Wenn Sie schon eine Weile in Korea wohnen, dann kennen Sie sicher folgende Szene: Ein junges Paar, Mann und Frau, unterhalten sich scheinbar angeregt, und plötzlich, aus heiterem Himmel, spreizt sie ihren Ellenbogen ab, holt über ihn hinweg mit der Hand leicht aus, und schon zuckt diese nach vorn. Man traut seinen Augen und Ohren nicht, auf offener Straße hat sie ihm mit der flachen Hand einen kräftig klatschenden Schlag an seinen Oberarm verpasst! Prompt artikuliert der derart Malträtierte protestierend, mit leicht larmoyantem Unterton die Frage: "Uae ddaerio?" Warum schlägst du mich?
Ja, warum denn nur! Als Beobachter sollte man zunächst den Impuls zur Intervention unterdrücken. Wer gar auf die Idee verfiele, einen zufällig herumstehenden Polizisten auf das Ereignis anzusprechen, machte sich gar vollends lächerlich. Handelt es sich hier doch nicht um eine im Affekt ausgeübte Gewalttat, sondern um eine kulturell genau codierte und in gewisser Weise sogar kalkulierte Handlung. Dass das den Ausführenden durchaus nicht bewusst sein mag - im Koreanischen gibt es nicht einmal einen eigenen Term für diese Aktionsform! -, tut dabei nichts zur Sache. Wenn sie Auskunft über ihr Verhalten geben müssen, können sie durchaus Beschreibungen und Interpretationen liefern. Die Grammatik dieser idiomatischen Verwendung von "schlagen" (ddaerida, gemeint ist ein Schlagen im Sinn von "einen kräftigen Klaps verabreichen") ist im Grunde ganz einfach und auch für Anfänger leicht zu kapieren:
1. Geschlagen wird hier der Mann von der Frau. Der Mann schlägt in keinem Fall zurück! Kommen Sie bloß nicht auf dumme Ideen, wenn Sie zufällig mal eine abbekommen sollten! Das verstößt gegen die Spielregeln.
2. Eine wesentliche Voraussetzung für den Schlag ist auch, dass die beiden ein freundschaftliches (chinhansai ?? ??) Verhältnis, ja Sympathie (hogam ??), verbindet. Die Frau würde niemals einen Fremden oder eine Respektsperson schlagen. Seien Sie also froh, wenn Sie geschlagen werden! Es zeigt, dass man Sie mag und dass Sie dazu gehören, kurzum, dass sie einer Freundin Freund sind.
3. Auch wenn es klatschen mag, grundsätzlich muss leicht geschlagen werden (salsalchida). Da es sich nur scheinbar um eine spontane Reaktion handelt, sind Verletzungen ausgeschlossen, also keine Sorge. Frauen, die vielleicht gerade frisch aus Deutschland eingereist sind, rate ich trotzdem, von dieser Praxis Abstand zu nehmen, bis sie mit einer koreanischen Vertrauensperson genügend Übung erworben haben, um den Schlag auch korrekt zu dosieren und die richtige Stelle am Oberarm zu treffen.
4. Der koreanische Mann weiß genau, wann er einen Schlag zu gewärtigen hat. Die Frage "Uae ddaeryo?" hat also rein rhetorischen Charakter. Er provoziert den Schlag durch einen Scherz (nongdam), zum Beispiel durch eine ironische Bemerkung auf Kosten seiner Partnerin, bekommt also, was er verdient und findet es meist süß, geschlagen zu werden. Man kann deshalb die paradoxe Beobachtung machen, dass die Männer eine scheinbar abwehrende Haltung einnehmen, dabei aber ihrer Partnerin die Schulter zum Schlag geradezu herausfordernd anbieten. Deutschen Männern, die diese Form von Spaß partout nicht verstehen wollen, bleibt nur, unter dem Hemd am Bizeps einen Schienbeinschoner zu tragen.
Edeltrud Kim merkt aus eigener Erfahrung an, dass es kräftige Klapse aus Freude oder als Reaktion auf nongdam auch unter Frauen gibt, vor allem unter ajumas. Geschlagen wird nicht nur auf den Oberarm, sondern auch auf die Schultern oder den Rücken. Früher war Frau Kim öfter das "Opfer" solcher begeisterter Freundlichkeit älterer Damen, nun ist sie aber selbst in diese Gruppe aufgerückt, mit dem Effekt, dass sie in Ruhe gelassen wird.
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