Edeltrud Kim

Anbang - Koshil - Wohnzimmer


"Anbang" (an bang) und "Koshil" (geo sil) werden in der Regel mit Wohnzimmer übersetzt, aber die beiden koreanischen Wörter bezeichnen jeweils eine andere Art von Zimmer, und beide sind  wiederum anders als ein traditionelles deutsches Wohnzimmer.

Die beiden koreanischen Wörter verraten uns aber etwas über die Geschichte des Wohnens in Korea. Ein Anbang gibt es eigentlich nur in einem traditionellen koreanischen Haus, das Wort ist denn auch ein rein koreanisches Wort und bedeutet wörtlich übersetzt "Innenzimmer" (an = in / innen; bang = Zimmer). In einem kleinen traditionellen Haus gibt es nur das Anbang und die Küche, in die man vom Hof aus hineingeht und deren Kochfeuerstelle zugleich die Fußbodenheizung "Ondol" (on = warm; dol = Stein) im Anbang beheizt. In größeren alten Häusern gibt es natürlich mehrere Zimmer, die um eine offene Diele herum gruppiert sind. Ein Anbang ist immer ein Ondolbang, und natürlich darf man nicht mit Schuhen hineingehen. Im Anbang lebt die Familie, Gäste betreten es normalerweise nie. Es ist alles in einem: Esszimmer, Wohnzimmer, Schlafzimmer und Schminkzimmer. Seine Ausstattung hängt natürlich von der wirtschaftlichen Lage der Familie ab, aber im Prinzip ist sie gleich. Möbel, d.h. Schränke für Kleider und Bettzeug und halbhohe Schränke (ähnlich wie ein Sideboard), ein Kleiderständer und ein Schminktisch mit Spiegel, die als Sets im traditionellen Stil oder in modernem Design verkauft werden, stehen fest an der Wand, bzw. an den Wänden, heute kommen noch ein Fernseher und eine Stereoanlage hinzu. An den Wänden hängen Bilder, auf den Sideboards stehen oft Keramikvasen und Topfpflanzen, vornehmlich kleine Orchideen. Die Mitte des Raumes ist ganz frei und wird peinlich sauber gehalten, ansonsten herrscht im Anbang oft eine schöpferische Unordnung auf dem Kleiderständer, auf den halbhohen Schränken oder in einer Ecke, wo sich allerhand Zeug angesammelt hat. Eine Dose mit Papiertüchern oder ein Rolle Toilettenpapier als Tücherersatz darf dabei nicht fehlen. Der leere Raum in der Mitte würde einem deutschen Besucher zuerst auffallen, und sicher würde er einen Tisch und Stühle oder Sessel vermissen. Die aber braucht man im Anbang natürlich nicht, da man auf dem Boden lebt. Zum Essen werden kleine Tische, sozusagen Tabletts mit Füßen, ins Zimmer getragen, und die Familienmitglieder setzen sich mit oder ohne Kissen davor. Auch beim Fernsehen sitzt man auf dem Boden, und die Frauen und Töchter des Hauses sitzen beim Schminken vor ihrem Schminktisch. Im Winter ist der Boden durch die Ondolheizung mollig warm, im Sommer fühlt er sich kühl an. Abends wird der Boden noch einmal gesäubert, und dann werden die dünnen Matratzen und die Bettdecken und kleinen Kopfkissen aus dem Schrank geholt und darauf ausgebreitet. Früher schlief die ganze Familie dort zusammen. Heute  gibt es oft Kinderzimmer. Vor der Morgenmahlzeit muss das Bettzeug wieder zusammengefaltet und in den Schrank gelegt werden. Sind die Leute zu arm, um sich einen Schrank leisten zu können, liegt das Bettzeug zusammengefaltet in einer Ecke des Anbangs.

Weil man im Anbang auch schläft, weil die Frauen dort ihre Kosmetika aufbewahren und benutzen, nennen viele Koreaner das Elternschlafzimmer in einem Apartment, das meist ein Ondolzimmer ist, heutzutage immer noch Anbang, und oft richten sie es auch so ein wie ein Anbang, sie stellen einen traditionellen Schrank für Kleider und Bettzeug hinein und schlafen auch weiterhin auf dem Boden. Inzwischen gibt es natürlich auch viele Familien, die Betten haben. Manche Familien benutzen das sog. Elternschlafzimmer aber immer noch genauso  wie ein traditionelles Anbang als Mittelpunkt ihres Familienlebens. Nur gegessen wird dort normalerweise nicht mehr, weil die Apartments ja neben der Küche eine Essecke haben.

Dem als Wohnzimmer vorgesehenen Koshil des Apartments fehlt nämlich die Behaglichkeit, die das Anbang für die Koreaner hat. Das Koshil ist eben eine moderne Errungenschaft, die man dem Westen abgesehen hat. Koshil ist daher auch ein aus chinesischen Zeichen neu gebildetes Wort, die Silbe "ko" gehört zur sinokoreanischen Wortfamilie für "siedeln/wohnen" und "shil" bedeutet "Raum in einem Gebäude". Das Koshil eines Apartments oder eines modernen Hauses ist in der Tat kein "Innenzimmer", denn es liegt meistens gleich neben der Wohnungstür und ist offen einsehbar. Mit Schuhen betreten darf man es aber auch nicht, obwohl es oft nicht als Ondolzimmer eingerichtet ist, sondern mit Heizkörpern versehen wurde. In jedem koreanischen Koshil gibt es eine Couchgarnitur, die als Prestigeobjekt betrachtet wird. Oft stehen die Couch und ein Sessel fest nebeneinander und fest vor der Wand. Manchmal hat man einen Couchtisch, manchmal keinen. über der Couch hängen Bilder oder Fotos. An der Wand gegenüber steht normalerweise ein Zierschrank, der Schätze der Familie - schönes Kristall, gute Keramiksachen, Porzellan, Fotos, Siegestrophäen, aber auch Nippes und Kitsch aller Art - zur Schau stellt. Für diese Schränke werden Formen aller möglichen westlichen Möbelstile nachgeahmt. Oft gibt es auch Topfpflanzen. Auf keinen Fall darf ein Fernseher fehlen, denn das ist die eigentliche Funktion des modernen Koshils, es ist das Fernsehzimmer der Familie. Zum Fernsehen sitzen viele Koreaner aber nicht auf dem Sofa oder im Sessel, sondern immer noch auf dem Boden, wobei sie dann Sofa oder Sessel als Rückenlehne benutzen. In dieser Haltung wird auch Zeitung gelesen.

Manchmal ist das Koshil auch zum Teil als Spielzimmer für die kleinen Kinder der Familie eingerichtet. Im Koshil werden auch Gäste empfangen, wenn denn ein Koreaner überhaupt jemanden nach Hause einladen sollte.

Ein "Wohnzimmer" aber ist das Koshil nicht, obwohl es doch wörtlich genommen "Wohnzimmer" heißt. Das kann jeder deutsche Besucher schnell feststellen, denn sehr oft steht im Koshil ein Sportgerät, ein Laufband z.B. oder ein Tretrad, und bzw. oder ein Wäscheständer zum Wäschetrocknen. Dem Koshil fehlt es in der Regel an Atmosphäre, es ist irgendwie noch etwas Fremdes, für dessen gemütliche Einrichtung es den Bewohnern noch an Stilgefühl fehlt. So lässt es das vermissen, was ein deutsches Wohnzimmer auszeichnen sollte: Gemütlichkeit.


Copyright © 2000 by Edeltrud Kim


DaF-Szene Korea Nr. 12

Back Home