Martin Maurach

Fliegender Handel


Sein Ruf "Uuu-san!" klingt langgezogen über den Pusaner Bahnhofsplatz wie ein unterdrückter Klagelaut derer, die trotzig an ihm vorbei in die Nässe hasten, unbeschirmt, aber kaufunwillig. Es ist kurz nach Mitternacht im Oktober, und unerwartet schüttet es wie aus Tonnen. Jedenfalls ist er da, "Uusan! Uuusan!", und bietet sie an, Regenschirme, vor dem Bahnhofsausgang, weil es regnet, in der Nacht von Sonntag auf Montag.

Er kommt mit dem Motorrrad, hupt seinen Stammplatz frei, stellt das Rad an irgendeine Mauer und packt aus irgendwelchen wie Müll davorliegenden Planenbündeln seinen "Hot Dog"-Stand aus, spült Grill und Bleche mit mitgebrachtem Wasser in den nächsten Abfluss, und los geht's.

Verkaufen, wann und wo Bedarf entstehen könnte; mit einem gewaltigen Überschuss mobiler Bereithalte-Arbeit über jeden Bedarf, mit Fahren und Lautsprecherplärren und wieder Fahren und Ausharren über Stunden und gnadenlos schnell sein. Sind fliegende Händler eigentlich verheiratet?

Preise auf Englisch nennen kann wirklich auch der Süßwarenverkäufer mit seinem Miniaturstand. Dass du Koreanisch zu sprechen versuchst, glauben sie dir dagegen erst gar nicht.

Er könnte eine doppelrohrige Schallkanone spazierenfahren, wie er dasteht auf der Fußgängerbrücke über eine sechsspurige Straße, mühelos den heftigen Verkehr zum Hintergrundrauschen zusammendrückend mit den beiden in sein Wägelchen eingebauten Lautsprecherboxen, aus denen die neuesten und die Dauer-Hits schießen, die er hier verkauft, als Musikkassetten.

Dass dir Waren entgegenfliegen, denen diese Flugfähigkeit in Deutschland niemand zutraut. Bekleidung fast aller Art. Videokassetten in Serien unter freiem Himmel. Ein Handy-Stand an der Straße - und dagegen die heimischen D-4-plus-ex-Büros mit ihren getönten Plastiktischen für den Abschluss von Nutzungsverträgen, ganz kurz vor dem Abheben dem Design nach, aber eben ewig nur ganz kurz davor. Hier aber, in den Goldgräbervierteln zumal der Jugend- und Touristenszene, welcher Handel fliegt hier eigentlich nicht? Aufmachen, zumachen - das rotiert verdammt schnell. Die den Wagen schieben und die dann eben doch wieder zumachen: Wenn alles fliegt, auch dem Fatamorganabedarf hinterher, gibt es darunter auch jede Menge Verlierer; Frontschweine der Flexibilisierung. Vielleicht fängt das hier nur an, was bald weltweit herumgeschoben wird, herumfliegt, ziemlich bodennah.


Copyright © 2000 by Martin Maurach


DaF-Szene Korea Nr. 12

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