Michael Menke

Krise der Germanistik?
Bericht über das Internationale Symposium des Instituts für Übersetzungsforschung im Goethe-Institut Seoul


Inhaltlich anschließend an das Symposium "Curriculum 2000" fand zwei Wochen später eine Veranstaltung mit ähnlichem Thema, jedoch etwas anderer Betonung statt. Das Institut für Übersetzungsforschung mit seinem Leiter Professor Kim Byong-Ock legte den Schwerpunkt zur "Krise der Germanistik" vor allem auf das Gebiet der Übersetzung.

In den Vorreden, gehalten vom Deutschen Botschafter und vom Leiter des Goethe-Instituts, wurde auf die Chancen hingewiesen, die eine Krise bietet, und so sah man das Fragezeichen am Ende der Überschrift als sehr wichtig an.

Helmut Koopmann (Universität Augsburg) referierte über die Geschichte der deutschen Germanistik, die sich selbst als historisches Fach begründete. Damit sei sie in dieser Form nicht ohne weiteres übertragbar auf die Auslandsgermanistik, wie sie in Korea vorhanden sei. In der anschließenden Diskussion wurde davor gewarnt, die Literaturwissenschaft nicht zugunsten einer diffusen "Medienwissenschaft" aufzugeben.

Kim Tschong-Dae (Danguk-Universität Seoul) legte den Schwerpunkt seines Vortrags auf die Krise und verglich dieses zahlenmäßig immer noch große Fach Germanistik mit einem Dinosaurier, der schwer und unbeweglich vor dem Ende durch die Evolution steht. Eine Zukunftschance sah auch er im Bereich der Übersetzung, die kein anderes Fach leisten könne. Ein Detail am Rande: In seinem Referat erläuterte er, dass der Bahnhof in Seoul um die Jahrhundertwende nach dem Vorbild des Bahnhofs von Tokio gebaut worden sei, dieser wiederum nach dem Vorbild des Bahnhofes in Magdeburg. Kulturgeschichtlich zu erforschende Spuren mit deutscher Genealogie lassen sich also auch in Korea finden.

Kurt-Jürgen Maaß, Generalsekretär des Instituts für Auslandsbeziehungen in Stuttgart, brachte in seinem Thema "Deutsch noch gefragt?" einen Überblick über die deutsche Kultur- und Sprachpolitik seit der Weimarer Republik. War diese in den Anfängen noch von deutschen Auslandsschulen geprägt, bedingt durch eine hohe Zahl von deutschen Aussiedlern, so wandelte sie sich später und hatte in den 80er Jahren einen Höhepunkt in der größten Anzahl von Goethe-Instituten und Programmen des DAAD und anderer Institutionen. Maaß verzeichnete einen Rückgang von Deutsch als Wissenschaftssprache. Auch in den Geisteswissenschaften und sogar in der Germanistik werde verstärkt auf Englisch ausgewichen.

Per Øhrgaard von der Universität in Kopenhagen stellte am Beispiel Dänemark vor, wie ein kleines, aber mit Deutschland benachbartes Land, sich der auch dort einstellenden Krise stellt. Sicherlich haben es Deutschlernende in Dänemark leichter, ihre Sprachkenntnisse anzuwenden, da mehr historische und wirtschaftliche Beziehungen zwischen den beiden Ländern bestehen und die in ihnen gesprochenen Sprachen verwandt sind. Jedoch auch hier wird Englisch immer mehr zum Alleinbeherrscher des Fremdsprachenmarktes, während sich die Germanistik zur Kulturwissenschaft wandele, mit einem großen Anteil an Übersetzungsforschung und -wissenschaft.

Keiko Yamane (Hosei-Universität Tokio) berichtete von einer erfolgreichen Reform an ihrem Institut, das neben der althergebrachten Germanistik existieren könne. Praxisorientierung und Wahlfreiheit garantierten dort einen zwar kleineren, aber soliden Stand an Studenten, die eine gute Ausbildung bekämen und Chancen für einen späteren fachbezogenen Arbeitsplatz hätten. Wichtig sei die Zusammenarbeit mit anderen Instituten ihrer Hochschule.

Das letzte Referat von Kim Nury (Chungang-Universität) setzte sich grundsätzlich und gesamtgesellschaftlich mit der Problematik "Krise der Wissenschaft in Korea" auseinander. Für die Germanistik nannte er strukturelle Faktoren des Faches, aber auch schwindendes Selbstbewusstsein, Ratlosigkeit und hilfloses Beharren auf Althergebrachtem bei den Germanisten als Ursache. Gesellschaftlich verurteilte er einen seiner Meinung nach in Korea vorherrschenden Neoliberalismus, der alles, auch die Wissenschaften, unter das Prinzip des Marktes bzw. Marktfetischismus stelle und durch eine konsumorientierte Bildungsreform die Universitäten in die totale Verwahrlosung treibe. Die Germanistik müsse dem "Modell USA", das durch soziale Ungleichheit und grenzenlose Konkurrenz in Korea erhebliche Probleme verursacht habe, ein humaneres "Modell Deutschland" entgegenstellen und empfehlen. Dabei müsse die Germanistik auch von deutscher Seite stärker unterstützt werden, was derzeit aufgrund der passiven Sprachpolitik und der Verwendung des Englischen durch deutsche Vertreter im Ausland nicht der Fall sei. Gerade dieses letzte Referat zog eine intensive Diskussion, auch später beim Essen und im "Hof" nach sich.

Am Ende der Veranstaltung wurde der Förderpreis des Instituts an Bae, Joong-Hwan für seine Übersetzung von Heinrich von Kleists Prinz Friedrich von Homburg vergeben. Professor Bae arbeitet derzeit an der Fremdsprachenuniversität Busan und hat sich auf Kleist spezialisiert.


Copyright © 2000 by Michael Menke


DaF-Szene Korea Nr. 12

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