12.10. - 15.10.2000, veranstaltet von der Koreanischen Gesellschaft für Germanistik (KGG) in Zusammenarbeit mit dem Deutschen Akademischen Austauschdienst (DAAD), geleitet von Prof. Dr. Heinz Rölleke von der Universität Wuppertal.
Das diesjährige Soraksan-Symposium stand unter dem Thema Mythos und Literatur - einem vielbehandelten Themenklassiker, dem jedoch immer wieder neu der Sprung in die Aktualtität gelingt. Das zeigte sich vor allem an den auf dem Programm stehenden Vortragsthemen, die zum überwiegenden Teil moderne Literatur und Gegenwartsliteratur behandelten. Mit großem Engagement und Witz geleitet wurde das Seminar von Prof. Heinz Rölleke, seines Zeichens Märchenspezialist und Hermeneutiker der Gebrüder Grimm. So wurde auf dem Soraksan-Symposium die Schwellenüberschreitung der teils scharf gezogenen Gattungsgrenzen zwischen Märchen und Mythos in den Mittelpunkt der Diskussion gerückt.
Als Aufweichung und teils auch Sprengung der strengen Gattungsschablonen gestaltete sich bereits Sektion 1, die der Begriffsbestimmung von Mythos, Sage, Märchen und anderen verwandten Erzählformen gewidmet war. In einem Schnelldurchgang durch die deutsche Literaturgeschichte zeigte Rölleke in seinem stark literaturhistorisch orientierten Eröffnungsvortrag Positionen und Probleme der Mythenrezeption und des mythischen Denkens auf. Sein Augenmerk auf "Mythenkontaminationen" richtend, verfolgte er die Spur mythologischer Synkretismen auf ihrer doppelgleisigen Bahn zwischen germanisch/antik und biblisch/christlich. Als eines der literaturgeschichtlich am frühesten greifbaren Beispiele für eine solche Verschmelzung von altem germanischem Mythos und christlicher Glaubenslehre nannte er das Hildebrandslied aus dem 8. Jahrhundert. Eine Mythenkontamination sei ebenso nachweisbar für den mittelalterlichen "Gregorius" von Hartmann von der Aue; dieser stehe über das Motiv der Verfluchung der Geburt mit dem antiken Ödipus-Mythos und der biblischen Judas-Geschichte in Verbindung. Mit diesen Beispielen bestätigte Rölleke die in der Mythentheorie weitverbreitete Anschauung, dass es eine gleichbleibende Grundstruktur, einen Kern des Mythos gibt, der jedoch je nach Weltanschauung und Gattung verschieden ausgeformt und "überkleistert" wird - übrigens eine kritische Anspielung auf die in Goethes Augen misslungene moderne Adaption der antiken Penthesilea durch Kleist. Im Bezug auf die mythische Grundstruktur spricht Rölleke von einem "hero pattern". Dieses weist er auch in seinem zweiten Vortrag nach, der Märchen in mythologischer Perspektive zu interpretieren versucht. Drei ausgewählte Grimmsche Märchen, Von dem Machandelboom, Der Teufel mit den drei goldenen Haaren, Die Gänsemagd werden auf Spuren des antiken griechisch-römischen, jüdisch-christlichen und keltisch-germanischen Mythos hin befragt, mit dem Ergebnis, dass ein ganzes "Belegnetz von Mythen und Mythenmotiven in Grimms Märchen" eruiert wird und die Märchen ihrerseits wieder im Hinblick auf einen modernen Mythos als mythenbildend erkannt werden. Trotz der Herausarbeitung eines "hero pattern", einer strukturalistischen Größe, beschränkten sich die beiden Vorträge von Rölleke jedoch auf eine literaturhistorische Mythendeutung. Hier hätte es sich durchaus gewinnbringend ausgewirkt, wenn der strukturalistische Ansatz der Mythosforschung weiterführend eingebracht worden wäre.
Das von Prof. Jürgen Kreft (Universität Hamburg) gewählte Vortragsthema "Mythos versus Fiktionalität" stach ins Herz der um die Verhältnisbestimmung von Mythos und Literatur kreisenden Diskussion. Wie schon am Titel deutlich erkennbar, stellte Kreft den nicht-fiktionalen Status des Mythos heraus und nahm - mit dem Ziel einer Klärung der häufig anzutreffenden Begriffsverwirrung - eine scharfe Grenzziehung zwischen dem vorliterarischen Mythos als "harte und auch schreckliche Wirklichkeit" und der Literarisierung und Fiktionalisierung des Mythos als Antwort auf das "Ende des Mythos" in der sogenannten Achsenzeit, der Wende vom mythischen zum kritischen Denken, vor. Er ging so weit zu behaupten, dass das, "was heute unter dem Titel Mythos auftritt, [...] fiktionale Literatur oder Philosophie, Religion, Ideologie oder was immer, aber kein Mythos" sei. Als es den Mythos - in voller Geltung - gab, hätte es nicht zugleich eine Diskussion über ihn gegeben. Die Frage nach dem Verhältnis von Mythos, Geschichte und Literatur kristallisierte sich zu einem Hauptstreitpunkt vieler weiterer Diskussionen heraus. In einzelnen Stellungnahmen wurde wiederholt Krefts These von der Unverfügbarkeit des Mythos und der an diese Unerreichbarkeit geknüpften Rekonstruktionsleistung geteilt, eine unüberwindbare Kluft zwischen "Ursprungsmythos" und Mythos als Literatur aufgebaut. Dass wir uns jedoch überhaupt nur über die Mythe als Erzählung dem Mythos selbst als dem sogenannt Ursprünglichen, Unverfälschten nähern können, Mythos also im Grunde von Anfang an, soweit unsere historische Sicht reicht, in literarischer Form präsent ist, sollte man doch einschränkend zu bedenken geben. Auch die Geschichte, die Anspruch auf Authentizität und Historizität erhebt, besteht, um mit Sigrid Weigel zu sprechen, aus einem Netzwerk von Geschichten; sie wird in Form von Mythen und Legenden tradiert. Daher macht es auch keinen Sinn, den Mythos als "Wiederkehr des Gleichen" abschaffen und das Ende der immer wieder neu beschworenen Apokalypse besiegeln zu wollen, wie es der japanische Germanist Yasumasa Ogura in seinem Vortrag "Die Dialektik der apokalyptischen Kultur. Ist das Ende vom Ende möglich" anstrebte.
Bahnbrechend für die koreanische Germanistik war, dass mit der Sektion "Mythos und Gender" zum ersten Mal ein Gender-Thema aufs Tagungsprogramm gesetzt wurde. Wie viel Sprengkraft dieses Thema in Korea besitzt, zeigte sich an der stärker emotional als wissenschaftlich-argumentativ geführten Diskussion. Im Anschluss an Chieh Chiens (Taiwan) Vortrag über den "Mythos des Weiblichen in Elfriede Jelineks Romanen 'Die Liebhaberinnen' und 'Die Klavierspielerin' ", der den Mythen von Schönheit und Jugend, Ehe, Liebe und Sexualität nachspürte, wurden grundsätzlich Zweifel angemeldet, ob es überhaupt legitim sei, von weiblichen Mythen zu sprechen oder auch von der Existenz eines "Patriarchats" auszugehen. Hier, wie auch in den Reaktionen auf Hi -Young Songs Referat über "Märchen aus feministischer Sicht" und meine Ausführungen zur "Funktion weiblicher Mythologeme in der deutschen Literatur vor und nach der Wende", zeigte sich, wie sehr die Diskussion weitgehend auf ein traditionell-klassisches Mythos-Bild eingefahren war und wie wenig neue Verschiebungen, die vor allem den Umgang mit dem Mythos in der Gegenwartsliteratur prägen, überhaupt berücksichtigt wurden. Diese Kluft manifestierte sich besonders deutlich in den Kommentaren zu Ai-Hua Lins Vortrag über den "Verfremdungseffekt in den modernen Fassungen von Grimms Märchen". So verfiel die Debatte auf die Frage, wie viel die Bearbeitungen denn noch mit den Märchen zu tun hätten, ob hier nicht die bekannten Motive nur als eye-catcher für ganz andere Texte und Motive missbraucht und dadurch nicht die Märchentradition gar beschädigt würde. Die Gegenposition, dass gerade Parodien und Bearbeitungen die (Über-)Lebensfähigkeit der Gattung garantierten und die Rezeption lebendig hielten, wurde zwar artikuliert, aber nicht sehr nachdrücklich vertreten.
Zusammenfassend lässt sich sagen, dass die Symposiumsdebatte im Hinblick auf eine literaturhistorische Begriffs- und Verhältnisbestimmung von Mythos und Märchen und die Herausarbeitung synkretistischer "Mythenkontaminationen" sehr produktiv war, zentrale Ansätze der Mythen- und Märchenforschung wie die psychoanalytische Deutung von Mythen und Märchen sowie die anthropologische und strukturalistische Mythen- und Märchenforschung, insbesondere die slawische, nur am Rande gestreift bis gar nicht erwähnt wurden. Zudem war es bedauerlich, dass es keinen Plenumsvortrag zu einer komparativen Mythen- und Märchenforschung gab. Dieses Thema wurde leider nur im Rahmen der Sektionsdiskussion unter dem Stichwort "Mythen und Märchen in Asien und Europa" in kleinem Kreis abgehandelt. Zwar machte des öfteren die These, dass es in Asien eine Grenzlinie zwischen Literatur und Mythos gebe, von sich reden, jedoch wurde diese spannende Frage nicht weiter erörtert.
Bleibt als letztes noch zu betonen, dass sich die Einführung von Sektionsdiskussionen bereichernd auf die Fachdiskussion und die wissenschaftliche und gesellige Kontaktaufnahme mit anderen Tagungsteilnehmern auswirkte.
Copyright © 2000 by Birgit Mersmann & Martin Maurach