Matthias Augustin

"Lola rennt" im Deutschunterricht


Filme im Deutschunterricht zu verwenden ist nicht immer von Erfolg gekrönt. Daran schuld können eine ganze Reihe von Gründen sein. Zum einen sind die in Korea verfügbaren deutschen Filme oft, wenn auch mit dem Prädikat "cineastisch wertvoll" versehen, doch in den Augen koreanischer Twens ziemliche Langweilerstreifen und sorgen schon nach der ersten Viertelstunde für schlafende Schulbänke. Dann sind sie meistens zu wortlastig. Das Deutsch der Filmdialoge ist allgemein meilenweit entfernt von dem, was den Lernenden aus den ja durchaus um Umgangssprachlichkeit bemühten neueren Lehrbüchern bekannt ist - wenn man die Dialoge überhaupt verstehen kann. Zu schnell, zu nuschlig und immer wieder von störenden Hintergrundgeräuschen überlagert, sind sie selbst für Muttersprachler eine echte akustische Herausforderung (wer schon mal versucht hat, Filmdialoge zu transkribieren, weiß das); die Tonqualität ist selbst bei guten Video- und Fernsehgeräten auch meistens recht bescheiden. Aufgaben nach dem Motto "Hört mal gut zu, was die Leute in dem Film sprechen und sagt mir, was ihr verstanden habt" bringen also nichts außer frustrierten Gesichtern selbst bei den besten StudentInnen.

"Lola rennt" habe ich denn auch nicht seines Sprachmaterials wegen verwendet; vielmehr benutze ich die visuell und aus den koreanischen Untertiteln erfassbaren Handlungen der Personen als Anlass für eine Reihe von mündlichen oder schriftlichen Übungen, für die weiter unten Beispiele folgen.

Der 1998 von Tom Tykwer mit Franka Potente und Moritz Bleibtreu in den Hauptrollen gedrehte Film wurde auf der Berlinale 1999 als bester deutscher Film ausgezeichnet und fand auch international einige Beachtung. "Lola rennt" ist hierzulande unter dem Titel Rola ron in vielen Videotheken auszuleihen. Die etwas krude Mischung aus Action, Musikclip-Ästhetik, Zeichentrick und der nervige Pseudo-Techno-Soundtrack mag nicht jedermanns Sache sein - meinen StudentInnen hat er meistenteils gefallen. Weiterhin hat der Film einige Vorzüge, die ihn für den Deutschunterricht gut einsetzbar machen, angefangen mit der Unterteilung des Films in drei abgeschlossene Episoden (insgesamt dauert der Film ca. 80 Minuten) mit dem Vorteil, leicht "portionsweise" vorgehen zu können, immer wieder Einschübe machen und Übungen einbauen zu können.

Zur Handlung: Lola ist eine junge Frau um die Zwanzig mit feuerroten Haaren und grasgrüner Hose, die einen Anruf von ihrem Freund Manni (gelbe Haare und tätowiert) bekommt. Manni braucht innerhalb von 20 Minuten 100 000 Mark, wenn er nicht von seinem Boss umgebracht werden will, für den er dealt. Lola rennt los, um ihm zu helfen. Doch ihr Versuch, das Geld bei ihrem Vater, einem Bankdirektor aufzutreiben, schlägt fehl. Als sie am vereinbarten Treffpunkt ankommt, ist alles schon zu spät. Manni ist gerade dabei, einen Supermarkt auszurauben. Auf der gemeinsamen Flucht wird Lola von einer Kugel aus einer Polizeipistole getroffen.

Ihr Tod ist aber nicht das Ende des Films. Der Zuschauer wird wieder zurück zur Ausgangssituation nach Mannis Anruf geführt. Lola rennt erneut los. Doch auch die sich anschließende zweite Episode ist noch nicht die letzte. Erst die dritte Variation der Geschichte führt zum Finale.

Als nächstes folgt mein Vorschlag zu einer Abfolge von Übungen, die je nach Lernerniveau und Unterrichtssituation beliebig untereinander ausgetauscht, ergänzt und variiert werden können.

1. Vorübung: Wortschatz erarbeiten

Weisen Sie Ihre StudentInnen darauf hin, dass es sich bei Lola rennt um eine Art Action- oder Gangsterfilm handelt. Fragen Sie, welche Vokabeln in dieser Art von Film typischerweise vorkommen - lassen Sie in Gruppenarbeit mit dem Wörterbuch arbeiten. Sammeln Sie den Wortschatz anschließend an der Tafel.

2. Spielen Sie den Film nun bis zu der Stelle vor, an der Lola nach dem Telefongespräch mit Manni losrennt. Die Ausgangssituation ist den StudentInnen nun bekannt; die Frage ist: Was passiert jetzt? Was wird Lola unternehmen, um Manni zu helfen?

Geben Sie den StudentInnen ein paar Minuten Zeit, um (auf Koreanisch) über den Fortgang des Films zu spekulieren.

3. Zeigen Sie den Film bis zum Ende der ersten Episode (Lolas Tod). Anschließend sollen die StudentInnen kurz berichten, was passiert ist. Das kann mündlich oder schriftlich geschehen. Wiederholen Sie bei dieser Gelegenheit den Gebrauch des Perfekts oder des Präteritums.

Geben Sie einen Wortschatz vor bzw. ergänzen Sie das anfangs von den StudentInnen erarbeitete Vokabular.

4. Sehen Sie jetzt die zweite Episode, die mit Mannis Tod endet. Stoppen Sie den Film. Die StudentInnen können nun noch einmal kurz rekapitulieren, was geschehen ist und dabei auch Vergleiche zur ersten Episode anstellen.

Beispiel: Diesmal hat Lola nicht ..., sondern ... (Dieses und andere Satzgerüste bei Bedarf an der Tafel vorgeben)

5. Erklären Sie, dass Lola noch ein drittes und letztes Mal losrennen wird. Bevor Sie den Rest des Films sehen, sollen die StudentInnen über die mögliche Handlung Vermutungen anstellen. Erklären Sie dazu, dass im Deutschen oft das Präsens verwendet wird, um Zukünftiges auszudrücken. Sie können aber auch das Futur mit werden + Infinitiv üben lassen.

Beispiel: Ich glaube / denke, ... (Hauptsatz oder dass-Satz)

Vielleicht... (Auf die Reihenfolge Verb-Subjekt im sich anschließenden Satz hinweisen)

Außerdem lässt sich an dieser Stelle (oder auch schon vor Episode 2) eine Übung zum Konjunktiv II mit der Frage "Was würde ich an der Stelle von Lola/Manni/Lolas Vater tun?" einfügen.

Beispiel: Wenn ich Lola wäre, würde ich...

Ich würde nicht ...

Natürlich bieten sich viele weitere interessante Übungsmöglichkeiten an. Beispielsweise ließen sich Personenbeschreibungen üben, Exkurse zu deutschen Schimpfwörtern, Jugendsprache und Slang unternehmen usw.

Es lohnt sich also bestimmt, bei der Videothek an der Ecke mal nach Rola ron zu fragen, und sei es auch nur, um ihn als Beitrag zur Landeskunde - der Film zeigt viele schöne öde Straßen in Berlin - oder einfach nur zum Spaß vorzuführen.


Copyright © 2000 by Matthias Augustin


DaF-Szene Korea Nr. 12

Back Home