Edeltrud Kim

Apartments:
Wohnungen und Zeugnisse des gesellschaftlichen Wandels in Korea


Apartmentsiedlungen "Apate" (A pa teu) unterschiedlicher Größe und Qualität gibt es heute überall in Korea, nicht nur in den großen Städten, sondern inzwischen auch auf dem Land, wo sie oft mit wenig Sinn für die landschaftliche Optik in die Gegend gestellt werden. Aber Apartments sind eine sehr moderne Erscheinung, und in ihrer Verbreitung sowie in ihrer Gestaltung spiegelt sich der Modernisierungsprozess Koreas samt den gesellschaftlichen Veränderungen, die mit ihm Hand in Hand gehen.

Zwei Gründe gibt es für den Apartmentboom. Erstens: Korea ist ein sehr dicht besiedeltes Land, in dem aber wegen der vielen Gebirge nur rund ein Drittel der Fläche überhaupt genutzt werden kann, Platz ist daher knapp, und durch Apartments, vor allem wenn sie als Hochhäuser errichtet werden, kann man bekanntlich Grundstücksplatz sparen. Zweitens: Der Koreakrieg hatte das Land gründlich zerstört, Wohnungen fehlten überall, es musste also dringend viel gebaut werden, so fing man mit dem Beginn des wirtschaftlichen Aufschwungs unter dem Präsidenten Park Chung Hee Ende der 60ger Jahre an, Wohnblocks nach westlichem und japanischem Vorbild zu bauen. Doch zunächst waren die Koreaner gar nicht so begeistert davon, zu fremd war ihnen diese Art zu wohnen, bei der ihnen vieles fehlte, was sie aus ihren traditionellen Häusern gewohnt waren. Aber da es unter diesem Präsidenten sowieso eine Kampagne gab, koreanische Traditionen abzuschaffen, weil sie rückständig seien und den Aufschwung behinderten, nahm das Interesse an der neuen Wohnform schnell zu, vor allem seitdem die ersten Rückkehrer aus Amerika, die an diese Wohnform gewöhnt waren, ins Land kamen.

Die Wohnblocks bezeugen also den Anfang des Aufschwungs und der Modernisierung des Landes, so wurden sie Mode und sind sie Mode geblieben. Bald erkannte man, dass Apartmentwohnungen auch bequemer waren als die traditionellen koreanischen Häuser.

Diese Wohnform begünstigte aber auch die schnelle Entwicklung von der traditionellen koreanischen Großfamilie zur Kleinfamilie, wie sie auch im Westen durch die Industrialisierung verursacht wurde. Interessant ist auch, dass es an den Apartmentwohnungen keine Namensschilder gibt, sondern nur Schilder mit der Block- und der Wohnungsnummer. Man ist nicht Familie XYZ, sondern man ist die Familie von Block 5, Wohnung 1234 (5 dong, 1234 ho). Vielleicht gibt es auch noch ein Schildchen an der Tür, das verrät, zu welcher Kirchengemeinde die Familie gehört. Man lebt also oft sehr anonym in einer Apartmentsiedlung, obwohl es regelmäßige Nachbarschaftsversammlungen gibt. Inzwischen verwalten sich viele Siedlungen, vor allem die von der Staatlichen Baugesellschaft errichteten, auch schon selbst, wofür entsprechende Gremien gewählt werden. In fast allen Apartmentsiedlungen gibt es Sicherheitspersonal, ihr kleines Büro ist entweder unten neben dem Eingang, oder sie haben kleine Boxen, die über das Gelände verteilt sind.

Am meisten vermissten die Koreaner in den ersten Apartments die Ondolheizung. So lernte man sehr bald, die Zentralheizung als Ondolheizung anzulegen. Doch es dauerte sehr lange, bis man anfing, das Aussehen der Apartmentblocks und die Grundrisse der Wohnungen nicht mehr so einheitlich zu gestalten. Alle Wohnungen haben einen Balkon vor dem Koshil (geo sil) genannten Wohnzimmer und einen sog. Arbeitsbalkon vor oder neben der Küche. Diese Balkons sollten wohl den Hof der traditionellen Häuser ersetzen, wo Pflanzen standen und wo der Brunnen oder später der Wasseranschluss war, so dass man dort Gemüse putzte, Kimchi machte, sich wusch und die Wäsche wusch und dann trocknete. Der Arbeitsbalkon war immer verglast, der andere Balkon war zunächst offen, erst später fing man an, ihn durch Verglasung zur Veranda zu machen. Heute werden viele dieser Balkons von den Bewohnern in das Wohnzimmer integriert, um den Raum zu vergrößern. In der Regel führt die Wohnungstür nicht auf einen Flur, sondern sofort ins Koshil. Innen vor der Tür gibt es einen gekachelten Platz zum Abstellen der Schuhe, und neben der Tür steht meistens auch ein Schuhschrank. Die Apartments haben dann eine Einbauküche, zu der eine Essecke oder zumindest Platz für einen westlichen Esstisch mit Stühlen gehört. Manchmal ist die Küche abgetrennt, meistens ist sie von der Tür und vom Koshil her einsehrbar. Außerdem gibt es ein oder zwei Badezimmer mit Badewanne oder Dusche, Toilette und Waschbecken. Trotzdem gehen viele Koreaner immer noch lieber in die öffentlichen Badehäuser. Je nach Größe der Wohnung gibt es dann noch andere, meist kleine Zimmer als Elternschlafzimmer oder Kinderzimmer. Die Größe der Apartments wird in Pyong (pyeong, 1 Pyong = 3,3 qm) gemessen, in der angeführten Größe sind immer Anteile für das Treppenhaus, die Gänge und Aufzüge enthalten.

Für den deutschen Geschmack fehlt es vielen Apartmenteinrichtungen an Stil. Das hängt eben damit zusammen, dass viele Koreaner glauben, ein Apartment müsse unbedingt auch im westlichen Stil eingerichtet werden, dafür aber haben sie noch kein echtes Gespür entwickelt. Nur sehr langsam bildet sich neues Stilempfinden heraus, und neuerdings gibt es außer den Möbeln, die westliche Stile imitieren, auch koreanische Möbel, die an die traditionelle koreanische Möbelkultur anknüpfen, die durch klare, einfache Formen, zum Teil mit kunstvollen Intarsienarbeiten gekennzeichnet war.

Ursprünglich waren die Wohnungen in den Apartments als Eigentumswohnungen gedacht, aber schon sehr schnell wurden sie auch vermietet. Eine Apartmentwohnung heißt auf Koreanisch genauso gut Haus (jip) wie das Einfamilienhaus. Die im Deutschen übliche Unterscheidung zwischen Haus und Wohnung kennen unsere StudentInnen also nicht.

Apartments wurden auch schnell zu einem beliebten Spekulationsobjekt. Diese Spekulation lag fest in Frauenhand, denn die Hausfrauen versuchten dadurch, zum Teil sehr erfolgreich, das magere Gehalt ihrer Männer aufzubessern. Erst später kam auch die Spekulation mit Aktien dazu. Diese Spekulationsgewinne sind eigentlich die finanzielle Grundlage, die vielen den Aufstieg in den Mittelstand ermöglicht hat. Aber da das Geld ohne Arbeit gewonnen wurde, sind diese Spekulationsgewinne auch eine der Wurzeln des Konsumerismus gerade koreanischer Frauen.

Wohnungsmangel und Spekulation haben dazu geführt, das Eigentumswohnungen teurer sind als vergleichbare Einzelhäuser und dass eine Eigentumswohnung in einem Apartmentkomplex in bevorzugter Lage mehr Prestige verleiht als ein Einfamilienhaus, abgesehen von den Luxusvillen der ganz Reichen.

Auch mit dem Vermieten von Apartmentwohnungen wird viel Geld verdient. Inzwischen gibt es einige als Sozialwohnungen zu bezeichnende Apartments, die von der öffentlichen Hand auf der Basis von Monatsmieten vermietet werden, aber in der Regel bezahlen Koreaner nicht monatlich Miete, sondern sie müssen beim Abschluss des Mietvertrags, der meist eine Laufzeit von zwei Jahren hat, eine hohe Kaution "Chonse" (jeon se) bezahlen. Mit dieser Kautionssumme will der Vermieter natürlich Geld verdienen. Nach Ablauf von zwei Jahren kann der Vermieter die Kaution erhöhen. Wenn der Mieter die Erhöhung ablehnt, muss er ausziehen. Der Vermieter muss ihm dann die früher erhaltene Kautionssumme ohne Zinsen zurückzahlen. Dies muss auch geschehen, wenn der Mieter nach Ablauf des Vertrages ausziehen will. Sehr oft entstehen für den Mieter dann große Probleme, weil der Vermieter das notwendige Geld nicht flüssig machen kann. Einen wirksamen Mieterschutz gibt es trotz einiger entsprechender Gesetze im Grunde nicht. Die Kautionen sind zur Zeit aufgrund der Wirtschaftslage unverhältnismäßig hoch, sie betragen oft zwei Drittel des Kaufpreises, was viele Familien ohne Haus oder Eigentumswohnung in große Schwierigkeiten bringt. Kauf- oder Kautionssummen kann ich hier nicht nennen, weil sie sehr variieren. Jedenfalls ist eine etwa 100qm große Eigentumswohnung in einer normalen Gegend teurer als eine entsprechende Wohnung in Deutschland.

Das Kautionswesen zwingt zu vielen Umzügen, auch das Spekulieren mit den Apartments führt immer wieder zum Umzug, außerdem glauben viele Koreaner, dass die Apartmentsblocks schnell an Qualität einbüßen, und ziehen daher immer wieder in neu gebaute Siedlungen um. (Womit sie bei der vielen Pfuscherei beim Bauen vielleicht nicht so ganz unrecht haben.) Wer in eine neue Wohnung einzieht, lässt in der Regel eine Generalüberholung machen, zu der auch bauliche Veränderungen gehören können. Sehr oft wird dabei nicht gefragt, ob die einzelnen Erneuerungen sachlich tatsächlich notwendig sind. Man folgt blind Moden, dies auch bei der Einrichtung der Wohnung und bei den Fensterdekorationen.

Dieses ständige Umziehen hat große Folgen für das Bewusstsein der Menschen. Während von der heutigen Großeltern- und der älteren Elterngeneration der Apartmentbewohner die meisten noch auf dem Land geboren sind und sich daher ihrem Familienstammsitz "Bonchok" (bon jeok) noch emotional verbunden fühlen, haben die Apartmentkinder keinen echten Bezug mehr zum Ursprungsort ihrer Familie, den sie höchsten an Chusok und Neujahr einmal besuchen. Weil sie dauernd umgezogen sind, fühlen sie sich auch in der großen Stadt nirgendwo richtig zu Hause, sind sie nirgendwo verwurzelt. Auch das ist ein Grund für den allseits beklagten Werteverlust. Ersatz für die fehlende Verwurzelung suchen sie in engen Bindungen an Gruppen, die Verhalten, Moden und Vorlieben prägen, und in gesteigertem Konsum.


Copyright © 2000 by Edeltrud Kim


DaF-Szene Korea Nr. 12

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