Michael Skowron

Bericht vom Nietzsche-Symposion


Am 13. Oktober 2000 fand in Pusan an der Dong-A Universität aus Anlass des 100. Todestages von Friedrich Nietzsche ein Symposion unter dem Titel: Wer ist Nietzsche heute? statt. Nach den Begrüßungsworten von Prof. Chung, Young-Do, dem Vorsitzenden der Koreanischen Nietzsche-Gesellschaft, hielt Michael Skowron von der Kyungpook National-Universität in Taegu den Einführungsvortrag unter dem Titel: "'Jenseits von Böse und Gut.' Nietzsche nach hundert Jahren." Der Vortrag lag zugleich auch in koreanischer Übersetzung vor. In ihm wurde ausgehend von Nietzsches prophetischen Voraussagen des heraufziehenden Nihilismus ein "Schlüsselwerk" Nietzsches, nämlich "Jenseits von Gut und Böse", in seiner Rezeption vom Ende des 19. Jahrhunderts bis zur Postmoderne präsentiert. Es wurde gezeigt, dass "Jenseits von Gut und Böse" auch als "Jenseits von Böse und Gut" gelesen werden kann, nicht aber als "Jenseits von Gut und Schlecht". Dies war einer der "sieben Schlüssel", die zu einem besseren Nietzscheverständnis beitragen sollten. Nietzsche habe sich einer abschließenden Systematisierung seiner Gedanken aus Gründen philosophischer Redlichkeit jedoch widersetzt. Die Diskussion um den Postmodernismus zeige aber, dass Nietzsche nichtsdestotrotz nach über hundert Jahren einige "Rätselfreunde" gefunden habe, die den alten oder modernen "Meta-Erzählungen" nicht mehr vertrauten und für die die Pluralität der Wahrheiten und Interpretationen und das Fehlen eines übergreifenden Systems nicht mehr als Einwand oder Bürde, sondern vielmehr als eine Art von Befreiung und Anreiz empfunden werde, dank derer die Schiffe der Erkenntnis endlich wieder auslaufen dürften. Es könne also sein, dass auch die Postmoderne nur ein "Vorspiel" einer eigentlichen "Philosophie der Zukunft" sei, wie es im Untertitel des "Jenseits" heiße.

Der nächste Vortrag von Prof. Lee, Young-Su von der Dong-A Universität widmete sich dem Verhältnis von "Nietzsche und Goethe" und thematisierte Nietzsches Gedicht "An Goethe" und die Beziehung zum "Faust". Nach einer kurzen Pause war "Nietzsche und der Feminismus" an der Reihe, ein Vortrag von Prof. Kim, Jyung-Hyun an der Wonkwang Universität in Iksan. In ihm wurde die neuere Nietzsche-Rezeption im Feminismus problematisiert, wie sie sich z.B. in dem von Kelly Oliver und Marilyn Pearsall herausgegebenen Sammelband "Feminist Interpretations of Friedrich Nietzsche", Pennsylvania 1998, zeigt, in dem der angebliche Misogynismus Nietzsches einer gründlichen Revision unterzogen wird. Insbesondere wurde auch die Diskussion um die Wahrheit bei Nietzsche (denn "die Wahrheit ist ein Weib") in den Werken von J. Derrida und S. Kofman behandelt.

"Nietzsche im Marxismus" von Prof. Kang Dae-Sok von der katholischen Hyosung Universität in Taegu untersucht. Hierzu gab es auch eine Zusammenfassung auf Deutsch. Danach ging es in diesem Vortrag darum, zu zeigen, wie Nietzsches Philosophie im Marxismus akzeptiert und kritisiert worden ist. Zuerst wurde die marxistische Nietzsche-Kritik von Mehring bis Harig aufgezeigt. Dann folgte eine Verweis auf die westeuropäischen Marxisten, die Nietzsche kritisierten bzw. mit Freud und anderen ergänzen wollten. Dann wurde die Auseinandersetzung zwischen Nietzscheforschern in der DDR, vor allem zwischen M. Buhr und W. Harig behandelt. Zum Schluss wurde das Verdienst der marxistischen Nietzsche-Forschung gegenüber der bürgerlichen hervorgehoben und vor allem darin gesehen, dass die marxistische Nietzsche Forschung immer auch den politischen und ökonomischen Hintergrund berücksichtigt habe, vor dem seine Philosophie stand. Der letzte Vortrag von Prof. Kim, Young-Il von der Keimyung Universität in Taegu hatte "Kierkegaard und Nietzsche" zum Thema. Im Anschluss an die Vorträge wurden jeweils Kurzbeiträge zu den Themen vorgetragen. Mit einer Diskussion und einem gemeinsamen Essen wurde die Veranstaltung abgeschlossen.

An diesen Themen und Vorträgen, die auch in einem Sammelband vereint wurden, kann man ersehen, welches Niveau die Koreanische Nietzsche-Forschung erreicht hat und wie man sich hier dieses Philosophen annimmt. Die sehr gut besuchte Veranstaltung war mit Plakaten gut bekannt gemacht worden und der Raum selbst mit einem Blumenbouquet in der Mitte geschmückt sowie ein großes Poster mit einem Bild Nietzsches aufgestellt worden. Das Bild trug als Unterschrift die Worte Nietzsches aus seinem Selbstbekenntnis "Ecce homo": "Ich bin kein Mensch, ich bin Dynamit." Warum man gerade diese Worte gewählt hat? Vielleicht weil man auf die Sprengkraft des Nietzscheschen Denkens auch und vielleicht gerade nach hundert Jahren noch hinweisen wollte und sein befreiendes Denken, das alle Verfestigungen und Verkrustungen auflöst und dekonstruiert, auch in Korea spürt. Aber sicher auch, weil man mit Dynamit sehr vorsichtig umgehen muss. Schon die erste Rezension von "Jenseits von Gut und Böse" hatte es als "gefährliches Buch" bezeichnet, ja die Dynamit-Metapher selbst geht auf diese Rezension aus dem Jahre 1886 zurück. Man konnte wirklich das Gefühl bekommen, dass Nietzsche unter einem herbstlich-tiefen und klaren östlichen Himmel vielleicht besser aufgehoben ist und verstanden wird als unter einem wolkenverhangenen westlich-christlichen, wie ein Teilnehmer bemerkte. Ich war jedenfalls der einzige Ausländer auf diesem Symposion.


Copyright © 2000 by Michael Skowron


DaF-Szene Korea Nr. 12

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