Wer einmal das zweifelhafte Vergnügen hatte, in Korea in der Stadt mit dem Auto zu fahren, kann hinterher einiges erzählen. Offensichtlich fahren viele Koreaner nicht nur gerne schnell, sondern sie drängeln und hupen dabei auch rücksichtslos. Koreaner kokettieren damit sogar gelegentlich vor Ausländern: "Wer in Seoul fahren kann, kann überall fahren." Man könnte beinahe annehmen, dass die Fahrer sich für unverwundbar halten. Dass sie es nicht sind, zeigen Tag für Tag die Schilder an den Hauptverkehrsstraßen von Seoul. Auf ihnen wird nüchtern und ohne weiteren Kommentar bekanntgegeben, wie viele Tote und Verletzte es am Vortag durch Autounfälle gegeben hat.
Kampagnen, die zu vorsichtigerem Fahren anhalten sollen, gibt es auch in Deutschland. So kann man etwa entlang der Autobahnen ein Plakat bewundern, auf dem zwei Geier zu sehen sind. Untertitelt ist das Plakat mit: "Raser, wir warten schon!"
Anders die Schilder in Seoul. Hier wird der Autofahrer nicht mit kleinen Witzchen dazu animiert, sich doch bitte etwas rücksichtsvoller zu verhalten; hier wird der Autofahrer nicht gelockt; hier wird nicht durch Humor für etwas mehr Vernunft geworben. Die Schilder erinnern lediglich an eine bekannte aber gern verdrängte Tatsache: auch koreanische Autofahrer sind sterblich.
Die nüchternen Zahlen - zumeist ungefähr zwei Tote und hundertfünfzig Verletzte - nehmen den Autofahrer ernst. Sie sagen ihm lediglich, welche Konsequenzen sein Verhalten für andere und auch für ihn selbst haben kann. Die notwendigen Schlüsse muss er dann selbst ziehen. Keine Bestechung - so wie man etwa Kindern Süßigkeiten gibt, damit sie sich benehmen - sondern nur eine knappe Erinnerung an die Toten. Der Fahrer ist erwachsen, und als Erwachsener wird er auch behandelt.
Ob Kampagnen, die zu vorsichtigerem Fahren anhalten, überhaupt eine Wirkung haben, ist schwer zu belegen; man ist geneigt, es zu bezweifeln. Psychologisch und ästhetisch ist die koreanische Klarheit dem mühsamen deutschen Humor jedenfalls allemal vorzuziehen.
Copyright © 2000 by Stefan Straub