Michael Menke

Soju


Soju lernte ich gleich am ersten Tag in Korea kennen. Mein damaliger Abteilungsleiter hatte mich in meine neue Wohnung geführt, danach gingen wir gemeinsam in einen Supermarkt, damit ich die nötigsten Lebensmittel einkaufen konnte. Es war Anfang September, tagsüber also noch sehr warm, und so griff ich zielstrebig nach einer großen durchsichtigen Plastikflasche, von der ich annahm, dass sie Mineralwasser enthalte, zumal sie in unmittelbarer Nähe zu Bier und Cola stand. Mein Abteilungsleiter fragte: "Wollen Sie das wirklich einkaufen?" Ich bejahte, und er schien durchaus zufrieden mit meiner Wahl. Wieder zu Haus angekommen, stellte ich die Flasche erst einmal in den Kühlschrank. Als ich abends nach harter Wohnungseinrichtungsarbeit dann zu der vermeintlichen Mineralwasserflasche griff und einen tiefen Schluck nahm, wurde mir bewusst, dass Soju wirklich kein Wasser ist.

Soju bedeutet übersetzt "etwas Gebranntes", er wird aus Reis und/oder anderem Getreide hergestellt. Amerikanische Websites berichten immer wieder davon, dass Soju aus Kartoffeln hergestellt wird. Aber diese Leute sind in Kulturfragen ja immer ziemlich unbeschlagen... . Dennoch wird Soju auch in Amerika gut verkauft.

Soju hat 25 % Alkohol, wird in der Regel pur und kalt getrunken, es gibt ihn aber auch mit interessanten Zusätzen wie Ginseng oder Gurken (oi-soju) versetzt. Eine Cocktail-Version mit diversen Aromen, etwa Lemon-Soju, ist eher etwas für Frauen.

Soju kam im späten 13. Jahrhundert aus China nach Korea, und soll von Königen und Adligen der Koryo-Dynastie sehr geliebt worden sein. Heute ist Soju allseits sehr beliebt, das dürfte wesentlich an seinem niedrigen Preis liegen, der wirklich in der Nähe zu Mineralwasser liegt, das muss noch zu meiner Entschuldigung gesagt werden. Dutzende von Fabriken, große wie auch lokale kleinere, stellen dieses Getränk in Korea her und verkaufen es im In- und Ausland.

Soju gibt es auch in Nordkorea. Wer das Glück hat (und dieses Glück gibt es nach der Begegnung der beiden Kim-Präsidenten nun häufiger) nordkoreanischen Soju im Supermarkt zu finden, sollte diesen einmal probieren. Doch Vorsicht bei den Schraubverschlüssen - immer eine Zange bereithalten; wir kennen das noch von den DDR-Getränkekombinaten: Schnaps gab's im Sozialismus, im Gegensatz zu anderen Lebensmittel, immer, aber immer gab es auch Probleme, die Flaschen zu öffnen.

Soju trinkt man weniger zuhause, als im Restaurant oder im Soju-Zelt (pojangmaja), und weil man zu solchen Orten kaum allein geht, ist er ein Getränk, das zur Beförderung der Geselligkeit dient. Oft geht man nach der Arbeit, mit Kollegen oder gar dem Chef, noch einen heben, und die Trinker, die vielleicht vorher noch im Büro saßen, tragen nicht selten Anzug und Krawatte. Selten wird dabei nur eine, meist mehrere Flaschen konsumiert, und das gegenseitige Eingießen oder Trinken aus demselben Glas gehört einfach dazu. Der sich logischerweise danach einstellende Rausch wird gesellschaftlich durchaus toleriert. Selbst wenn man sturzbetrunken auf der Straße liegt, nimmt kaum jemand Anstoß daran. Man stützt sich auf dem Heimweg gegenseitig, so gut es eben geht, und Taxifahrer weisen keinen unter den Folgen dieses Getränkes Leidenden als Fahrgast ab.

Auf der Website des größten Herstellers in Korea wird Soju als ein Getränk vorgestellt, das keine Kopfschmerzen macht, auch wenn man viel getrunken hat "You can enjoy pure taste without the burden of hangovers...", aber da sieht die Realität nun doch wohl etwas anders aus. Man versucht dieser Realität mit Werbung entgegenzutreten, dabei werben bevorzugt junge hübsche Frauen für das Getränk, die eine Verbindung zwischen weiblicher und spiritueller Reinheit dokumentieren sollen.

Soju wird viel getrunken, von der bekanntesten Marke (die ich natürlich hier nicht nennen darf - aber sie ist mit einem Frosch verziert) werden pro Jahr 371 Millionen Liter verkauft. Das sind pro südkoreanischem Einwohner im Jahr, inkl. Kleinkinder und Greise, etwa 8,5 Liter. Wohlgemerkt, nur eine Firma (allerdings wird auch exportiert). Das wird nur übertroffen vom größten russischen Wodkahersteller Stolichnaja (Umsatz im Jahr 475 Mill. Liter).

Wir wollen unser deutsches Licht dabei aber nicht unter den Scheffel stellen: allein die Marke "Nordhäuser Doppelkorn" (eine ehemalige DDR-Brennerei, die aber damals schon guten Korn, allerdings mit schlechten Schraubverschlüssen, produzierte, s.o.) verkauft im Jahr 10 Millionen Liter. Und der hat 40%!

Seit ein paar Jahren wird Soju auch in Tetrapacks verkauft (sehr praktisch, aber dennoch nicht mit Trinkhalm), so dass er immer mehr auch zum freizeitbegleitenden Getränk wird. Das heißt, Wanderungen in die Berge werden mit einem tiefen Zug aus der Tüte belohnt (danach) oder (davor bzw. am Anfang) weitgehend verhindert.

Ich hatte an meinem ersten Tag in Korea zunächst bedauert, kein Wasser bekommen zu haben. Dennoch war die große Flasche irgendwann leer. Zu hart und entbehrungsreich ist das Leben eines Lektors in Korea, und ein kleiner Schluck zwischendurch kann da über vieles hinweghelfen. Prost!


Copyright © 2000 by Michael Menke


DaF-Szene Korea Nr. 12

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