stehen, natürlich misslich ist.

Die Relativierung des Bildes vom deutsch sprechenden Deutschen ist zudem eine spezifische Form der Entdeutschung, welche die Frage nach dem Verhältnis von Kultur und Sprache aufwirft: wird man dadurch jemand anderes, dass man eine andere Sprache spricht? Also "come on, be honest... What springs to mind when you think of Germany?" Was fällt ihnen spontan ein, wenn Sie an Deutschland denken? Sollen die so angesprochenen Ausländer wirklich ehrlich sein? Zwei Staatsanwälte, die ihr Deutsch verbessern wollten, antworteten mir kürzlich auf eine entsprechende Frage ehrlich und in gutem Deutsch: Hitler. (Als ich nach Korea kam, erlebte ich gleich am Anfang keinen kleinen Kulturschock, als sich ein Germanistik-Professor gerade angekommenen neuen Englisch-Lektoren als "Hitler" vorstellte. Vielleicht war es aber auch nur koreanischer "Humor", der mir noch fehlte. Selbst in Seoul öffnet immer wieder mal eine neue Bar mit Swastikas an der Wand, aber keiner denkt dabei an buddhistische Tempel). Doch die Deutschen sehen sich lieber als "exotischen Haufen" (ein Tipp für Exotismus-Forscher), für den alles mit der Stunde Null beginnt und alle Erinnerung an die Zeit davor nur noch mehr oder weniger mythisch verkleidet oder als Feststellung eines bedauerlichen Faktums auftaucht. Was soll man auch tun? Die Nazizeit ragt wie ein erratischer schroffer Felsen aus dem Fluss der deutschen Geschichte auf, von dem man weder genau zu wissen scheint, woher er eigentlich kam, noch wie man daran unversehrt vorbeikommen kann. Außerdem scheint es auch schon so lange her zu sein, insbesondere bei denen, für die die Geschichte mit dem Großvater anfängt bzw. aufhört und auch mit einem Schlag oder spätestens mit den Enkelkindern auch zu Ende ist.

Als mögliche Antworten auf die Frage, was Ausländern einfällt, wenn sie an Deutschland denken, werden vom DAAD die folgenden in Erwägung gezogen: "Is it yodelling people sporting either 'lederhosen' or a 'dirndl', careering along roads without a speed limit to the Oktoberfest in their lightening-fast cars? And do you typically imagine them then indulging in masses (or Maß's) of Bavarian beer (one 'Maß' = 1 litre) while eating German sausage and rocking to and fro to the 'um-pa-pa' of native brass band tunes? Do you see them returning home to the twelve-stroke greeting of a cuckoo-clock while the news reports of another two ships breaking up against the rocks of the Loreley, so enthralled were they by the mermaid's calling? Well in truth, the Germans really are an exotic bunch! Yet those who like techno music, designer clothes made by Boss, Joop, or Jill Sander, and love exquisite things from all over the globe, those who prefer high-speed trains to the stress of the motorways, have a penchant for dry wines, and can't resist double-checking their radio controlled watch or clock to read off the exact time down to the last second, they will also feel at home in Germany." Die Koreaner mögen zwar auch high-speed trains, aber offenbar nicht die deutschen. Sie bevorzugen Klassik vor Technomusik und "um-pa-pa" und tragen lieber einen schönen Hanbok als designer clothes, die nur für diejenigen sind, die sie sich auch leisten können. Aber in der doppelten Kontrolle der bereits vom Radio kontrollierten Uhr auf die letzte Sekunde können sie immer noch sehr gut den fast krankhaften Hang der Deutschen zu Pünktlichkeit, Genauigkeit und Regelbefolgung wiederentdecken. Wenn man auch an dieser Manie leidet oder sie lernen will, wird man sich in Deutschland bestimmt zu Hause fühlen. Dass man dann noch mit blitzschnellen Autos auf der Autobahn ohne Geschwindigkeitsbegrenzung nach München rasen, in Lederhosen auf dem Oktoberfest schunkelnd und jodelnd literweise Bier in sich hineinschütten kann, und hoffentlich nicht mit zu viel Alkohol im Blut wieder zurückjagt, - um zu studieren, finden die Koreaner vielleicht ein bisschen amüsant, aber dafür muss man nicht unbedingt eine weite Reise und Deutschland zur ersten Wahl des Studiums im Ausland machen. Mit solchen populären Aushängeschildern wie Lederhosen und Jodeln, Bier, Wurst und Oktoberfest, Techno und um-pa-pa, Autobahn und (Kuckucks-)Uhren mit Supergenauigkeit, Markennamen und ein bisschen Mythos, von denen die meisten auf das "Zentrum" München weisen, kann man höchstens kurzfristig Touristen anlocken, aber niemand, der ernsthaft studieren möchte.

Angesichts dieser feucht-fröhlichen Bierlaune (es darf auch eine trockene sein), kommt einem der Befehlsgehorsam des deutschen Soldaten wie die Mitternachts-Nachricht von den Schiffern vor, die von einer Rheinjungfer bezirzt am Felsen der Loreley zerschellt und gesunken sind. Schon bei Homer hätte man erfahren können, wie man sich in solchen Fällen zu verhalten hat: Odysseus ließ sich angesichts des Sirenengesangs (vielleicht war es auch schon ein Geheul? oder ein Kuckuck?) an den Schiffsmast binden und verstopfte sich die Ohren mit Wachs. Aber schon damals las niemand mehr Homer, außer vielleicht den Altphilologen. Das Bild von der Loreley kann sich aber auch wandeln. Denn wenn man gerade auf dem Oktoberfest war und ein paar Maß zu sich genommen hat, hört man besser auf Warnungen, die einem raten, danach nicht gleich wieder auf der Autobahn nach Hause zurückzurasen. Die Broschüre stellt dann des weiteren Deutschland u.a. als "wholeheartedly European" und "the Powerhouse at the Heart of Europe" vor. "Germany is an ideal place for leisure pursuits", habe eine gute Infrastruktur, gutes Bildungssystem usw. und sei daher der ideale Platz fürs Auslandstudium: "It is obvious that there are many good reasons for studying in Germany. Indeed, as a place for universities and research, as a country with a high standard of living and very hospitable people, Germany is a first choice." Während es im Falle der Koreaner ein türkischer Ober war, der ihnen die Nr. 1 zusprach, sind es hier allerdings die Deutschen selbst, die sich auf Englisch zur ersten Wahl rechnen. Vielleicht kann man daran den Vorteil sehen, den es haben kann, wenn man auch in einer anderen Sprache als der eigenen kommunizieren kann. Denn in ihr kann man manches sagen, ausdrücken und sich anhören, was sich in der eigenen ganz komisch und seltsam anhören würde, und umgekehrt, weshalb innerhalb nur einer Sprache vieles ungesagt und ungehört bleibt, was ein guter Grund ist, mindestens eine weitere Sprache zu lernen.

IV

Die Autobahn steht sicherlich nicht ganz zufällig auch im Titel und im Mittelpunkt der Deutschland-Erlebnisse von G.H. Park. Auch sie ist, wie er bemerkt, "in Hitlers Zeit" mit dem Blick auf militärische Ziele entstanden, zu einer Zeit als auch der erste "Volkswagen" sein Debüt machte, und gehört heute zum "Königreich des Autos" (S. 23). Die Regulierung des Verkehrs in Deutschland vergleicht er mit dem Blutgefäßsystem des Menschen, wo alles optimal geregelt ist, damit es nicht zu Blut- bzw. Verkehrsstaus kommt und wird von ihm für Korea empfohlen. Als er das erste Mal in der Nähe von Frankfurt auf der Autobahn fährt, ist es ihm, als seien bis zu 10 Spuren allein in einer Richtung. Eine Folge des "weltweit einzigartigen deutschen Systems ohne Geschwindigkeitsbeschränkung", dem gemäß man in Deutschland seiner Meinung nach "meistens mit einer Geschwindigkeit von 200 - 250 Stundenkilometern fährt (Autos mit kleineren Leistungen können es nicht schaffen, aber die Autos vom Mittelstand und drüber fahren in der Regel so schnell)" (S. 24) sei, dass die deutschen Autos hinsichtlich ihrer Leistung zur Weltspitzenklasse gehörten und die Industrie dadurch große Anreize erhalten habe (S. 25). Da man außerdem nirgendwo Gebühren bezahlen müsse, wie in Korea, werde weder der Verkehrsfluss noch die Möglichkeit, ungehindert schnell zu fahren, beeinträchtigt. Außerdem seien die Wegweiser "erstklassig", so dass man auch ohne Karte bis zum Ziel fahren könne (S. 27). Es ist klar, dass auch dies vor dem Hintergrund der öfters verwirrenden Beschilderung in Korea hervorstechen muss.

Einerseits lobt er die Autokultur in Deutschland, der gemäß "der Mensch in allen Fällen den Vorrang vor dem Auto" habe, was in Korea gerade umgekehrt sei (in Deutschland sei das Auto vor dem Menschen wie eine Maus vor der Katze, in Korea aber, so kann man schließen, der Mensch vor dem Auto (S. 29f.), andererseits aber schreibt er den Deutschen eine "grobe Fahrgewohnheit" zu, nach der sie immer brüsk starten und ebenso schroff anhalten (dank ABS, S. 77). Er fragt sich "ob das mit der Eigenschaft der Deutschen, die exakt im Denken und Tun sind, zu tun hat." (S. 76) Von einem amerikanischen Soldaten, der in Deutschland stationiert war, hat er zudem gehört, dass die Deutschen ihren Stress auf der Autobahn abbauen (S. 76, 44). Doch nach G.H. Park haben die Deutschen ohnehin nicht viel Stress, der abgebaut werden müsste, denn sie belästigten sich selbst kaum untereinander durch Worte oder Taten: "Könnte der Kampf mit sich selbst um die Einhaltung des einmal gegebenen Versprechens vielleicht nicht der einzige Stress für Deutsche sein, wenn man sich überhaupt einen für Deutsche vorstellen will? Sie haben kaum Stress wegen anderer Leute, außer dass sie den Stress der Selbstbetrachtung in der Form von Selbstkontrolle kennen. ... Korea ist demgegenüber eine Gesellschaft, in der man mit dem Stress lebt, der gegeneinander gegeben wird. Gedrängt werden Untergebene von Vorgesetzten wegen Arbeit, Lieferfirmen von Großfirmen wegen Lieferterminen, und Kinder werden von bestimmten Eltern gezwungen, Gehorsam und Freude darzubieten, während einige Eltern von Kindern zwangsläufig auf finanziellen Beistand gefordert werden." Stress aber sei "eine Umweltverschmutzung wie ein Stück Papier auf der Straße" und werde "irgendwann einmal an jemand anderen übertragen. Deshalb ist es eine bösartige Handlung, die zur Ausbreitung von Stress in unserer Gesellschaft führt, wenn einer Stress verteilt." (S. 103f.) Gut sei es auch nicht, den in einem ganzen Jahr angesammelten Stress bei Feiern am Jahresende an einem Abend loswerden zu wollen; vielmehr solle man sich täglich darum bemühen, sich oder andere Menschen nicht unter Stress zu setzen (S. 103).

Die Autobahn ist insofern symbolisch für Deutschland, als sie ihre Wurzeln in der dunkelsten Zeit Deutschlands hat, aber inzwischen so transformiert ist, dass diese Ursprünge so gut wie vergessen sind, und sie heutzutage vielmehr von dem Stress, der sich in dieser dunklen Zeit konzentrierte und entlud, aber immer noch da ist, und vom Stress, den diese Zeit nunmehr selbst auf dem deutschen Gewissen bedeutet, für kurze Zeit befreit. Dem Mythos zufolge soll allein der Speer, der die Wunde schlug, die Wunde auch wieder heilen können. Aber es ist nur eine mythische, vorübergehende und täuschende Heilung vom Stress, keine wirkliche und anhaltende, die auf der Autobahn erreicht wird. Zu diesem Zweck muss man sich eher den Menschen, für die und von denen diese Bahnen gebaut wurden und werden, zuwenden. Menschen, nicht Autobahnen, schlugen die Wunde, und deshalb werden auch nur sie sie heilen können.

Die Beispiele könnten fortgesetzt werden, z.B. über Höflichkeit (interessanterweise ist seiner Meinung nach der Standard der Höflichkeit in Korea im Vergleich mit dem Deutschlands oder Englands noch der eines Anfängers, S. 31), die gemischte Sauna (wo sich "das Bewusstsein belebt", dass wir alle Menschen sind, "nicht dass Du eine Frau bist und ich ein Mann", S. 39), Terminplanungen (Termine werden schon 6 Monate im voraus gemacht und dann auch exakt eingehalten, während man in Korea am Morgen des Veranstaltungstages besser noch einmal vorher anruft, S. 51), Gespräche (die Deutschen sind "ein redseliges Volk", reden aber so leise, dass Koreaner fast denken, sie flüsterten und außerdem in der ganzen Nachbarschaft immer 'Totenstille' herrscht, S. 52ff., 10), Naturschutz und Umwelt ("besonders die üppigen Wälder mit den Nadelbäumen bieten einen großartigen Anblick", S. 70), Lärm (z.B. auch beim Kartenspielen, ist unerwünscht, S. 84 ff.), Trauerfälle (die Deutschen sind mitleidslos und streng, wenn Angehörige von Betriebsmitarbeitern sterben, denn das sei eine Privatsache, während in Korea alle mittrauerten, S. 107), aber in allen zeigt sich, dass man etwas von sich selbst nur dann erkennt, wenn man auch etwas anderes als sich selbst erkennt und umgekehrt, was als ein Gesetz der Spiegelung angesehen werden könnte. Aber Gesetze dieser Art klingen irgendwie auch trivial. Da aber glücklicherweise weder wir selbst noch auch die anderen eine feste und unveränderliche Größe sind, verändert sich auch das, was wir im Spiegel erkennen oder auch nicht erkennen. Vielleicht ist das weniger trivial. Zumindest lässt es hoffen.

Das Deutschland-Bild, das G.H. Park während seines Aufenthaltes in Deutschland gewinnt, ist zudem nicht einheitlich. Positive Seiten mischen sich mit negativen. Es reicht von dem Bild einer "wunderbaren Gesellschaft mit endlosem Humanismus" (S. 64), die er der unbarmherzigen amerikanischen Konkurrenzgesellschaft in Korea vorzuziehen empfiehlt (S. 44 ff.) und der Herausforderung, von den Deutschen etwas zu lernen, z.B. an Sparsamkeit (S. 5f.), Systematisierung und Zusammenarbeit (S. 22, 63), Verkehrsregelung und Autokultur (S. 23ff., 29f.), Höflichkeit (S. 31f.), Ehrlichkeit und Aufrichtigkeit (S. 41ff.), Disziplin und Genauigkeit (S. 51), offenes Besprechen von Problemen (S. 54f.) und Umweltbewusstsein (S. 16, 70), über die Abneigung gegen die "Maschinen-Menschen" und ihre unbedingte und genaue Regelbefolgung (S. 21, 42), bis hin zum Wiederauftauchen von Erinnerungen an die Hitlerzeit auf dem Fußballplatz und der Befürchtung, dass ähnliches auch in der Zukunft möglich sein könnte.

Das Bild vom deutschen "fügsamen Durchschnittsmenschen" (S. 47), das G.H. Park demgegenüber so positiv und vorbildlich erscheint, ist aber wohl nicht gerade das Ideal, das eine Gewähr gegen das Wiederauftauchen solcher Ereignisse in der Zukunft bieten könnte. Man könnte eher das Gegenteil annehmen und mehr ungefügige, selbständig denkende und handelnde Individuen als notwendig dafür erachten. Zu diesem Zweck könnten die Deutschen vor dem Hintergrund ihrer kulturellen Konditionierung auch einiges von den Koreanern lernen: z.B. nicht wie ein Soldat jedem Befehl gegenüber freudig Gehorsam zu zeigen, eigenständiges Denken angesichts von Regeln und Vorschriften, Erlauben von Ausnahmen; nicht alles so genau nehmen, d.h. flexibel sein; großzügig zu sein versuchen; mit dem Herzen denken und verstehen und dabei berücksichtigen, dass das, was der Kopf logisch sagt nicht immer auch das sein muss, was das Herz denkt. Die Koreaner mögen immerhin von den Deutschen lernen und als vorbildlich aufstellen, was sie brauchen können, aber die Deutschen könnten von den Koreanern auch das lernen, was sie brauchen können und sich nicht in ihren alten Gewohnheiten noch bestärken lassen. Denn die Tugenden der einen können die Laster der anderen sein.


Copyright © 2000 by Michael Skowron


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