Michael Menke

Pojangmaja


Es ist drei Uhr morgens. Ich sitze auf einer Holzbank, neben mir ein älterer Mann, vor mir steht ein mit Plastikplane bedeckter Holztisch, der sich unter der Last diverser Leckereien wie Hühnermägen, Fisch und Reisnudeln biegt. Gegenüber ist eine weitere Holzbank, auf der ein junges, müdes Paar hockt. Jeder hat eine oder mehrere Soju-Flaschen (siehe Kapitel "Soju") vor sich stehen. Wir werden punktuell von einer Elektroheizung angebraten, der Rest des Körpers steht kurz vor dem Erfrierungszustand. Aber dagegen gibt es ja den Soju.

Mein Sitznachbar (aktueller Soju-Stand: drei Flaschen) verzehrt genüsslich eine Portion Hühnerfüße mit scharfer roter Soße. Von Zeit zu Zeit brummelt er etwas vor sich hin, dann überwindet er schließlich seine interkulturellen Differenzen und beginnt einen multikulturellen Dialog mit mir. "American?" Ich antworte "no!", womit er scheinbar befriedigt ist und mir ein Glas Soju aus seiner Flasche einschenkt. Bei mir ist das Level inzwischen bei 2,4 Flaschen angekommen. Nach einer Zeit längeren Nachdenkens (und weiteren Trinkens) geht er den nächsten Teil der Konversation an: "Hoju-Saram?" (Australier?) Diesmal antworte ich, angespornt durch ein weiteres Glas auf Koreanisch: "Anio, togil saram!" (nein, Deutscher). Nun ergießt sich ein Soju-Schwall in mein Glas und eine Redeschwall (koreanisch) über mich. Irgendwo höre ich die Wörter "Autobahn, Matthäus" und "Benz" heraus, es kann sich also nur um höchste Lobpreisungen meines Herkunftslandes handeln. Dann patscht er mir aufs Knie und sagt "ichi liebe dichi!" (das ist ein Lied von Beethoven, das kaum ein Deutscher, aber scheinbar jeder Koreaner kennt).

Die angebotenen Hühnerfüße lehne ich dankend ab; ich frage mich immer, wer wohl der erste Mensch gewesen ist, der auf die Idee gekommen ist, so etwas zu essen. Wahrscheinlich hatte dieser einstige Feinschmecker vorher viel Soju getrunken. Ich bestelle eine scharfe Gemüsesuppe, die soll sehr hilfreich gegen die Folgen von 3,5 Flaschen Soju sein.

Ein Pojangmaja ist eine Mischung aus Straßenrestaurant und Trinkstand, wobei die Auswahl der Getränke ziemlich begrenzt ist. Soju gibt es immer, Bier manchmal, Cola habe ich dort noch nie gesehen (allerdings auch nie bestellt). Das Essen umfasst Suppen und kleine Speisen, die am Stand zubereitet werden. Da es in der Regel keinen Wasseranschluss oder gar ein Spülbecken gibt, werden die Teller mit Plastiktüten umwickelt, die dann nachher im Müll landen. Die Preise im Zelt sind relativ hoch, wahrscheinlich gibt es eine Art Nachtschichtzulage für den Betreiber.

Mir fällt als Vergleich eigentlich nur die deutsche Currywurst-Bude ein, was sowohl die begrenzte Speise- oder Getränkekarte angeht als auch die Kundschaft, die bei beiden Erscheinungen aus allen Gesellschaftsschichten kommt. Und auch der Alkoholkonsum dürfte beiderseits recht hoch liegen. Das Pojangmaja ist allerdings weitaus gemütlicher, vermittelt zudem etwas von Campingatmosphäre und kommt, im Gegensatz zum deutschen Gegenpart, in den letzten Jahren wieder häufiger vor. Und von den Hühnerfüßen darf ich annehmen, dass diese irgendwie auch in der Currywurst verarbeitet sind. Guten Appetit!


Copyright © 2000 by Michael Menke


DaF-Szene Korea Nr. 12

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