Die Frage nach der gegenseitigen Reflexion verschiedener Kulturen ineinander ist ein wesentlicher Teil der Kulturwissenschaft. Ohne eine solche Spiegelung scheint weder ein Wissen um die eigene noch um die fremde Kultur möglich. Denn jeder steht auch innerhalb einer Kultur, sieht mit deren Perspektiven und Wertungen, und kann sich daher selber am schlechtesten sehen. Wir stehen uns gewöhnlich viel zu nahe, um uns selbst gut sehen zu können und deshalb ist die Distanz einer möglichst weit entfernten Kultur ein guter Umweg zur Selbsterkenntnis. Andererseits wird derjenige, der in einen Spiegel hineinsieht, auch aus diesem auf irgendeine Weise wieder herausschauen. Eine fremde Kultur arbeitet immer auch wie ein Spiegel in dieser doppelten Weise, so dass wir uns selbst immer mehr oder weniger, völlig oder gar nicht wiedererkennen. Sehen wir in unsere eigene Kultur, dann verstehen wir so gut wie alles, was wir sehen, denn wir sehen uns selbst. Erkennen wir in einer fremden Kultur nichts Unverständliches mehr, dann bedeutet dies, dass wir uns so gut wie assimiliert haben und in der anderen Kultur heimisch geworden sind. Aber auch wenn wir uns in der anderen Kultur zunächst gar nicht oder überhaupt nicht wiedererkennen, d.h. von der anderen Kultur "geschockt" sind, erkennen wir etwas an uns selbst, wenn auch in der Form des Gegensatzes, der Ausschließung oder spiegelverkehrt.
Am interessantesten und lehrreichsten sind daher immer die Kulturschockerlebnisse oder "critical incidents", die irgendeine Art von Brechung in der Spiegelung anzeigen, und uns über eine uns bisher unbekannte Seite und Möglichkeit an uns selbst aufmerksam machen, die wir verdrängt oder vernachlässigt haben. Wer keine Kulturschockerlebnisse kennt, ist wahrscheinlich nur zu insensitiv, als dass er Unterschiede überhaupt noch empfindet und nur noch sich selbst sieht. Auch Bilder und Meinungen anderer über uns können als Kulturschocks wirken, wenn sie mit dem Bild, das wir von uns selber entworfen haben so aufeinandertreffen, dass wir entweder an uns selbst oder am anderen zweifeln. Und auch im Zeitalter der Globalisierung und der Verbreitung einer einheitlichen aber ebenso oberflächlichen Popkultur, dank der wir jetzt schon Coca Cola und bald sicher auch Big-Macs in Nordkorea trinken und essen können, gibt es auch noch tieferliegende Unterschiede der Kulturen, die einem aufmerksamen Beobachter auffallen.
Wir sollten daher dankbar sein für jede offene Äußerung über die Erfahrungen, die jemand in einer anderen Kultur macht, auch und gerade dann, wenn sie uns nicht gefallen, denn wir stehen uns gewöhnlich selbst viel zu nah, um uns unbefangen sehen zu können. Außerdem schauen wir dabei in einen Spiegel der Spiegelung unserer selbst, jedenfalls soweit wir uns selbst der betreffenden Kultur zugehörig empfinden. Die Bilder mögen manchmal wie grobe Holzschnitte erscheinen, die sich verfeinern lassen, aber dafür sind sie deutlich und um so tiefer eingeprägt. Auch ob es sich bei den dabei reflektierten Bildern um Mythen und Irrtümer oder um Wahrheiten und Realitäten handelt, ist dabei zunächst nicht einmal so wichtig, denn Irrtümer bestimmen das Verhalten der Menschen genauso wie "Wahrheiten", wenn sie nur für wahr gehalten werden. Zuletzt muss man sich davor hüten, alles, was unserer Selbsteinschätzung widerspricht, als Klischee abzutun. "Wenn es gelingt, über unseren eigenen Schatten zu springen, dann entdeckt man in den Bildern, die wir als Klischees abqualifiziert hatten, plötzlich einen Aspekt unseres Wesens." (W. Leitner, zitiert in: Der Deutsche an sich. Einem Phantom auf der Spur, hrsg. v. Ansgar u. Vera Nünning, München 1994, S. 33)
In diesem Sinne ist z.B. der Erlebnisbericht von Gregory H. Park, der sich 1989/90 etwa eineinhalb Jahre beruflich für eine Firma, die mit Autos zu tun hat, in Deutschland aufgehalten und dankenswerterweise seine Eindrücke festgehalten hat, "um in Korea über Deutschland zu informieren", gar nicht hoch genug einzuschätzen (Gregory H. Park, Autobahn. Erlebnisse eines Koreaners in Deutschland, übersetzt von Hyun Ha, 1991). G.H. Park ist auch kein Autor oder Ethnologe, der seine Eindrücke der politischen Korrektheit oder wissenschaftlichen Standards "dichter Beschreibungen" (Vgl. Clifford Geertz, Dichte Beschreibung. Beiträge zum Verstehen kultureller Systeme, Frankfurt am Main, 1983) angepasst hat, sondern er schrieb "seine zahlreichen Erlebnisse in Deutschland stets so auf, wie er sie zum ersten Mal erlebt hat." (aus dem Kommentar des Übersetzers). Ganz im Sinne des Gesagten fragt er sich schon im Vorwort: "Was ist der Unterschied zwischen Innen- und Außenwelt?" Er ist sich auch darüber im Klaren, dass ihm durch seine besondere Situation vieles deutlich wurde, was weder ein Tourist wegen der Kürze der Zeit sieht, noch jemand, der sich jahrelang in Deutschland aufhält und sich dadurch unvermeidlich an die dortigen Verhältnisse angepasst hat, noch sehen kann.
Gleich zu Beginn des ersten Kapitels mit dem sprechenden Titel: "Eine reine Versammlung von Geizhälsen", macht er auf die Grundlage des Deutschland-Bildes der Koreaner, die keine Gelegenheit hatten, die Außenwelt bzw. Deutschland eigenständig kennen zu lernen, aufmerksam: "Der allgemein bei Koreanern verbreitete Eindruck von den Deutschen stammt von den deutschen Soldaten in den üblichen Kriegsfilmen, alten Geizhälsen und dergleichen." (S. 1) Die Frage stellt sich dann, was geschieht, wenn dieser Eindruck mit der Wirklichkeit in Deutschland in Berührung kommt.
Das Verblüffende und für Deutsche vielleicht Schockierende ist, dass G.H. Park diesen Eindruck völlig bestätigt findet, wie schon die Überschrift des Kapitels anzeigt. Die Beschreibung, dass die Deutschen hinsichtlich des Geldes außerordentlich sparsam seien, findet er richtig und gibt mehrere Beispiele. Schon seine allererste Begegnung mit einem Deutschen überhaupt auf einem Fortbildungslehrgang in England, bei dem auch Teilnehmer aus anderen Ländern teilnahmen, bestätigt sein "Vorurteil": "Am Abend ging jeder von uns das Abendessen im Restaurant einnehmen. Während die Leute aus anderen Ländern zu den mittelständischen Restaurants gingen, begnügten wir Koreaner uns, um Reisespesen zu schonen, mit billigem Essen in einer einfachen Gaststätte. Als wir noch beim Essen waren, kam der ältere deutsche Herr herein, der dann sagte 'Nirgends in der Gegend gibt es so eins wie dieses hier'. So eins wie dieses hier bedeutete natürlich das Preisgünstigste. Wir konnten uns nur wundern und sagen 'Er ist wirklich ein Deutscher'." (S. 1) Sodann erinnert er sich an eine Geschichte aus seiner Kindheit von einem Koreaner, der in Deutschland studierte und vom Hauswirt aus der Wohnung geworfen wurde, weil er für kurze Zeit aus dem Haus ging und dabei das Licht im Zimmer hatte brennen lassen: "Erst in Deutschland konnte ich glauben, dass die Geschichte eine Tatsache ist." (S. 2) Verwundert ist er auch darüber, dass sich die Deutschen sogar in die Angelegenheiten anderer einmischen, wenn sie verschwenderisch sind. Das scheint ihm in Korea undenkbar. Denn wen geht es etwas an, wenn ich verschwende, was ich verdient habe? (S. 5) In Deutschland aber hat er die Erfahrung gemacht, dass die Leute erst zu fünf Eisdielen gehen, bevor sie entscheiden, wo sie ihr Eis kaufen wollen.
Auch das mir erst in Korea bekannt gewordene Beispiel von den fünf Rauchern, die sich ihre Zigaretten mit einem einzigen Streichholz anzünden, geht wahrscheinlich auf die unmittelbaren Nachkriegsjahre zurück und bestätigt dadurch indirekt die Behauptung von G.H. Park, dass das Deutschlandbild der Koreaner in der Hauptsache von den Bildern des Krieges geprägt ist. Das Bild von den fünf Rauchern hat jedoch für Koreaner keine negative Bedeutung, sondern wird positiv als Vorbild für Sparsamkeit und Zusammengehörigkeitsgefühl verstanden. In ähnlicher Weise fragt sich G.H. Park am Ende des Kapitels über die Geizhälse: "Wie ist Deutschland heute zu einer Wirtschaftsriesennation geworden? Wie erhalten sie den stabilen Preis von jährlicher Durchschnittsinflationsrate innerhalb von 2%? Ein Land, wo sich der Preis kaum ändert, auch wenn Jahre vergehen, das Land, wo die Preise der Nahrungsmittel eher niedriger sind als die in Korea und der Kaufpreis von Wohnungen nie steigt, ist nämlich Deutschland." (S. 5). Er glaubt, dass dazu die Anstrengung aller zur Sparsamkeit einen entscheidenden Beitrag geleistet hat. Schließlich bemerkt er auch, dass die Deutschen, obwohl sie "solche Knauser sind, die zu fünf Eisdielen herumgehen, um für weniger Geld Eis kaufen zu können", für teure Weltreisen ohne Zögern Geld ausgeben. "Wenn man sich dies im Zusammenhang mit einem koreanischen Sprichwort: 'Verdiene wie ein Hund und gib aus wie der Adel' überlegt, könnte eventuell eine Beschreibung wie: 'Deutsche verdienen ihr Geld wie die Ameisen und geben es für Weltreisen aus' passen." Bei dieser Gelegenheit wird für ihn noch eine positive Seite des Reisens bei den Deutschen deutlich: "Es ist nicht vonnöten zu sagen, dass Deutsche keineswegs im Ausland soviel Naturmedizin haufenweise kaufen, dass die Geschäfte nichts mehr im Vorrat haben, oder einen Tourismus treiben, bei dem ungewöhnliche Suppen zur Potenzsteigerung gegessen werden. Man kann leicht vermuten, dass Deutsche solche Reisen machen, durch die in der Tat ihr Wissen erweitert wird." (S.71)
Sofern die Sparsamkeit insbesondere in Mangelsituationen eine Tugend sein soll, liegt sie gleichsam in der Mitte zwischen Geiz und Verschwendung. Sparsam sein heißt etymologisch ursprünglich so viel wie "bewahren, unversehrt erhalten, schonen", hängt zusammen mit lat. spatio "Raum, Strecke, Dauer" und bedeutet daher manchmal auch so viel wie "weit-, oder ausreichend, reichlich" zur Verfügung haben, so dass man "gedeihen und vorwärtskommen" kann. Während die Deutschen eher zum Geiz, zur Knauserigkeit, zur Übergenauigkeit und zum genauen Errechnen im Ausgeben und Einnehmen (z.B. go d(e)ut(s)ch) neigen, haben Koreaner eher eine Tendenz zur Verschwendung, geben manchmal Geld wie Wasser aus oder prätendieren Reichtum und Überfluss. Daher kann für Koreaner das deutsche Verhalten als vorbildlich angesehen werden, für Deutsche aber das koreanische, so dass im Idealfall die goldene Mitte der Tugend getroffen wird. Denn Ideale zeigen oft eher eigene Schwächen als Stärken an. Auch das Zusammengehörigkeitsgefühl hat negative Kehrseiten, sofern es zum Ausschluss anderer führen oder sich diesen gegenüber sogar feindselig verhalten kann, da sie nicht dazu gehören. Man hat Tugenden dieser Art daher auch Sekundärtugenden genannt, weil sie nur in Abhängigkeit von primären Tugenden positiv sein können. Für sich allein genommen werden sie eher zu Lastern. Denn die echte Tugend liegt immer in der Mitte. Hierher gehören auch andere "Tugenden", die Koreaner an den Deutschen entdecken: z.B. der Fleiß, der zwischen Faulheit und gedankenloser rastloser Emsigkeit, oder die Vernünftigkeit, die zwischen logischer Kälte und heißblütiger Begeisterung liegt.
Ein anderes Kapitel trägt den Titel: "Ein fast krankhaftes Verhalten für Pünktlichkeit." Die Genauigkeit und Entschiedenheit der Deutschen z.B. beim Ladenschluss genau zur vorgesehenen Zeit, verursacht ihm ein bitteres Gefühl, so dass er sich fragt: "Ach! Ihr seid aber Dickköpfe ohne alle Flexibilität, seid ihr Menschen? Ihr seid Maschinenteile!" (S. 21) Dass keine Ausnahmen von den Regeln erlaubt seien, sei "eine unwiderlegbare Wahrheit in Deutschland." (S. 20) So wollte er z.B. auch am Wochenende arbeiten, weil es ihm in Deutschland zu langweilig vorkam, denn er war offenbar allein, aber von der Firmenleitung bekam er die Auskunft, dass alles andere möglich sei, aber bei diesem Wunsch könne die Firma keine Ausnahme machen. "Ich dachte: welch eine seltsame Welt ist das hier? Ein seltsames System ist es doch, wenn ein Arbeitnehmer blockiert wird, der mehr arbeiten will." (S. 65). Seine Schlussfolgerung aus diesen Erfahrungen ist: "In deutscher Gesellschaft ist keine Regel mit Ausnahme." (S. 15) Und er fragt sich, ob dies vielleicht daher komme, dass die Deutschen die "Nachfahren von Kant" seien (S. 20).
Ob es die Aufrichtigkeit und Ehrlichkeit wirklich gibt, die G.H. Park den Deutschen als ihren größten Vorzug zuschreibt, oder inwiefern dies eine Projektion ist, die sich nur vor dem Hintergrund der eigenen koreanischen Erfahrung so zeigt, wird sich wahrscheinlich nur schwer oder gar nicht entscheiden lassen. Denn die Relativität scheint unauflöslich in die Kultur und ihre Wissenschaft eingebaut. Jedenfalls sind für ihn Aufrichtigkeit und Ehrlichkeit die größten Vorzüge der Deutschen. "Deutschland ist eine Gesellschaft mit Vertrauen. Deutsche Leute lügen kaum. Sie haben nicht zweierlei Gesinnungen, wie wir sie in so einer komplizierten Form von einer gesprochenen und von einer gedachten kennen." (S. 41). Während in Korea das, was man denke, von dem, was man sage, meist verschieden sei (vgl. z.B. das unten über die Hundefleischsuppe Gesagte), so dass man immer nach der geheimen Absicht dahinter fragen müsse, sei die Aufrichtigkeit der Deutschen "über allen unseren Vorstellungen" (S. 41) und selbst der Begriff "geheime Absicht" existiere vermutlich nicht (S. 43). So habe er z.B. bei der Bank ein Darlehen von 2 Millionen Won aufgenommen, ohne eine Sicherheit dafür zu bieten (S. 41). Weder im Bus noch in der Straßenbahn gebe es zudem meist jemand, der die Fahrkarten kontrolliere. Auch an der Tankstelle bediene sich jeder problemlos selbst (S. 42). Dies ist seiner Meinung nach auf die anerzogene Fähigkeit der Deutschen zur Selbstkontrolle zurückzuführen. Den Grund für diese Eigenschaft sieht er darin, dass die deutsche Gesellschaft jedem ein Über-Ich (in der Freudschen Terminologie) eingepflanzt habe, von dem er kontrolliert werde. Daran liege es aber auch, "dass die Deutschen in gewisser Hinsicht nicht wie Menschen, sondern wie Maschinen erscheinen" (S. 42), wie er schon im Falle der Pünktlichkeit bemerkt hatte. In diesem Zusammenhang äußert G.H. Park die Vermutung, "dass Hitler vielleicht die Eigenschaft derartiger Aufrichtigkeit und Ehrlichkeit der Deutschen missbraucht" haben könnte, ja seiner Meinung nach ist er "bestimmt kein echter Deutscher" gewesen (S. 43). Die Komplementarität des eingepflanzten Über-Ich mit der Möglichkeit seines Missbrauchs durch denjenigen, der diese Über-Ich-Funktion einnimmt, sieht er nicht. Sonst hätte er erkannt, dass die angebliche Aufrichtigkeit und Ehrlichkeit der Deutschen auch die treuherzige und gläubige Einfältigkeit von Schafen sein kann, die ihrem Hirten folgen, wohin er sie auch immer führt. Denn dass der Hirt selbst nicht aufrichtig und ehrlich sein und sie manipulieren könnte, kommt ihnen nicht in den Sinn und musste deshalb erst gelernt werden. Die Kehrseite für G.H. Park an der deutschen Aufrichtigkeit ist nur, dass die Deutschen "in gewisser Hinsicht geschmacklos und nicht amüsant" sind. Oder humorvoll ausgedrückt: "Sie kennen kein Bisschen Humor." (S. 41)
Wenn schon der allgemeine Eindruck von den Deutschen aus den üblichen Kriegsfilmen stammt, so ist es nicht verwunderlich, dass vor allem auch der deutsche Soldat selbst zu einem stellvertretenden Bild für die Deutschen geworden ist, und in der Redewendung zum Ausdruck kommt: "wie ein deutscher Soldat" (dogil byeongjeong cheoreom). Es hat meist eine stark negative Bedeutung im Sinne eines beschränkten, äußerst naiven, primitiven, inflexiblen Dummkopfs, der zum willenlosen Werkzeug bzw. zur nützlichen Maschine mit (bzw. ohne) Gehirn geworden ist. Man denkt dabei an die preußischen Soldaten, aber insbesondere auch an die (gemeinen) Soldaten, die man aus Kriegsfilmen über die Nazizeit kennt. Es ist ein Bild, das vom Gehorsam geprägt ist, den der deutsche Soldat vollkommen dargestellt hat: Führer befiehl, wir folgen dir, war sein Losungswort. Und dann war es egal, was befohlen wurde. Manchmal wird dieser Ausdruck auch bei Fußballspielen gebraucht und kann dann auch eine leicht positive Bedeutung erhalten. Bei Fußballspielen wird jedoch oft und meist ein anderer Ausdruck in positivem Sinne verwendet: "wie eine deutsche Panzerdivision" (dogil jeoncha gundan cheoreom). Dem liegt das Bild des deutschen Blitzkrieges zugrunde. Es bezeichnet den Angriff einer Mannschaft, die geschlossen, schnell und überfallartig angreift und so wie eine ganze Division erscheint. Es ist daher keineswegs zufällig, dass die lebhaftesten Erinnerungen an die Nazizeit bei G.H. Park bei einem Fußballspiel auftauchen, das er besucht, und ihm die Anfeuerungen der Zuschauer wie ein Marschlied vorkommen, "das von Soldaten gesungen wird. Es war uns so als sähen wir den Jubel am Brandenburger Platz in der Hitlerzeit. Uns überkam ein schauderhaftes Gefühl, dass diese Leute einmal etwas Schreckliches angerichtet hatten und vielleicht auch in der Zukunft in der Lage sein würden." (S. 56) In diesem Fall sind es zwar die Zuschauer, nicht die Spieler, die dieses Bild wachrufen, aber der Kontext ist derselbe. Vielleicht hallt darin nur der Eindruck aus Fußballübertragungen und Kriegsfilmen nach, aber selbst diese spiegeln etwas von dem, was einmal wirklich war und wieder möglich sein könnte.
In domestizierter Form durchdringen Befehl und Gehorsam aber auch das tägliche Leben von Herrn und Sklaven, Arbeitgebern und Arbeitern, Eltern und Kindern, Lehrern und Schülern. (vgl. Elias Canetti, Masse und Macht, Frankfurt am Main 1980, bes. 335ff.) Bei G.H. Park spiegelt sich diese Eigenschaft der Deutschen außer in der bereits angeführten "Grundregel", dass in Deutschland absolut keine Ausnahmen von den Regeln erlaubt sind, die ihn an Kant erinnert, auch in den konkreten Regeln und Anweisungen, die ihnen der Personalbetreuer gibt, nachdem sich die Haushälterin bei ihm beschwert hatte, dass sie den Müll nicht richtig sortierten: "'Vergessen Sie nicht die Fenster zu schließen, wenn sie morgens zur Arbeit das Haus verlassen!' 'Halten Sie die Küche sauber!' 'Benutzen Sie die Toilette auch sauber!' 'Sprechen Sie leise!' 'Schließen Sie die Haustür leise zu!', so dass er sich fragt: 'Machen wir hier eine technische Fortbildung oder einen Anstandslehrgang?'" (S. 8) Zwar bemühten sie sich, die Regeln einzuhalten, aber ihnen wurde auch bewusst, "dass es kaum möglich ist, die 30 Jahre lang festgesetzten Gewohnheiten zu ändern." (S. 9) Während aber diese Gewohnheiten in vielleicht nur 30 Jahren anerzogen wurden, gibt es noch tiefer liegende Gewohnheiten, die genauso wie die Gewohnheiten der Deutschen auf eine kulturelle Konditionierung von Jahrhunderten zurückgehen und deshalb noch viel weniger über Nacht verschwinden können, auch wenn sie überholt sein sollten.
Besonders anschaulich ist die von ihm geschilderte ganz regelgemäße und ordentliche Ess- und Arbeitsweise der Deutschen. Die Deutschen essen demgemäß folgendermaßen: "Los geht's! Man setzt sich an den Tisch. Man hat vor sich je einen Teller mit Suppe, Brot, Fleisch und Salat stehen. Man legt erst die Reihenfolge zum Essen fest. Exakt nach der Reihenfolge wird ein Teller zu sich hergezogen und daraus gegessen. Ist es der Suppenteller, wird die Suppe daraus nicht mit 'Schlurf, Schlurf' schlürfend gegessen, so wie wir Koreaner das tun, sondern mit dem Löffel geschöpft, der dann gehoben und gedreht wird bis der einen rechten Winkel zum Mund bildet, damit der schließlich in den Mund reingeschoben wird. Nachdem man den Mund mit dem ganzen Löffel drin zugemacht hat, zieht man den Löffel aus dem zu gehaltenen Mund aus, so dass dabei kein Geräusch entsteht und die Suppe spurlos über die Kehle hinuntergeschluckt wird. Ist die Suppe fertig gegessen, kommt dann der Suppenteller beiseite und der Teller mit Fleisch kommt an die Reihe." (S. 12) Und das geht in der gleichen Weise so weiter mit dem Brot und zuletzt dem Salatteller. Geht aber ein Deutscher in ein koreanisches Restaurant in Deutschland, dann isst er das koreanische Essen natürlich genauso und zeigt sich dabei unbelehrbar, respektheischend, aber auch ungewollt erheiternd: "Wie energisch der koreanische Geschäftsführer es auch erklären mag, dass 'Kimchi' abwechselnd mit etwas anderem gemischt eingenommen werden" (Kimchi hier offenbar im Plural), reagieren die Gäste mit Kopfschütteln. "Beim Ansehen der Deutschen, die auf keinen Fall einen anderen Teller berühren, solange sie einen Teller nicht aufgegessen haben, und sie mit Schweißperlen auf der Stirn an der 'Kimchischale' lecken, empfand ich sogar das Respektsgefühl für diese Leute." (S. 13) ... Die deutsche Essmethode bezeichnet er insgesamt daher als eine "One by One" oder "Step by Step" Methode, die koreanische dagegen als "Polysynchronized Integration" (S. 13), und es scheint ihm, "dass sich diese Gewohnheit nicht nur beim Essen, sondern auch in ihrem alltäglichen Leben und auch bei ihrer Arbeit widerspiegelt" (S. 13).
Werfen wir also noch einen Blick auf die Beschreibung der deutschen Arbeitsweise am Beispiel eines Mechanikers, der bei seiner Reparaturarbeit ungefähr 100 Meter vom Werkzeuglager entfernt ist: "Einer von uns Koreanern würde sich in diesem Falle die Werkzeuge, welche in Grobrechnung nötig erscheinen, herholen und damit arbeiten, während er diese Werkzeuge neben sich ausgebreitet hält. Die Deutschen sind jedoch anders. Beim Arbeiten mit dem Werkzeug 'A' benötigt der Mechaniker jetzt das Werkzeug 'B'. Er muss nun das Werkzeug 'A' zu seinem ursprünglichen Platz zurückbringen. Ob der Platz 100 m entfernt ist oder 200 m entfernt ist, das spielt keine Rolle. Ist das Werkzeug 'A' wieder an seinem Platz, wird das Werkzeug 'B' geholt. Das Werkzeug 'B' ist fertig gebraucht. Zurück zu seinem Platz! Sollte das Werkzeug 'A' erneut benötigt sein, wird einfach nochmals das Werkzeug 'A' geholt... Ich hatte tatsächlich gesehen, wie ein Betriebsschlosser bei seiner Reparaturarbeit an einer Maschine den ganzen Tag lang zu und von dem Werkzeuglager hin- und herging. Ich dachte mir einerseits 'So ein dummer Mann', fasste aber gleichzeitig den Gedanken, dass dem Mann die Füße wehtun müssten, aber dafür er ein ganz leichtes Herz haben muss. Nämlich, dies ist die deutsche Art." (S. 14f.) Diese Beschreibung klingt noch unwahrscheinlicher als die der Essmethode, so dass man sich nicht nur fragen kann, wie so viel Dummheit überhaupt möglich ist, sondern auch, wie die Deutschen bei dieser Arbeitsweise überhaupt etwas effizient zustandebringen können, und ob nicht vielleicht eine nicht genügend über den Vorgang informierte, d.h. zu "dünne" und zu oberflächliche Beobachtung vorliegt, die mehr ein schematisiertes Vorurteil oder eine Art Phantom erfasst, als das wirkliche Geschehen "dicht" genug zu beschreiben. Diesen Einwand kann man natürlich auch bei den anderen Beschreibungen G.H. Parks in mehr oder weniger großem Ausmaße machen. Andererseits aber wird das Deutschen-Bild der Koreaner eben sowenig wie das Koreaner-Bild der Deutschen von Ethnologen und deren "tiefem" Verstehen und entsprechend "dichten" Beschreibungen geprägt, die immer dichtere und auch dickere Bücher zur Folge haben, als von "Durchschnittsmenschen" mit nur mehr oder weniger tief gehenden Beobachtungen und Informationen vor dem Hintergrund eigener Erfahrungen. Der Begriff der Spiegelung, für den es immer auch darauf ankommt, wer in den Spiegel hineinschaut und aus welcher Nähe oder Distanz - z.B. ein Ethnologe oder ein ethnologischer Laie, ein Koreaner oder ein Deutscher - und dementsprechend auch anderes darin sieht, scheint diesem Sachverhalt eher gerecht zu werden.
Angesichts der Gesetz- und Regeltreue der folgsamen Deutschen würden die Deutschen nach G.H. Park, wenn sie nach Korea kämen "vermutlich für eine gewisse Weile der Unordentlichkeiten wegen aus der Fassung geraten." (S. 15) So halten sich Koreaner ja z.B. an Ampeln und andere Verkehrsregeln meist nur dann, wenn und solange es ihnen wirklich notwendig erscheint, umgehen sie aber sonst stillschweigend. Auch hier gibt es eine goldene Mitte, die von beiden Seiten angestrebt wird, weshalb die Gewohnheit des einen zum Ideal des anderen und umgekehrt werden kann.
Wie lange die Geschichte einer solchen Einverleibung von Gewohnheiten dauern kann, kann man am Beispiel des Gehorsams in einer etwas tiefer gehenden Betrachtung verfolgen. Die Deutschen neigen schon aufgrund ihrer traditionellen Religion und Kultur sehr stark zum Gehorsam: denn für ein christliches Volk, das die Deutschen die längste Zeit ihrer Geschichte wohl waren, ist der Ungehorsam überhaupt die erste Sünde, die eigentliche Erbsünde, die zur Vertreibung aus dem Paradies geführt hat. Da das Christentum in Korea erst im 18. Jahrhundert wirklich Fuß gefasst hat (die katholische Taufe des Yangbans Yi Sung Hun 1784 in Peking durch den französischen Bischof gilt als Geburtsstunde des Katholizismus in Korea und war 1984 der Anlass zum Jubiläumsbesuch des Papstes in Korea) und dank ihrer soliden buddhistischen Grundlage, hatten die Koreaner viel weniger Zeit und Gelegenheit als die Deutschen, sich die Gehorsamslehre des Christentums anzueignen. In Deutschland dagegen wurde schon Anfang des 16. Jahrhunderts das Christentum durch Luther reformiert und in einem 30jährigen Krieg (1618-48) verinnerlicht. Luther glaubte, es müsse ein Wesen geben, dem der Mensch unbedingt vertrauen könne, und dieses Wesen sei Gott.... Kant dachte um dieselbe Zeit, als das Christentum in Korea gerade erst begann, schon erwiesen zu haben, dass der Mensch einen "kategorischen Imperativ", einen unbedingten Befehl der Moral, dem kategorisch Folge zu leisten sei, in sich trage, während er in Wahrheit nur die christlichen Deutschen als Erscheinung mit dem Menschen an sich verwechselte. Man lese dazu nur seine eigene Beschreibung der Deutschen: "Die Deutschen stehen im Ruf eines guten Charakters, nämlich dem der Ehrlichkeit und Häuslichkeit; Eigenschaften, die eben nicht zum Glänzen geeignet sind. - Der Deutsche fügt sich unter allen zivilisierten Völkern am leichtesten und dauerhaftesten der Regierung, unter der er ist, und ist am meisten von Neuerungssucht und Widersetzlichkeit gegen die eingeführte Ordnung entfernt. Sein Charakter ist mit Verstand verbundenes Phlegma, ohne weder über die schon eingeführte (sic!) zu vernünfteln noch sich selber eine auszudenken. Er ist dabei doch der Mann von allen Ländern und Klimaten, wandert leicht aus und ist an sein Vaterland nicht leidenschaftlich gefesselt; wo er aber in fremde Länder als Kolonist hinkommt, da schließt er bald mit seinen Landsgenossen eine Art von bürgerlichem Verein (z.B. eine LVK), der durch Einheit der Sprache, zum Teil auch der Religion ihn zu einem Völkchen ansiedelt, was unter der höheren Obrigkeit in einer ruhigen, sittlichen Verfassung durch Fleiß, Reinlichkeit und Sparsamkeit vor den Ansitzungen anderer Völker sich vorzüglich auszeichnet. - So lautet das Lob, welches selbst Engländer (sic!) den Deutschen in Nordamerika geben." (Aus: I. Kant, Anthropologie in pragmatischer Hinsicht, Werkausgabe Bd. XII, Frankfurt 1968, S. 667; wieder abgedruckt in: Der Deutsche an sich. Einem Phantom auf der Spur, a.a.O., S. 45).
Der Gehorsam wurde schließlich soweit zur zweiten Natur, einem Automatismus von Befehl und Gehorsam, der maschinell wirkt, dass es nur der geeigneten Umstände und eines verunglückten Kunstmalers, der Führer spielen wollte, bedurfte, um ein bleibendes Bild des Schreckens an die Wand zu malen, in dem der deutsche Soldat eine entscheidende Rolle spielt. Dieses Bild aber beweist, dass nur im Mythos der Ungehorsam aus dem "Paradies" hinaus-, in Wirklichkeit aber der Gehorsam jeden Faust in die "Hölle" hineinführen kann, wenn ein Mephisto zur Stelle ist (auch hier behalten Goethe und die Geschichte gegenüber der Bibel, nach der es patriarchalischen Vorurteilen gemäß "natürlich" ein "Weib" sein muss, recht). So wenig diese Gewohnheiten aber über Nacht entstanden sind, kann man sie auch mit einem Schlage wieder loswerden, sondern kann und muss sie verlernen.
Bemerkenswert an der Beschreibung Kants ist nämlich auch, dass sie den Deutschen zwar sehr gute Fügsamkeit, aber im Grunde keinen eigentlichen Nationalismus zuspricht ("er hat keinen Nationalstolz; hängt, gleich als Kosmopolit, auch nicht an seiner Heimat"; ebd., S. 669 bzw. 46) . Dieser entwickelte sich vielmehr erst mit der zunehmenden Vereinigung des zuvor immer zersplitterten Deutschland (das nicht einmal eine "Nation" war) im 19. Jahrhundert und kulminierte in der ersten Hälfte des zwanzigsten, um sich zugleich mit der noch älteren Ordentlichkeit und Fügsamkeit zu verbinden. Daraus kann man sowohl verstehen, warum mit einer erneuten Wiedervereinigung in Deutschland auch ein neuer Nationalismus erwachen konnte, als auch, dass dieser eben sowenig wie der Gehorsam zum "ewigen Wesen" der Deutschen gehören muss oder etwas spezifisch deutsches ist.
Copyright © 2000 by Michael Skowron